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Salafismus – was ist das überhaupt?

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Salafismus – was ist das überhaupt? Definitionen – Ideologiemerkmale - Typologisierungen

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber

/ 8 Minuten zu lesen

Der Begriff "Salafismus" findet seit einigen Jahren zunehmend Verbreitung. Dabei handelt es sich um ein komplexes Phänomen, das ganz unterschiedliche Erscheinungsformen aufweisen kann. Der Soziologe und Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber beschreibt, wie sich verschiedene Strömungen des Salafismus anhand typischer Handlungsstile unterscheiden lassen.

Ausgaben des Koran in der Jumeirah Moschee in Dubai. "Salafismus" beziehungsweise der arabische Begriff "Salafiyya" bezieht sich auf den Ausdruck "salaf as-salih", was mit "die frommen Altvorderen" übersetzt werden kann. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Muslime nach dem Propheten Mohammed. (© picture-alliance, R. Goldmann)

Bitte beachten Sie: Dieser Beitrag ist älter als fünf Jahre. Forschung, Fachdebatte oder Praxisansätze haben sich möglicherweise in der Zwischenzeit weiterentwickelt.

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Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 fand der Islamismus in seiner terroristischen wie in seiner nicht-terroristischen Form in Öffentlichkeit und Wissenschaft größere Aufmerksamkeit. Dabei sorgten unklare Begriffe und mangelnde Abgrenzung bei ihrem Gebrauch immer wieder für Irritationen und Missverständnisse. So stellt sich etwa die Frage: Was hat der Islam mit dem Islamismus zu tun? In den vergangenen Jahren findet die Bezeichnung "Salafismus" in Medien und Politik größere Verbreitung. Sie geht auf die Selbstbezeichnung einiger islamistischer Strömungen zurück und wird oft auch verwendet, um eine Gleichsetzung mit "dem Islam" zu vermeiden. Dies führte indessen zu neuen Irritationen, denn das Verhältnis der Kategorien "Islamismus" und "Salafismus" blieb häufig unklar. Insofern wird hier eine Definition vorgeschlagen und bezogen auf Handlungsstile und Ideologiemerkmale eine Typologie präsentiert. Allerdings handelt es sich beim "Salafismus" um ein komplexes Phänomen, das aufgrund der diversen Erscheinungsformen häufig nur idealtypisch in Kategorien erfasst werden kann. Gleichwohl bedarf es solcher Begriffsbestimmungen, will man Kommunikationsstörungen zum Thema vermeiden.

Begriffsbedeutung mit dem Bezugspunkt zur Frühgeschichte des Islam

Der Problematik, "Salafismus" möglichst klar und trennscharf zu definieren, kann man zunächst mit Ausführungen zur Begriffsbedeutung entgegentreten: "Salafismus" beziehungsweise der arabische Begriff "Salafiyya" bezieht sich auf den Ausdruck "salaf as-salih", was mit "die frommen Altvorderen" übersetzt werden kann. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Muslime nach dem Propheten Mohammed. Die seinerzeitigen Gesellschafts- und Religionsvorstellungen gelten demnach als Bezugspunkt für das Selbstverständnis des "Salafismus". Dabei sehen dessen Anhänger und Protagonisten in dieser Frühphase des Islam ein "goldenes Zeitalter" für ihre Religion, geprägt durch eine authentische islamische Lebensführung. Aus Sicht der Geschichtswissenschaft ergibt sich für diese Epoche ein differenziertes Bild: Zwar fand der Glaube der Muslime seinerzeit große Anerkennung und Verbreitung. Doch kam es bereits unter den Nachfolgern des Propheten Mohammed nach der offiziellen islamischen Überlieferung wegen der Nachfolgefrage zu gewalttätigen Konflikten um Machtpositionen.

Begriffsgeschichte zu klassischen Auffassungen von "Salafismus"

Aus der Ausrichtung von Denken und Handeln an den "Altvorderen" lässt sich noch keine klare Definition ableiten. Denn die meisten Muslime würden in der ein oder anderen Form zustimmen, dass eine solche Ausrichtung grundsätzlich eher positiv zu sehen ist. Dies gilt insbesondere für Traditionalisten, konservative und orthodoxe Muslime. Demnach müssen noch besondere Alleinstellungsmerkmale für die Begriffsdefinition hinzu kommen, die im Folgenden beschrieben werden. Darüber hinaus besteht eine weitere Schwierigkeit darin, dass es bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine innerislamische Reformbewegung mit Rückgriffen auf die Frühgeschichte des Islam gab. Sie ging von der Ansicht aus, dass die islamische Welt den Anschluss an die Entwicklung der westlichen Welt verloren habe. Bei diesen politischen und theologischen Strömungen lässt sich indessen eine bedeutende Differenz zu den gegenwärtigen Salafisten konstatieren: Zwar befürworteten die Salafisten des 19. Jahrhunderts ebenfalls eine Islamisierung der Gesellschaft und lehnten deren Säkularisierung ab, sie bekundeten aber auch die Notwendigkeit von selektiven Modernisierungen in Bildung oder Recht.

"Salafismus" als Sammelbezeichnung für ein modernes Phänomen

Derartige Anpassungen lehnen die Anhänger des Salafismus der Gegenwart ab. Daher bezeichnen sie manche Autoren auch als "Neo-Salafisten". Sie betrachten Reformen als Abweichung vom "wahren Glauben". Demnach können die aktuellen Strömungen des Salafismus wie folgt definiert werden: Es handelt sich um Ausrichtungen an den angeblichen oder tatsächlichen Gesellschafts- und Religionsvorstellungen der Frühgeschichte des Islam, welche Abweichungen oder Neuerungen kaum beziehungsweise nicht zulassen. Demnach sollen die "heiligen Schriften" des Koran und der Sunna nicht neu interpretiert, sondern ahistorisch wortwörtlich genommen werden. Diese Einstellung kommt auch in Erscheinungsbild und Kleidungsstil zum Ausdruck, zum Beispiel im Tragen von langen Bärten oder knöchellangen Gewändern. Auch hierbei bestehen Ambivalenzen und Widersprüche. Denn Salafisten nutzen durchaus moderne Kommunikationstechniken wie Internet und Mobiltelefone, obwohl diese in der Frühphase des Islam nicht existierten.

Differenzierung des Salafismus über idealtypische Handlungsstile

Da es sich beim Salafismus der Gegenwart um eine heterogene Bewegung und nicht um eine einheitliche Organisation handelt, bedarf es über die genannten Gesichtspunkte hinaus noch einer weiteren Differenzierung. Bei der Kategorisierung gilt es, zwei verschiedene Ebenen zu unterscheiden: Auffassungen und Handlungen. Während im Bereich der Ideologie grundlegende Gemeinsamkeiten bestehen, existieren hinsichtlich der Praxis wichtige Unterschiede. Hier soll in Anlehnung an Ergebnisse der Forschung von Quintan Wiktorowicz eine Differenzierung verschiedener Handlungsstile präsentiert werden. Diese bilden idealtypische Kategorien, das heißt es geht um abstrakte Einteilungen, die für konkrete Aktivitäten oder bestimmte salafistische Gruppen nicht immer eindeutig erfolgen können. Gleichwohl ist aus der Perspektive einer Gefahrenpotentialeinschätzung eine solche Typologisierung inhaltlich sinnvoll.

Handlungsstil I: Puristischer Salafismus

Die Formulierung "Puristischer Salafismus" bezieht sich zunächst nur auf die "Reinheit" der Lehre. Alle angeblich oder tatsächlich nicht-islamischen Bestandteile oder Einflüsse werden aus dem eigenen gesellschaftlichen und religiösen Selbstverständnis ausgeschlossen. Diese Auffassung ist allgemein dem Salafismus eigen und findet sich auch in den beiden anderen Formen dieser Bestrebungen, die im Folgenden noch beschrieben werden. Als Besonderheit des puristischen Salafismus kann gelten, dass seine Akteure allein auf die individuelle Frömmigkeit abstellen, welche erhöht und erweitert werden soll. Dabei geht es nicht um eine gesellschaftliche Dimension, etwa durch die Gewinnung von sozialer Akzeptanz. Vielmehr beschränkt man sich darauf, den jeweiligen Gläubigen in Richtung der eigenen Islam-Interpretation zu festigen. Anhänger des puristischen Salafismus agieren in der Regel nicht öffentlich, und man kann auch keine politischen Aktivitäten konstatieren. Eine gesellschaftliche Islamisierung erwarten Angehörige dieser Strömung als automatische Entwicklung aus dem individuellen Glauben.

Handlungsstil II: Politischer Salafismus

In Bezug auf die Gesellschaft vertreten die Anhänger eines "Politischen Salafismus" eine andere Auffassung. Sie fordern sowohl gegenüber anderen Muslimen als auch Nicht-Muslimen aktiv und offensiv die Ausrichtung und Umorientierung der Gesellschaft und des Staates im Sinne ihrer Deutung des Islam. Dies geschieht etwa durch Agitation in Gestalt von öffentlichen Missionierungen und Predigten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der muslimischen Community. Die Formulierung "Politischer Salafismus" darf in diesem Kontext aber nicht dahingehend falsch verstanden werden, dass sich seine Akteure demokratischer Instrumente wie etwa Volksentscheiden oder Wahlen bedienen. Denn säkulare Beteiligungsformen an politischen Prozessen akzeptieren Vertreter des politischen Salafismus – auch aus strategischen Gründen – eigentlich nicht, wobei es hier auch Ausnahmen von der Regel gibt. Ein Beispiel ist die Teilnahme einer salafistischen Partei bei den Wahlen nach dem "Arabischen Frühling" in Ägypten. Die Aktivitäten von Protagonisten im Bereich des "Politischen Salafismus" beschränken sich meist auf Propaganda im weitesten Sinne. Damit geht einher, dass man zwar möglicherweise Gewalt von anderen Salafisten akzeptiert, aber diese nicht als Option für das eigene Handeln sieht.

Handlungsstil III: Terroristischer Salafismus

In der Frage der Gewaltanwendung unterscheidet sich der "politische" vom "terroristischen Salafismus", der auch als jihadistischer Salafismus bezeichnet wird. Dessen Anhänger sehen in der Anwendung von Gewalt ein legitimes Mittel, um die eigenen politischen und religiösen Auffassungen soziale Realität werden zu lassen. Anschläge und Attentate richten sich meist gegen sogenannte "feindliche Kräfte" wie Israel oder die USA, aber nicht nur gegen diese. Auch die Anhänger anderer Strömungen im Islam gelten als Abweichler oder Verräter. Körperliche Gewalt gegen sie – bis hin zu Tötungen – gilt als legitim. Da der Salafismus für eine sunnitische Richtung in der islamischen Welt steht, wird auch Gewalt gegen Schiiten als legitime Tat angesehen.

Kampfansage gegen andere Muslime: Takfirismus im Salafismus

Die Ablehnung anderer Strömungen des Islam bezeichnet man als "Takfir" ("einen Muslim zum Apostaten erklären") beziehungsweise "Takfirismus": Andere Muslime gelten als "Ungläubige" und werden aufgrund eines behaupteten Glaubensabfalls exkommuniziert. Darüber, was einen solchen Glaubensabfall ausmacht, lassen sich bei den salafistischen Bestrebungen unterschiedliche Vorstellungen konstatieren. Dies macht noch einmal deutlich, dass der Salafismus keineswegs eine in allen ideologischen Details homogene Bewegung ist. Gleichwohl ist ihr der Takfirismus als Bestandteil des Selbstverständnisses eigen. Dafür bestehen auch strategische Notwendigkeiten, könnte man doch ansonsten nicht gegen muslimische Gegner oder gegen muslimische Regierende vorgehen. Takfirismus dient Salafisten zum Beispiel als Instrument, um gewählten Politikern mit einem islamischen Hintergrund das "Muslim-Sein" abzusprechen und so Gewaltakte zu legitimieren.

Demokratie- und extremismustheoretische Einschätzung des Salafismus

Zwar sind fast alle islamistischen Terroristen auch Salafisten, es gilt aber nicht der Umkehrschluss: Keineswegs sind alle Salafisten auch Terroristen. Insofern darf sich eine demokratie- und extremismustheoretische Einschätzung dieser Bewegung nicht nur auf den gewählten Handlungsstil beziehen. Denn bereits in den konstitutiven Bestandteilen des ideologischen Selbstverständnisses kann man ein Spannungsverhältnis zu den Minimalbedingungen moderner Demokratien und offener Gesellschaften feststellen: So steht die von Salafisten eingeforderte Todesstrafe für Apostasie im klaren Gegensatz zum Grundrecht auf Religionsfreiheit. Die dualistische Sicht von "wahrhaft Gläubigen" und "verwerflichen Ungläubigen" bedingt in der Praxis die Ungleichwertigkeit von Menschen. Die Fixierung auf einen islamischen "Gottesstaat" bedeutet, dass Salafisten die demokratische und rechtsstaatliche Ordnung sowie das Prinzip der Volkssouveränität ablehnen. Und das Geschlechter- und Gesellschaftsbild führt zur Diskriminierung und Herabwürdigung von Frauen.

Gewalt und Terrorismus im Kontext des Salafismus

Die Differenzierung der Handlungsstile im Salafismus im Sinne der oben präsentierten Typologie versteht sich als idealtypisch. In der Realität gibt es "Grauzonen" oder Übergangsbereiche. Dennoch bringt die idealtypische Unterscheidung einen Erkenntnisgewinn mit sich, gerade bezogen auf die Einstellung zu Gewalt und Terrorismus. Denn während bezüglich der Deutung des Islam und der Forderung nach einer Islamisierung der Gesellschaft in den genannten drei Bereichen des Salafismus ein Konsens herrscht, lassen sich Differenzen im Handlungsstil ausmachen. Dies bedeutet auch, dass Akteure im puristischen Salafismus mitunter sehr schnell auch zu terroristischen Akteuren werden können. Darin besteht das besondere Gefahrenpotential, auch wenn die Mehrheit der Salafisten gegenwärtig nicht gewalttätig ist.

Kontext zu Begriffen wie "Extremismus", "Fundamentalismus" und "Islamismus"

Wie verhält sich nun der Salafismus zu anderen Begriffen beziehungsweise Kategorien der Politikwissenschaft? Die politischen und terroristischen Handlungsformen können als Phänomene des Extremismus beziehungsweise Terrorismus gelten, was bereits durch die Ausführungen zur demokratietheoretischen Einschätzung und zum Verhältnis gegenüber der Gewaltanwendung deutlich wurde. Dies gilt indessen nicht für die puristische Form, da dieser der dezidierte politische Bezug fehlt. Gleichwohl ist eine politische Zielsetzung in Form der Ausrichtung auf eine Islamisierung der Gesellschaft objektiv angelegt. Alle genannten Handlungsstile des Salafismus können auch dem Fundamentalismus zugerechnet werden. Das gilt sowohl im engeren Sinne aufgrund der wortwörtlichen Auslegung von "heiligen Schriften" als auch in einem weiteren Sinne wegen der Präsenz von Strukturmerkmalen wie Absolutheitsansprüchen, Dogmatismus oder Fanatismus. Im Islamismus stellt der Salafismus eine Teilströmung dar. Deren Besonderheit besteht hier in einer deutlichen und hohen Extremismusintensität.

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Quellen / Literatur

Celyan, Rauf/Kiefer, Michael: Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention, Wiesbaden 2013.

Fuchs, Peter: Salafismus. Eine dogmatische Strömung des sunnitischen Islamismus und ihre Ausprägung in Deutschland, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2011/2012 (II), Brühl 2012, S. 5-38.

Hummel, Klaus/Logvinov, Michail (Hrsg.): Gefährliche Nähe. Salafismus und Dschihadismus in Deutschland, Stuttgart 2014.

Said, Behnam T./Fouad, Hazim (Hrsg.): Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg 2014.

Schneiders, Thorsten Gerald (Hrsg.): Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung, Bielefeld 2014.

Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement, in: Studies in Conflict & Terrorism, 29 (2006), Nr. 3, S. 207-239.

Fussnoten

Lizenz

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Dipl.-Pol., Dipl.-Soz., Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Fachhochschule des Bundes in Brühl mit den Schwerpunkten Extremismus und Ideengeschichte, Lehrbeauftragter an der Universität zu Bonn mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Herausgeber des seit 2008 erscheinenden Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung (Brühl).