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Entwicklung und Perspektiven

Gabriele Schulz

/ 9 Minuten zu lesen

Die kulturelle Bildung hat in Deutschland eine wechselvolle Geschichte erlebt. Ging es bis vor wenigen Jahren noch darum, sich in der Öffentlichkeit zu etablieren, hat sich das Bild der kulturellen Bildung gewandelt. Heute wird verstärkt über Themen der Zukunft wie Bildungsstandards oder bürgerschaftliches Engagement diskutiert.

Jugendorchester-Probe. (© ullstein bild - Köhler)

Entwicklung der kulturellen Bildung

Wer die Begeisterung für den Film "Rhythm is it" über ein sogenanntes Education-Projekt der Berliner Philharmoniker verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, dass erstmals in Deutschland ein Vorhaben zur kulturellen Bildung durchgeführt wurde. Das Orchester präsentierte im Jahr 2003 zusammen mit 250 Schülern in der Arena Berlin "Le Sacre du printemps". Die Jugendlichen im Alter von 7 bis 20 Jahren hatten zuvor sechs Wochen lang mit dem renommierten Tanzpädagogen Royston Maldoom geprobt. Die meisten von ihnen hatten zuvor noch keine Berührung mit Tanz oder ernster Musik gehabt. Bekannt wurde das Vorhaben vor allem durch den Dokumentarfilm von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch, in dem einige Schüler porträtiert werden.

Ein ähnliches, wenngleich nicht ganz so großes Aufsehen erfuhr 2004 in Leipzig der erste Kongress "Kinder zum Olymp" der Kulturstiftung der Länder. Dort fanden ebenfalls – begleitet durch eine Fachtagung – Musik- und Tanz-Aufführungen von Kindern und Jugendlichen statt. Auch damals wurde mitunter der Eindruck vermittelt, dass sich die kulturelle Bildung noch in den Startlöchern befände.

Dem ist natürlich mitnichten so. Kulturelle Bildung ist ein altes, sogar sehr altes Thema. Sie wird seit Jahrhunderten vermittelt. Es braucht gar nicht der Blick zurück zu den "Artes" der humanistischen Bildung geworfen werden. Es reicht sich zu vergegenwärtigen, dass die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert auch eine Bildungsbewegung war, dass die katholischen Pressevereine im 19. Jahrhundert sich nicht nur gegen den vorherrschenden Kulturprotestantismus positionierten, sondern sich auch als Bildungsvereine für Katholiken verstanden. In der Weimarer Republik erfuhr die kulturelle Bildung eine deutliche Aufwertung. Mit den Musikschulen entstanden jene Institutionen, die bis heute eine wichtige Aufgabe in diesem Bereich übernehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte an verschiedene Traditionen der kulturellen Bildung angeknüpft werden.

Institutionen und Formen der kulturellen Bildung


Im gleichen Atemzug mit kultureller Bildung werden sehr häufig Musikschulen erwähnt. Die zumeist in kommunaler Trägerschaft befindlichen oder zumindest von den Kommunen unterstützten Musikschulen bieten eine nahezu flächendeckende Infrastruktur an musikalischer Bildung. Angefangen von der musikalischen Früherziehung, über den Instrumentalunterricht, bis hin zu neueren, teils generationsübergreifenden Angeboten für Erwachsene, Familien, usw. haben die Musikschulen ein beeindruckendes Angebot. Begabte Kinder und Jugendliche werden über das Förderinstrument "Jugend musiziert" zusätzlich unterstützt. Jährlich findet zunächst auf der regionalen, danach der Landes- und schließlich der Bundesebene dieser Wettbewerb statt. Die begabtesten Musikschülerinnen und -schüler wetteifern um den ersten Platz. Es gibt heute kaum noch professionelle Musiker im Bereich der ernsten Musik, die nicht einmal Preisträger von "Jugend musiziert" waren.

Die Arbeit der Musikschulen bildet geradezu exemplarisch das Gegenüber zu einem Projekt wie "Rhythm is it". Ging es dabei eher darum, einer Gruppe von Schülern in einem begrenzten Zeitraum die Möglichkeit zu bieten, sich mit Musik und Tanz auseinanderzusetzen, so ist die Arbeit der Musikschulen langfristig angelegt. Hier wird nicht auf eine Aufführung hingearbeitet, hier geht es darum, ein Instrument, wozu auch die Stimme zählt, zu erlernen und sich mit Musik verschiedener Epochen zu beschäftigen. Bei besonders begabten und interessierten Kindern und Jugendlichen kann diese frühe Beschäftigung mit Musik in eine künstlerische Laufbahn münden.

Die Jugendkunstschulen, die Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre aufkamen, verbinden beides: den Projektgedanken und die längerfristig angelegte Beschäftigung mit Kunst und Kultur. Diese Einrichtungen sind nicht allein auf Musik ausgerichtet, bei ihnen gibt es zumeist Angebote für alle Künste bis hin zu den neuen Medien.

Im selben Zeitraum, in dem die Jugendkunstschulen gegründet wurden, fand insgesamt eine geradezu explosionsartige Ausdifferenzierung der kulturellen Bildung statt. Der Anspruch "Kultur für alle" findet hier seinen institutionellen Niederschlag. Sei es in der Museums- oder Theaterpädagogik, in der Bibliotheksarbeit und Leseförderung, in Jugendfilmclubs und Geschichtswerkstätten, in Kursen für kreatives Schreiben, aber auch in soziokulturellen Zentren und Kunstvereinen. Vermittlung von Kunst und Kultur, und zwar sowohl in der Rezeption von Kunst und Kultur als auch dem eigenen aktiven Handeln, hat seither Konjunktur. Und vielleicht ist es teilweise schon so selbstverständlich geworden, dass es eines Filmes wie "Rhythm is it" oder eines Wettbewerbs wie "Kinder zum Olymp" bedurfte, um die Aufmerksamkeit erneut auf kulturelle Bildung zu lenken. Dass sie seitdem an Stellenwert gewonnen hat, ist eine große Leistung dieser Projekte.

Kulturelle Bildung für alle: Fundament Schule


Die kulturelle Bildung in der Schule fällt zumeist erst in den Blick, wenn in großen Modellvorhaben wie in Nordrhein-Westfalen "Jedem Kind ein Instrument" vermittelt werden soll. Dabei wird auch abseits solcher Vorhaben in den Schulen allen Kindern kulturelle Bildung vermittelt. Musik und Kunst sind traditionelle Schulfächer, die, so ist zu beklagen, allerdings oft eine randständige Position einnehmen. Die Aufgaben des Faches Kunst wurden in den vergangenen Jahren zunehmend erweitert. Hier sollen sich die Schüler neben Malerei und Skulpturen auch mit neuen Medien, mit Architektur und Film auseinandersetzen. In vielen Schulen wird zusätzlich das Fach Theater unterrichtet; Tanz ist Bestandteil des Sportunterrichts.

Die Schule ist die einzige Institution, die tatsächlich alle Kinder und Jugendlichen mit kultureller Bildung erreicht. Gerade darum sind die künstlerischen Fächer von so herausragender Bedeutung. Hier gibt es weder Gebühren noch hohe Kosten für die Anschaffung von Materialien, wie es bei den Angeboten außerschulischer kultureller Bildung zumeist der Fall ist.

Durch die Entwicklung der Ganztagsschule und eine stärkere Orientierung von Schulen am Gemeinwesen gewinnt die Zusammenarbeit von Schulen und Einrichtungen der kulturellen Bildung bzw. Kulturinstitutionen an Bedeutung. Es gibt bereits viele gute, nachahmenswerte Beispiele für diese Kooperation.

Bürgerschaftliches Engagement in kultureller Bildung


Das bürgerschaftliche Engagement ist nach wie vor ein festes Standbein in der Vermittlung von kultureller Bildung. Zu denken ist an die traditionellen Formen wie (weltliche oder kirchliche) Chöre, an Laienorchester – von der Blasmusik, über das Jazzensemble, bis hin zum Kammerorchester – oder an das Laientheater. Zu diesem Engagement gehören genauso die Lesepaten, die in Kindergärten den Kindern vorlesen und in Grundschulen mit Kindern das Lesen üben.

Die Mehrzahl der Museen in Deutschland ist rein ehrenamtlich geführt. Diese Aktiven haben nicht nur die Sammlungen aufgebaut, sie sind ebenso für die Ausstellungen und die didaktische Vermittlung verantwortlich. Genauso werden die kirchlichen Bibliotheken und in zunehmendem Maße auch kommunale Stadtteilbibliotheken fast ausschließlich von Ehrenamtlichen geführt. Bibliotheksarbeit ist dabei mehr als das reine Ausleihen von Büchern. Es ist zugleich die Vermittlung von Literatur.

Aktuelle Herausforderungen


Die aktuelle Debatte um kulturelle Bildung kreist vor allem um zwei Themen: Zum einen Kindern den Zugang zu musikalischer Bildung zu ermöglichen und zum anderen die interkulturelle Bildung stärker in den Blick zu nehmen.

Zugang zu musikalischer Bildung

Das bereits erwähnte Vorhaben in Nordrhein-Westfalen "Jedem Kind ein Instrument" hat eine sehr große Breitenwirkung. In Hamburg wird ein ähnlicher Modellversuch unternommen, in Sachsen tritt die CDU im Landtagswahlkampf mit der Forderung auf, jedem Kind in der Schule Instrumental-Unterricht zu ermöglichen, in Hessen werden ähnliche Debatten geführt. Auch wenn es sehr positiv ist, dass dieses Vorhaben möglichst viele Nachahmer findet, dürfen die anderen künstlerischen Sparten nicht vernachlässigt werden. Denn Musik repräsentiert nur einen Teilaspekt der kulturellen Bildung. Darüber hinaus muss bei aller Begeisterung für solche Modellvorhaben die kulturelle Infrastruktur vor Ort stärker beachtet werden, wie zum Beispiel Musik- und Kunstschulen, die für die systematische Vermittlung unabdingbar sind. Ebenso müssen die künstlerischen Schulfächer nach wie vor ein fester Bestandteil des schulischen Unterrichts sein und gestärkt werden.

Gegenwärtig besteht die Tendenz, dass oftmals Projekte gefördert werden, die Institutionen der kulturellen Bildung aber um ihr Überleben kämpfen. Wenn in den kommenden Jahren Bund, Länder und Kommunen Schulden abbauen müssen, kann diese Entwicklung noch stärker zu Lasten der wichtigen Infrastruktur gehen. Eine der wesentlichen Herausforderungen für die nächsten Jahre besteht also darin, dieses lebendige und vielgestaltige Netz von Einrichtungen der kulturellen Bildung zu sichern und zusätzliche Projekte zu ermöglichen.

Interkulturelle Bildung im Blick


Die zweite Herausforderung besteht darin, dass sich die Akteure der kulturellen Bildung noch stärker als bisher mit der Thematik der Einwanderungsgesellschaft auseinandersetzen müssen. Hier ist der Diskussionsstand in den verschiedenen Feldern der kulturellen Bildung sehr unterschiedlich. Die Jugendkunstschulen im Projekt "Kunst-Code" legen einen Akzent auf interkulturelle Bildung. Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung spricht teilweise davon, kulturelle Bildung sei per se interkulturelle Bildung. Die öffentlichen Bibliotheken widmen sich mittlerweile stärker der interkulturellen Arbeit innerhalb ihres Bereichs. In Jugendzentren und der offenen Jugendarbeit ist sie längst ein wesentlicher Bestandteil.

Dabei sind gegenwärtig zwei Stränge zu beobachten: Zum einen wird der interkulturelle Aspekt in die "normale" kulturelle Bildungsarbeit von Einrichtungen implementiert – mit erheblichen Auswirkungen auf die Arbeitsweise. Zum anderen wird durch zusätzliche Vorhaben erprobt, wie interkulturelle Arbeit gelingen kann. In zunehmendem Maße wird auch die Zusammenarbeit mit Migranten-Organisationen gesucht. So setzen sich der Deutsche Kulturrat und bundesweite Migranten-Verbände gemeinsam mit den Strukturbedingungen für eine erfolgreiche interkulturelle Bildung auseinander.

Qualitätsstandards und Kultur-PISA


Das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei den internationalen PISA-Studien (erstmals im Jahr 2000) heizte die Debatte um die Qualität schulischer Bildung an. Inzwischen sind Bildungsstandards für PISA-Fächer wie Deutsch, Mathematik oder Naturwissenschaften eingeführt worden. Diese Entwicklung führte nach Meinung von Fachleuten allerdings dazu, dass die ästhetische Bildung im Theater-, Kunst- und Musik-Unterricht noch weiter an den Rand gedrängt wurde.

Vor allem in den einzelnen Fachverbänden wurde und wird intensiv über die PISA-Thematik diskutiert. Der Fachverband für Kunstpädagogik, dem die Kunstlehrerinnen und -lehrer angehören, hat Standards für das Fach Kunst nach einem langen Diskussionsprozess verabschiedet. Das Hauptanliegen der Kunsterzieher liegt darin, die Verbindlichkeit ihres Faches gegenüber anderen Fächern zu zeigen. Im Fach Darstellendes Spiel dauert diese Debatte noch an – mit ähnliche Argumenten: Von Bildungsstandards wird einerseits eine Aufwertung erwartet, andererseits wird davor gewarnt, dass gerade durch solche Standardisierungen die improvisierten kreativen Momente verloren gingen. Im Fach Musik spielt zusätzlich die Diskussion um einen Kanon musikalischer Bildung eine Rolle. Der baden-württembergische Schulmusiker-Verband macht sich im Verein mit der Konrad-Adenauer-Stiftung für einen solchen verbindlichen Kanon stark, in dem alle musikalischen Werke für den Unterricht festgelegt sind. Andere Landesverbände und der Arbeitskreis für Schulmusik sind zurückhaltender, was Bildungsstandards und den angestrebten Kanon angeht.

Im UNESCO-Kontext wurde im Nachgang der Weltkonferenz für kulturelle Bildung in Lissabon im Jahr 2007 bereits zwei Mal bei Expertentagungen in Wildbad Kreuth über ein Kultur-PISA und Qualitätsstandards für kulturelle Bildung engagiert gestritten. Das Thema ist nach wie vor auf der Tagesordnung, die Argumentation verläuft ähnlich wie in den deutschen Fachverbänden. Besonders wird über mögliche Parameter zur Messung der Qualität kultureller Bildung diskutiert. Wobei zu beachten ist: Auch wenn die künstlerischen Schulfächer in der Regel keine Bildungsstandards aufweisen, verläuft der Unterricht nicht ungeregelt. Wie in allen Fächern ist in Curricula klar festgelegt, welche Qualifikationen Schülerinnen und Schüler erwerben sollen.

Kompetenznachweis Kultur


Im Bereich der außerschulischen Bildung warten die Musikschulen bereits seit Jahrzehnten mit ausgefeilten Curricula und Qualitätsstandards auf, um eine Vergleichbarkeit der Leistungen zu gewährleisten. Dieser Vorteil ist vor allem bedeutsam für Wettbewerbe wie "Jugend musiziert". Hier müssen alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Startchancen haben.

In eine andere Richtung geht ebenfalls seit Jahren die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung mit dem "Kompetenznachweis Kultur". Grundidee war dabei, dass insbesondere Schüler mit weniger guten schulischen Leistungen mit im Kompetenznachweis attestierten Leistungen im Bereich der kulturellen Bildung unter Beweis stellen können, dass sie sehr wohl gute Leistungen vorzuweisen haben. Diesen Kompetenznachweis Kultur können Einrichtungen der außerschulischen Bildung nach einer entsprechenden Schulung ausstellen.

Kulturelle Bildung unverzichtbar für die Gesellschaft


Kulturelle Bildung ist aber mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung oder ein Schulfach unter vielen. Kulturelle Bildung ist unverzichtbar für die Ausbildung künftiger Künstlerinnen und Künstler. Genauso wie naturwissenschaftliche und mathematische Bildung notwendig für die Fort- und Weiterentwicklung der technischen Errungenschaften ist, wird kulturelle Bildung benötigt, damit auch zukünftig Konzerte gespielt werden, im Ballett getanzt oder im Theater gespielt wird und vieles weitere mehr. Kulturelle Bildung ist dabei eine Voraussetzung für die spätere künstlerische Ausbildung. Sie benötigt zudem langfristig arbeitende Institutionen, die das Feld erweitern. Diese werden sinnvoll ergänzt durch zeitlich befristete Projekte, in denen Neues ausprobiert wird, dass, sofern es sich bewährt hat, Eingang in die Institutionen der kulturellen Bildung finden sollte.

Kulturelle Bildung ist aber noch mehr, sie trägt bei jungen Menschen dazu bei, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Sie befähigt zur Auseinandersetzung mit der Kunst und damit auch der Gesellschaft dieser und anderer Epochen. Sie weckt das Interesse an fremden Kulturen und macht weltoffen. Gerade deshalb hat sie – unter Berücksichtigung der interkulturellen Bildung – einen so großen Stellenwert für unsere Gesellschaft.

Studium der Germanistik, Ernährungs- und Haushaltswissenschaften in Bonn. 1. Staatsexamen. Seit 1992 beim Deutschen Kulturrat tätig, zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, heute als stellvertretende Geschäftsführerin. Betreuung und Durchführung verschiedener Projekte zur Erforschung und Darstellung der kulturellen Bildung.