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Der Prinzessinnengarten als Ort des informellen Lernens

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Der Prinzessinnengarten als Ort des informellen Lernens

Marco Clausen

/ 4 Minuten zu lesen

Kunst- und Bildungsprojekte, soziale Begegnungen und gemeinsames praktisches Arbeiten mit Erde, Werkzeug und Pflanzen – im Prinzessinnengarten wird gelernt und gelehrt. Das gemeinsame Gärtnern führt unweigerlich zur Auseinandersetzung mit Fragen unserer Nahrungsmittelerzeugung, unseres Umgangs mit der Natur und unseres Zusammenlebens.

Prinzessinnengarten (© Marco Clausen/ Prinzessinnengarten)

Der Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg ist eine soziale und ökologische urbane Landwirtschaft. Hier wird gemeinschaftlich, selbstorganisiert und selbstfinanziert ein besonderer grüner Ort geschaffen. Es gedeiht eine Vielfalt von Kulturpflanzen ebenso wie eine Vielfalt sozialer Begegnungen, Beziehungen und Kooperationen.

Vor allem aber bietet dieser urbane Garten unterschiedlichste Gelegenheiten zur Teilhabe und zum gemeinschaftlichen Lernen. Der Prinzessinnengarten wurde nicht von professionellen Landschaftsarchitekten, Planern oder Landwirten ins Leben gerufen, er ist das Werk von Dilettanten und Autodidakten. Dies prägt die Arbeit im Garten und begünstigt unkonventionelle Herangehensweisen ebenso wie die Bereitschaft zu Kooperationen und zum kontinuierlichen Dazulernen. Lernen ist hier ein nicht-hierarchischer, kooperativer, praxis- und erfahrungsorientierter Prozess, bei dem unterschiedlichste Kompetenzen sich verbinden und ergänzen.

Es gibt ältere Menschen, die im Garten ihr Wissen um traditionelle Kulturtechniken wie das Kochen, Einmachen oder das Anlegen von Mischkulturen weitergeben. Sie treffen im Garten auf Studien- und Forschungsprojekte, die sich mit Nutzung von Abwässern oder nachhaltiger Stadtentwicklung beschäftigen oder auf eine Künstlerin, die sich mit dem Thema Agrobiodiversität von Pflanzen auseinandersetzt.

Gartenarbeitstag

Menschen einbinden (© Marco Clausen/ Prinzessinnengarten)

Unser wichtiges Instrument, um Menschen einzubinden und Situationen informellen Lernens zu schaffen, ist der regelmäßig stattfindende Gartenarbeitstag. Hier kann jede/-r, der Interesse hat, sich aktiv im Garten engagieren und gärtnerische Erfahrungen und Kenntnisse sammeln. In diesen offenen Beteiligungssituationen wechselt man schnell die Rollen und wird vom Lernenden zum Lehrer, wobei neben den rein gärtnerischen Kompetenzen oft auch die sozialen gefordert werden. Neben den Gartenarbeitstagen finden unterschiedliche Workshops statt. Diese reichen von landwirtschaftlich-gärtnerischen Fragen wie Biodiversität, Bienenhaltung, Kartoffelanbau oder Kompostiermethoden bis hin zum Selbstbau von Fahrrädern oder europäischen Workshops zur informellen Bildung und zum lokalen Empowerment.

Simpel, vielfältig und nachhaltig

Die Besonderheit eines solchen offenen Ortes der Partizipation, wie es der Prinzessinnengarten ist, besteht darin, dass sich unterschiedliche Menschen, Initiativen und Projekte so spontan hier ansiedeln wie die Ruderalvegetation, d.h. jene Pflanzen, die als erste auf Brachflächen zu finden sind. Sie werden ebenso angezogen durch thematische Überschneidungen wie durch die Atmosphäre des Unfertigen und Improvisierten. So ist für die vielfältigen Aktivitäten im Prinzessinnengarten eine bestimmte Haltung charakteristisch: Arbeiten mit dem, was da ist; Selbermachen statt fertig kaufen; Vielfalt statt Monokulturen; Kenntnisse aneignen und weitergeben. Die Projekte, die sich hier ansiedeln, tragen in der Regel zu nachhaltigeren Lebensstilen und zu einem intelligenteren Umgang mit Ressourcen bei. Es sind Lowtech-Ansätze, die in unserem Alltagsleben handhabbar sind und sich ohne größeren finanziellen Aufwand und ohne Expertenwissen nachahmen lassen. Diese Projekte sind meist praktischer Natur, befragen aber gleichzeitig unsere Art zu leben. Neben der Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten und traditionellen Kulturtechniken geht es oft auch darum, wie wir lokal, selbstorganisiert und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln drängenden Herausforderungen unserer Zeit begegnen können.

Künstlerisch-politisches Kartoffelprojekt

The Order of Potato (© Marco Clausen/ Prinzessinnengarten)

Ein Beispiel ist das Projekt "The Order of Potato", in dem eine international arbeitende Künstlerin gemeinsam mit Gärtnern aus dem Prinzessinnengarten sechzehn teilweise jahrhundertealte Kartoffelsorten kultiviert, deren kommerzielle Verbreitung durch Regulierung zugunsten von Saatgutfirmen unterbunden wird. Die Menschen, die sich während eines Gartenarbeitstages um die Kartoffeln kümmern, lernen dabei nicht nur, wie man sie in einem Reissack auf dem eigenen Balkon anbaut oder am besten vor der Kartoffelfäule schützt. Sie kommen auch in Kontakt mit oft wenig beachteten Themen wie den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die den Umgang mit unserem agrikulturellen Erbe bestimmen. Sie hören vom Verlust der Vielfalt von Kulturpflanzen und den möglichen Folgen der Aussaat genetisch veränderter Pflanzen. Verbindungen werden hergestellt zwischen der vermeintlich so einfachen Knolle und historischen Prozessen wie der Kolonisierung Südamerikas oder der Versorgung großer Bevölkerungsgruppen zur Zeit der Industrialisierung. Neben der Arbeit und dem Wissenserwerb hat das Ganze aber auch eine genussvolle Seite. Am Ende jeder Saison gibt es ein Kartoffelfest, bei dem die biologische Vielfalt mit der kulinarischen verknüpft wird und Gastköche zeigen, wie die Erdäpfel in den unterschiedlichsten Regionen der Welt zubereitet werden.

Gartenarbeit weckt viele Fragen

Gerade die aktive Verbindung zur Produktion von Lebensmitteln, die der Garten vor der eigenen Haustür sinnlich erfahrbar herzustellen vermag, eröffnet ein weites Feld von Fragen. Welche Auswirkungen hat unsere Art zu essen auf den Klimawandel? Welche Beziehung stellt das Gericht auf unserem Teller zwischen uns und dem rapiden Verschwinden der Artenvielfalt, der Monopolstellung einzelner globaler Akteure der Agrarindustrie oder der maßlosen Verschwendung von Ressourcen her? Diese Fragen stellen sich weniger auf theoretischer, als auf einer sehr greifbaren Ebene, bei der Suche nach geeigneten Böden, nach regionalen Produzenten und saisonalen Produkten, nach vermehrungsfähigem Saatgut oder beim Preisvergleich mit den Waren aus dem Supermarkt. Auch wenn der Garten selbst all diese Probleme nicht zu lösen vermag, so trägt er vielleicht doch zu einem kulturellen Wandel bei, indem er sinnlich erfahrbar zeigt, dass es vielleicht auch anders gehen könnte.

Der Text beruht auf unserem Buch: "Prinzessinnengarten. Anders gärtnern in der Stadt“, hg. von Nomadisch Grün, erschienen bei Dumont 2012

Fussnoten

Marco Clausen, nach einem Studium der Geschichtswissenschaft und verschiedenen Tätigkeiten unter anderem als Barmanager und Fotograf gründete er 2009 zusammen mit Robert Shaw die gemeinnützige Organisation "Nomadisch Grün" mit dem Ziel, städtische Brachflächen in soziale Nutzgärten zu verwandeln. 2009 baute er den Prinzessinnengarten mit auf. Er organisiert Veranstaltungen und Workshops zu Themen wie Stadt und Ernährung, Jugendbeteiligung und urbane Landwirtschaft im europäischen Kontext.