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Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung

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Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung

Katharina Donath Bianca Fischer

/ 9 Minuten zu lesen

Ansätze kultureller und politischer Bildung können produktiv und kreativ im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung zusammenwirken. Wichtige Stichworte dabei sind: Ganzheitliches Lernen, Überschreitung der Disziplinengrenzen, Partizipation, Vielfalt der Blickwinkel und kultureller Wandel.

Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung (© luxuz/Photocase)

Wie wird unsere Welt in 50 oder in 100 Jahren aussehen? Wir wissen es nicht. Sicher ist, dass wir HEUTE in hochkomplexen Gesellschaften leben, die sich immer schneller verändern und vielfältiger werden- sowohl was die technischen Möglichkeiten, als auch was ihre ethnische und soziale Zusammensetzung angeht. Es ist eine zentrale Herausforderung, mit den sich immer schneller vollziehenden Veränderungen von Umwelt und Gesellschaft verantwortungsvoll und konstruktiv umzugehen, gerade wenn wir die Zukunft und das Wissen, das wir für Problemlösungen in Zukunft benötigen werden, heute kaum abschätzen können.

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) möchte Kompetenzen vermitteln, um der genannten Herausforderung adäquat zu begegnen. Denn auch wenn die meisten Menschen theoretisch um die Umwelt- und Gesellschaftsprobleme wissen, beziehen nur wenige sie als Entscheidungsfaktor und Wertemaßstab in ihr tägliches Handeln mit ein. Es stellt sich daher die Frage, wie eine Bildung für nachhaltige Entwicklung einen Beitrag dazu leisten kann, nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern Menschen zum konstruktiven Handeln zu bewegen und sie auf eine kaum voraussagbare Zukunft vorzubereiten.

Von ersten Ansätzen nachhaltiger Entwicklung zu BNE


Zurückzuführen ist der Nachhaltigkeitsgedanke auf den sächsischen Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der Anfang des 18. Jahrhunderts angesichts der drohenden Rohstoffkrise forderte: "Schlage nur so viel Holz wie ein Wald verkraften und wie wieder nachwachsen kann." Gut zwei Jahrhunderte später wurde unübersehbar, dass der technische Fortschritt und die rasante wirtschaftliche Entwicklung auch ihre Schattenseiten haben und auf Kosten von Menschen und Umwelt gehen. In dem 1987 veröffentlichten Zukunftsbericht (auch bekannt als Brundtland-Bericht) der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung wurde daraufhin eine "nachhaltige Entwicklung", die wirtschaftlichen Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der natürlichen Umwelt gleichermaßen berücksichtigt, als entwicklungs- und umweltpolitische Leitlinie formuliert.

Kurzum: Nachhaltige Entwicklung ist: genug, für alle, für immer; heute auch an die Zukunft und zukünftige Generationen zu denken; die Balance zwischen Geben und Nehmen zu halten; das Gleichgewicht zwischen Ökologie, Ökonomie, Sozialem und Kultur zu erreichen; unsere Zukunft unter Beteiligung aller Menschen dieser Welt aktiv und nachhaltig mitzugestalten – egal ob arm oder reich, ob alt oder jung, ob weiß oder schwarz; nachhaltige Innovationen zu entwickeln; die Menschenrechte zu wahren; den Schutz von biologischer und kultureller Vielfalt zu gewährleisten; eine gemeinsame Zukunftsvision zu schaffen.

1992 wurde der Forderung auf der ersten Weltkonferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro erstmals ein politisches Fundament gegeben. Die Staats- und Regierungschefs der Länder der Vereinten Nationen erklärten in dem Abschlussdokument der Konferenz, der Agenda 21, nachhaltige Entwicklung zu einem weltweit anerkannten Leitbild staatlichen Handelns und schrieben dabei der Bildung eine besondere Rolle zu. Zehn Jahre später auf dem Weltgipfel Rio +10 in Johannesburg wurde Bildung gar als Schlüsselkatalysator zur nachhaltigen Entwicklung und dem damit einhergehenden nötigen mentalen Wandel benannt. Daraufhin rief die Vollversammlung der Vereinten Nationen die UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" für den Zeitraum von 2005 bis 2014 aus, und die UN-Mitgliedsstaaten verpflichteten sich, das Leitbild in ihren nationalen Bildungssystemen zu verankern. Heute, gut 20 Jahre später, bleibt nach dem dritten Weltgipfel zu Umwelt und Entwicklung Rio +20 die ernüchternde Bilanz, dass es zwar entscheidende globale und nationale politische Erklärungen gab, das Ziel eines gesellschaftlichen Wandels hin zu einer nachhaltigen Entwicklung jedoch noch lange nicht erreicht ist – weder im Sinne einer Verankerung in den Bildungssystemen noch im Handeln der Menschen.

Zentrales Ziel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln zu vermitteln. Dabei sollen sie in die Lage versetzt werden, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, und sie sollen lernen abzuschätzen, wie sich das eigene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirkt. BNE ist daher weder ein neuer Bildungsbereich noch ein Thema, vielmehr ist es eine Querschnittsaufgabe aller Bildungsbereiche.

Konzept der Gestaltungskompetenz

Zur Umsetzung nachhaltiger Entwicklungsprozesse spielt in Deutschland – neben den Inhalten einer BNE – das Konzept der Gestaltungskompetenz eine zentrale Rolle. Entwickelt wurde es von Prof. Dr. Gerhard de Haan und Dr. Dorothee Harenberg. Gestaltungskompetenz bezeichnet im Kern: Entwicklungsprozesse mit Kopf, Herz und Hand nachhaltig gestalten zu können. Also "(...) die Fähigkeit (...), Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können." Um dies zu konkretisieren, wurden 8-12 Teilkompetenzen benannt, die zielgebend für viele Bildungsprogramme im Kontext BNE wurden:

  1. Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen

  2. Vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können

  3. Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln

  4. Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen können

  5. Gemeinsam mit anderen planen und handeln können

  6. Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können

  7. An kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben können

  8. Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden

  9. Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können

  10. Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können

  11. Selbstständig planen und handeln können

  12. Empathie für andere zeigen können

Zusammenspiel politischer und kultureller Bildung für eine nachhaltige Entwicklung


Sowohl in der politischen als auch in der kulturellen Bildung gibt es viele Verbindungen und Schnittstellen zur BNE. Deshalb drängt sich die Frage auf: Was könnten die Bildungsbereiche gemeinsam für eine nachhaltige Entwicklung leisten? Ließe sich die in der Einleitung ausgemachte Herausforderung mit einer Verbindung der Bildungsbereiche vielleicht sogar besser angehen? Ein Zusammenspiel von politischer und kultureller Bildung für eine nachhaltige Entwicklung erscheint im Hinblick auf Kernkriterien, die im Nachhaltigkeits-Diskurs immer wieder auftauchen, sinnvoll und bereichernd:

  1. Kulturelle politische Bildung eröffnet Räume für ganzheitliche Formen des Lernens. Trotz internationaler politischer Beschlüsse, der UN-Dekade BNE und zahlreicher Bildungsprogramme ist es bisher nicht gelungen, BNE flächendeckend im Bildungssystem zu verankern und einen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. Ein Grund dafür ist sicher, dass mit Themen der Nachhaltigkeit häufig Bedrohungs- und Schreckensszenarien einhergehen und die Komplexität die Menschen eher hilflos macht, als sie zum Handeln, Umdenken und Neugestalten zu motivieren. Ansätze kultureller Bildung in Kombination mit politischer Bildung eröffnen neue Lernformen, die Lust machen und rein kognitive Zugänge durch emotionale und affektive Lernformen gut ergänzen und bereichern können.

  2. Nachhaltigkeit braucht interdisziplinäre Zusammenarbeit. Studien, wie z.B. die der Leuphana Universität Lüneburg haben gezeigt, dass eine qualitätsvolle BNE nur gelingen kann, wenn die einzelnen Bildungsbereiche kooperieren und über ihren eigenen Tellerrand schauen. Nur so können unterschiedliche Dimensionen ökologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Nachhaltigkeit berücksichtigt werden und unterschiedliche Lern- und Vermittlungsformen, Themen, Methoden, Orte usw. zusammenfließen sowie gewohnte Herangehensweisen neu überdacht und in Frage gestellt werden.

  3. Der genannten Studie zufolge braucht Nachhaltigkeit auch Partizipation. Um die Gesellschaft von morgen zu gestalten, ist es notwendig, dass ihre Mitglieder partizipieren und ihre Interessen und Meinungen einbringen. Viele Jugendliche scheinen sich wenig für "klassische" politische Beteiligung zu interessieren: Sie enthalten sich bei Wahlen und engagieren sich auch nicht in Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften. Dies heißt aber nicht, dass sich Jugendliche generell nicht für politische Themen, Institutionen und Ereignisse interessieren. Sie distanzieren sich zwar nachweislich von bestimmten Formen der institutionalisierten Politik, aber wenn man Politik in einem weiter gefassten Sinne versteht – nämlich als (Mit-)gestaltung der gesellschaftlichen und der eigenen Lebensbedingungen – dann zeigt sich, dass sich Jugendliche für politische Themen durchaus begeistern. Kulturelle politische Bildung kann hier wichtige Übersetzungsarbeit leisten: Im Alltag vieler Jugendlicher spielen Kunst und Kultur eine wichtige Rolle – wenn man darunter nicht nur eine elitäre Hochkultur, sondern auch die Soziokultur versteht. Sie gründen Bands, sie machen StreetArt oder Graffiti, sie spielen Theater, sie rappen oder gehen ins Kino. Wenn kulturelle politische Bildung das aufgreift und die Jugendlichen ihre Themen selbst bestimmen lässt, dann sind sie bereit, sich – durchaus auch nachhaltig – aktiv einzubringen. Sie erfahren, dass sie eine Stimme haben, dass sie etwas bewirken und verändern können. Das ist entscheidend für die Motivation, sich zu engagieren und bei der Fortentwicklung der Gesellschaft aktiv mitzuwirken.

  4. Nachhaltigkeit braucht Perspektivwechsel, Infragestellung liebgewonnener Gewohnheiten und kulturelle Vielfalt. Kulturelle politische Bildung für nachhaltige Entwicklung kann fördern, dass Jugendliche sich in einer komplexen, multikulturellen Gesellschaft orientieren und sich selbstständig eine Meinung bilden lernen: Beim Theaterspielen oder in einer Schreibwerkstatt, aber auch in der Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk, einem Musikstück oder einem Roman lernen Jugendliche, sich in andere hineinzuversetzen. Sie können die Perspektive wechseln und die Welt aus den Augen eines anderen betrachten. Dabei können sie Aufgeschlossenheit, Toleranz und Empathie lernen. Gleichzeitig können sie in der Auseinandersetzung mit Kunst auch üben, "eigene Gewissheiten vor dem Hintergrund neuer Ereignisse, Herausforderungen und Erfahrungen immer wieder neu auf ihre Tragfähigkeit und Brauchbarkeit hin zu befragen und gegebenenfalls fortzuentwickeln." Michael Wimmer formuliert dies so: "Kulturelle Bildung könnte […] eine wichtige Aufgabe als ein kritisches Korrektiv erfüllen, deren Qualität weniger in der Formulierung von machbaren Zukunftsszenarien, sondern in deren Befragung und Infragestellung besteht. Ihre spielerischen Methoden verweigern sich jeglicher Ausschließlichkeit, stattdessen schaffen sie eine neue Offenheit für alternative Sichtweisen jeglicher Entwicklung." So können Geschichten über die Zukunft geschaffen werden, die keinen Wahrheitsanspruch haben, aber kreative Perspektiven aufzeigen und Jugendliche befähigen, offen und vertrauensvoll zu sein.

  5. Nachhaltigkeit braucht kulturellen Wandel und aktive Gestaltung desselben. Dass Menschen – durch für sie attraktive Zugänge – ihre Denkmuster, Wertevorstellungen und alltägliche Gewohnheiten ändern können, zeigt sich nicht zuletzt an dem Einfluss des Web 2.0. Ein kultureller Wandel erfolgt nie allein durch Wissen, sondern vielmehr durch ästhetische, Lust machende oder andere, z.B. finanzielle Anreize. Im Zusammenspiel kultureller und politischer Bildung können auf dieser Ebene neue motivierende Zugänge geschaffen und Schlüsselkompetenzen um die Welt aktiv zu gestalten, wie Empathie-, Reflexions-, und Teamfähigkeit, vermittelt werden.

Welche Wege, Methoden und Prozesse bei einzelnen Menschen zu Reflexion, Bewusstsein und zum Handeln führen, ist höchst individuell, und es gibt kein allgemeines Rezept für einen Bildungsprozess im Sinne der Nachhaltigkeit, deshalb können die von uns genannten Punkte nicht mehr als Anregungen bieten. Bedeutend ist jedoch, dass es um ein ganzheitliches, nachhaltiges Verständnis von Bildung geht: Um gesellschaftliche Zustände nicht nur zu stabilisieren und auf Probleme zu reagieren, sondern Gesellschaft wirklich aktiv gestalten zu können, reicht es nicht aus, wenn ein Bildungsprozess auf einer rein kognitiven Ebene abläuft. Er muss sinnliche Erfahrungen bieten, emotional berühren und intellektuell anspruchsvoll sein. Diese Elemente zeichnen einen ganzheitlichen, nachhaltig wirkenden Bildungsprozess aus. Diesem Anspruch verpflichtet sich auch eine qualitätsvolle kulturelle politische Bildung.

Herausforderungen der Zusammenarbeit von politischer und kultureller Bildung für nachhaltige Entwicklung



Der Gedanke, dass eine Verbindung von politischer und kultureller Bildung für nachhaltige Entwicklung Potenzial bietet, ist nicht neu. In der Praxis schließen viele Projekte diese beiden Bildungsbereiche bereits ein, ohne sie explizit zu benennen oder voneinander abgrenzen zu wollen. Dennoch ist – plakativ gesprochen – z.B. nicht jedes Theaterstück, das sich mit der Abholzung des Regenwaldes oder Menschenrechten beschäftigt, qualitätsvolle Bildung für nachhaltige Entwicklung. Vielmehr gibt es weitere Kriterien, die für Bildungsprozesse allgemein, insbesondere aber für die Verbindung von kultureller und politischer Bildung zu nachhaltiger Entwicklung wichtig sind: 1. Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Wichtig ist, dass sich die Bereiche nicht gegenseitig kolonisieren, sondern sich als gleichberechtigte Partner über unverzichtbare Elemente des Bildungsprozesses auseinandersetzen und auch die Eigenheiten beider Bereiche berücksichtigt werden. 2. Authentizität: Es wird von Lernenden geschätzt, wenn Lehrende oder Projektleiter/innen die Bildungsgegenstände glaubwürdig und authentisch und mit Leidenschaft vermitteln können. Wenn eines der Felder kein "Steckenpferd" des Vermittelnden ist, kann es sinnvoll sein, in Kooperation mit Menschen aus anderen Feldern zu arbeiten. Ansätze einer BNE können nur dann glaubwürdig vermittelt werden, wenn auch die Lehrenden bzw. Projektleiter/-innen sich den Fragen in ihren privaten Lebensentwürfen damit auseinandersetzen und wenn das Lernumfeld der Bildungsinstitutionen in Bezug auf eine nachhaltige Organisationsentwicklung gestaltet ist – angefangen vom Papier- und Stromverbrauch bis hin zum Essen und der Personalpolitik. Vor dem Hintergrund einer sich rasant verändernden Welt sind Vermittler/-innen in der politischen und kulturellen Bildung herausgefordert sich Fragen der Zukunftsgestaltung und einer nachhaltigen Entwicklung zu stellen und diese in ihren Vermittlungsformen und -konzepten zu berücksichtigen, um das Bewusstsein der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen für die aktuellen Herausforderungen zu schärfen.

Literatur


Besand, Anja (2012): Politik trifft Kunst. Zum Verhältnis von politischer und kultureller Bildung. Bonn.

BKJ (Hrsg.) (2012): Interview mit Gerhard de Haan, Magazin Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwickung. Remscheid, S. 40f.

Horst, Peter/Moegling, Klaus/Overwien, Bernd (2011): Politische Bildung für nachhaltige Entwicklung. Bildung im Spannungsfeld von Ökonomie, sozialer Gerechtigkeit und Ökologie. Immenhausen bei Kassel.

Kahlert, Joachim (2005): Umweltbildung, in: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Bonn, S. 430-442.

Leipprand, Eva (2011): Kultur der Nachhaltigkeit, Vortrag bei der Tagung Didaktik-Dialog: Zukunft ist jetzt! Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung, Berlin. Zu finden unter: http://www.bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/62677/didaktik-dialog-zukunft-ist-jetzt; Stand: 11.07.2012.

Rode, Horst/Wendler, Maya/Michelsen,Gerd (2011): Bildung für nachhaltige Entwicklung bei außerschulischen Anbietern. Wesentliche Ergebnisse einer bundesweiten empirischen Studie. Lüneburg, S.19.

Wimmer, Michael (2007): Nachhaltige Entwicklung im Spiegel kultureller Bildung, in: Leicht, Alexander/Plum, Jacqueline (Hrsg.): Kulturelle Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sankt Augustin/Berlin, S. 21-33.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Schmidt 2007: Externer Link: http://umwelt.hs-pforzheim.de/sonstiges/historisches/carlowitz-titel-inhalt/; Stand: 11.07.2012.

  2. Der vollständige Bericht findet sich beispielsweise hier: Externer Link: http://www.un-documents.net/wced-ocf.htm; Stand: 11.07.2012.

  3. Vgl. Interview mit Gerhard de Haan 2012, S. 40.

  4. Vgl. Deutscher Bundestag, BLK 1998.

  5. Zur Diskussion, ob Bildung für nachhaltige Entwicklung mit seinen normativen Implikationen Inhaltsfeld einer politischen Bildung sein kann, die dem Beutelsbacher Konsens verpflichtet ist, vgl. Peter/Moegling/Overwien 2011, S. 9 und Kahlert 2005, S. 434. Für diesen Text gehen wir davon aus, dass Nachhaltigkeit als Basiskkonsens unserer Gesellschaft verstanden werden kann, der nicht mehr verhandelt werden muss, denn in Rio wurde Nachhaltigkeit 1992 als Leitprinzip der Staatengemeinschaft anerkannt und in der Agenda 21 verankert. Nachhaltige Entwicklung ist damit – zumindest auf Dokumenten-Ebene - zu einem gemeinsamen Leitbild der Menschheit für das 21. Jahrhundert geworden. Auch im Grundgesetz ist die Nachhaltigkeit in Artikel 20a festgelegt.

  6. Vgl. Rode/Wendler/Michelsen (2011), S.19.

  7. Vgl. ebd. S. 20.

  8. Besand (2012), 51.

  9. Wimmer (2007), S. 31.

  10. Vgl. Leipprand (2011).

  11. Peter/Moegling/Overwien (2011), S. 95.

  12. Die hier vorgestellten Projekte verbinden die Bildungsbereiche und wurden zum Teil beim Markt der Möglichkeiten der Tagung "Didaktik-Dialog: Zukunft ist jetzt! Kulturelle und politische Bildung für nachhaltige Entwicklung" vom 17.-19. November 2011 in Berlin vorgestellt.

  13. Vgl. Interview mit Helle Becker. Zu finden unter: Interner Link: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59945/interview-bildung-nicht-kolonialisieren?p=2; Stand: 09.07.2012.

  14. Besand (2012), S. 271.

  15. Vgl. Michelsen (2011): http://www.bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/62677/didaktik-dialog-zukunft-ist-jetzt

Katharina Donath ist in der bpb Referentin für die Schnittstelle kulturelle und politische Bildung im Fachbereich Fortbildung/Didaktik. Zuvor arbeitete sie als Tutorin und Seminarleiterin in den Bereichen Globales Lernen und Interkulturelle Kommunikation. Im November 2011 leitete sie den Didaktik-Dialog „Zukunft ist jetzt. Politische und kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung.“

Bianca Fischer ist Bildungsreferentin der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) u.a. im Bereich Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie vertritt die BKJ am Runden Tisch zur UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung und ist Gründungsmitglied der Arbeitsgruppe „BNE in der Internationalen Jugendarbeit“ bei der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB). Im November 2011 leitete sie den Didaktik-Dialog „Zukunft ist jetzt. Politische und kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung.“