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Phänomenübergreifende Perspektiven gefordert, Islamismus weiterhin relevant | Infodienst Radikalisierungsprävention | bpb.de

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Phänomenübergreifende Perspektiven gefordert, Islamismus weiterhin relevant Entwicklungen im Themenfeld Radikalisierung

Redaktion Infodienst Radikalisierungsprävention

/ 6 Minuten zu lesen

Eine Infodienst-Umfrage unter Fachleuten der Radikalisierungsprävention im Juni 2020 zeigt: Die islamistische Szene verändert sich. Vor allem sogenannte legalistische Gruppierungen gewinnen an Relevanz. Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Verschwörungserzählungen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nehmen mehr Raum in der medialen und fachlichen Berichterstattung ein. Phänomenübergreifende Perspektiven werden von den Fachleuten dringend gewünscht.

Zwei leere blaue Sprechblasen auf weißem Untergrund. (© Bild von Kathleen Bergmann auf pixabay.com)

Bitte beachten Sie: Dieser Beitrag ist älter als fünf Jahre. Forschung, Fachdebatte oder Praxisansätze haben sich möglicherweise in der Zwischenzeit weiterentwickelt.

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Der inhaltliche Schwerpunkt des Infodienst Radikalisierungsprävention ist die Herausforderung durch Islamismus. Bis zu den islamistischen Anschlägen im Oktober des Jahres 2020 schien das Thema jedoch wieder in den Hintergrund gerückt zu sein. Im Fokus der Öffentlichkeit und der Berichterstattung standen vor allem Verschwörungsideologien, die in vielen Teilen der Gesellschaft anschlussfähig erscheinen, und rechtsextreme Gewalt.

Die Redaktion hat das zum Anlass genommen, im Juni 2020 acht Akteuren im Arbeitsfeld die folgenden Fragen zu stellen:

  • Welche Relevanz kommt aktuell dem Salafismus beziehungsweise dem Islamismus zu?

  • Was glauben Sie, wie sich die „Szene“ entwickeln wird?

  • Welche Themen und Trends werden für die Präventionsarbeit und die politische Bildung besonders relevant?

Die Statements der Befragten möchten wir mit Ihnen teilen. Da die Umfrage anonym erfolgte, gibt es keine Zuordnung der Beiträge zu Personen.

Wir würden gerne von Ihnen wissen: Teilen Sie die Einschätzungen der Akteure? Oder haben Sie eine andere Sichtweise auf die Entwicklung der islamistischen Szene? Wie schätzen Sie die Gefahr durch Radikalisierung und Extremismus in Deutschland ein? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an E-Mail Link: bpb.infodienst@contentity.de.

Die Bearbeitung von Islamismus bleibt wichtig

Antwort Expert/-in 1

Aktuell erleben wir eine Umstrukturierung der Szene (viele Verbote, Verhaftungen und Tote) und einen Rückzug in private Räume und das Internet. Auf entsprechende Entwicklungen müssen sich auch Präventions- und v. a. Beratungsangebote einstellen. Hinzu kommt, dass durch diese Verbote und Verhaftungen charismatische Führungspersonen und Strukturen weggebrochen sind, so dass die Anwerbung jenseits des Netzes deutlich erschwert ist. Dies bedeutet jedoch auch, dass Eltern und Fachkräfte Radikalisierungsprozesse zum Teil erst sehr spät erkennen.

Wirft man einen Blick auf die „Extremismusforschung“, so gab es in der Vergangenheit meist wellenartig auftretende Ideologien, die vor allem junge Menschen ansprachen. Diese hatten ihre Hochphase 10 bis 15 Jahre. Danach entstanden eher kleinere (militantere) Gruppen, die sich zum Teil in den Untergrund zurückzogen und vor allem mit Einzelaktionen noch auffielen. Die großen „Massen“ konnten danach nicht mehr mobilisiert werden. Es ist davon auszugehen, dass diese Entwicklung möglicherweise auch im Kontext des religiös begründeten Extremismus zutrifft. Dies deuten zumindest die bundesweit rückläufigen Beratungs-, Fortbildungs- und Workshopanfragen an. Der Höhepunkt des Phänomens als „Massenmobilisartor“ könnte vorbei sein.

Wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt, bleibt die Bearbeitung des Themas jedoch wichtig, damit nicht erneut aus einer kleinen Gruppe von radikalisierten Personen eine neue Welle beginnt. (Hier sei erinnert an die Kämpfer, die aus Jugoslawien Ende der 90er Jahre zurückkehrten, und in den ersten Jahren in Ulm/Neu-Ulm die deutschsprachige Szene mit „gründeten“.)

Phänomenübergreifende Unterrichtsmaterialien gewünscht

Antwort Expert/-in 2

Die Thematik ist an Schulen momentan nicht mehr so präsent wie vor einigen Jahren. Dies hat zum einen mit den politischen Entwicklungen und der Niederlage der Terrororganisation „IS“ in Syrien und im Irak zu tun. Zum anderen findet aber zum Teil bereits ein professionalisierter Umgang der Lehrkräfte mit dem Thema statt. Langsam wird die Thematik ein Teil der Beratungskonzepte und findet Eingang in pädagogische Handlungsfelder. Auch dies hat positive Auswirkungen auf den Schulalltag.

Der Einfluss des Salafismus ist bereits vor rund fünf Jahren zurückgegangen. Vor allem nach dem Aufstieg des „IS“ haben viele Eltern Prediger wie Pierre Vogel u. a. in einem kritischeren Licht wahrgenommen. Dies kann ich wiederholt aus Schüler:innen-Aussagen entnehmen.

Andererseits fand aber bei einigen wenigen eine weitere Radikalisierung statt. Es ist davon auszugehen, dass sich salafistische Zirkel zurückgezogen haben, aber weiterhin in nicht öffentlichen Räumen sehr aktiv sind. Es wird abgewartet, bis sich ein günstiger Zeitpunkt ergibt, um wieder öffentlich wirksam zu werden – eventuell dann in noch radikalerer Form.

Für die Primärprävention und die politische Bildung würde ich mir ein größeres Angebot zur phänomenübergreifenden Behandlung der Thematik wünschen: Unterrichtsmaterialien, die Radikalisierung, Fake News, Propaganda u. a. aus einem übergreifenden Blickwinkel behandeln, bei dem dann sowohl exemplarisch salafistische oder rechtsradikale, rechtspopulistische Phänomene aufgegriffen werden.

Verschwörungserzählungen führen zu Vertrauensverlust in staatliche Institutionen

Antwort Expert/-in 3

Die wahrgenommene Relevanz von Islamismus und Salafismus hat abgenommen. Auch die Behörden sprechen derzeit verstärkt über das Thema Rechtsextremismus und es werden Verstärkungen in diesem Bereich vorgenommen (personelle und materielle Ressourcen). Gleiches gilt auch für die Politik. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich weiterentwickelt und konzentriert sich nun mehr auf Rechtsextremismus, insbesondere unter der Fragestellung der Verbindungen in sicherheitsbehördliche und militärische Strukturen.

Insofern hat sich der Trend der diskursiven Stagnation und die mangelnde Fähigkeit zur „Neuerfindung“ in der islamistischen Szene fortgesetzt. Es gelingt kaum noch, neue Anhänger zu finden oder durch provokante Aktionen Aufmerksamkeit zu erregen.

Dennoch gibt es weiterhin einen festen und überzeugten Anhänger-Stamm der verschiedenen Strömungen. Insbesondere Bewegungen wie die Hizb ut-Tharir oder Furkan können weiterhin auf treue Mitglieder und Sympathisanten zählen und bei Bedarf recht breit zu Veranstaltungen und Demonstrationen mobilisieren.

Insgesamt scheint mir die Szene aber recht zersplittert und desillusioniert, zum einen wegen des hohen Repressionsdrucks in Deutschland und in Europa, aber auch wegen der Ereignisse in Syrien und Irak.

Ein Augenmerk politischer Bildungsarbeit sollte zukünftig in der Prävention von Verschwörungstheorien liegen (rechts, links, religiös, sonstige), die zunehmend zu einem Vertrauensverlust in staatliche Institutionen führen und damit tendenziell demokratiegefährdend wirken.

Handlungsbedarf in der Erwachsenenbildung

Antwort Expert/-in 4

  • Islamismus als eine Ausdrucksform von jugendkultureller Krisenverarbeitung (unter vielen anderen)

  • Wir-Ihr-Narrative und ideologische Komplexitätsreduktion werden mit Krisen wie Corona an Bedeutung gewinnen

  • Szenen werden sich weiter diversifizieren, stärkere Übergänge in andere Phänomenbereiche

  • Zunehmende Verbreitung entsprechender Ideologien im Erwachsenenalter, parallel zu Rechtspopulismus und Verschwörungstheorien (?)

  • Zunehmender Handlungsbedarf in der Erwachsenenbildung

  • Förderung von Handlungskompetenzen im Umgang mit komplexen und widersprüchlichen Lebenswirklichkeiten (Ambiguitätstoleranz) wird zum Leitgedanken von Prävention und politischer Bildung

„Grauzonen“: Ultrakonservative Religionsauslegungen und GMF-Elemente

Antwort Expert/-in 5

  • Gleichbleibende Relevanz, Fokus sollte mehr auf „Grauzonen“ gelegt werden, also Akteure, die nicht explizit zu Gewalt aufrufen, allerdings ultrakonservative Religionsauslegungen mit Elementen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verbinden

  • Verschwörungstheorien und Antisemitismus auch in vergleichender Perspektive zum Rechtsextremismus

  • Ökologie als neues Thema für Extremist:innen

Rückkehrende weiterhin wichtiges Thema

Antwort Expert:-in 6

Trotz der oben beschriebenen zunehmenden rechtsextremen Gewalt bleibt aus meiner Sicht die Relevanz der Islamismusprävention unbenommen. Ich denke, dass die aktuellen Themen wie Rückkehrer und Rückkehrerinnen sowie Kinder in salafistischen Familien und auch psychische Erkrankungen weiterhin besonders behandlungswürdig bleiben werden.

Des Weiteren gehe ich davon aus, dass die phänomenunabhängige Radikalisierungsprävention an Bedeutung gewinnen wird.

Generation Islam ist „Islamismus light“

Antwort Expert:-in 7

  • Islamismus/Salafismus insbesondere als Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft: Aktivitäten insbesondere im Netz

  • „Islamismus light“ = Generation Islam, Realität Islam

Radikal-religiöses Milieus unterhalb der Schwelle zum Extremismus ausleuchten

Antwort Expert/-in 8

Unterhalb der Schwelle zum Extremismus wird das radikal-religiöse Milieu sich organisierter und routinierter aufstellen. Deshalb wird es in der Abwehr solcher Aktivitäten sehr darauf ankommen, auch die dort praktizierten Methoden auszuleuchten und zum Gegenstand von Bildung und Aufklärung zu machen. Das ist ein politisch heikles Feld, weil „legale“ Aktivitäten, die sich auf Art. 4 GG berufen, zum Gegenstand der Enthüllung werden. Auch solch eine Bildungsarbeit kann dann als „antimuslimischer Rassismus“ denunziert werden.

Wir würden gerne von Ihnen wissen: Teilen Sie die Einschätzungen der Akteure? Oder haben Sie eine andere Sichtweise auf die Entwicklung der islamistischen Szene? Wie schätzen Sie die Gefahr durch Radikalisierung und Extremismus in Deutschland ein? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an E-Mail Link: bpb.infodienst@contentity.de.

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