kulturelle Bildung

29.5.2012 | Von:
Sascha Meinert

Die Macht von Geschichten: "Mein Leben als Opfer, mein Leben als Held“

Geschichten tragen wesentlich zur Identitätsbildung von Menschen bei. Die vorgestellte Methode regt dazu an, Gestaltungsspielräume im eigenen Leben wahrzunehmen und zu reflektieren.

Link zum Grundsatzartikel "Narrative für eine Nachhaltige Entwicklung".
Eine Geschichte kann zu einer anderen werden, je nachdem, welche Worte man wählt.Eine Geschichte kann zu einer anderen werden, je nachdem, welche Worte man wählt. (© knallgrün/Photocase)

Hintergrund und Anliegen

In unserem Leben gibt es Fakten, die sind, wie sie sind: Man ist männlich oder weiblich, alt oder jung. Man hat diese oder jene Eltern, die aus diesem und jenem Ort kommen. Aber wir können diese Fakten in sehr unterschiedliche Geschichten einbetten. In unseren Geschichten wählen wir bestimmte Fakten aus (andere lassen wir unberücksichtigt), wir geben ihnen einen Stellenwert und stellen kausale Verknüpfungen zwischen ihnen her. Wenn man sich zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall das Bein gebrochen hat und für ein paar Wochen im Bett liegen muss, kann die "Heldengeschichte“ davon handeln, wie wir diese ganzen Widrigkeiten erfolgreich managen. Die Opfergeschichte handelt davon, dass man "ja immer Pech hat“ und von der Zeit, die wir durch diesen Unfall verlieren und wie hoch der Verdienstausfall sein wird… Eine Geschichte über die größere Bedeutung des Unfalls mag hingegen vielleicht davon erzählen, dass man mal „einen Gang runter schalten muss“ oder dass es zum Glück ein paar Freunde und Familienmitglieder gibt, die einem in so einer Situation zur Seite stehen. Was wir erleben, ist also nur zu einem (geringeren) Teil von Fakten bestimmt, sondern Ausdruck davon, zu welchen Geschichten wir sie verknüpfen.

Mit der folgenden kurzen Übung machen wir uns Gedanken, wie wir aus den verschiedenen Gegebenheiten unsere Wirklichkeit konstruieren – und dass wir hierbei einen nicht zu unterschätzenden Spielraum haben. So können wir unser Leben bzw. unseren Alltag durchaus als eine passive "Opfergeschichte“ beschreiben. Wir können aber unser Leben auch als eine "Heldengeschichte“ empfinden. Geschichten sind ein wesentliches Instrument der Identitätsbildung. Es liegt eine enorme Macht in der Art und Weise, welche Geschichte wir uns und anderen darüber "erzählen“, was hier vor sich geht.

Methodensteckbrief

Kurzbeschreibung Die Teilnehmenden erzählen sich in Zweiergruppen "die Geschichte ihres Lebens“ – einmal aus der Perspektive des Opfers, einmal aus der Perspektive des Helden. Es wird deutlich, dass ein Spielraum besteht, welche Geschichte wir "wahrnehmen“. Es geht darum, Autor seiner Geschichte zu sein und nicht nur "vom Blatt zu spielen“.
Zeitbedarf10-15 Min.
Zielgruppe und Gruppengrößeab 12 Jahre, ab 6 Teilnehmenden
MaterialienKeine
Ablauf Die Teilnehmenden werden gebeten, sich in Zweiergruppen aufzuteilen, und sich jeweils auf Stühlen gegenüber zu setzen. Sie sollten sich dabei eine/n Partner/in wählen, den sie noch nicht so gut kennen. Die Zweiergruppen, die sich möglichst gut über den Raum verteilen sollten, damit man sich nicht gegenseitig stört, werden dann gebeten, sich "die Geschichte ihres Lebens aus der Perspektive des Opfers“ in jeweils 90 Sekunden zu erzählen. Wenn die Nachfrage kommt, ob man die Wahrheit erzählen muss, lautet die Antwort: "Ihr könnt Euch auch etwas ausdenken, aber in der kurzen Zeit, die zur Verfügung steht ist es sehr schwer, zu lügen. Ihr erzählt über Eurer Leben und das ist das Leben eines Opfers.“

Mit dem Startzeichen (z.B. Glöckchen oder ein "und … los“ beginnt einer dem Partner "seine Geschichte“. Nach 90 Sekunden wird laut und deutlich "und … Wechsel“ gerufen und nun erzählt der- bzw. diejenige, die zuerst zugehört hat, ihre Geschichte, die Geschichte eines Opfers. Nach 90 Sekunden kommt ein "Stopp“. In einem zweiten Durchlauf, der nach dem gleichen Muster abläuft, lautet die Aufgabe nun, die "Geschichte meines Lebens, aus der Perspektive eines Helden“ zu erzählen. Wiederum stehen jeweils 90 Sekunden zur Verfügung, diesmal allerdings, um eine Heldengeschichte zu erzählen.
AuswertungAuch wenn in der Übung Tiefgründiges steckt, ist es an dieser Stelle wichtig, das gerade Erlebte nicht zu "psychologisieren“. In der Regel reichen drei Bemerkungen:
  • "Diese Übung handelt von der Macht von Geschichten: Man kommt da und da her, ist männlich oder weiblich, hat die und die Eltern..., aber wie wir diese Dinge zu einer Geschichte zusammensetzen, da haben wir Möglichkeiten...“
  • "Wir sind sehr gut darin, Opfergeschichten zu erzählen.“
  • "Ich weiß nicht was Ihr erzählt habt, aber es war sehr interessant zuzusehen, wie Ihr mit großen Gesten (Arme ausbreiten, etc.) Eure Heldengeschichten erzählt habt. Ich glaube in Euch stecken großartige Geschichten.“
Die Erfahrung zeigt, dass diese kleine Provokation durchaus zum Nachdenken anregt. Rückmeldungen von Teilnehmenden zeigen, dass dieser Gedanke ihnen im Anschluss an die Veranstaltung in verschiedenen Situationen wieder "einfällt“ – "Bin ich hier gerade mal wieder dabei, eine Opfergeschichte zu erzählen?“ Manchmal kommt man auch während der Veranstaltung wieder darauf zurück.

Hinweis 1
Es ist wichtig, den Teilnehmenden nicht vorher zu sagen, dass nach der Opferperspektive die Heldenperspektive folgt!

Hinweis 2
Man kann nach Opfer und Held auch die Zweiergruppen sich ihr Leben gegenseitig erzählen lassen, "als ob es eine ganz bestimmte tiefe Bedeutung hat“. Die Erfahrung zeigt, dass viel weniger emotionale Energie im Raum ist, es ist leiser, die Pausen sind merkbar. Bei der Frage nach Bedeutung, muss der/die Erzählende sein Gegenüber stärker mit einbeziehen. Sinn ist eine Kopfsache, Held und Opfer sind Emotionen.

Hinweis 3
Wenn man diese Übungen mit Jugendlichen durchführt: Der Begriff "Du Opfer“ wird von Jugendlichen gerne auch als Schimpfwort, als Ausdruck der Geringschätzung, verwendet. Das Gefühl der Machtlosigkeit ist in der Tat eine insbesondere bei jungen Menschen verbreitete Grundhaltung, die dann oft auf andere projiziert wird. In der Resilienzforschung [1] geht man davon aus, dass ein Abgleiten in Gewalt gegen andere häufig aus dem Gefühl resultiert, dass man in den bestehenden Wettbewerben (um einen guten Arbeitsplatz, ein hohes Einkommen, soziale Anerkennung, etc.) ohnehin nicht weit kommt. Man sucht sich dann "Wettbewerbe“, die man glaubt, gewinnen zu können, z.B. einem Mitschüler das Handy "abzuziehen“, oder der Klassiker: "Mein Stamm ist besser als Dein Stamm!“ Wenn von den Teilnehmenden der Hinweis auf das Schimpfwort "Opfer“ kommt, sollte man darauf eingehen und fragen, was sie mit dem Wort – wenn sie es verwenden – eigentlich ausdrücken wollen und wie man zu einem Opfer wird. Daraus kann sich eine spannende Reflektion ergeben.

Fußnoten

1.
Resilienz ist die Fähigkeit, äußere Einflüsse und Veränderungen ("Probleme“) zu verarbeiten und für die eigene Entwicklung konstruktiv zu nutzen. Resilienzforschung beschäftigt sich insb. mit der Frage, was die Resilienz von Menschen oder Systemen stärkt und was sie beeinträchtigt.

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