kulturelle Bildung

10.3.2011 | Von:
Olaf Zimmermann

Interkulturelle Bildung – eigentlich eine Selbstverständlichkeit?

Deutschland ist Exportnation und Einwanderungsgesellschaft – deshalb ist interkulturelle Bildung für alle hier Lebenden relevant. In Einrichtungen der kulturellen Bildung und Kulturverbänden spielen interkulturelle Themen, laut Umfrageergebnissen des Deutschen Kulturrats, eine immer wichtigere Rolle.

Wer bin ich, und wo gehöre ich hin? Identitätsfragen geraten bei interkulturellen Begegnungen in den Fokus. Kulturelle Bildung kann bei der Suche nach Antworten neue Blickwinkel eröffnen.Wer bin ich, und wo gehöre ich hin? Identitätsfragen geraten bei interkulturellen Begegnungen in den Fokus. Kulturelle Bildung kann bei der Suche nach Antworten neue Blickwinkel eröffnen. (© Archiv Kulturzentrum Schlachthof, Kassel)

In diesem Jahr (2011) jährt sich zum fünfzigsten Mal die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Türkei. Bereits im Jahr 1955 hatte Deutschland ein solches Abkommen mit Italien, 1960 mit Spanien und Griechenland geschlossen. Diese Abkommen dienten dazu, ausländische Arbeitnehmer zur Arbeit in Deutschland zu gewinnen. "Gastarbeiter" war damals der gängige Terminus. Gedacht war daran, dass die Arbeitskräfte nur eine begrenzte Zeit in Deutschland bleiben und danach in ihre Heimatländer zurückkehren. Weitere Anwerbeabkommen wurden noch mit Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) geschlossen.


Bis sich die Erkenntnis und vor allem die politische Anerkennung durchsetzte, dass Ausländer nicht nur befristet in Deutschland leben, sondern inzwischen hier ihren Lebensmittelpunkt haben, Deutschland also ein Einwanderungsland ist, hat es lange gedauert. Die erste rot-grüne Bundesregierung hat sich in der 14. Wahlperiode (1998-2002) die Zähne daran ausgebissen. Die von der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth geleitete Zuwanderungskommission in der 14. Wahlperiode leistete zwar eine hervorragende Arbeit, ihre Empfehlungen stießen in den danach stattfindenden politischen Beratungen aber so manches Mal auf harsche Kritik und zähen Widerstand.

Dennoch, spätestens seit dieser Zeit ist anerkannt, dass Deutschland nicht nur älter, sondern auch bunter wird. Die zuvor im Bundesministerium für Arbeit und Soziales angesiedelten Ausländerbeauftragten wurden zu Staatsministerinnen im Bundeskanzleramt und bekamen die Aufgabe, sich um die Integration der hier lebenden Migranten und Flüchtlinge zu kümmern. Dieses war und ist eine Aufwertung der Aufgabe und eine Anerkenntnis, dass Integration nicht von alleine gelingt.

Integration funktioniert vor allem deshalb nicht von allein, weil die in Deutschland West und in Deutschland Ost lebenden Ausländer über Jahrzehnte hinweg gar nicht integriert werden sollten. Ihr Aufenthaltstatus wurde als temporär angesehen und daher gehörte die Integration oder gar so etwas wie interkulturelle Bildung nicht zu den Kernaufgaben.

Einwanderungsgesellschaft

Die Migranten der deutschen Einwanderungsgesellschaft sind nicht allein so genannte Gastarbeiter, ihre Kinder und Kindeskinder. Ebenso dazu gehören Flüchtlinge und Asylsuchende, Spätaussiedler, ausländische Studierende sowie Menschen aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Zuwanderinnen und Zuwanderer können nicht über einen Kamm geschoren werden, sie haben sehr unterschiedliche Biografien, Ausbildungen, politische, gesellschaftliche und religiöse Prägungen. Insofern ist Integrationspolitik eine komplexe Aufgabe und mindestens ebenso herausfordernd ist die interkulturelle Bildung.

Das größte Problem der Diskussion um Zuwanderung und Integration ist, dass es in erster Linie eine Defizitdebatte ist. In den Blick genommen werden Defizite bei den Zuwanderern, hier werden besonders mangelnde Sprachkenntnisse in den Blick genommen sowie Defizite in der Mehrheitsgesellschaft und ihren Institutionen, die zu wenig auf die veränderte Bevölkerungszusammensetzung reagieren. Auch wenn es unbestritten notwendig ist, die Defizite zu benennen, verstellt diese Debatte oftmals die Chancen des Zusammenlebens, des gegenseitigen Kennenlernens und der Verständigung.

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