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Kunst als Zugang zur Geschichte

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Kunst als Zugang zur Geschichte Interview mit zwei Workshopteilnehmenden

Maximilian Püschel Hilal Yildiz

/ 6 Minuten zu lesen

Hilal Yildiz und Maximilian Püschel beschreiben die für sie intensivsten Momente des Workshops, erklären, warum sie Kunst und besonders biografisches Theater reizvoll finden, um sich mit dem Thema Holocaust auseinanderzusetzen und fragen sich, ob sie als junge Deutsche heute noch Schuld und Verantwortung tragen.

Probe für die Schlussszene (© Katharina Donath/bpb)

Warum hast du dich entschlossen, bei diesem Projekt mitzumachen? Es geht ja um das schwierige Thema Holocaust...

Hilal Yildiz: Ich habe mich bisher wenig mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ich fand, dass es eine gute Möglichkeit ist, in dieses Thema mal reinzukommen, weil ich denke, dass es auf jeden Fall wichtig ist, sich damit zu beschäftigen. Und ich hatte Lust, mich mit dem Theater an sich und einer ganz anderen Art, Theater zu spielen, dem biografischen Theater, auseinanderzusetzen. Hier stellt man szenisch einen Menschen dar, und nicht eine Handlung, das finde ich spannend.

Was findet ihr am biografischen Theater besonders herausfordernd oder neu?

Maximilian Püschel: Ich finde, dass da viel mehr von uns selbst reinfließt, von unserer eigenen Interpretation. Normalerweise arbeiten wir im Schultheater immer an der Rhetorik, Mimik, Sprache und an den Texten selbst, aber im Endeffekt ist es immer noch ein Stück von jemand anders. Aber beim biografischen Theater liest man ein Buch oder schaut einen Film über eine Person und setzt sich dann auf andere Art und Weise mit einer Person auseinander. Man muss versuchen, eine Person wirklich zu charakterisieren. Und man macht sich auf einer Meta-Ebene viel mehr Gedanken, mit dem Zuschauer in Kontakt zu treten, weil man eine ganz andere Ebene vermitteln muss, die überhaupt nicht von Handlung abhängig ist. Durch einen Handlungsstrang kann man sich an einem roten Faden entlanghangeln und kommt dann irgendwie zum Ziel, aber beim biografischen Theater glaube ich nicht, dass eine Chronologie uns irgendwie weiterbringt.

Hilal Yildiz: Ich finde besonders spannend, dass wir die Möglichkeit haben, Anita Lasker-Wallfisch zu sehen und zu sprechen. Vielleicht kann sie uns auch sagen, ob ihr das gefallen hat, was wir spielen, ob wir das getroffen haben, was sie damals gefühlt hat, und ob das überhaupt möglich ist.

Maximilian Püschel: Ja, da hab ich ein bisschen Schiss.

Hilal Yildiz: Ja, auf jeden Fall. Aber gerade, weil ich so etwas noch nie gemacht habe, ist das eine Möglichkeit Feedback zu bekommen, um zu sehen, ob man überhaupt biografisch Theater machen kann, bei so einem schwierigen Thema.

Wollt ihr denn das spielen, was Anita damals wahrscheinlich gefühlt hat?

Hilal Yildiz: Ich denke, man sollte sich daran orientieren, denn wir spielen ja über ihr Leben. Wenn wir dann die Briefe von ihr lesen, versuchen wir natürlich schon uns in sie und ihre Rolle damals hineinzuversetzen. Natürlich muss man auch seine eigene Persönlichkeit mit reinbringen, das ist hier auch ganz stark gefragt, aber ich finde, man muss auch versuchen, mit den Gefühlen, die sie damals hatte, behutsam umzugehen und versuchen, das irgendwie darzustellen.

Maximilian Püschel: Das würde ich ähnlich sehen, wir müssen uns da ganz stark daran orientieren, weil ihre Gefühle das einzige sind, was uns auf dem Weg zu so einer Collage leiten kann. Was ich ganz problematisch finde, ist, dass man auf gar keinen Fall den Anspruch haben kann, das zu schaffen. Das ist etwas, woran man sich annähern möchte, aber man kann es nicht erreichen, denke ich. Und da habe ich die Angst, dass wir das eventuell nicht schaffen könnten, und dass Anita Lasker-Wallfisch sagt, das ist noch lange nicht genug, und wir nehmen das nicht ernst genug. Für mich ist es schön, mich auf theatralische Art und Weise mit dem Thema auseinanderzusetzen, denn die Fakten kennen wir alle. Eine Zahl wie sechs Millionen Tote, das ist einfach viel zu abstrakt, das kann man sich nicht vorstellen, und ich denke durch das Theater kann man das besser nachvollziehen und eine Sensibilisierung für das Thema schaffen. Was man im Geschichtsunterricht lernt, dass hat für mich nichts mit einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu tun, wovon die Geschichtslehrer immer sprechen. Mir hat das nicht geholfen, das Thema zu verstehen, indem ich weiß, wo welches KZ stand und wieviele Menschen vergast wurden. Nein, da finde ich, ist Schauspielerei ein geeigneteres Mittel.

Warum?

Maximilian Püschel: Weil es emotionalere Nähe bringt, allein schon durch die Entwicklung, die dabei passiert. Man versucht sich in die Emotion hineinzuversetzen, das ist ein ganz anderer Zugang als stumpfe Fakten. Und man beschäftigt sich viel eindringlicher und intensiver mit einem Thema. Da jetzt noch dazu die Möglichkeit besteht, mit einer Zeitzeugin in direkten Kontakt zu treten ist das eine ganz andere Liga – so ziemlich die höchste Liga, die ich mich vorstellen kann. Deswegen ist dieses Projekt so reizvoll.

Was würdest du sie denn gern fragen wollen, wenn ihr sie bei der Aufführung trefft?

Maximilian Püschel: Mir sind da direkt zwei Fragen eingefallen. Die erste Frage ist: Wir haben uns ja in der Schule schon mehrmals mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandergesetzt, und ich habe auch noch einen Wahlpflichtkurs dazu gehabt. Da ist irgendwann die Frage aufgekommen, wie man das Grauen überhaupt darstellen kann. Es gibt ja verschiedenste Ansätze: Durch Musik, durch Kunst, durch Lyrik, und es gibt immer eine Argumentation dagegen, zum Beispiel: Das könnte verharmlosen, das hat gar nichts damit zu tun, oder das ist für die Zuschauer überhaupt nicht rezeptiv wahrnehmbar. Ich denke, dass Theater ein Zugang zu dem Thema sein könnte, und mich würde interessieren, was Anita Lasker-Wallfisch dazu sagt, weil sie ja direkt betroffen ist. So viele Möglichkeiten, solch ein Feedback zu bekommen gibt es ja nicht mehr, weil die Zeitzeugen immer weniger werden.

Die zweite Frage ist: Sie hat in ihrem Buchtitel den Terminus "vererben" erwähnt, und ich finde diese Erbschuld eine ganz schwierige Sache. Denn natürlich man setzt sich in der Schule unendlich viel mit dem Thema auseinander, und auch im Ausland habe ich das Gefühl, dass ganz viele Klischees mit uns Deutschen behaftet sind, was dieses Thema angeht. Deswegen würde mich interessieren, wie sie das sieht mit dem Vererben. Was hat unsere Generation damit zu tun, macht sie uns deutsche Jugendliche dafür verantwortlich ?

Was war für euch in den bisherigen Tagen der intensivste Moment?

Szene vor einem Bild des Künstlers und Auschwitz-Überlebenden Adolf Frankl* (© Jana Satler/bpb)

Hilal Yildiz: Ich finde das Haus, in dem wir hier spielen, total schön, und ich finde das passt auch total zu unserem Projekt. Als ich mir das erste Mal die Bilder des Künstlers und Auschwitz-Überlebenden Adolf Frankl im ersten Stock angesehen habe, hat sich das angefühlt, als würde der Boden schwanken. Die Atmosphäre, die durch die Bilder, die Frankls Erinnerungen zeigen, ausgelöst wird, war total heftig. Und für mich ist es wirklich spannend, sich mit den Künsten, dem Theater, aber auch Bildern, wie sie hier hängen, mal mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ich habe mich bisher ja noch nicht so viel mit dem Thema beschäftigt. Ich habe nur diese furchtbaren Zahlen im Geschichtsunterricht gehört und vielleicht mal einen Schwarz-Weiß-Streifen gesehen, der ausgemergelte Leute zeigt, aber es hat mich gar nicht richtig erreicht, ich habe das gar nicht verstanden. Und ich muss auch ehrlich sagen, ich verstehe immer noch nicht, was da passiert ist, ich kann mir das nicht vorstellen. Aber die Kunst, die ja auch Emotionen auslösen möchte und nicht nur Fakten herunterlabert, hat mir auf jeden Fall geholfen, dass ich da ein Stück weit einen Zugang bekommen habe.

Maximilian Püschel: Mein Moment war ungefähr zweieinhalb Minuten später, als Laura anfing, Cello zu spielen, während wir die Bilder anschauten. Ich muss sagen, da war bei mir die komplette Reizüberflutung erreicht, das war krass, die unglaublich aussagekräftigen Bilder und die tiefen Töne des Cello – das war wirklich Gänsehaut bei mir.

Wie habt ihr dieses Gefühl in euer Theaterspiel mitgenommen?

Bilder, Theater und Musik wirken zusammen: Probe im ersten Ausstellungsraum (© Katharina Donath/bpb)

Maximilian Püschel: Wir haben ja beim Spielen wieder die Musik gehabt: Sie spielt in unserem Stück eine große Rolle, und das finde ich ganz reizvoll, weil Musik eine unterbewusste Art des Wahrnehmens ist und auch Gefühle auslöst.

Einerseits finde ich das gut, weil es dadurch intensiver wird, aber ich finde es auch blöd, weil dadurch ein bisschen vom Theaterspiel abgelenkt wird. Es ist eine zweite Komponente, eine zweite Form von Kunst, die sich vielleicht nicht immer ergänzt, sondern sich auch Aufmerksamkeit wegnimmt, und mich interessiert eben vor allem, wie Theater als Kunstform mit dem Thema umgeht.

Hilal Yildiz: Wegen der Geschichte von Anita Lasker-Wallfisch, die ja wirklich an ihrem Cello hing und nur durch ihr Cello irgendwie überlebt hat oder wenigstens ein besseres Leben geführt hat als ohne Cello, finde ich es sehr wichtig, dass die Musik mit reinkommt in unser Stück. Ich sehe das dann auch nicht unbedingt abgetrennt – hier das Schauspiel, und da die Musik, sondern das fließt irgendwie ineinander über, das gehört beides zusammen und das eine verliert ohne das andere den Sinn.

Das Gespräch führte Katharina Donath.

*Das Gemälde stammt vom Künstler und ehemaligen Auschwitz-Birkenau Häftling, Adolf Frankl. Seine Werke sind in der Dauerausstellung im ArtForum, Judenplatz 2, in Wien und auch auf Externer Link: www.artforum.judenplatz.at zu sehen.

Fussnoten

Maximilian Püschel hat 2012 sein Abitur am Gymnasium Stadthagen gemacht.

Hilal Yildiz geht in die 12. Klasse des Gymnasiums Stadthagen und wird im Frühjahr 2013 ihr Abitur machen.