kulturelle Bildung

29.5.2012 | Von:
Susann Gessner

Kinder- und Jugendliteratur im Kontext politischer Bildung

Literatur stellt im Kontext kultureller Bildung ein traditionelles Medium dar. Im Kontext politischer Bildung allerdings ist das Literarische als Prinzip der Vermittlung auf den ersten Blick eher bemerkenswert. Im Text wird darüber nachgedacht, welche politischen Bildungsprozesse durch Kinder- und Jugendliteratur eröffnet werden können.

Aufgeschlagenes Buch (© Diddi/Photocase)

Literatur als Erkundung der Welt

Literatur zeigt Lebenszusammenhänge und ermöglicht deren mehrperspektivische Erkundung. [1] Das heißt, Literatur kann Vorstellungsräume öffnen und man kann ihr nicht mit der Frage beikommen, ob sie 'wahr’ oder als historische Quelle 'zuverlässig’ ist. Man muss sie vielmehr darauf hin befragen, welche Welt sie warum und wie entwirft. [2]

Wie andere Künste auch ist Literatur Ausdrucksmedium für Kommunikation und Selbstinterpretation derer, die sich mit ihr beschäftigen. Indem Menschen miteinander darüber sprechen, was sie gelesen haben, versichern sie sich einer wichtigen Gemeinsamkeit von persönlicher Erfahrung und kulturellem Verständnis. Literaturgebrauch stellt so betrachtet eine Aufnahme in die Gemeinschaft derer dar, die am Wissen einer Kultur teilhaben und an der Kommunikation darüber teilnehmen wollen. [3] Damit kommt der Literatur - wie allen Medien - eine soziale Funktion zu, weil sie es Menschen ermöglicht, ihr Selbstverständnis in einer Kultur auszudrücken und zu prägen. Gesellschaftliche, politische und pädagogische Fragestellungen sind in Literatur eingeschrieben. [4]

Moderne Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur [5] ist in Schule und Bildungsarbeit ein verbreitetes Medium. Im Zusammenhang von Kinder- und Jugendliteratur und politischer Bildung liegt es nahe, zunächst an problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur zu denken, die in den 1970er-Jahren aufkam und eine sozialkritische Ausrichtung aufweist. Gesellschaftliche Probleme werden in Form einer exemplarischen Geschichte erzählt, die nah an der Wirklichkeit bleibt und für politische und gesellschaftliche Probleme sensibilisieren will. Damit erfährt Kinder- und Jugendliteratur eine stofflich-thematische Erweiterung um zuvor tabuisierte Bereiche wie beispielsweise Politik, Herrschaft, Krieg, Faschismus, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung, Rechtsradikalismus, Gewalt, Jugendkulturen und Drogen. [6] In der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur treten dabei die subjektiven Interessenlagen der jugendlichen Adressaten in den Hintergrund, denn es geht ja um die Sache bzw. das Problem. Und so orientieren sich die Texte nach wie vor eher an den Bedürfnissen, Erkenntnissen und Erziehungsabsichten der Erwachsenen. [7] Heute reicht die stofflich-thematische Aktualität alleine nicht mehr aus, um einen Text zu qualifizieren. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und vor allem seit der "Etablierung der Mediengesellschaft sind bereits im Alltagswissen von Jugendlichen sämtliche brisanten Themen von Umweltzerstörung bis hin zu Aids mindestens hintergründig präsent. Es bedarf also nicht mehr der literarischen Aufklärungsarbeit, um sie öffentlich zu machen oder zu aktualisieren“. [8] Und auch kinder- und jugendliterarische Texte müssen auf diese rasanten Wirklichkeitsveränderungen und die damit in Zusammenhang stehenden veränderten Wert- und Normvorstellungen reagieren. [9] Moderne Kinder- und Jugendliteratur [10] entspricht dem durch komplexere Strukturen und eine höheren literarischen Anspruch. So sind beispielsweise die veränderten Bewusstseinsstrukturen der Figuren im Denken über die Welt in die Texte eingeschrieben. Es geht um eine ganzheitlichere Darstellung des Zusammenhangs von individueller und sozialer Veränderung, was sowohl die Erfassung von Außenwelt als auch die Gestaltung der psychischen Innenwelt angeht. Die gezeigten Figuren werden als Individuen, einmalig und unwiederholbar, in einer lebensgeschichtlichen Phase entworfen. Sie werden sowohl in ihrer 'existenziellen Erschütterung’ und 'tiefgreifenden Identitätskrise’ gezeigt als auch darin, diese lustvoll und offen, als Möglichkeit des Ausprobierens und als Gewinn bei der Sinn- und Identitätssuche erleben zu können. [11] Es geht also um die Positionen, Auffassungen und Werte der Jugendlichen selbst, ohne dass eine direkte oder indirekte Korrektur durch den Erzähler oder die Figuren erfolgt. Das heißt, die Texte selbst präsentieren keine fertigen Lösungen mehr. Bildungsprogrammatisch können somit keine pädagogischen Unterweisungen mehr erfolgen. Der Umgang mit den Texten wird schwieriger und muss differenzierter erfolgen. Und so ist gerade in pädagogischen Zusammenhängen diese kinder- und jugendliterarische Modernisierung nicht unumstritten und verunsichert vor allem jene, die Kinder- und Jugendliteratur vornehmlich als Sozialisations- und Erziehungsinstrument begreifen. [12]

Kann moderne Jugendliteratur politisch bilden? Und wenn ja: wie?



Moderne Jugendliteratur kann Informationen und Botschaften vermitteln, die für politische Bildungsprozesse bedeutsam sind und zwar sowohl inhaltlich als auch ästhetisch. Denn die ästhetische Dimension eines Textes kann etwas ausdrücken, "[...] dem die sachliche Beschreibung sich allenfalls annähern kann. So vermag Literatur Politisches zu vermitteln – aber nicht 'direkt’ Tagespolitisches, 'eindimensional’ Ideologisches oder undifferenzierte Schwarz-Weiß-Darstellungen“. [13] Literatur kann die Ambivalenzen und Mehrdimensionalität eines Themas ausdrücken, indem sie Metaphern, Analogien oder Bilder nutzt, die Spielraum geben für Interpretationen und Reflexionen. [14] Das trifft auch auf moderne jugendliterarische Texte zu. Diese können gerade für Heranwachsende eine Beziehung zwischen Lebenswelt und Literatur, d.h. der Alltagserfahrung und der literarischen Vorstellungsbildung schaffen. Dadurch können sich neue Erfahrungs- und Erlebnisräume erschließen. [15] Historische, politische und anthropologische Zusammenhänge werden aufgezeigt, die zum kritischen Nachdenken anregen. [16] Zudem kann moderne Jugendliteratur das Interesse an politischen und gesellschaftlichen Themen überhaupt erst wecken, da sie diese im Zusammenhang mit dem Alltag und der Lebenswelt Jugendlicher zeigt. Die Gestaltung wesentlicher Lebensfragen moderner Gesellschaften in Form literarisch-künstlerischer Modelle vermag es, junge Menschen auf eine Art anzusprechen, die durch eine rein kognitive Bearbeitung häufig nicht möglich ist. [17] 'Herkömmliche’ Unterrichtsmedien der politischen Bildung, mit ihrer sachlichen und nüchternen Aufmachung, erzeugen häufig keine Begeisterung für die Sache. Gerade in der Fachkultur der politischen Bildung werden diese Wirkungen von Literatur oft unterschätzt. [18] Kinder- und jugendliterarische Texte können zeigen, dass politische Bildung nicht immer eine ernste und komplizierte Sache sein muss, der man nur mit umfangreichen, komplexen und fachsprachlichen Texten gerecht werden kann. Moderne Jugendliteratur ermöglicht sozusagen eine andere Anschlussfähigkeit: Als interpretierbares und -bedürftiges Medium kann sie einen Zugang zu politischen und gesellschaftlichen Bereichen eröffnen und Lernende befähigen, auch ästhetisch vermittelte Botschaften zu entschlüsseln [19]. Das heißt, es können literarische Kompetenzen erworben werden, die auch zu einem selbstbestimmten und verantwortlichen Mediengebrauch als einem Ziel politischer Bildung gehören.

Fußnoten

1.
vgl. Schindler 2002: 276 und Abraham; Kepser 2006: 108
2.
vgl. Abraham; Launer 2002: 7
3.
vgl. Abraham; Kepser 2006: 19
4.
vgl. ebd.: 45
5.
Kinder- und Jugendliteratur ist nicht als besondere 'Textsorte’ zu klassifizieren, die sich durch bestimmte Textmerkmale wie z.B. Einfachheit oder typisierende Figurengestaltung auszeichnet. Kinder- und Jugendliteraur existiert nicht als abgeschlossene Gattung, sondern zeichnet sich durch Vielfalt künstlerischer Präsentationen, Genres und Gattungen aus (vgl. Gansel 2010: 12).
6.
vgl. Gansel 2010: 111
7.
vgl. Haas 1998: 728
8.
Gansel 2010: 164
9.
Während sich Kinder- und Jugendfiguren der 1970er-Jahre beispielsweise noch gegen patriarchalisch-autoritäre Familienverhältnisse auflehnten, leben sie seit den 1980er/90er-Jahre eher in ‚Verhandlungsfamilien’, in denen ihre Meinung gefragt ist, sie zu Selbständigkeit und eigenverantwortlichem Handeln aufgefordert sind (vgl. Gansel 2010: 105f.).
10.
Ich folge hier der Begrifflichkeit bzw. der Definition von Gansel (2010).
11.
vgl. Gansel 2010: 169
12.
vgl. ebd.: 107
13.
Richter 2001: 175
14.
vgl. ebd.
15.
vgl. Abraham; Kepser 2006: 128
16.
vgl. Lange 1998: 64
17.
vgl. Abraham; Kepser 2006: 33
18.
vgl. Besand 2004: 195
19.
vgl. Sander 2007: 222

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