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Dschihadistinnen. Faszination Märtyrertod Rezension

Hazim Fouad

/ 6 Minuten zu lesen

Zwei jordanische Islamismus-Experten analysieren die Rolle von Frauen im gewaltorientierten Islamismus. Sie bieten eine historische Rückschau und präsentieren etwa 50 Fallbeispiele aus vielen Ländern. Eine Buchrezension von Hazim Fouad.

Cover Dschihadistinnen (© Verlag J.H.W. Dietz Nachf.)

Bitte beachten Sie: Dieser Beitrag ist älter als fünf Jahre. Forschung, Fachdebatte oder Praxisansätze haben sich möglicherweise in der Zwischenzeit weiterentwickelt.

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Die beiden jordanischen Islamismus-Experten Hassan Abu Hanieh und Mohammad Abu Rumman befassen sich in ihrer Studie Externer Link: Dschihadistinnen. Faszination Märtyrertod mit dem Thema Frauen und gewaltorientierter Islamismus. Zwar gibt es mittlerweile einige Publikationen, die sich mit Frauen im Islamismus befassen, doch es handelt sich um das erste deutschsprachige Buch, das speziell die Gewaltorientierung in den Blick nimmt. Der Text wurde aus dem Arabischen übersetzt von Günther Orth.

Die Autoren sind angesehene Wissenschaftler. Abu Rumman ist promovierter Politikwissenschaftler und forscht am Center for Strategic Studies an der University of Jordan zu politischem Zeitgeschehen und islamischen Bewegungen. Er schreibt zudem regelmäßig für die jordanische Tageszeitung al-Ghad. Abu Hanieh gilt ebenso als Experte auf dem Gebiet islamistischer Gruppierungen, hat hierzu zahlreiche Bücher publiziert und veröffentlicht regelmäßig Beiträge in den Medien. Die Autoren haben Zugriff auf in der westlichen Literatur wenig beachtetes, da meist arabischsprachiges Quellenmaterial. Sie bieten somit eine frische Perspektive zu einem nach wie vor in der Öffentlichkeit kontrovers geführten Diskurs über die Rolle von Frauen in islamistisch-terroristischen Organisationen.

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist eine historische Rückschau auf die Rolle von Frauen in islamistischen Organisationen, im zweiten Teil werden anhand von Fallbeispielen die Radikalisierungsverläufe verschiedener Dschihadistinnen nachgezeichnet. Die Autoren weisen gleich zu Anfang auf die Schwierigkeit der Quellenlage hin. Oft stammen die Informationen entweder aus regierungsnahen Medien, aus den Eigenverlautbarungen der Protagonistinnen oder aus dschihadistischen Propagandaveröffentlichungen. Über die Hinzuziehung von Gerichtsurteilen und Aussagen von Dritten, wie zum Beispiel Freunden und Familienangehörigen versuchen Abu Rumman und Abu Hanieh jeweils ein möglichst vollständiges Bild zu erhalten. Leider ist zu keinem der Fallbeispiele ein Interview mit der Protagonistin selbst erfolgt.

Frauen im Dschihad: Von al-Qaida bis zum „IS“

Der historische Rückblick im ersten Teil der Studie beginnt mit der Sicht auf Frauen im Wahhabismus/Salafismus und liefert den wichtigen Hinweis, dass die frauenfeindliche salafistische Ideologie in Saudi-Arabien aufgrund des Fehlens eines antikolonialen Nationalismus staatskonstituierend wurde. Im Gegensatz dazu sei die Rolle der Frau in der Weltsicht der ägyptischen Muslimbruderschaft kontextbedingt deutlich aktivistischer ausgeprägt gewesen. So schrieb die Muslimschwester Zaynab al-Ghazali (gest. 2005), dass der Dschihad derzeit für alle Muslime, Männer und Frauen, verpflichtend sei und erst wenn „der Islam herrscht, wird der Platz der muslimischen Frau in ihrem natürlichen Reich der sein, dass sie die künftigen Männer der Umma heranzieht“ (S.45).

Führende dschihadistische Ideologen wie Abdallah Azzam (getötet 1989), Abu Musab as-Suri, Abu Muhammad al-Maqdisi, Abu Qatada oder Dr. Fadl hätten laut der Autoren wiederum der Frau lediglich eine Unterstützerinnenrolle im bewaffneten Kampf zugewiesen. Generell spielten Frauen bei al-Qaida weder im theoretischen Diskurs, noch innerhalb der Organisation eine führende Rolle. Möglicherweise sei die patriarchalische Stammesgesellschaft Afghanistans hierfür ausschlaggebend gewesen: „Festzuhalten bleibt, dass das Fernhalten der Frauen vom Kampfgeschehen ein Merkmal der Phase des Dschihad in Afghanistan war, sowohl auf afghanischer Seite wie bei den aus arabischen und anderen islamischen Ländern kommenden Kämpfern. Trotz der großen Zahl arabischer Kämpfer spielten Frauen in Afghanistan eine nur untergeordnete Rolle“ (S. 64), so Abu Hanieh und Abu Rumman.

Einen Wendepunkt stellten jedoch aus Sicht der Autoren die 2005 öffentlich geäußerten Ansichten Abu Mus’ab az-Zarqawis dar, dem Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak, aus dem später der „IS“ entstand. Ihm zufolge sei der Einsatz von Frauen für Selbstmordattentate erlaubt, wenn sich nicht genügend Männer finden ließen. Die Autoren konstatieren, dass bisher nur wenige Analysten die Verbindung zwischen dieser Verlautbarung und der nur fünf Monate später erfolgten Eskalation der Gewalt durch – unter anderem durch Frauen begangene – Selbstmordattentate im Irak gezogen hätten. Gleichzeitig kritisieren sie orientalistische Sichtweisen auf das Phänomen, welche den Protagonistinnen und Protagonisten Nihilismus oder Todessehnsucht unterstellen und dies der muslimischen Kultur anlasten. Da während des gesamten Afghanistankrieges kein einziges Selbstmordattentat erfolgte, sei es schlüssiger, solche Attentate als taktisches Mittel zu begreifen, dessen Einsatz von dessen militärischem Nutzen abhängt. Die Tatsache, dass viele dschihadistische Ideologen sich nach wie vor gegen Selbstmordattentate im Allgemeinen und durch Frauen im Speziellen aussprechen, zeige zudem, dass kulturalistische Ansätze zur Deutung von wandelbaren Ideologien untauglich seien.

Basierend auf der Legitimation durch az-Zarqawi habe der „IS“ die Rolle der Frau im Dschihadismus geradezu revolutioniert. Während zuvor lediglich über Frauen gesprochen wurde, meldeten diese sich in der Propaganda des „IS“ nun selbst zu Wort, auch wenn sie dabei – wie seinerzeit Zaynab al-Ghazali – die patriarchalische Weltsicht der Männer bestätigten. Die Autoren sprechen dabei von einem durch die Frauen vertretenen identitären „Anti-Feminismus“. Darüber hinaus habe der „IS“ Frauen in seinem staatsähnlichen Gebilde zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten in den Berufsfeldern Anti-Spionage, Sittenkontrolle, Verhöre, Bildung, (Internet-)Propaganda, Medizin und Moscheearbeit geboten. Dies war wohl einer der Attraktivitätsgründe für die bis dato größte Ausreisewelle dschihadistisch orientierter Frauen, wie anhand der Fallbeispiele im zweiten Teil des Buches deutlich wird.

Fallbeispiele – Wie und warum Frauen in den Dschihad zogen

Abu Hanieh und Abu Rumman zeigen und analysieren anhand von knapp 50 Fallbeispielen die Aktivitäten dschihadistischer Frauen aus dem Sudan, Palästina, Kuwait, Marokko, Jordanien, Saudi-Arabien, Syrien, Großbritannien, Belgien, Frankreich und den USA. Dabei werden international bekannte Fälle wie Fatiha al-Majati, Malika El Aroud oder Iman al-Bugha ebenso behandelt wie bisher wenig beachtete Fälle. Hierfür nutzten die Autoren eine Art Schneeballsystem: Bei der Recherche über eine Person, zum Beispiel über Social-Media Profile oder Interviews mit Angehörigen, wurden sie oft auf weitere Fälle aufmerksam gemacht. Nur Fälle, die den Autoren als hinreichend belegt erschienen, sind in der Monografie erwähnt. Leider gibt es keine Fallbeispiele aus Deutschland. Ob den Autoren die entsprechenden Daten nicht vorlagen oder sprachlich nicht zugänglich waren, ist nicht bekannt. Die Hintergründe der Frauen sind dabei so unterschiedlich, dass außer der Suche nach einer klaren Identität kein gemeinsamer Nenner ausgemacht werden kann. Die Fallbeispiele vergleichend resümieren die Autoren: „[Die] Untersuchungen (…) legen nahe, dass die meisten Faktoren, die Männer dazu bewegen, zu Terroristen zu werden, auch für Frauen die ausschlaggebenden sind" (S. 25). Die Idee eines „alternativen politischen Projektes“ (S. 281) sei dabei gleichermaßen für Personen aus islamisch geprägten, wie auch aus westlichen Staaten attraktiv. Somit widersprechen die Autoren auch hier der im Westen verbreiteten Vorstellung von Dschihadistinnen als todessehnsüchtigen Nihilistinnen. Diese Sichtweise harmoniert mit den Befunden zum Bildungshintergrund der Frauen, welche mehrheitlich der unteren bis gehobenen Mittelschicht entstammen und von denen viele einen Hochschulabschluss besaßen. Die These einer „Gehirnwäsche“ für die ungebildeten, verarmten Schichten ist anhand der Befunde nicht haltbar. Gleichzeitig muss angemerkt werden, dass die Fallbeispiele angesichts der Tatsache, dass insgesamt ca. 5.000 Frauen, davon 500 aus Europa, zum „IS“ gegangen sind, nicht zwangsläufig als repräsentativ angesehen werden können.

Das Buch beeindruckt durch detailreiche Schilderungen, doch dies ist gleichzeitig die Achillesferse. Es scheint, als hätten die Autoren versucht, möglichst ihre gesamten Rechercheergebnisse mit den Leserinnen und Lesern zu teilen. Wenn zum Beispiel in den genannten Fallbeispielen die Namen sämtlicher Familienmitglieder aufgelistet werden, ohne dass diese im weiteren Verlauf eine Rolle spielen, geht der Fokus aufs Wesentliche verloren. Wie in den beiden vorherigen Büchern der Autoren gibt es inhaltliche Wiederholungen, wodurch die Prägnanz des Buches etwas leidet. Den positiven Gesamteindruck trübt dies jedoch nur bedingt, so dass das Buch zu einem Standardwerk zum Thema „Frauen im Dschihad“ werden könnte.

Hassan Abu Hanieh und Mohammad Abu Rumman: Dschihadistinnen. Faszination Märtyrertod

Externer Link: erschienen 2018 im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. in Bonn, 304 Seiten

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Dr. Hazim Fouad arbeitet seit 2011 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landesamt für Verfassungsschutz Bremen. Er hat in Bochum, Kairo und London Islamwissenschaft und Nahoststudien studiert und wurde 2019 an der Universität Kiel zum Thema "Zeitgenössische muslimische Kritik am Salafismus" promoviert. 2014 erschien im Herder Verlag der von Behnam T. Said und ihm herausgegebene erste deutschsprachige Sammelband zum Thema Salafismus "Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam."