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kulturelle Bildung

29.5.2012 | Von:
Sascha Meinert

Narrative für eine Nachhaltige Entwicklung

Herausforderungen und Zugänge für die politische Bildung

Menschen lieben Geschichten – Wir hören sie an, erzählen sie selbst und erfahren dabei viel über uns, andere und die Welt, in der wir leben. Methoden, in denen Geschichten im Mittelpunkt stehen, bieten auch für die politische Bildung und das Thema Nachhaltige Entwicklung ein großes Potenzial.

Link zur Methode "Die Macht von Geschichten“.

Was uns wichtig ist, erzählen wir in Form von Geschichten.Was uns wichtig ist, erzählen wir in Form von Geschichten. (© juttaschnecke/Photocase)
"A normal human being is one, who can tell his or her story“
Oliver Sacks

Geschichten erzählen als zutiefst menschliche Eigenschaft

Als der Anthropologe Gregory Bateson in den 1950er-Jahren einmal gefragt wurde, ob er die Schaffung von künstlicher Intelligenz für möglich halte, sagte er: "Ich weiß es nicht, aber wenn wir eines Tages einem Computer eine klare Ja-Nein-Frage stellen und er antwortet 'Das erinnert mich an eine Geschichte…‘, ich glaube, dann sind wir nah dran.“ [1] Das Erzählen von Geschichten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Im Gegensatz zu analytisch-wissenschaftlichem Denken, das auf klar abgegrenzten Fakten beruht und zu eindeutigen Feststellungen führt, geht es beim narrativen Denken um den größeren Zusammenhang – um Kontext, Relevanz und Sinn. Beide Denkweisen bieten einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt. [2]

Es ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur, dass wir dem analytisch-wissenschaftlichen Denken eine große Bedeutung zumessen. Denn es hilft uns, die Dinge berechenbar zu machen, sie in den Griff zu bekommen. Das geht im Extrem so weit, dass nur wissenschaftlich-exaktes Wissen als wahr angesehen wird. Damit sind wir weit gekommen. Auf der anderen Seite erleben wir gerade die diffusen und vielschichtigen Angelegenheiten in unserem Leben (wie zum Beispiel die Liebe) als durchaus wahrhaftig – auch wenn sie hochgradig subjektive Erfahrungen darstellen und nicht exakt vermessbar sind. Angesichts der komplexen Struktur unserer Wirklichkeit lässt sich Exaktheit dementsprechend nur durch die Isolation des herausgegriffenen Sachverhalts erreichen. Mit dem fortschreitenden Herauslösen aus dem Kontext verringert sich aber auch der Relevanzgehalt, weil größere Beziehungs- und Bedeutungszusammenhänge verloren gehen. [3] Um Sinn zu schaffen, brauchen wir den 'narrativen Modus‘.

So benutzen wir jeden Tag – meist unbewusst – Geschichten, anhand derer wir unsere Wahrnehmungen einordnen. In Form von Geschichten deuten wir die Realität, indem wir einzelne Ereignisse oder Fakten in einen Zusammenhang stellen und ihnen so Bedeutung geben. Geschichten helfen uns, uns zu erinnern. Alltagskommunikation erfolgt nicht über Fakten, sondern über Geschichten. In der Kognitionspsychologie und den Erziehungswissenschaften hat sich seit Anfang der 1980er-Jahre auch sukzessive die Erkenntnis durchgesetzt, dass Lernprozesse durch den Einsatz narrativer Methoden signifikant unterstützt werden können. Und in einer Welt, in der vormals festgefügte Kontexte und Rollenzuweisungen an Prägekraft verloren und sich die Wahlmöglichkeiten vervielfacht haben, erfährt auch in der politischen Bildung das Konzept der Narrativen Identität – also Identität als einer kontinuierlichen, dynamischen Selbst-Narration – eine verstärkte Aufmerksamkeit. Narrative Kompetenzen sind eine zentrale Grundausstattung, wenn man improvisieren muss und sein Leben nicht mehr 'vom Blatt spielen‘ kann.

Bedeutung des Erzählerischen in der politischen Bildung

Wie in der Bildungslandschaft im Allgemeinen, findet auch in der politischen Bildung die Bedeutung narrativer Kompetenzen in der Praxis jedoch zu wenig Berücksichtigung. Der Fokus liegt nach wie vor meist auf der Vermittlung von Sach- und Faktenwissen sowie argumentativen Zugängen. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Erzählerische in unserem Leben an Bedeutung verloren hat – es findet jeden Tag auf dem Pausenhof, in Cafés, im Fernsehen, in der Werbung, etc. statt. Hier werden Heldengeschichten erzählt, Geschichten über die Einhaltung oder das Brechen von Regeln, über Beziehungen und Gerechtigkeit – und über Schnäppchen, die wir gemacht haben. Kurz, über alles, was uns bewegt.

Geschichten sind stets mehrdeutig, d.h. sie beziehen den Zuhörer mit ein und regen dazu an, selbst eine Bewertung vorzunehmen. Daraus entsteht ein facettenreiches Wechselspiel von ineinander verflochtenen Erzählungen, [4] aus dem individuelle und kollektive Identitäten hervorgehen. Dies vollzieht sich nicht im 'luftleeren Raum‘, sondern im Rahmen von kultur-geschichtlichen Meta-Erzählungen – Mythen, in denen sich Zivilisationen gemeinsame Sinnstrukturen geschaffen haben. [5] Diese 'Lebensskripte‘ dienen als Rahmenerzählungen, in die wir unsere Selbst-Narrationen einbetten. Wo und wie wir uns in diesen Meta-Erzählungen verorten, vollzieht sich in einem permanenten Aushandlungsprozess zwischen persönlicher Intention und der Resonanz unseres Umfelds auf unsere Selbsterzählungen.

Fußnoten

1.
Zit. Nach Lambert 1997
2.
Bruner 1997
3.
Dürr 2011, 96 ff.
4.
Jean Mandler hat hierfür den Begriff "Nested Narratives“ geprägt.
5.
Campbell 1991

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