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Südchinesisches Meer: historische und geopolitische Ursachen und Hintergründe der regionalen Konflikte | Kriege und Konflikte | bpb.de

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Südchinesisches Meer: historische und geopolitische Ursachen und Hintergründe der regionalen Konflikte

Jörn Dosch

/ 9 Minuten zu lesen

Strategische Seewege, rivalisierende Gebietsansprüche und der Wettbewerb um regionale Vorherrschaft machen das Südchinesische Meer zu einem der brisantesten Konflikträume des 21. Jahrhunderts.

Die halbtauchfähige Offshore-Bohrplattform „COSL Prospector“ läuft am 30. April 2015 aus Yantai in der ostchinesischen Provinz Shandong aus in Richtung Südchinesisches Meer, um dort Öl- und Gasvorkommen zu erschließen. (© picture-alliance/dpa)

Das Südchinesische Meer zählt zu den geopolitisch umstrittensten Regionen der Gegenwart. In kaum einem anderen maritimen Raum überlagern sich Konflikte um strategisch wichtige Seewege, wirtschaftliche Ressourcen, das internationale Seerecht und die regionale Ordnung in vergleichbarer Weise. Die Konfliktparteien sind vor allem die Volksrepublik China, Taiwan, Vietnam, die Philippinen, Malaysia und Brunei. Im Mittelpunkt stehen die Paracel-Inseln, die Spratly-Inseln, das Scarborough-Riff sowie die Pratas-Inseln. Besonders das Spratly-Archipel besitzt zentrale Bedeutung. Es erstreckt sich über etwa 1.000 Kilometer im südlichen Teil des Südchinesischen Meeres und umfasst mehr als 250 überwiegend kleine Inseln, Atolle, Sandbänke und Riffe, von denen viele nur bei Ebbe aus dem Wasser ragen.

Die strategische Bedeutung des Südchinesischen Meeres ergibt sich zunächst aus seiner geografischen Lage. Das Gebiet verbindet den Pazifik mit dem Indischen Ozean und bildet damit einen zentralen Abschnitt der Handelsrouten zwischen Ostasien, Südostasien, Europa und dem Nahen Osten. Jährlich passieren rund 60.000 Handelsschiffe diese Gewässer, die Waren im Wert von rund einem Drittel des globalen Handelsvolumens transportieren. Für Japan, Südkorea und Taiwan besitzt das Gebiet besondere Bedeutung, da ein erheblicher Teil ihrer Energieimporte aus dem Nahen Osten über die Straße von Malakka und anschließend durch das Südchinesische Meer transportiert wird. Auch Chinas Rohstoff- und Energieversorgung hängt in hohem Maße von der Nutzung dieser maritimen Handelsrouten ab.

Zusätzlich besitzt die Region wirtschaftliche Bedeutung durch Fischerei und vermutete Rohstoffvorkommen. Die Fischgründe des Südchinesischen Meeres zählen zu den produktivsten Asiens und sind für Millionen Menschen in den Küstenstaaten essenziell. Hinzu kommen Öl- und Gasvorkommen, deren tatsächlicher Umfang jedoch umstritten ist. Chinesische Studien geben zum Teil bis zu fünfzigfach größere Reserven an als aktuelle internationale Schätzungen. Die U.S. Energy Information Administration geht von etwa 3,6 Milliarden Barrel Erdöl sowie rund 1,14 Billionen Kubikmetern Erdgas aus. Dies entspräche lediglich etwa 0,2 % der weltweiten Erdöl- und rund 0,6 % der Gasreserven. Die Ressourcenfrage erklärt den Konflikt daher nur bedingt, verstärkt aber die Konkurrenz um Kontrolle, Zugang und Rechtsansprüche.

Historische Hintergründe: vom öffentlichen Gut zum zwischenstaatlichen Zankapfel

Historisch betrachtet existierte im Südchinesischen Meer vor dem 20. Jahrhundert keine dauerhafte territoriale Kontrolle im modernen staatsrechtlichen Sinn. Fischer und Händler aus China, Vietnam und anderen Küstenregionen nutzten die Gewässer seit Jahrhunderten, ohne dass daraus klar abgegrenzte Souveränitätsansprüche entstanden, wobei die offizielle chinesische Sichtweise hiervon in wesentlichen Teilen abweicht. Erst im Zusammenhang mit Kolonialismus und moderner Staatlichkeit entwickelten sich territoriale Ansprüche auf die Inselgruppen. Erstmals erhob Frankreich als Kolonialmacht in Indochina Forderungen auf die Paracel- und Spratly-Inseln und gliederte diese 1932/33 in die Verwaltung des Protektorats Vietnam ein.

Während des Zweiten Weltkriegs besetzte Japan die Paracel- und Spratly-Inseln und nutzte sie militärisch im Rahmen seiner Expansion nach Südostasien. Nach der Niederlage verlor Japan 1951 die Inseln durch den Friedensvertrag von San Francisco. Da jedoch ungeklärt blieb, wer die Kontrolle über die Inselgruppen übernehmen sollte, beanspruchte der philippinische Unternehmer Tomás Cloma 1956 Teile der Spratly-Inseln als Niemandsland (Terra nullius) und übertrug 1974 auf Druck der Regierung seine Ansprüche an die Philippinen. Diese integrierten die Inseln 1978 per Dekret in ihr Staatsgebiet. Der philippinischen Inbesitznahme blieb jedoch die internationale Anerkennung versagt, sodass das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstandene Machtvakuum zur Grundlage der konkurrierenden Gebietsforderungen verschiedener Staaten wurde.

Situation im Südchinesischen Meer (mr-kartographie) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Besonders folgenreich war die 1947 von der Republik China (1912-1949) veröffentlichte Karte mit der sogenannten Elf-Striche-Linie. Nach 1949 übernahm die Volksrepublik China diese Kartentradition weitgehend; später entwickelte sich daraus die bekannte Neun-Striche-Linie (Nine-dash line), in Karten seit 2023 als Zehn-Striche-Linie dargestellt. Das auf diese Weise markierte Gebiet umfasst ungefähr 90 % des Südchinesischen Meeres und bildet den Kern chinesischer historischer Forderungen. Auch Taiwan hält grundsätzlich an ähnlichen Ansprüchen fest, da beide Regierungen auf dieselben historischen Karten der Republik China zurückgreifen. Nach offizieller Darstellung Pekings hat China die Inseln und Riffe der Region bereits seit Jahrhunderten entdeckt, genutzt und verwaltet. Historische Forschungen zeigen jedoch, dass diese Ansprüche erst im frühen 20. Jahrhundert politisch konstruiert wurden und wesentlich auf kartographischen Missdeutungen, fehlerhaften Übersetzungen sowie nationalistischen Ansprüchen der 1930er und 1940er Jahre beruhen.

1970er Jahre: Kampf um die Aufteilung der Inseln, Riffe und Sandbänke

Eine neue Dynamik erhielt der Konflikt in den 1970er Jahren. Zum einen rückten infolge der Ölkrisen mögliche Rohstoffvorkommen stärker in den Mittelpunkt. Zum anderen entwickelte sich das moderne internationale Seerecht weiter. Bei den 1973 begonnenen Seerechtsverhandlungen der Vereinten Nationen zeichnete sich ab, dass Küstenstaaten ein Küstenmeer von bis zu zwölf Seemeilen sowie ausschließliche Wirtschaftszonen von bis zu 200 Seemeilen beanspruchen und nutzen können. Innerhalb dieser Zonen sollten Staaten Rechte zur wirtschaftlichen Nutzung der maritimen Ressourcen erhalten.

Im Südchinesischen Meer führt das 1982 vereinbarte Abkommen (United Nations Convention on the Law of the Sea – UNCLOS III) zwangsläufig zu Überschneidungen. Die philippinische ausschließliche Wirtschaftszone westlich von Palawan kollidiert beispielsweise mit chinesischen Ansprüchen auf dem Mischief-Riff und dem Second Thomas Shoal; vietnamesische Ansprüche überschneiden sich mit chinesischen Ansprüchen auf Grundlage der Neun-Striche-Linie; auch Malaysia, Brunei und Indonesien sind indirekt betroffen. Angetrieben durch die Befürchtung bei der Neuaufteilung der Küstengewässer zu spät zu kommen, begannen die Anrainerstaaten, einzelne Inseln, Atolle und Riffe dauerhaft militärisch zu besetzen.

1974 eroberte China nach bewaffneten Auseinandersetzungen mit Südvietnam die Paracel-Inseln vollständig. Im Gebiet der Spratly-Inseln bauten Vietnam, die Philippinen, Malaysia und Taiwan in den 1970er und 1980er Jahren ihre Präsenz aus. 1988 kam es am Johnson South Reef zu schweren Gefechten zwischen China und Vietnam, bei denen zahlreiche vietnamesische Seeleute getötet wurden. 1995 besetzte China das Mischief-Riff innerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone der Philippinen. Besondere symbolische Bedeutung erlangte später das Second Thomas Shoal. Dort setzten die Philippinen 1999 ein Landungsschiff auf Grund, um ihre territoriale Präsenz dauerhaft zu demonstrieren. Das Schiff, die BRP Sierra Madre, dient bis heute als philippinischer Militärposten und wurde wiederholt zum Schauplatz von Konfrontationen zwischen chinesischen und philippinischen Schiffen.

Die aktuelle Lage im Südchinesischen Meer ist entsprechend fragmentiert. China beherrscht die Paracel-Inseln vollständig, während Vietnam und Taiwan ihre Souveränitätsansprüche weiterhin aufrechterhalten. In den Spratly-Inseln kontrolliert Vietnam die meisten besetzten Positionen, darunter Inseln, Riffe und Untiefen. China hält mehrere strategisch bedeutende und künstlich ausgebaute Riffe, darunter Fiery Cross-Riff, Subi-Riff und Mischief-Riff. Taiwan kontrolliert Itu Aba bzw. Taiping-Insel, die größte natürliche Insel der Spratlys. Die Philippinen halten mehrere Stützpunkte, darunter die Thitu-Insel (Pag-asa). Malaysia besetzt einige südliche Positionen der Spratly-Inseln, während Brunei vor allem maritime Zonen beansprucht, jedoch keine vergleichbare militärische Präsenz aufweist.

2010er Jahre: Chinas Streben nach regionaler Dominanz

Seit den 2010er Jahren beschleunigte sich die Militarisierung. Zwischen 2013 und 2016 baute China sieben zuvor überwiegend unbewohnte Riffe massiv zu künstlichen Inseln aus. Dort entstanden Landebahnen von über drei Kilometern Länge, Häfen, Radarstationen, Raketenstellungen sowie weitere militärische Infrastruktur. Dadurch verbesserte China seine Fähigkeit zur Überwachung und Kontrolle des südchinesischen Meeresraums erheblich. Die neu entstandenen Inseln dienen nicht nur symbolischen Souveränitätsansprüchen, sondern ermöglichen auch die dauerhafte Stationierung von Marine-, Luftwaffen- und Küstenwachkräften. Aus chinesischer Perspektive handelt es sich dabei um notwendige Maßnahmen zur Sicherung maritimer Interessen und Handelswege. Andere Staaten sehen darin hingegen einen Versuch regionaler Machtausdehnung und militärischer Dominanz.

Auch Vietnam begann in jüngerer Zeit mit umfangreichen Landaufschüttungen und dem Ausbau militärischer Infrastruktur auf mehreren von ihm kontrollierten Riffen. Satellitenaufnahmen zeigen, dass Vietnam insbesondere seit 2023 neue Flächen in den Spratly-Inseln geschaffen und Flugpisten erweitert hat. Ziel dieser Maßnahmen ist die Verbesserung der Verteidigungs- und Überwachungsfähigkeiten gegenüber China.

Macht vs. Recht: Zwei widerstreitende regionale Ordnungslogiken

Im Kern konkurrieren damit zwei unterschiedliche Ordnungslogiken: moderne seerechtliche Ansprüche auf Grundlage von UNCLOS versus historisch begründete Rechte, auf die sich vor allem China beruft. Diese Spannung zeigte sich deutlich im Schiedsverfahren der Philippinen gegen China vor dem Ständigen Schiedshof in Den Haag. Das Tribunal entschied 2016, dass historische Ansprüche innerhalb der chinesischen Neun-Striche-Linie keine Rechtsgrundlage besitzen, soweit sie über die Regelungen von UNCLOS hinausgehen. Gleichzeitig stellte das Gericht fest, dass keine der untersuchten geologischen Spratly-Formationen eine vollwertige Insel im Sinne von Artikel 121 UNCLOS darstellt, die eine eigene ausschließliche Wirtschaftszone begründen könnte. China erkennt diesen Spruch jedoch bis heute nicht an, weshalb die rechtliche Klärung politisch nur begrenzte Wirkung entfaltet. Hinzu kommt, dass sich der Ständige Schiedshof nicht mit der Frage der Souveränität über die Inseln auseinandergesetzt hat und auch keine Seegrenzen definierte.

Geopolitisch besitzt das Südchinesische Meer für China die Funktion eines strategischen maritimen Vorfeldes. Vor der Insel Hainan befinden sich wichtige chinesische Marine- und U-Boot-Stützpunkte. Aus chinesischer Sicht bedrohen die Militärpräsenz, Aufklärungstätigkeiten und potenzielle Blockademöglichkeiten anderer Staaten die eigene nationale Sicherheit. Die Kontrolle über das Südchinesische Meer soll deshalb nicht nur Handelswege absichern, sondern auch den strategischen Handlungsspielraum der chinesischen Marine erweitern. Für die kleineren Anrainerstaaten stehen dagegen vor allem die Verteidigung ihrer wirtschaftlichen Nutzungsrechte, Fischereizonen und staatlichen Souveränität im Mittelpunkt. Vietnam betrachtet den Konflikt zusätzlich im Kontext der historischen Spannungen mit China. Die Philippinen sehen insbesondere ihre westlich von Palawan gelegene Wirtschaftszone betroffen. Malaysia und Brunei verfolgen zurückhaltendere Strategien, bestehen jedoch ebenfalls auf ihren maritimen Ansprüchen.

Der Konflikt weist zudem ein stark asymmetrisches Machtverhältnis auf. China verfügt über erheblich größere militärische und wirtschaftliche Ressourcen als die übrigen Anspruchsteller. Diese setzen deshalb verstärkt auf internationales Recht, Diplomatie und externe Partnerschaften. Dabei spielen die USA eine zentrale Rolle, die zwar selbst keine territorialen Ansprüche im Südchinesischen Meer erheben, die Region aber traditionell als wesentlichen Bestandteil ihrer asiatisch-pazifischen Sicherheitsstrategie betrachten. Aus Sicht Washingtons darf das Südchinesische Meer nicht unter die vollständige Kontrolle einer einzelnen Macht geraten, da dies die Freiheit der Schifffahrt sowie die internationale Ordnung in der Region gefährden würde.

Auch die inzwischen alle elf Staaten Südostasiens umfassende Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) versucht seit den 1990er Jahren, die Konflikte diplomatisch einzuhegen. Die „ASEAN Declaration on the South China Sea“ von 1992 sowie die „Declaration on the Conduct of Parties“ von 2002 – beide von China mitgetragen und unterzeichnet – verpflichten die Beteiligten politisch zu Zurückhaltung und friedlicher Streitbeilegung. Über das wichtige rhetorische Bekenntnis zu diplomatischen Lösungen hinaus haben diese Abkommen bislang jedoch keine Wirkung entfalten können, da die Vereinbarungen rechtlich nicht bindend sind und die Interner Link: ASEAN-Staaten je nach eigenen Besitzansprüchen und mit Blick auf das jeweilige bilaterale Verhältnis zu China unterschiedliche Interessen verfolgen.

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Jörn Dosch ist Politikwissenschaftler. Seit 2013 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik und Entwicklungszusammenarbeit an der Universität Rostock. Er forscht unter anderem zu Sicherheitsfragen und den internationalen Beziehungen der asiatisch-pazifischen Region.