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"Filmanalyse ist Arbeit"

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"Filmanalyse ist Arbeit" Interview mit Manfred Rüsel

Manfred Rüsel

/ 7 Minuten zu lesen

Seit mehreren Jahren ist Filmbildung zum akzeptierten Bestandteil des Schulunterrichts geworden. Einen Einblick in den praktischen Lehralltag sowie Möglichkeiten und Chancen, Filme in den Unterricht einzubinden, gibt der Lehrer und Filmpädagoge Manfred Rüsel in diesem Interview.

Warum arbeiten Sie im Unterricht gerne mit Filmen?

Ich komme aus einer Generation, die mit Film und Fernsehen sozialisiert wurde. Während meiner Schulzeit habe ich gemerkt, dass irgendetwas fehlt und meine Lebenswelt sich in der Schule nicht wiederfindet. Als während meines Studiums dann im Sinne des erweiterten Textbegriffs immer wieder die Bedeutung der audiovisuellen Medien betont wurde, war das mein Zugang. Ich habe sehr lange in der universitären Filmbildung gearbeitet, für Schulen Modelle entwickelt und den Lehrkräften in Fortbildungen immer wieder gesagt, wie wichtig es ist, auch mit Filmen – mit Literaturverfilmungen im Speziellen und mit Film im Allgemeinen – sehr gut umgehen zu können. Als Lehrer arbeite ich selbst gerne mit Filmen, weil das den Schülerinnen und Schülern Spaß macht. Wenn es in die Tiefe geht und sie sich nicht nur einfach so einen Film ansehen, dann merken sie, dass Filmanalyse Arbeit ist. Sie erkennen, wie Film funktioniert, wie vielfältig die Filmsprache ist, welche Gestaltungsmittel es gibt und wie viel Film damit zu tun hat, was wir in anderen Fächern wie etwa dem Deutschunterricht machen. Mein Ziel ist auch, ein bisschen zu desillusionieren und den Schülerinnen und Schülern eine Distanz zu vermitteln zu dem Gegenstand, den sie so lieben, zu dieser schönen bunten Fernseh- und Filmwelt.

In welchen Fächern setzen Sie Filme ein – und welche Themengebiete greifen Sie auf?

Das ist sehr vielfältig. Im Fach Deutsch setze ich den Film ganz traditionell ein, um beispielsweise die Visualisierung von Literatur deutlich zu machen. Jüngeren Schülerinnen und Schülern kann man das etwa anhand von Filmen wie "Krabat" oder "Ein Fall für Hodder" zeigen, älteren mit "Effi Briest". Ein solcher Vergleich zwischen Text und Film ist der klassische Zugang, um auch für die unterschiedlichen Sprachsysteme zu sensibilisieren. Dass man also nicht nur darauf achtet, ob irgendwelche Seiten oder Charaktere aus der literarischen Vorlage genau abgebildet sind, sondern auch, wie diese umgesetzt wurde und welche gestalterischen Mittel es im Film gibt, die bestimmte Motive oder Symbole der Literatur umsetzen. In der Mittel- und Oberstufe setze ich Film auch als genuines Medium ein. Ob es sich um eine Literaturverfilmung handelt, einen Spielfilm, der auf einem Drehbuch basiert, oder um einen Zeichentrickfilm, ist für die Filmanalyse egal. Filmsprache nehme ich in der 9., 10. und in der 11. Jahrgangsstufe durch. In Gesellschaftslehre, also den Fächern Erdkunde, Geschichte und Politik, setze ich Filme auch als Informationsmedium ein, um bestimmte Zusammenhänge über die visuelle Schiene zu verdeutlichen, sei es beim Thema Zweiter Weltkrieg oder beim Thema RAF. Wenn es um Nationalsozialismus geht, zeige ich gerne den Film "Napola", weil dieser die Schülerinnen und Schüler in der 9. und 10. Klasse sehr stark packt. Es ist also unterschiedlich: Entweder arbeite ich mit Blick auf die Analyse und das Medium selbst oder nutze Filme als Unterstützung und Visualisierung unterrichtlicher Zusammenhänge, die sowohl über den Text als auch über Filmbeispiele vertieft werden.

Welche filmpädagogischen Methoden setzen Sie ein?

Da gibt es eine große Spannbreite. Das beginnt mit der Analyse von Standbildern und endet mit Fragen, die ich vor der Filmvorführung gestellt habe, die schon beim Sehen von den Schülern und Schülerinnen reflektiert werden müssen und im Anschluss dann beantwortet werden. Wenn ich Filmanalyse behandle, setze ich gerne Gruppenarbeit ein. Drei oder vier Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich dabei in einer Gruppe mit unterschiedlichen Aspekten der Machart des Films. Ich nenne das vernetzte Filmanalyse. Eine andere Herangehensweise ist die "Sandwich-Methode". In kleinen Schritten vergleichen die Schülerinnen und Schüler dabei zum Beispiel einen Absatz eines Textes und die dazu gehörende verfilmte Szene.

Welche Methoden sind bei Schülerinnen und Schülern besonders beliebt?

Die Arbeit mit Standbildern, wenn die Tafel voller Screenshots hängt und die Schülerinnen und Schüler mit bestimmten Begriffen etwas zuordnen müssen – diese Methode setze ich gerne in der Unter- und Mittelstufe ein – kommt immer gut an. Am schwersten tun sich die Jugendlichen mit der komplexen Analyse, wenn sie selbst in Einzelarbeit einen Text formulieren müssen, in dem sie sich mit dem Film auseinander setzen.

Wie wird Filmbildung allgemein von Schülerinnen und Schülern im Unterricht wahrgenommen?

Wenn man sagt, wir beschäftigen uns mit Film, machen eine Filmanalyse oder gehen ins Kino, dann freuen sich erst einmal alle, weil das zunächst attraktiver als normaler Unterricht klingt. Es wird dann schwierig, wenn die Schülerinnen und Schüler merken, dass sie sich anstrengen müssen. Genau wie in anderen unterrichtlichen Dingen muss ich das als Lehrer so interessant gestalten, dass die Jugendlichen mitgehen. Beschäftigt man sich zum Beispiel in der Oberstufe mit "Matrix", den viele Schülerinnen und Schüler schon kennen und toll finden, dann sind sie nach meiner Erfahrung sehr erstaunt darüber, was alles in diesem Film steckt. Und wenn man dann von "Matrix" auf Platon, Kant und Baudrillard kommt, dann eröffnet sich für sie ein neuer Horizont. Viele gehen dabei mit, andere empfinden das als viel zu anstrengend. Sie wollen einfach nur Filme sehen und Spaß haben und sich eigentlich damit gar nicht näher beschäftigen.

Welche Rolle spielen filmpädagogische Begleitmaterialien für Ihren Unterricht?

Wenn ich mit meiner Klasse zum Beispiel an den Schulkinowochen teilnehme, verwende ich auch Arbeitsblätter aus Filmheften . Als Lehrer wünscht man sich Kopiervorlagen und Filmausschnitte. Ich finde es wichtig, dass ein Filmheft nicht nur Hintergrundinformationen für Lehrer beinhaltet, sondern konkrete Vorschläge, wie bestimmte Inhalte im Unterricht umgesetzt werden können. Mittlerweile werden verstärkt Arbeitsblätter mit dem Bezug auf Handlungsorientierung und praktische Arbeit angeboten und auch im analytischen Bereich gibt es Materialien, die ich direkt in meinem Unterricht einsetzen kann. Ein Filmheft sollte immer diese Spannbreite enthalten und idealerweise auch die entsprechenden Filmausschnitte bereitstellen.

Wo sollten Filme für den Unterricht gesehen werden: in der Schule oder im Kino?

Im Lehrerjargon gibt es den Begriff des Ganztextes. Das heißt, dass ein ganzes Buch gelesen wird. Wenn man das auf den Film überträgt, müssten wir von einem Ganzfilm sprechen. Grundsätzlich ist natürlich das Kino der Ort, der die besten Rezeptionsmöglichkeiten bietet. Wenn man sich mit Filmanalyse beschäftigt, kann man das auch in der Schule machen. Beim Einsatz von Ausschnitten sollte man aber mit einem Beamer arbeiten. Daran scheitert es manchmal, denn für viele Kollegen ist es zu aufwändig, innerhalb einer 5-Minuten-Pause einen Beamer, Lautsprecher und einen DVD-Player anzuschließen. Ich hoffe, dass die Ausstattung mit interaktiven Tafeln besser wird, die so etwas viel einfacher machen. Bei uns an der Schule ist das noch Utopie.

Welche Möglichkeiten lässt die Zeitstruktur in der Schule, um einen Film zu sehen?

Ganzfilme in der Schule stellen den Lehrer vor besondere technische und zeitliche Probleme. Wenn man die Technik noch aufbauen und einrichten muss, kann man in einer Doppelstunde keinen Film mit einer normalen Laufzeit zeigen, der mindestens 90 Minuten dauert. Will man einen Film komplett vorführen, muss man ihn also teilen – oder auf den Nachmittag ausweichen und die Schülerinnen und Schüler motivieren, ihn sich dann mit anzusehen. Wir sind eine Ganztagsschule und haben dadurch ein wenig Spielraum. Bei älteren Schülerinnen und Schülern ist es auch kein Problem, einen Termin nach der Schulzeit zu vereinbaren. Aber dann würde ich die Alternative prüfen, ob man nicht auch gemeinsam ins Kino gehen kann. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, die Schülerinnen und Schüler einen Film zu Hause ansehen zu lassen – wie Bücher zu Hause in einer vorgegeben Zeit gelesen werden müssen. Wenn sich zwei oder drei zusammen tun, funktioniert das.

Wie wichtig sind Lehrerfortbildungen zu Filmthemen?

Einerseits gibt es den grundsätzlichen Bedarf nach Fortbildungen zum Thema Film, da die meisten Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich nicht ausgebildet sind, in den Lehrplänen der Bundesländer der Umgang mit Film und Fernsehen aber vorausgesetzt wird. Andererseits ist der Film in den meisten Ländern kein "Sternchenthema", das heißt, in den zentralen Prüfungen der Sekundarstufe I und II spielt Film kaum eine Rolle. Letztlich achtet man als Lehrer, der sich fortbilden will, erst einmal darauf, was im Hinblick auf Prüfungen wichtig ist. Dennoch erlebe ich als Referent in letzter Zeit eine deutliche Steigerung der Teilnehmerzahlen bei den Fortbildungen im Rahmen der Schulkinowochen. Zu den zentralen Fortbildungen, die ich durchgeführt habe, kamen in Nordrhein-Westfalen 45 Lehrkräfte, in Brandenburg mehr als 80 und in Schleswig-Holstein mehr als 30 – sogar an einem Samstag.

Was halten Sie von der Forderung, Film als eigenständiges Schulfach einzuführen?

Als Filmbegeisterter würde ich erst einmal sagen: Prima. Aber das Fach Film liegt in weiter Ferne. Wir versuchen bei uns an der Schule, in den nächsten zwei oder drei Jahren so etwas als Versuchsballon zu entwickeln. In der Oberstufe könnte man alternativ zum Literaturkurs auch einen Filmkurs anbieten. Aber als integrativer Bestandteil von der fünften Jahrgangsstufe bis zum Ende der Schulzeit fehlt es an Personal, auch wenn es Bemühungen gibt, Filmlehrer zu qualifizieren. Außerdem müsste die Stundentafel neu gestaltet werden – ein Fach Film ginge ja zu Lasten eines anderen Faches. Darüber hinaus fehlt die technische Ausstattung und vielleicht auch ein bisschen die politische Unterstützung. Daher sieht es an den meisten Schulen so aus, dass Filmanalyse in den Fächern Deutsch, Kunst und in den Fremdsprachen eher marginal stattfindet. Je nachdem, wie engagiert der Lehrer ist, setzt er Filme dann mehr oder weniger ein. Vielleicht müsste man das Fach erweitern auf Medienbildung im Allgemeinen, um eine größere Chance zu haben, dass dies von den Bildungsinstitutionen stärker forciert werden könnte. Ein Fach, das Medienkompetenz fördert und von der Filmbildung bis hin zu den Gefahren des Internets und Cybermobbing alles umfasst. Das könnte auf breite Akzeptanz stoßen – ein Fach Film hingegen wird es da schon schwerer haben.


Das Interview führte Stefan Stiletto.

Manfred Rüsel, geboren 1960, engagiert sich seit über 20 Jahren bundesweit in der universitären und schulischen Ausbildung und ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften an der Europaschule Langerwehe (Gesamtschule) in der Nähe von Aachen. Er arbeitet an einem mediendidaktischen Unterrichtskonzept für die Jahrgangsstufen 5 bis 11, publiziert für Schulbuchverlage und leitet filmpädagogische Fortbildungen. Foto: Vision Kino/Kay Herschelmann