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UNESCO und die kulturelle Bildung

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UNESCO und die kulturelle Bildung

Eckart Liebau Ernst Wagner

/ 8 Minuten zu lesen

Auf UNESCO-Ebene ist die kulturelle Bildung im Aufwind: Nicht zuletzt die Einrichtung von UNESCO-Lehrstühlen und die Veranstaltung zweier Weltkonferenzen innerhalb von vier Jahren zeigen, dass das Thema eine immer wichtigere Rolle spielt.

Warum UNESCO die kulturelle Bildung entdeckt hat

Die verheerenden Erfahrungen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg führten nicht nur zur Gründung der Vereinten Nationen/UN. Schnell entstand auch der Wunsch nach einer Organisation, die - unter dem Dach der UN - die Durchsetzung der Menschenrechte, die Förderung einer "Kultur des Friedens und der Demokratie" und des Rechts auf Bildung vorantreiben sollte. Die UNESCO, 1945/1946 gegründet, nahm sich dies vor allem in drei Bereichen vor: Bildung, Wissenschaft und Kultur (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization).

Bekannt wurde die UNESCO zunächst vor allem durch die Maßnahmen zum Schutz von Kulturgut, erst durch die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten (1954), später durch die Welterbe-Konvention ("Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt", 1972). Doch Schutz von Bedrohtem, Bewahrung von Erhaltenswertem muss immer auch in eine nach vorne, in die Zukunft schauende, sowie eine bildungsorientierte Strategie eingebunden sein. Wie eng der Zusammenhang zwischen Bewahrung objektiven Kulturguts und der Bildung subjektiver Haltungen in der Bevölkerung ist, zeigte sich 2008/2009 in Dresden: Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich in einem demokratischen Verfahren für den Bau einer Brücke über die Elbe entschieden und damit nicht nur die Störung der als Welterbe geschützten Kulturlandschaft Dresdner Elbtal in Kauf genommen, sondern zugleich auch die mit der Entscheidung verbundene Aberkennung des Titels "Welterbe". Verkehrsvorteile wogen offensichtlich schwerer als Kultur- und Anerkennungsverlust. War das ein Versagen kultureller Bildung?

Wenn geschützte Kultur darüber hinaus nicht nur bewahrt, sondern auch noch gefördert und weiterentwickelt werden soll, sind entsprechende Bildungsprozesse unabdingbar. So kommt an dieser entscheidenden Stelle, auch unter dem Gesichtspunkt der UNESCO-Ziele, die kulturelle Bildung ins Spiel, die die Scharnierstelle zwischen Kunst/Kultur auf der einen und Bildung/Erziehung auf der anderen Seite darstellt (Analoges gilt auch für die Politische Bildung oder für eine Bildung im Hinblick auf Nachhaltigkeit). Doch für die "ressortübergreifende" kulturelle Bildung wurde selbst bei der UNESCO bislang noch kein systematisch sinnvoller Ort gefunden - wie auch bei fast allen nationalen Regierungen weltweit: Einmal gehört sie zur Kulturabteilung, einmal zur Bildung. Die Schaffung von UNESCO-Lehrstühlen zur kulturellen Bildung bietet hier eine elegante, ressortunabhängige Perspektive. Der weltweit zweite befindet sich seit 2010 in Deutschland, an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die UNESCO-Weltkonferenz 2006 von Lissabon und die Road Map for Arts Education

Die UNESCO hat schon früh die Bedeutung und das Potenzial von kultureller Bildung erkannt, nicht nur für den sozialen Zusammenhalt von Gesellschaften, sondern auch für eine "Kultur des Friedens". So hat der damalige Generaldirektor Federico Mayor bereits 1999 gefordert: "In einer Zeit, in der sich die Familien und die sozialen Strukturen ändern – häufig mit negativen Konsequenzen für die Kinder, muss die Schule des 21. Jahrhunderts in der Lage sein, die damit entstehenden, neuen Aufgaben zu bewältigen. Dies gelingt am besten, wenn das Unterrichten von künstlerischen Werten und Themen einen besonderen Ort bekommt. Auf diese Weise kann die Kreativität, eine der herausragenden Eigenschaften des Menschen, gefördert werden. Kreativität ist unsere Hoffnung!"

Seit dieser ersten programmatischen Äußerung des damaligen UNESCO-Generaldirektors Mayor hat die internationale Organisation Symposien und Konferenzen zum Thema kulturelle Bildung veranstaltet, die schließlich in der ersten World Conference on Arts Education 2006 in Lissabon gipfelten (Bei solchen Titeln ist immer zu bedenken, dass der weite Begriff "Kulturelle Bildung", den wir in der deutschen Sprache mittlerweile vorrangig nutzen, nicht identisch mit dem engeren, trennschärferen und auch pragmatischeren Begriff der "Arts Education" ist, einer "Erziehung mit den und durch die Künste", einer künstlerischen Bildung).

In Lissabon diskutierten ca. 1000 Expertinnen und Experten aus etwa 100 Ländern vier Tage lang Fragen der künstlerischen bzw. kulturellen Bildung. "Dass das geschehen ist ..., ist von großer Bedeutung. Denn alleine dieses Stattfinden belegt die hohe Relevanz, die man international der Rolle von Kunst und Kultur in Bildungs- und Erziehungsprozessen zubilligt. Diese Anerkennung kultureller Bildung wird noch dadurch verstärkt, dass die Weltkonferenz keine einmalige Veranstaltung war, sondern eingebettet ist in einen mehrjährigen Prozess, der seit den späten 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts deutlich an Fahrt gewonnen hat", so Max Fuchs, Vorsitzender des Deutschen Kulturrats und Direktor der Akademie Remscheid .

Die UNESCO Weltkonferenz 2010 von Seoul



Bereits 2010 trafen sich dann wiederum Experten und Regierungsvertreter zu einer zweiten UNESCO-World Conference on Arts Education, dieses Mal in Seoul, Südkorea. Titelte Max Fuchs noch 2006 "Rückenwind für die kulturelle Bildung", so konnte er 2010 schon von einer "dauerhaften Brise" sprechen. Seitdem hat die kulturelle Bildung in Deutschland und weltweit mit der UNESCO einen mächtigen Partner gewonnen, der gerade durch die Internationalisierung der Projekte und Debatten wichtige fachliche und inhaltliche Impulse bringt.

So war in Seoul z. B. deutlich zu spüren, dass die hierzulande weit verbreiteten Legitimationsdiskurse im Bereich der kulturellen Bildung weltweit kaum eine Rolle spielen. In Deutschland herrscht dagegen oft genug ein Jammern über die Marginalisierung auf der einen Seite oder aber ein inflationäres Glaubensbekenntnis zur überhöhten Bedeutung kultureller Bildung auf der anderen. In Seoul behauptete sich die kulturelle Bildung selbstbewusst und selbstverständlich – gerade auch im Blick auf extrem kritische Felder: etwa in Ländern mit Kriegs- oder Bürgerkriegsverhältnissen, in sozialen Brennpunkten oder in posttraumatischen Situationen. Diese Themen waren auch im Konferenzprogramm als "Tagesthemen" prominent platziert. In diesem Sinne trat auch die 2006 noch dominierende Schulorientierung zurück. Kulturelle Bildung wird - vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern - zunehmend unabhängig von Trägern im Kontext politischer Bildung verstanden: weg von glänzenden Highlights hin zu elementaren Fragestellungen. "Education for all", "Bildung für nachhaltige Entwicklung" oder "Bildung im Zeitalter der Globalisierung" erhalten so in der UNESCO-Perspektive eine wichtige inhaltliche und qualitative Füllung. Es geht darum, den Menschen elementare und fundamentale Wahrnehmungs-, Darstellungs-, Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten zugänglich zu machen, und zwar im Kontext der globalen und der regionalen Kulturen.

Ein gutes Beispiel für die Breite der inhaltlichen und methodischen Ansätze lieferte auch das Gastgeberland. Bei einem Besuch des Nationalmuseums für Moderne Kunst in Seoul empfing der Direktor, dessen Biografie allein zunächst Verwunderung auslöste. In den 1960er- und 1970er-Jahren als Ingenieur auf Baustellen im Mittleren Osten, während der großen Asienkrise Minister für Telekommunikation, ist er seit der Gründung vor gerade mal fünf Jahren der Leiter des Nationalmuseums. Er formulierte den Kontext der aktuellen Bemühungen der koreanischen Regierung um die kulturelle Bildung: "Wenn Sie schauen, aus welcher Region in den letzten Jahren die meisten Innovationen kamen und unter welchen Umständen sie dort entstanden, dann stellen Sie fest, dass es die Underground- und Hippiekultur und dass es ein spezifischer Umgang mit Kunst und Kultur waren, die in Kalifornien eine Atmosphäre von Kreativität prägten. Diese machte Silikon-Valley erst möglich. Auch Korea muss zunehmend auf Kreativität setzen. Nur der Verkauf billiger technischer Geräte trägt nicht mehr lange."

Die Seoul-Agenda

Die Konferenz in Seoul endete nicht nur mit der Einladung der kolumbianischen Regierung zu einer nächsten Weltkonferenz nach Bogota. Die für Weltkonferenzen ungewöhnlich kurzen Abstände zeigen die Dynamik des Felds. Am Ende der Konferenz wurde auch eine "Seoul-Agenda" vorgestellt, die auf wenigen Seiten die Position der UNESCO zur kulturellen Bildung beschreibt und Forderungen ableitet. Die "Seoul-Agenda - Entwicklungsziele für Kulturelle Bildung" appelliert an die UNESCO-Mitgliedsstaaten, die Zivilgesellschaften, Organisationen und Communities, die vorgeschlagenen Ziele, Strategien und Aktionsfelder umzusetzen. Dies sei dringend nötig, um das ganze Potenzial guter kultureller Bildung für die notwendige Erneuerung der Bildungssysteme einzusetzen, um entscheidende soziale und kulturelle Ziele für alle und in allen Altersstufen zu erreichen. Dementsprechend fordert die Seoul-Agenda das Erreichen von drei Zielen:

  1. sicherzustellen, dass kulturelle Bildung konzeptionell wie bei der tatsächlichen Durchführung hohen Standards folgt;

  2. sicherzustellen, dass alle Menschen Zugang zu einer solchen kulturellen Bildung haben und so die Grundlage für die qualitative Erneuerung von Bildungssystemen gelegt wird;

  3. kulturelle Bildung zur Lösung heutiger sozialer und kultureller Herausforderungen zu nutzen.

Im Oktober 2010 hat der Exekutivrat der UNESCO einstimmig beschlossen, den Mitgliedsstaaten die Umsetzung der Seoul-Agenda zu empfehlen. Mit einem ersten Ansatz zu einem weltweiten Monitoring dieser Umsetzung bekommt die Empfehlung nun auch einen entscheidenden Impuls zur Umsetzung in Deutschland und weltweit. Die Initiative, ein solches weltweites Monitoringsystem für kulturelle Bildung auf die Beine zu stellen, wurde bereits in Seoul von deutschen Teilnehmern eingebracht. Die Einladung zu einem ersten Treffen der UNESCO-Lehrstühle und UNESCO-Observatories sowie von Experten und Forschern erfolgte für Mai 2011 nach Deutschland; sie zielt auf die Einrichtung eines internationalen Expertenrates zur Vorbereitung eines entsprechenden weltweiten Monitoring-Systems zur kulturellen Bildung.

Die UNESCO Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen Die deutsche Regierung hat 2007 das "Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen" ratifiziert. Kulturelle Bildung wird auch in diesem Dokument deutlich angesprochen: Die beigetretenen Staaten verpflichten sich, das Verständnis für kulturelle Vielfalt in der Öffentlichkeit ihres Landes u. a. durch Bildungsprogramme zu fördern (Artikel 10 der Konvention). 2009 erarbeiteten Experten der Bundesweiten Koalition Kulturelle Vielfalt ein "Weißbuch" zu diesem Übereinkommen, das auch ein Kapitel zur kulturellen Bildung beinhaltet. Hauptkritikpunkt dort war (und ist) das Fehlen einer zwischen den Ressorts und den Ebenen abgestimmten Strategie zur Umsetzung des Übereinkommens. Die kulturelle Bildung in Deutschland kann, gerade in diesem sensiblen Feld, nicht in der Phase einzelner Leuchtturmprojekte, deren Erfahrungen nicht generalisiert werden können, stecken bleiben.

Der Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen stellt für die kulturelle Bildung und für alle Akteure, die in diesem Feld aktiv sind, eine positive und produktive Herausforderung dar, kulturelle Bildungsaktivitäten systematisch neu zu fokussieren. Dann kann kulturelle Bildung dazu beitragen, Menschen jeden Alters in ihrem Leben in einer globalisierten Welt unterstützend zu begleiten, in der sich kulturelle Bewegungen wie gegenseitige Beeinflussungen, Spannungen, Konflikte, Übernahmen und die Bildung von Hybridkulturen immens beschleunigt haben. Auch deshalb haben sich wichtige Akteure zusammen getan, um die Initiative zu einem Modellversuch "Kulturelle Bildung im Zeitalter der Globalisierung" (kubig) auf den Weg zu bringen. Bei diesem wird es darum gehen, systematisch Möglichkeiten zu entwickeln, wie sich kulturelle Bildung neu definieren muss, wenn die Globalisierung in Deutschland als Migrationsgesellschaft angekommen ist und wenn andererseits kulturelle Bildung an den Grenzen des Nationalstaats nicht Halt macht. Und es geht darum, Qualitätsstandards in diesem Bereich zu finden.

Das Thema kulturelle Bildung bei der UNESCO ist eine Erfolgsgeschichte, so meint auch Max Fuchs: "Eine 'Weltgemeinschaft Kulturelle Bildung' hat sich formell konstituiert, gemeinsame Interessen, Probleme und Aufgaben wurden definiert, Kontakte wurden geknüpft und man hat auch für die deutsche Debatte einen qualifizierten Referenzrahmen gefunden, der die Bewertung der eigenen Ansätze erleichtert."

Quellen

Deutsche UNESCO-Kommission, UNESCO today – No 1/2010; Arts Education for All: What Experts in Germany are Saying; Externer Link: www.unesco.de/uh1-2010.html [Stand: 15. 05. 2010]

Max Fuchs, Rückenwind für die Kulturelle Bildung, 2006 (Externer Link: http://www.bkj-remscheid.de/index.php?id=255) [Stand: 15. 05. 2010]

Seoul Agenda: Goals for the Development of Arts Education: Externer Link: http://portal.unesco.org/culture/en/ev.php-URL_ID=41117&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html [Stand: 15. 05. 2010]

Kulturelle Vielfalt gestalten. Handlungsempfehlungen aus der Zivilgesellschaft zur Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005) in und durch Deutschland. Weißbuch. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission, 2009.

Prof. Dr. Eckart Liebau, Studium der Pädagogik, Soziologie, Politik und Geschichte in Göttingen und München, seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik II an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Sprecher des 2005 gegründeten Interdisziplinären Zentrums Ästhetische Bildung der FAU; Leiter der 2009 gegründeten Akademie für Schultheater und Theaterpädagogik; seit 2010 Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Kulturelle Bildung an der FAU.

Dr. Ernst Wagner, Studium an der Kunstakademie München, Zweitstudium Kunstgeschichte, Philosophie, Volkskunde (Promotion), tätig u.a. als Lehrer in der Schule, als Fachreferent am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München und als Executive Coordinator am UNESCO-Lehrstuhl für Kulturelle Bildung an der Universität Erlangen-Nürnberg.