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Wie kann der Krieg in der Ukraine enden? | Kriege und Konflikte | bpb.de

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Wie kann der Krieg in der Ukraine enden? Analyse und Ausblick

Andreas Heinemann-Grüder

/ 13 Minuten zu lesen

Baldige Friedensverhandlungen sind wenig wahrscheinlich, so Andreas Heinemann-Grüder. Russland sehe sich in der militärischen Initiative und halte deshalb bisher an seinen Maximalforderungen fest. Die Ukraine versuche, die Verluste für Russland zu erhöhen, um Moskau an den Verhandlungstisch zu zwingen.

März 2026: Ein verlassener Posten in der Oblast Donezk, Ukraine. (© picture-alliance, SIPA)

Der Ausgang und die Ergebnisse von langen Kriegen sind schwer vorhersehbar. Grundsätzlich entscheiden folgende Faktoren darüber, ob ein Krieg fortgesetzt oder beendet wird: verfügbare Ressourcen, heimische politische Unterstützung für oder gegen eine Fortführung des Krieges, Regimetyp der Kriegsparteien, Verlässlichkeit der Verbündeten, Vereinbarkeit und Verhandelbarkeit von Kriegszielen sowie die Akzeptanz der absehbaren Ergebnisse.

Doch so sehr rationale Kalküle das Verhalten der Akteure prägen, wird ein offensichtlicher Faktor gemeinhin unterschätzt: Selbst wenn der Krieg kaum mehr Gewinne verspricht, wird nach all den Leiden und Erklärungen über „heilige“ Kriegsziele für Politiker die Abwendung einer Niederlage zum Kriegsziel an sich – die Aufopferungen sollen nicht umsonst gewesen sein. Aber vor allem ist das Schicksal der führenden Politiker an Sieg oder Niederlage im Krieg geknüpft.

Die meisten Kriege enden nicht eindeutig

Welche Muster der Beendigung oder Fortführung von Kriegen lassen sich erkennen? Von den zwischen 1946 und 2005 gezählten 63 zwischenstaatlichen Kriegen endete nur jeder fünfte mit einem eindeutigen Ergebnis (Sweijs/Bertoli 2022). Einer von sechs Kriegen endete mit einem Friedensabkommen, und ein Drittel endete ohne klare Einigung oder Niederlage. Zwischen 1975 und 2018 scheiterten fast vier von zehn (37 %) der ausgehandelten Friedensabkommen. Darüber hinaus scheiterten mehr als drei Viertel (76 %) der Friedensabkommen bereits innerhalb von zwei Jahren, zwölf Prozent hielten zwei bis fünf Jahre und weitere zwölf Prozent hielten mehr als fünf Jahre, scheiterten aber schließlich doch (ebd.). Friedensabkommen sollten folglich nicht mit überzogenen Erwartungen an ihre Dauerhaftigkeit überfrachtet werden.

Diplomatie

Friedensprozesse zeichnen sich durch eine Wechselwirkung von Diplomatie und Gewalt aus, sie sind geprägt durch ein ständiges Vor und Zurück. Drittparteien, vertreten durch anerkannte Persönlichkeiten, können als Vermittler agieren. Sie können Kommunikation zwischen den Gegnern ermöglichen und als Überbringer von Nachrichten fungieren und geschützte Räume anbieten. Sie sind entweder intrinsisch motiviert oder erhoffen sich selbst einen Statusgewinn.

Die Streitgegenstände werden von den Kontrahenten meist zu einem Gesamtkomplex verknüpft, d.h. nur eine Gesamtlösung aller Kernursachen gilt ihnen als vertretbar. Die Aufgabe der Diplomatie besteht dann darin, zwischen eher leichten und harten Themen zu unterscheiden und mit ersteren zu beginnen, während Regime- und Identitätskonflikte, die gemeinhin als unlösbar gelten, mit Formelkompromissen oder vieldeutiger Rhetorik umgangen werden (Doyle/Sambanis 2006). Erfolg misst sich am Gewaltverzicht, der Beendigung von hochintensiven Kampfhandlungen, d.h. einem negativen Frieden, verstanden als Abwesenheit von akuter Gewaltanwendung.

Folgt man der reichen Literatur zur Kunst der Diplomatie, dann muss Diplomatie die Konfliktnarrative verstehen (ohne sie zu teilen), in denen sich die Gegner eingerichtet haben (Eizenstat 2024). Diplomaten müssen exzellent vorbereitet sein, die Kalküle der Gegner studieren und deren Zwänge und Widersprüche zu nutzen wissen (Reiter 2009). Diplomatie muss die Spannweite möglicher Kompromisse erfassen, d.h. eine Vorstellung davon entwickeln, was realistisch erreichbar ist. Ein Vermittler muss zudem über Hebel verfügen und deutlich machen, dass Kompromisse nötig sind. Teil der Diplomatie sind Ultimaten, Sanktionen, Drohungen, die robuste Durchsetzung von Vereinbarungen und auch die Androhung oder Anwendung von Gewalt. Ein Mangel an glaubwürdiger Beobachtung, Kontrolle und Durchsetzung eingegangener Verpflichtungen führt in der Regel zur Wiederaufnahme von Gewalthandlungen (Leonhard 2024).

Abnehmende Unterstützung für die Fortsetzung des Krieges

Im fünften Kriegsjahr wächst der Wunsch nach Kriegsbeendigung auf allen Seiten, wenn auch mitnichten bedingungslos. In der Ukraine waren im November 2024 laut einer Gallup-Umfrage 52 % der Befragten für Verhandlungen über eine schnelle Kriegsbeendigung und 38 % für eine Fortsetzung bis zum Sieg (Churikova 2024). Im Juli 2025 waren 69 % der Ukrainer für eine baldmögliche Verhandlungslösung, und nur noch 24 % plädierten für die Fortsetzung des Kampfes bis zum Sieg (Vigers 2025). Die Kriegsmüdigkeit erhöht den Druck, sich auf Verhandlungen einzulassen.

Auch wenn der Ukraine-Krieg weiterhin von 69 % der Amerikaner als wichtig für die nationalen Interessen der USA angesehen wird, nimmt die Bereitschaft zur Unterstützung der Ukraine ab (Fagan/Poushter/Gubbala 2025). Anfang Februar 2025 waren 30 % der Befragten der Meinung, dass die USA der Ukraine in ihrem Krieg mit Russland zu viel Unterstützung gewährten. Dabei ist der Prozentsatz bei den Wählern der Republikaner deutlich höher als bei den Demokraten (47 % zu 14 %). Der Anteil der Demokraten, der eine höhere Unterstützung fordert, ist seit November 2024 sogar um 7 % gestiegen (Fagan 2025).

Die vom Lewada-Institut vom 18. bis 25. Februar 2026 in Russland durchgeführte Umfrage zeigt, dass 72,2 % der Befragten die Aktionen der russischen Streitkräfte in der Ukraine befürworten, ein Rückgang gegenüber 75,8 % im Januar 2026. Die Ablehnung liegt bei 16,7 %. Verglichen mit dem Großteil des Zeitraums 2023-2025 (typischerweise 74-78 % Zustimmung) deuten die aktuellen Zahlen auf einen leichten Rückgang der Unterstützung hin, obwohl die Zustimmung zum Krieg weiterhin über 70 % liegt.

Die Hoffnung westlicher Beobachter, dass sich angesichts der hohen Opferzahlen und der Dauer des Krieges in Russlands Bevölkerung ein „Afghanistan-Syndrom“ bemerkbar machen könnte, also der Krieg zunehmende als sinnlos und verbrecherisch bewertet und seine Unterstützung aufgekündigt wird, hat sich bisher nicht erfüllt.

In der EU waren Anfang Oktober 2025 bei einer Umfrage zum Umfang militärischer Unterstützung der Ukraine durch die europäischen Staaten 45 % der Befragten der Meinung, dass die die Ukraine stärker unterstützt werden sollte. 28 % sprachen sich dafür aus, die militärische Unterstützung durch die europäischen Staaten beizubehalten. Rund 23 % der Befragten aus Deutschland waren der Ansicht, man müsse die militärische Hilfe für die Ukraine reduzieren.

In Deutschland wird die Unterstützung der Ukraine vergleichsweise kritisch gesehen. Die Bundesrepublik rangierte im Eurobarometer vom Frühjahr 2026 mit 51 % Zustimmung auf dem 11. Platz. Eine Insa-Umfrage im Auftrag der Bild-Zeitung im Februar 2026 ergab, dass nur 28 % der Befragten wollten, dass die Bundesregierung der Ukraine mit Waffen und Geld hilft; 12 % befürworteten eine Unterstützung nur mit Geld und 12 % nur mit Waffen. 34 % sprachen sich gegen die Fortführung der Ukraine-Hilfe aus. In einer Insa-Umfrage vom Februar 2025 hatte eine Mehrheit von 57 % der Befragten zwischen 18 und 29 Jahren dafür plädiert, dass die Bundesregierung die Unterstützung der Ukraine einstellt, während sich nur 28 % der Bundesbürger über 70 Jahre gegen militärische und finanzielle Hilfen für die Ukraine aussprachen.

Interessen und Ziele der zentralen Akteure

Die Analyse der Interessen und Ziele der direkten und indirekten Kriegsparteien ist für mögliche Verhandlungen von entscheidender Bedeutung. Sie ist die Voraussetzung dafür, von einer militärischen Konfrontation zu einer diplomatischen Regelung zu gelangen. Sie ermöglicht es, die Verhandlungsspielräume der Parteien zu sondieren, die Chancen für eine Annäherung abzuwägen sowie mögliche Kompromisse auszuloten.

Trump-Regierung

Die US-Regierung unter Donald Trump möchte, ungeachtet der widersprüchlichen Äußerungen seit Januar 2025, den Krieg so bald wie möglich beenden. Handlungsleitend ist ein kurzfristiges Kosten-Nutzen-Kalkül. Deshalb ist Trump den Forderungen Putins weit entgegengekommen. Der Druck Washingtons richtet sich hauptsächlich gegen die Ukraine und die europäischen NATO-Verbündeten.

Von den Europäern erwartet Trump sowohl die Übernahme eines größeren Anteils der Kosten für die gemeinsame Verteidigung im Rahmen der NATO als auch die Bezahlung der Waffenlieferungen an die Ukraine. Er erhofft sich davon eine Senkung der Staatsausgaben und erhöhte Rüstungsgewinne. Die Ukraine wird gedrängt, einem für sie nachteiligen Deal mit Russland, konkret dem Verzicht auf die von Moskau beanspruchten Gebiete, zuzustimmen und den USA den Zugang zu seltenen Erden und anderen Ressourcen zu gewähren.

Putin-Präsidentschaft

Russlands Führung sieht sich auf der Siegerseite. Sie baut auf die rückläufige militärische, finanzielle und politische Unterstützung der Ukraine durch die USA und die EU. Der Kreml geht davon aus, rüstungswirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich mehr Durchhaltevermögen und Zerstörungspotenzial als die Ukraine aufbringen zu können. Die gewaltigen Kosten des Krieges, wie die hohe Inflation, das niedrige Wirtschaftswachstum, die Bevorzugung des militärisch-industriellen Komplexes zu Lasten anderer Branchen, die Belastung der staatlichen Haushalte, besonders in den Regionen, und die geschätzt 1,2 Mio. Toten und Verwundeten, werden noch als politisch verkraftbar betrachtet. Die russische Wirtschaft schien lange resistent gegen Sanktionen und den Kriegsdruck. Doch der Niedergang ist mittlerweile in fast allen Sektoren zu spüren. Rückläufig sind die Zahlen im verarbeitenden Sektor, im Güterverkehr, in der Industrieproduktion und speziell im Bausektor.

Bei „Friedensgesprächen“ in Istanbul Anfang Juni 2025 hat Russland ein Memorandum mit Forderungen für eine Waffenruhe (noch keinen Frieden) übergeben. Spricht der Kreml von Frieden, dann werden die Maximalforderungen zur Beseitigung der vorgeblichen Kriegsursachen wiederholt („Entnazifizierung“, Regimewechsel, Entmilitarisierung, Russisch als eine Staatssprache, Rückabwicklung der NATO-Osterweiterung). Als Bedingungen für einen Waffenstillstand formuliert der Kreml den vollständigen Abzug der ukrainischen Truppen aus den von Moskau beanspruchten Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischja und Cherson. Die von Russland besetzten Regionen sowie die im März 2014 annektierte Krim müssten international bindend als Territorien Russlands anerkannt werden. Zudem müsse die Ukraine neutral sein und auf einen NATO-Beitritt verzichten.

Des Weiteren sollten alle Wirtschaftssanktionen aufgehoben werden, westliche Waffenlieferungen und das Teilen von Geheimdienstinformationen gestoppt sowie die ukrainische Armee verkleinert werden. Die Ukraine müsse sich zudem verpflichten, auf jegliche Reparationsforderungen zu verzichten. Das Memorandum fordert zudem die Auflösung von „ukrainisch-nationalistischen Formationen“ innerhalb der ukrainischen Streitkräfte. Schließlich soll Kiew einen Stopp von Sabotageakten in Russland garantieren und nach Aufhebung des geltenden Kriegsrechts innerhalb von 100 Tagen Wahlen durchführen.

Europas Koalition der Willigen

Nach Einstellung zusätzlicher Militärhilfen an die Ukraine durch die zweite Trump-Regierung haben die europäischen Geber ihre Hilfszuweisungen drastisch erhöht. Zwischen Januar 2022 und Februar 2026 hat Europa insgesamt rund 30 Mrd. Euro mehr an Militärhilfe geleistet als die USA. Im Juni 2025 betrug die Differenz 15,5 Mrd. Euro. Laut Ukraine Support Tracker des IfW Kiel kommen außerdem weitere rund 60 Mrd. an „Military Aid to be allocated“ von Europa hinzu, bei den USA ist es nur rund eine Milliarde Euro.

Die europäischen Unterstützer der Ukraine fürchten einen russischen Sieg, weil er das Vorspiel für weitere Angriffe sein könnte – auf das Baltikum, Moldawien oder gar Polen. Die Agenda der europäischen NATO-Mitglieder verschiebt sich angesichts des Kurswechsels der Trump-Regierung jedoch tendenziell von der Ukraine-Unterstützung hin zur Verbesserung der eigenen Kriegstüchtigkeit. Sie scheinen in der Furcht vereint, der militärischen Bedrohung durch ein neoimperiales, revisionistisches Russland allein ausgesetzt zu sein (Pezard et al. 2017). Doch der Aufbau einer europäischen Sicherheits- und Verteidigungssouveränität kommt nur schleppend voran.

Ukrainische Führung

Der ukrainische Präsident Selenskyj legte im November 2022 einen Zehn-Punkte-Forderungskatalog vor, der u.a. einen Waffenstillstand und den Abzug der russischen Streitkräfte aus der Ukraine, die Wiederherstellung der ukrainischen Grenzen vor der Annexion der Krim im Jahr 2014, die Freilassung von Gefangenen und die Rückkehr der nach Russland deportierten ukrainischen Kinder umfasst. Der Katalog mit Maximalforderungen zielte vor allem darauf, die westliche Unterstützung auf eine breite Grundlage zu stellen. Das strategische Kalkül der Ukraine bleibt bislang intransparent, zumal es kaum mehr öffentliche Debatten über die Zielerreichung gibt. An die Stelle von Strategiediskussionen sind, zumindest öffentlich, Durchhalteparolen getreten.

Der Krieg belastet die Ukraine massiv: Er ist nicht nur eine existenzielle Bedrohung für die ganze Gesellschaft, bringt Tod und Verletzung, Traumatisierung und Verluste, Zerstörung und Vernichtung. Der Krieg ist auch eine enorme Belastung für die ukrainische Volkswirtschaft. Das Haushaltsdefizit macht etwa 20 % des Bruttosozialprodukts aus. Die ukrainische Wirtschaft leidet unter Arbeitskräftemangel, der Abwanderung von Industrie und Fachkräften aus den umkämpften Gebieten im Osten und unter zerstörter Infrastruktur und Korruption. 84 bis 85 % der Ukrainer halten ihr Regierungssystem für korrupt – ohne Besserung seit Kriegsbeginn (Vigers/Ray 2025). Steuern und heimische Geldanleihen decken nur die elementaren Militärausgaben, die zwei Drittel des ukrainischen Budgets ausmachen. Fünf Millionen Ukrainer haben das Land seit Kriegsbeginn verlassen, und viele Männer entziehen sich der Wehrpflicht im Lande oder im Ausland. Die militärische Verteidigungsfähigkeit und die politisch-gesellschaftliche Resilienz der Ukraine sind mithin prekär. Verbessert haben sich dagegen die ukrainischen Fähigkeiten zur Rüstungsproduktion (Racz 2025).

Mögliche Schnittmengen

Die Bereitschaft zu Verhandlungen könnte infolge der allgemeinen Kriegsmüdigkeit und der Kosten des Krieges wachsen. Schnittmengen bestehen im Hinblick auf den Austausch von Kriegsgefangenen, den ungehinderten zivilen Schiffsverkehr im Schwarzen Meer und möglicherweise in Bezug auf Einschränkungen der wechselseitigen Angriffe im Hinterland . Insgesamt scheinen allerdings sowohl die Russen und die Ukrainer als auch die Europäer zu hoffen, dass die Zeit auf ihrer Seite ist, insofern ist die Bereitschaft zu Kompromissen gering. Die eigene Handlungsfähigkeit scheint noch gegeben und der Gegner noch nicht hinreichend geschwächt zu sein. Allein die USA unter Trump scheinen mehr Vor- als Nachteile in einem schnellen Ende des Krieges zu sehen.

Ausblick/Szenarien

Unter den Faktoren, die den Ausgang des Ukrainekrieges beeinflussen, dürften neben der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine die US-Politik und die Handlungsfähigkeit der „Koalition der Willigen“ (Gruppe aus zwölf europäischen Unterstützerstaaten) am bedeutendsten sein. Es ist letztlich ein Wettlauf mit der Zeit: Wird die „Koalition der Willigen“ den politisch und wirtschaftlich notwendigen langen Atem haben, um das tendenzielle Ausscheren der USA zu kompensieren und Russland sozio-ökonomisch in die Defensive zu zwingen?

Politisch spricht manches dafür, dass die zweite Trump-Präsidentschaft die gefährlichste Phase sein wird: Solange Trump an der Macht ist, muss Russland nur mit den Europäern rechnen. Nicht die USA sind der Garant für die Vorneverteidigung Europas, sondern die Ukraine, gerade weil Europa sich bislang weder selbst verteidigen will noch kann. Angesichts dieser Konstellation zeichnet sich ab: Ohne zügigen Zuwachs an sicherheitspolitischer Autonomie Europas gegenüber den USA könnte die Ukraine auf dem Altar geoökonomischer Interessen der USA geopfert werden.

Alle Beteiligten und die externen Akteure müssen sich deshalb auf eine weitere Zunahme der Gewalt einstellen, besonders in den verbleibenden drei Jahren der Trump-Regierung bis Januar 2029, denn dies dürfte aus Putins Sicht das Zeitfenster sein, in dem er eskalieren kann, ohne mit scharfer Vergeltung aus den USA oder Europa rechnen zu müssen. Auch das langsame Tempo der Gebietseroberungen seit Sommer 2022 und Moskaus Ambition, zumindest die noch umkämpften Teile der fünf annektierten ukrainischen Gebiete (Krim, Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson) vollständig unter Kontrolle zu bringen, sprechen für eine Intensivierung des Kriegsgeschehens. Deshalb ist eine anhaltende Rivalität derzeit das wahrscheinlichste Szenario.

Verhandlungen werden mutmaßlich mehrere Jahre dauern. Das Vertrauen auf beiden Seiten müsste zuerst mit zeitlich begrenzten Waffenstillständen, dann mit dem langsamen Rückzug von Truppen wachsen. Erst wenn es Vertrauen in die Gültigkeit und Haltbarkeit eines Waffenstillstands oder begrenzte Absprachen gibt, kann über die Grundzüge eines Abkommens debattiert werden. Aus heutiger Sicht wird Russland voraussichtlich die Gebiete behalten, die es bis zu einem Waffenstillstand erobert hat, und die Menschen kontrollieren, die auf diesen Gebieten leben.

Die Ukraine dürfte die Gebietsverluste offiziell nicht anerkennen. Man könnte sich im besten Falle jedoch darauf einigen, den Status quo nicht gewaltsam zu verändern. Die ukrainischen Militärs wissen, dass es aktuell nicht in ihrer Macht steht, größere Teile der annektierten Gebiete zurückzuerobern. Auch das Ziel einer NATO-Mitgliedschaft ist in absehbarer Zukunft wenig wahrscheinlich. Die Bereitschaft zur Aufnahme der Ukraine in die NATO war ohnehin zu keinem Zeitpunkt konkret gegeben.

Die Vermeidung einer direkten Militärkonfrontation mit Russland ist das oberste Interesse aller NATO-Staaten. Gleichwohl wird die Ukraine eine Verstärkung ihrer Sicherheit für den Fall erwarten, dass sie Gebietsverlusten zustimmt. D.h. die Koalition der Willigen müsste gewährleisten, dass Russland künftig nicht noch mehr Gebiete annektiert. Man müsste also einen Mechanismus etablieren, der Russland glaubwürdig abschreckt und für den Fall empfindlich bestraft, dass es erneut militärisch angreift.

Die Ukraine wird sich nach den Erfahrungen mit dem Interner Link: Budapester Abkommen von 1994, d.h. der Zusicherung ihrer Sicherheit und territorialen Integrität im Gegenzug zur Abgabe ihrer Atomwaffen (damals war die Ukraine die drittgrößte Atommacht der Welt mit 1.800 strategischen Sprengköpfen) und Nuklearbomber, nicht von externen Zusagen abhängig machen wollen, sondern sich primär auf die eigene Verteidigungsfähigkeit verlassen. Die EU-Mitgliedschaft der Ukraine böte eine Gewähr für Beistand im Falle eines Angriffs, zumindest de jure – im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik (GASP) schulden die EU-Staaten einem angegriffenen Mitglied alle in ihrer Machte stehende Unterstützung (Vertrag von Lissabon, § 42/7).

Der europäische Frieden hat nach dem Zweiten Weltkrieg infolge von Abschreckung und Eindämmung gehalten. Die Entwicklung entsprechender europäischer Fähigkeiten ohne die USA ist deshalb eine zentrale Voraussetzung für eine glaubwürdige Absicherung jeglicher Friedenslösung. Doch vorerst müssen die Europäer alles daransetzen, dass die Ukraine bis 2028/29 durchhält. Bis dahin verteidigen nicht die USA, sondern die Ukraine Europa.

Die Alternative zwischen „give peace a chance“ und „give war a chance“ verdeckt die eigentliche Wahl, nämlich zwischen Selbstbestimmung und Unterwerfung. Ohne Freiheit von imperialer Beherrschung wird es keinen Frieden geben, selbst wenn territoriale Kompromisse und militärische Deeskalation möglich sind. Jeder Waffenstillstand darf nicht den Keim des Revisionismus und Revanchismus in sich tragen, denn dann wäre er nur ein temporärer Scheinfrieden.

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Andreas Heinemann-Grüder lehrt seit 2006 Politikwissenschaft an der Universität Bonn; er ist Senior Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn und am Global Public Policy Institute (GPPI) in Berlin. Er leitet das von der Deutschen Stiftung Friedensforschung geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt „Den Krieg vom Ende her denken. Einsichten für den Ukraine-Krieg“.