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Deradikalisierung im Bereich Islamismus | Infodienst Radikalisierungsprävention | bpb.de

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Deradikalisierung im Bereich Islamismus Der pädagogische Ansatz von Violence Prevention Network

Thomas Mücke

/ 20 Minuten zu lesen

Wie kann die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen gelingen, die extremistische Tendenzen aufweisen? Thomas Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network, das seit 2001 in der Prävention und Deradikalisierungsarbeit tätig ist. Ein Arbeitsfeld ist der Islamismus. Mücke schildert anhand von Fallbeispielen und Praxiserfahrungen die Grundsätze der Arbeit von Violence Prevention Network.

Krisen oder die Anhäufung von persönlichen Problemen können junge Menschen anfällig machen für Radikalisierung. (© terovesalainen / Externer Link: stock.adobe.com)

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Was macht junge Menschen anfällig gegenüber den Einflüssen extremistischer Szenen? In vielen Fällen finden sich Krisensituationen, eine Anhäufung individueller Probleme – oder es geht einfach nur um Orientierungssuche und Identitätsfindung. Einen einheitlichen Radikalisierungsverlauf bei jungen Menschen gibt es jedoch nicht. Das zeigen die folgenden Beispiele aus der Arbeit von Violence Prevention Network (VPN) im Kontext des Islamismus:

  • Nasser ist wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Er steht jetzt allein da und fragt sich, was in seinem Leben schiefgelaufen ist. Eigentlich wollte er sich doch nur für eine wichtige Sache engagieren, irgendwie dazugehören und seine schwierige Vergangenheit vergessen können. Durch die Hinwendung zur salafistischen Szene konnte er sich von kleinkriminellen Handlungen lösen. Nun hat er das Gefühl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen und weiß nicht mehr, welchen Menschen er eigentlich vertrauen kann.

  • Miriam ist 23 Jahre alt und mit 17 Jahren in Kampfgebiete des "Islamischen Staats" ausgereist. Nun wurde sie mit ihren beiden Kindern nach Deutschland zurückgeholt und befindet sich in Untersuchungshaft. Ihre Zeit in Syrien hat sie noch nicht verarbeitet beziehungsweise reflektiert. Das Wichtigste für sie sind zurzeit ihre beiden Kinder. Aber sie hat noch keine Vorstellung darüber, wie sie sich in eine für sie fremde Welt wieder integrieren kann.

  • Mehmet ist 17 Jahre alt und kommt aus einer intakten und aufgeschlossenen Familie. Er ist sich nicht sicher, ob er mit seiner muslimischen Identität in einem säkularen Staat so leben darf, wie er sich das vorstellt. In seiner Moschee bekommt er keine Antworten auf seine Fragen. Erst in salafistischen Gesprächskreisen zeigt man scheinbar Interesse für seine Religiosität. Er reist nach Syrien aus. Inzwischen ist er nach Deutschland zurückgekehrt.

  • Anne ist 18 Jahre alt. Vor kurzem ist ihr Vater gestorben, zu ihrer Mutter hat sie ein angespanntes Verhältnis. Über Freundeskreise bekommt sie Kontakte zur salafistischen Szene, fühlt sich dort geborgen und aufgehoben. Aus Dankbarkeit will sie nach Syrien ausreisen und etwas gegen die "globale Ungerechtigkeit" tun.

  • Benjamin, 16 Jahre alt, ist ohne Vater aufgewachsen und hat in seinem Leben wenige Erfolge aufzuweisen. Er verfängt sich in kleinkriminellen Handlungen. Über einen Freund bekommt er Zugang zur salafistischen Szene und zu lang ersehnten Vaterfiguren. Sein Freund reist nach Syrien aus und stirbt dort. Benjamin hat es sich im letzten Moment noch einmal anders überlegt.

Bei allen Unterschieden verdeutlichen die Beispiele, dass Radikalisierungsprozesse stets im Kontext der konkreten Lebensgeschichte und -ereignisse der jungen Menschen stehen. Es zeigt sich auch, dass diese Menschen noch erreichbar sind und sich aus der Szene lösen können. Auch der Fortgang der Geschichte von Mehmet zeigt dies:

Mehmet sitzt in einem Café und erzählt seine Eindrücke von seiner neuen Ausbildung. Er hat vor Kurzem seinen Realschulabschluss geschafft. Er kann sich des Lebens wieder erfreuen. Es ist nur wenige Monate her, dass Mehmet im syrischen Kampfgebiet war und sich in einem Ausbildungslager des "Islamischen Staats" aufhielt. Heute weiß er, dass sein Leben am seidenen Faden hing. Im Lager bekam er damals immer wieder zu hören, dass er und die anderen nicht mehr zurückkehren könnten, da ihr früherer Staat sie jetzt verfolgen würde . Mehmet war nach seiner Ankunft in Syrien schnell desillusioniert. Eigentlich wollte er helfen, weil er es als ungerecht empfand, wie weltweit mit Muslimen umgegangen würde. Aber in Syrien erlebte er keine Religiosität, nur Gewaltverherrlichung und Hass. Fragen stellen durfte er nicht. Es hieß immer: Frage nicht, tue es. Er wollte schnell zurück – aber er machte sich Sorgen, wie seine eigentliche Heimat mit ihm umgehen würde, wenn er wieder deutsches Staatsgebiet betritt.

Mehmets Familie hat ihm bei der Rückkehr geholfen. Unterstützt wurde sie von den Beraterinnen und Beratern von Violence Prevention Network. Mehmet wurde nach seiner Rückkehr intensiv betreut. Er besuchte wieder seine Schule und konzentrierte sich auf seine Abschlussprüfungen. In vielen Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurden seine Erfahrungen in der extremistischen Szene aufgearbeitet. Früher hatte Mehmet Gesprächspartner:innen für religiöse Fragen gesucht und war über Gleichaltrige auf die salafistische Szene getroffen. Nur einige Monate später war er in Syrien. Heute weiß Mehmet, dass das in der Szene vermittelte extremistische Gedankengut mit seiner Religion nichts Gemeinsames hat.

Mehmet hatte in den Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Violence Prevention Network viele Fragen und Themen. Es ging dabei nicht darum, Mehmet mit Argumenten gegen seine extremistische Einstellung (mit sogenannten Gegennarrativen) zu konfrontieren. Wichtig war vielmehr, dass Mehmet wieder Fragen und eigene Gedanken zulassen durfte. Es ging darum, andere Sichtweisen anzuhören, ohne den Druck zu erleben, sie adaptieren zu müssen. Er sollte erleben, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. Sein Bedürfnis nach Gemeinschaft versucht Mehmet heute anderswo zu erfüllen, von einer extremistischen Szene möchte er nicht mehr angesprochen werden. Auch seine Familie ist nachdenklicher geworden und möchte Mehmets eigene Wünsche in Zukunft mehr respektieren und unterstützen. Im weiteren Lebensverlauf ist Mehmet nie wieder rückfällig geworden und hat sich stets von der extremistischen Szene ferngehalten. Er ist sozial gut integriert und nimmt auch nach acht Jahren immer wieder Kontakt zu seinen Betreuer:innen auf. An Mehmets Fall zeigt sich, dass Distanzierungsprozesse von der extremistischen Szene durchaus langfristig und nachhaltig wirken können.

Warum ist eine extremistische Szene in unsicheren Lebensphasen attraktiv?

Für die Arbeit mit jungen Menschen wie Mehmet ist das Wissen über Attraktivitätsmomente der jeweiligen extremistischen Szene wichtig, um nachhaltige Prozesse der Deradikalisierung umsetzen zu können. Letztlich arbeitet jede extremistische Szene mit nicht befriedigten emotionalen Bedürfnissen junger Menschen. Dies ist das Mittel, um neue Anhänger:innen zu locken und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Extremistische Szenen sind für junge Menschen in unsicheren Lebensphasen attraktiv, weil sie Identität, Halt und Orientierung geben können. Sie können verführerisch wirken, weil sie unter anderem folgende Angebote machen:

  • Identität, Geborgenheit und Gemeinschaft (auch spirituelle Heimat), unabhängig von nationalen und ethnischen Kategorien

  • Wissen mit einem exklusiven Wahrheitsanspruch (einzige und höhere Wahrheit), der zu einem überhöhten Selbstwertgefühl führen soll und die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ermöglicht

  • Eindeutige Wertzuschreibungen mit der klaren Unterscheidung zwischen "Gläubigen" und "Nichtgläubigen", "wertem" und "unwertem" Leben (dichotome Weltsicht, mit der Ungleichheitsideologien vermittelt werden)

  • Klare Orientierungen durch charismatische Autoritäten mit Gehorsamsanspruch: "Du musst nicht nachdenken, Du musst nur folgen"

  • Gerechtigkeitsutopien, die an die hoch ideologisierte Vorstellung von weltweiter Verfolgung von Muslim:innen (kollektive Opferidentität) anknüpfen, die solidarisch unterstützt werden müssen (Mitmachfaktor), um ihr Leiden zu verhindern

  • Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und Abgrenzung von der Erwachsenenwelt, der Gesellschaft

  • Die Möglichkeit, aufgestauten Hass durch Gewalthandlungen zu kompensieren und hierbei Gewalthandlungen "religiös" legitimieren zu können

Der Ansatz von Violence Prevention Network

Ziel von Violence Prevention Network ist es, junge Menschen, die extremistische Tendenzen aufweisen und/oder bereits ideologisierte Straftaten begehen, phänomenübergreifend aus dem Radikalisierungsprozess zu lösen. Hierbei werden neben präventiven Ansätzen Maßnahmen der Intervention bei beginnenden Radikalisierungsprozessen sowie zielgerichtete Deradikalisierungsarbeit umgesetzt. Präventive Ansätze zielen darauf, die Ambiguitätstoleranz zu stärken. Zudem geht es um die Früherkennung und Vermeidung von Radikalisierungsprozessen. Bei der Deradikalisierungsarbeit geht es um jene, die einen Ausweg aus extremistischen Ideologien suchen. Violence Prevention Network setzt seine Maßnahmen sowohl im Phänomenbereich des Rechtsextremismus als auch im religiös begründeten Extremismus um. In beiden Phänomenbereichen werden junge Menschen durch menschenverachtende und hasserfüllende Narrative von der Gesellschaft entfremdet und für antidemokratische Zielsetzungen instrumentalisiert. Die Rekrutierungsstrategien ähneln sich. Neben den Gemeinsamkeiten gibt es aber auch spezifische Unterschiede in den Phänomenbereichen wie unter anderem Rassismus als Grundlage des Handelns oder Jenseitsvorstellungen, die aus Sicht der Extremist:innen das jetzige Handeln erfordern.

Violence Prevention Network verfügt aufgrund seiner Spezialisierung über jahrelange Erfahrungen im Umgang mit radikalisierten jungen Menschen und versteht es, Mitglieder der Szenen anzusprechen, mit ihnen in den Dialog zu treten, sie zu Veränderungen zu motivieren und Distanzierungsprozesse von menschenverachtenden Einstellungen auszulösen.

Dabei werden die Klient:innen im Kontext ihrer Lebensgeschichte und ihres Lebensumfeldes betrachtet. Maßnahmen vor allem der aufsuchenden Sozialarbeit, der systemischen Beratung, der Antigewaltarbeit, der politischen Bildungsarbeit und der sozialen Integration werden ganzheitlich verbunden. Hierdurch sollen nicht nur Distanzierungsprozesse vom Extremismus angeregt und begleitet, sondern auch die langfristigen Gefahren einer Re-Radikalisierung minimiert werden.

Deradikalisierung beschreibt einen Prozess individueller Distanzierung von menschenverachtenden Ideologien und Szenen sowie der nachhaltigen Verhinderung von Handlungen, die gegen Menschen- und Grundrechte gerichtet sind. Damit ist mehr als nur die klassische Ausstiegsarbeit gemeint, die eine bewusste Entscheidung für einen Ausstieg aus der extremistischen Szene voraussetzt.

Deradikalisierungsprozesse beginnen oft bei gefährdeten Personen, die noch keinen eigenen Distanzierungswillen aufweisen, sprich noch keine beziehungsweise keine endgültige Entscheidung über die Distanzierung von extremistischen Einstellungen und Szenen getroffen haben und gegebenenfalls noch extremistische Einstellungen aufweisen. Daher hat Deradikalisierungsarbeit oft einen hochgradig aufsuchenden Charakter. Die Motivation zur Veränderung muss bei den Betroffenen oftmals erst noch angeregt werden. Jegliche Form der aufsuchenden Tätigkeit in der sozialen Arbeit erfolgt aufgrund des Erkennens eines sozialen Problems. Der Auftrag durch die Klient:innen erfolgt erst nach der niedrigschwelligen Kontaktaufnahme. Das Klientel kann das Angebot natürlich ablehnen. Daher bleibt das Prinzip der Freiwilligkeit bestehen.

Grundlegende Zielsetzungen der Deradikalisierungsarbeit sind:

  • Vermeidung jeglicher Fremd- und Selbstgefährdung

  • Habituelle Distanzierung vom extremistischen Milieu und zugehörigen Handlungen

  • Kognitive und emotionale Distanzierung von menschenverachtenden Einstellungen

  • Schaffen/Aktivieren von Ressourcen zur straffreien Lebensführung und zur Selbstreflexion

  • Gewährleistung langfristig stabiler sozialer Integration

  • Stabilisierung der Lern- und Kompetenzentwicklungsprozesse und die Vermeidung einer sogenannten Re-Radikalisierung

  • (Getestete) Kompetenz zum konstruktiven Umgang mit persönlichen Krisensituationen

Radikalisierungsverläufe junger Menschen sind so vielfältig wie die jeweiligen sozialen und emotionalen Bedingungen ihres Ablaufes. Soziale Perspektivlosigkeit, unzureichend befriedigte Bedürfnisse, zum Beispiel in Form von Anerkennungsdefiziten im sozialen Umfeld, innerfamiliäre Konfliktdynamiken sowie allgemeine Diskriminierungserfahrungen können Faktoren sein, die zu einer generellen Entfremdung von dieser Gesellschaft beitragen.

Dazu muss angemerkt werden, dass auch Menschen betroffen sind, die nicht unbedingt aus sogenannten prekären Familienverhältnissen kommen. Auch vermeintlich gutsituierte und von außen zunächst als stabil wahrgenommene Personen können den manipulativen Rekrutierungsstrategien einer extremistischen Szene ausgesetzt sein, die es gut versteht, durch die scheinbare Befriedigung emotionaler Bedürfnisse (wie zum Beispiel Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Sinnerfüllung) junge Menschen genau dort abzuholen, wo ihre Bedürfnisse nur unzureichend oder gar nicht befriedigt werden.

In der Folge kann die Entfremdung von der Familie, von bisherigen sozialen Kontakten und von der Gesellschaft allgemein sowie eine wachsende Abhängigkeit vom (neuen) sozialen Milieu beobachtet werden – und somit auch die steigende Bereitschaft zu einer bedingungslosen Gefolgschaft gegenüber Extremist:innen.

Deradikalisierungsarbeit beinhaltet sowohl eine niedrigschwellige Bildungsarbeit, in deren Rahmen vor allem mittels dialogischer Formate über Fragestellungen gesprochen wird, die die jungen Menschen berühren, als auch eine sozialarbeiterisch-pädagogische Perspektive, welche den Blick auf die tiefergreifenden Problemlagen der allgemeinen Lebensführung junger Menschen richtet. Ohne die Ergänzung der Arbeit durch eine soziale Perspektive kann eine "Entzauberung" der extremistischen Ideologie zu Dekompensationen (persönliche Destabilisierung) bei Menschen führen, die eigentlich eines sozialen Halts bedürfen. Der Arbeitsansatz von Violence Prevention Network liegt grundsätzlich auf den folgenden Schwerpunkten:

Aufbau einer belastbaren Arbeitsbeziehung

Die schwierigste Phase der Deradikalisierungsarbeit ist die Kontaktaufnahme. Wenn der junge Mensch sich selbst nicht an eine Beratungsstelle wendet, sind Hinweise aus dem sozialen Umfeld notwendig. Von Bedeutung sind hierbei besonders ratsuchende Familienangehörige, da sie in vielen Fällen wichtige Partner:innen in der praktischen Arbeit sein können, die auch im weiteren Verlauf immer wieder miteinbezogen werden. Aber auch Freundeskreise, Moscheen (Phänomenbereich Islamismus) oder andere kulturelle Einrichtungen, Schulen, Sicherheitsorgane, Jugendhilfeeinrichtungen oder Jugendämter können hinweisgebende Instanzen sein.

Die Beraterinnen und Berater überprüfen die Hinweise und eruieren die Möglichkeiten eines Erstkontaktes mit der betroffenen Person. Der Kontakt erfolgt aufsuchend, zum Beispiel in der Familie oder bei einem Workshop in der Schule. Bei der Kontaktaufnahme wird darauf geachtet, wie der Gesprächsanlass den jungen Menschen erklärt wird, damit dieser sich nicht stigmatisiert fühlt. Der Erstkontakt ist entscheidend für den weiteren Prozessverlauf. Ziel ist es, bei den Probanden ein Interesse und eine Motivation für weitere Gespräche zu wecken, aber auch zu erkennen, ob akute sicherheitsgefährdende Faktoren vorliegen.

Die Herstellung einer Vertrauensbasis ist eine überaus anspruchsvolle Aufgabe. Dabei gilt es, jene jungen Menschen zu erreichen, die von der Gesellschaft und den staatlichen Organen häufig hochgradig entfremdet sind. Dies ist der Grund, warum sie sich – gedrängt und bestärkt von der extremistischen Szene – mehr und mehr abschotten und allgemeine Ablehnungshaltungen gegenüber jeder externen Intervention entwickeln. Der Kontaktaufbau zu diesen Jugendlichen gelingt durch aufsuchende Pädagog:innen, die sich nicht in Versuche der Vermittlung von Gegennarrativen und vermeintlichen Wahrheiten verstricken, sondern zunächst eine grundsätzlich interessierte und respektvolle Haltung gegenüber den Betroffenen und ihrer Lebenssituation einnehmen.

Vermeidung von Selbst- und Fremdgefährdung

Extremistische Szenen agieren auf hochaggressivem Niveau und fordern immer wieder zum "Kampf" gegen die jeweils identifizierten Feind:innen auf. In diesem Risikobereich müssen Fachkräfte in der Deradikalisierungsarbeit stets darauf achten, Eigen- und Fremdgefährdungen der betroffenen Personen zu vermeiden. Hierzu ist die Kooperation mit nahestehenden Personen, wie zum Beispiel Familienangehörigen, zentral. Die Bindung an emotionale Schlüsselpersonen kann eine wichtige Hemmschwelle für zerstörerische Handlungen sein.

Um Eigen- und Fremdgefährdung zu vermeiden stellt sich für Berater:innen die große Herausforderung Klient:innen – die den Willen haben für ihre Ideologie zu töten – in ihren ideologischen Rechtfertigungsmustern zu irritieren und Zweifel zu säen. Dieser Prozess kann sehr langwierig sein und erfordert eine gute Beziehungsarbeit zwischen Berater:in und Klient:in.

Entwicklung der Dialogfähigkeit

In extremistischen Szenen gibt es eine hochgradige Gehorsamsorientierung, verbunden mit einer Ideologie der Angst – also der Vorstellung, dass nicht erwünschtes Handeln Auswirkungen sowohl im Diesseits als auch im Jenseits haben. Dies führt dazu, dass abweichendes Denken und Verhalten stets sanktioniert werden. In Gesprächen mit jungen Menschen ist es daher zentral, dass sie die Fähigkeit zum eigenständigen Denken (neu) entwickeln, andere Sichtweisen angstfrei anerkennen beziehungsweise annehmen und selbstbewusste und eigenverantwortliche Entscheidungen treffen können. Deradikalisierung kann nur dann nachhaltig gelingen, wenn sich die zu beratende Person in einer Atmosphäre des respektvollen Umgangs, sowohl mit sich selbst als auch mit ihren religiösen und/oder politischen Vorstellungen, wiederfindet.

Entscheidend ist jedoch, dass die thematische Auseinandersetzung keinen missionierenden, sondern einen dialogischen Charakter hat. Nur der ehrliche Respekt vor den vorhandenen Erklärungsansätzen ermöglicht es, dass sich die betroffenen Personen für Prozesse kritischer (Selbst-)Reflexion und des kritischen Hinterfragens öffnen. Reine argumentative Gegenrede führt, besonders in Anfangsphasen des Vertrauensaufbaus, hingegen zu Abwehr und zu einer Verfestigung extremistischer Weltanschauungen.

Biographisches Verstehen

Extremistische Affinitäten und dadurch motivierte Gewaltanwendungen sind immer auch Ausdruck eigener lebensgeschichtlicher Erfahrungen, die die betroffene Person in ihrer Wirkung nicht nachvollzogen hat. Der Verlust eines engen Familienmitglieds kann beispielsweise der Grund für eine Flucht in die neue Gemeinschaft sein. Bruchlinien in der Geschichte eines Menschen werden von extremistischen Rekrutierer:innen schnell erkannt. Schutzbedürftige Menschen werden so durch gezielte Ansprache durch extremistische Akteur:innen emotional gebunden.

Biographiearbeit bedeutet, dass die jungen Menschen die wirksamen Faktoren in ihrem Leben identifizieren und verstehen können (biographische Schlüsselkompetenz). An der Schnittstelle zwischen Biographie und Ideologie müssen Gewalthandlungen, ihre lebensgeschichtliche Entstehung und mit ihnen die ideologisierten Anlassstrukturen von Hass und Gewalt thematisiert werden. Ziel ist es, beim jungen Menschen durch eine erhöhte Dialogkompetenz Selbsterkenntnisprozesse zu initiieren. Die Entstehung von Gewalt und menschenverachtenden Denkmustern wird als Bestandteil der eigenen Lebensgeschichte erkannt, und damit werden die Anlassstrukturen und Legitimationsmuster von ideologisierter Gewalt aufgeweicht.

Identifikation von (de-)radikalisierungsrelevanten Bedürfnissen

Biographisch-narrative Gespräche ermöglichen die gemeinsame Identifikation weiterer individueller Bedürfnisse, deren Nichtbefriedigung möglicherweise Radikalisierungsprozesse begünstigte. Für diese Bedürfnisse müssen im Sinne einer Deradikalisierung zukünftig Ersatzangebote (funktionale Äquivalente) gefunden werden. Dabei hilft eine Orientierung an Systematiken, die in der Forschung entwickelt wurden, wie zum Beispiel die KISSeS-Systematik . Diese unterscheidet zwischen den radikalisierungsrelevanten Bedürfnisdimensionen Kontrollerfahrungen, Integration, Sinn, Sinnlichkeit erfahrungsstrukturierende Repräsentationen sowie Selbst- und Sozialkompetenzen. Unter Bezugnahme auf solche oder ähnliche empirisch begründete Systematiken kann eine begründete und zielgerichtete Hilfeplanung erfolgen.

Orientierung an einem persönlichen Zukunftsplan jenseits des "politischen Kampfes"

Soziale Desintegration kann eine der zentralen Ursachen für eine mögliche (Re-)Radikalisierung sein. Daher sind schulische und berufliche Integrationsmaßnahmen für junge Menschen von besonderer Bedeutung. Sie ermöglichen soziale Partizipation und die Schaffung eines neuen Selbstwertgefühls. Die Identifikation (de-)radikalisierungsrelevanter Bedürfnisse hilft dabei, integrierende Maßnahmen zielgerichtet zu planen, Verantwortlichkeiten zu verteilen und den Erfolg zu bewerten.

Nach dem Islamismus: Integration in ungefährdete religiöse "Räume"

Im Rahmen der Deradikalisierung im Kontext des Islamismus ist es gegebenenfalls förderlich, die Betroffenen in bestehende muslimische Communitys beziehungsweise Gemeinden integrieren zu können. Der "Ausstieg" aus diesem extremistischen Milieu kann, anders als im Bereich des Rechtsextremismus, eine stabile (Neu-)Definition der Glaubensrichtung erfordern. Nicht der "Ausstieg" aus der Religion ist das Ziel, sondern die Abkehr von extremistischen, demokratiefeindlichen und menschenverachtenden Sichtweisen und der damit einhergehenden Gewaltbefürwortung beziehungsweise sogar Bereitschaft zur Gewaltausübung.

Entwicklung von Toleranz gegenüber Widersprüchen

Neue Perspektiven zu eröffnen und unterschiedliche, sich manchmal widersprechende Sichtweisen annehmen zu können, sind Grundprinzipien jeglicher Bildungsarbeit. Bei Menschen, die in ideologischer Monokausalität verhaftet sind, kann dies nur prozesshaft geschehen. Der etappenweise Einsatz von vielfältigen Teams mit unterschiedlichen Weltanschauungen, Biographien und Qualifikationen unterstützen diesen Prozess. Ebenso ist es hilfreich, neue soziale Beziehungen aufzubauen beziehungsweise frühere positive soziale Kontakte zu reaktivieren.

Aufbau von vielfältigen sozialen Kontakten jenseits der extremistischen Szene

Die extremistische Szene will eine Gleichförmigkeit, indem sie Differenzen negiert und der klar definierten Outgroup das Existenzrecht abspricht. Sie sorgt dafür, dass "Neumitglieder" frühere soziale Kontakte abbrechen (gegebenenfalls auch familiäre Beziehungen), soweit sich diese Personen nicht ebenfalls missionieren lassen. Junge Menschen unterliegen bei einem Verlassen der Szene der Gefahr einer möglichen individuellen Kompensation/persönlichen Destabilisierung, da soziale Interaktionen und die Anerkennung der eigenen Person nur noch im extremistischen Milieu stattgefunden haben. Eine systemische Perspektive ermöglicht den Aufbau alternativer privater und öffentlicher Netzwerke. So wird das Einnehmen einer Distanzhaltung zur extremistischen Szene erleichtert.

Differenzierte Anforderungen an Berater:innen

Die Anforderungen an das Berufsbild in der Deradikalisierungsarbeit sind anspruchsvoll und komplex, die Teams daher interdisziplinär zusammengesetzt. Grundlegende Szene- und Ideologiekenntnisse, im Falle von Islamismus auch theologische Kenntnisse, sind unerlässlich. Die genaue Ausgestaltung der inhaltlichen Schwerpunktsetzung ist dennoch stets abhängig von den individuellen Personen in der Beratung. Eine allgemeine Blaupause für Beratungssituationen kann es nicht geben.

Die Geschwindigkeit, mit der sich Jugendliche radikalisieren, macht es oftmals erforderlich, zügig differenzierte, aufeinander abgestimmte Elemente der Deradikalisierungsarbeit umsetzen zu können. Dazu gehören:

  • Beratung, Begleitung und spezifisches Training für radikalisierungsgefährdete junge Menschen im Vorfeld von Straffälligkeit

  • Intervenierende Maßnahmen in Fällen sich abzeichnender Radikalisierung

  • Deradikalisierung, Beratung und Begleitung im Strafvollzug

  • Ausstiegsbegleitung: Beratungs- und Dialogmaßnahmen mit Radikalisierten sowie Rückkehrer:innen aus Kampfgebieten aus Syrien und dem Irak

  • Beratung für Angehörige in der Auseinandersetzung mit Islamismus zur Erreichung der Zielgruppe

Für diese Tätigkeit im Kontext des Islamismus sind besonders auch Beraterinnen und Berater mit muslimischer Identität erforderlich, die erfahren darin sind, mit radikalisierten Menschen einen offenen Dialog zu beginnen. Entscheidend ist nicht allein das Sachthema, sondern vielmehr die Personen und der Kontext, in dem dieser Dialog geführt wird. Dass die Beraterinnen und Berater in diesen Prozessen eine wichtige Rolle einnehmen, ist offensichtlich – sie müssen verlässlich sein, sie müssen authentisch sein, sie müssen den Jugendlichen Identifikation und Reibungsfläche zugleich bieten, sie müssen sowohl Interesse zeigen als auch Neugierde wecken. "Etwas anderes kennenzulernen" wird für junge Menschen zuerst an den Menschen greifbar, die ihnen gegenübersitzen, sie bei Ämtergängen begleiten, in Konflikten mit Eltern oder Lehrerkräften unterstützen; den Menschen, die ihnen zuhören, sich mit ihnen auseinandersetzen.

Der idealtypische Verlauf einer Intervention lässt sich wie folgt beschreiben:

  • Kenntnis bezüglich einer gefährdeten Person, zum Beispiel durch Institutionen, Angehörige oder Elternberatungsprojekte

  • Überprüfung der Gefährdungssituation durch wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

  • Herstellen eines direkten Kontaktes zu der Person

  • Aufbau und Stabilisierung einer Arbeitsbeziehung

  • Entwicklung eines Hilfe- und Förderplans unter Einbeziehung des privaten und öffentlichen Unterstützungssystems vor Ort

  • Thematische Dialogarbeit und eventuell Durchführung eines spezifischen Trainings für radikalisierungsgefährdete und gewaltbefürwortende junge Menschen

  • Erarbeitung von Sofortmaßnahmen und langfristigen Ausstiegsstrategien

  • Umsetzung der verschiedenen pädagogischen Arbeitsschritte

Der zu beratende Fall ist abgeschlossen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Kein Vorliegen einer Selbst- und Fremdgefährdung, das Begehen neuer Straftaten erscheint nicht wahrscheinlich

  • Keine Kontakte zur extremistischen Szene

  • Neuorientierung jenseits extremistischen Gedankenguts

  • Soziale Integration in den wichtigen Lebensbereichen ist erfolgt

  • Fähigkeit zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung ist erkennbar

  • Beteiligte Akteur:innen (wie zum Beispiel Familie, Schule, Sicherheitsorgane) sehen keinen weiteren Handlungsbedarf

Bedingungen für eine erfolgreiche Intervention

In einer Bilanz der Arbeit mit jungen Menschen aus dem Islamismus lassen sich folgende Punkte für die Unterstützung beim Aufbau einer Ausstiegsmotivation und eines Veränderungsprozesses als bedeutsam hervorheben:

  • Die Berater:innen sind zur Erreichung der Zielgruppe aufsuchend tätig und lassen sich von ersten "Abwehrreaktionen" der Zielgruppe nicht abschrecken, sodass anfängliches Misstrauen der Jugendlichen überwunden werden kann. Dabei spielt eine authentische Grundhaltung eine zentrale Rolle.

  • Die Berater:innen nehmen spirituelle, politische und gesellschaftliche Themen und Fragestellungen ernst und gehen hierzu bei Bedarf in eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung, die auch komplexe Textanalysen beinhalten kann. Oftmals geht es um eine der folgenden Fragestellungen: Darf ein gläubiger Mensch in einem säkularen Staat leben? Welche Werte vertritt Religion, welches Menschenbild offenbart sich? Welchen Wert hat jeder Mensch an sich, auch wenn Menschen völlig unterschiedlich sind? Was heißt es, Verantwortung für sich, seine Umwelt und seine Mitmenschen zu übernehmen? Wie kann man frühere Fehler wiedergutmachen? Was sagt die Religion über Gewalt und Zwang?

  • Dieses "Ernstnehmen" spiritueller, ethischer und politischer Fragestellungen führt dazu, dass sich die betroffenen jungen Menschen als Person angenommen fühlen und sich somit für pädagogische Themen wie Biographie, Diskriminierungserfahrungen, Lebenskrisen und kritische Lebensereignisse öffnen können. Erst dann wird es möglich, die Hintergründe und Ursachen der individuellen Radikalisierungsverläufe zu bearbeiten. Die Jugendlichen lernen, über sich selbst zu reden und zu reflektieren. Sie werden von den Berater:innen immer wieder ermutigt, Fragen zu stellen, eigene Entscheidungen zu treffen und eigenverantwortlich zu handeln. Eigenständiges Denken ist vorrangiges Ziel jeglicher Dialogarbeit.

  • Biographisches Verstehen und die systematische Identifikation der individuellen

  • (de-)radikalisierungsrelevanten Bedürfnisse sind unerlässliche Faktoren der Arbeit, um zielgerichtete Interventionen begründet planen, umsetzen und deren Erfolg bewerten zu können.

  • Die konkreten familiären, sozialen und funktionalen Integrationsmaßnahmen unterstützen und stabilisieren den Deradikalisierungsprozess. Dazu gehört unter anderem, Konfliktlagen innerhalb der Familie zu klären und Perspektiven für Schule und Beruf zu entwickeln.

Violence Prevention Network hat die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen ein starkes Interesse an regelmäßigen Zusammenkünften zeigen und professionelle Unterstützung annehmen, besonders auch in Fragen eigener Zukunftsgestaltung.

Verlässliche Partner:innen statt extremistischer Eindeutigkeitsangebote

Die Arbeit mit radikalisierten und extremistisch beeinflussten jungen Menschen ist personalintensiv und muss auf einen längeren Zeitraum ausgerichtet sein. Nur durch einen tatsächlichen und kontinuierlichen persönlichen Kontakt kann eine nachhaltige Ausstiegsarbeit erfolgen, wie zum Beispiel im Fall von Mehmet. Er ist einer der Rückkehrer, über die allenthalben gesprochen wird, der in einem Kriegsgebiet war und unvorstellbar schlimme Dinge gesehen und erlebt hat. Wichtig war zuerst einmal, ihn zurück ins "Hier-und-Jetzt" zu holen. Die Gespräche haben Mehmet gezeigt, dass Religion komplex ist, dass man sich mit religiösen, politischen und gesellschaftlichen Fragen intensiv auseinandersetzen muss. Er kann heute nachvollziehen, dass die extremistische salafistische Szene eine missbrauchende und auf einfache Antworten ausgerichtete Auslegung von Religion verbreitet.

Die Szene suggeriert den jungen Leuten mit ihrem Eindeutigkeitsangebot auf sehr geschickte Art und Weise ein klares Weltbild mit einfach zu befolgenden Regelwerken. Gepaart mit der globalen Krise und dem humanitären Leid der Muslime und Musliminnen auf der Welt, insbesondere in den islamisch geprägten Ländern, wird ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit vermittelt und die Gewalt als legitimes Mittel für eine Lösung all dieser Krisen verherrlicht.

Die eingangs genannten Jugendlichen haben den Ausstieg beziehungsweise die ersten Veränderungsschritte geschafft und haben aktuell keine Kontakte mehr zur extremistischen Szene. Sie stehen für über 280 junge Menschen, mit denen Violence Prevention Network aktuell in der Ausstiegsarbeit tätig ist. Es geht in dieser Arbeit darum, dass diese Menschen sich in der Gesellschaft angenommen fühlen, partizipieren können und berufliche wie private Ziele erreichbar gestalten können. Für diesen Weg braucht Mehmet verlässliche Gesprächspartnerinnen und -partner.

Aktuelle Entwicklungen in der Deradikalisierungsarbeit

Deradikalisierungsarbeit durchläuft eine stetige Professionalisierungsdynamik und muss sich stets veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und den Veränderungen der extremistischen Szene anpassen. So erschweren derzeit die andauernden gesellschaftlichen Krisen (COVID-19 Pandemie, Krieg in Europa) und die Auswirkungen jüngerer terroristischer Anschläge die praktische Arbeit und Akzeptanz der Deradikalisierungsarbeit.

In Hinblick auf die Klientel führte insbesondere die Pandemie zu sichtbaren Verunsicherungen und erschwerte damit auch den Zugang zu den betroffenen Personen. Damit zusammengehörende Einflussfaktoren, wie Isolation und Angst, führen bei manchen Menschen zu einer höheren Anfälligkeit für Verschwörungserzählungen. Zudem sind individuelle Perspektivlosigkeiten, Verunsicherungen und teilweise auch psychische Belastungen hohe Risikofaktoren in der praktischen Distanzierungsarbeit, die, etwa inspiriert durch einzelne Anschläge zu kritischen Zeitpunkten, gefährlich eskalieren können. Vor den Herausforderungen der Zeit ist es notwendig, flexibel zu bleiben und auch verstärkt neue Fragestellungen in den Blick zu nehmen.

Beispiele für aktuelle Themen:

  • Es müssen neue und verlässliche Zugangswege zur Zielgruppe erschlossen werden, die auch in Krisenzeiten wirken können.

  • Aktuelle Rekrutierungsstrategien der extremistischen Szenen (besonders im Internet) müssen zeitnah analysiert und unmittelbar in die Beratungsarbeit einbezogen werden. Das erfordert eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Akteur:innen der Deradikalisierungsarbeit – besonders im Bereich Monitoring.

  • Auch Maßnahmen aus dem Bereich der psychischen Gesundheit, wie der Psychotherapie, müssen verstärkt mit Angeboten der Extremismusprävention und Deradikalisierung verknüpft werden.

  • Der diagnostische Prozess in der Distanzierungsarbeit im Sinne einer systematischen Identifikation (de-)radikalisierungsrelevanter Bedürfnisbefriedigung hat sich in den letzten Jahren als ein zentrales Instrument für die Praxis entwickelt und muss verstetigt werden.

  • Im Besonderen muss das "Frühwarnsystem" für mögliche gefahrenrelevante Situationen kontinuierlich ausgebaut werden (also die gemeinsame Bewertung anhand von Faktoren, wie unter anderem der Stabilität der Beratungsnehmer:innen, gesellschaftliche Eskalationsereignisse, mögliche Nachahmungshandlungen). Ein solches multiperspektivisches Bedrohungsmanagement bedarf einer weiteren Intensivierung und klaren Strukturierung der verbindlichen Zusammenarbeit zwischen Praxis, Wissenschaft und Sicherheitsbehörden.

  • Beratungsfälle dürfen nicht zu früh abgeschlossen werden, Distanzierungsarbeit ist ein Prozess, der langfristig begleitend angelegt sein muss, um nachhaltige Stabilisierung bestmöglich gewährleisten zu können.

  • Eine funktionsfähige Deradikalisierungsarbeit muss durch eine Verstetigung der Arbeit durch eine kontinuierliche staatliche Förderung gesichert werden. Hierbei muss jedoch darauf geachtet werden, dass keine falsche Erwartung einer völligen Sicherheit suggeriert wird, sondern die Notwendigkeit kontinuierlicher Prozesse und Professionalisierung mit dem langfristigen Ziel der Gefahrenreduzierung deutlich gemacht wird.

Violence Prevention Network gGmbH ist ein Verbund erfahrener Fachkräfte, die seit zwei Jahrzehnten mit Erfolg in der Extremismusprävention sowie in der Deradikalisierung tätig sind. Durch seine Arbeit mit rechtsextremistisch und islamistisch Gefährdeten sowie Radikalisierten hat sich das Team von Violence Prevention Network über Jahre eine europaweit anerkannte Expertise im Bereich der Arbeit mit ideologisch motivierten Straftäter:innen erworben.

Über 100 Mitarbeiter:innen sind aktuell in acht Bundesländern sowie im europäischen Ausland für Violence Prevention Network gGmbH tätig. Unterschiedliche Professionen und Kompetenzen zeichnen die Teammitglieder aus. Neben den klassischen Ansätzen der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung setzen wir seit 2016 auch Projekte im Online-/Social Media-Bereich um.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website von VPN: Externer Link: www.violence-prevention-network.de

Infodienst RadikalisierungspräventionMehr Infos zu Radikalisierung, Prävention & Islamismus

Das Online-Portal Infodienst Radikalisierungsprävention der bpb bietet Hintergrundwissen, pädagogische Materialien, einen Newsletter und eine Übersicht mit Beratungsangeboten.

Interner Link: → Zur Infodienst-Startseite

Fussnoten

Fußnoten

  1. Zum Zeitpunkt von Mehmets Ausreise war die ausschließliche Ausreise noch nicht strafbar, so dass Mehmet nicht angeklagt wurde.

  2. KISSeS wurde von Prof. Dr. Kurt Möller zunächst auf Basis seiner qualitativ-rekonstruktiven Forschung zu rechtsextremen Radikalisierungs- und Distanzierungsprozessen entwickelt und hat sich inzwischen auch im Phänomenbereich des islamistischen Extremismus bewährt (vgl. dazu Möller, Kurt/Kohler, Johanna/Lempp, Marion/Neuscheler, Florian (2019): Zur sozialen Diagnostik von Deradikalisierungsprozessen 'islamistisch' orientierter Personen. In: Interventionen. Zeitschrift für Verantwortungspädagogik 13, S. 16-25.)

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Thomas Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network, Dipl.- Pädagoge und -Politologe. Er ist seit 25 Jahren in der Extremismusprävention und -begegnung tätig und verfügt über langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Gewalttäter:innen und Gewaltopfern. Zudem ist er Ausbilder für Mediation und für das Antigewalt- und Kompetenztraining AKT®. Als Dozent, Referent und Coach arbeitet Thomas Mücke bundesweit zu den Themenschwerpunkten Radikalisierung und Deradikalisierung, politischer Extremismus sowie zu Konzepten und Methoden der Antigewaltarbeit.