kulturelle Bildung

25.6.2012 | Von:
Martina Nadansky

Architektur in der kulturellen Bildung

Architekturvermittlung heute

Architektur in der Schule

Die Vermittlung von Architektur in der Schule (in Deutschland) findet bis heute im Regelunterricht in begrenzten Unterrichtsfeldern - hauptsächlich im Rahmen des Kunstunterrichts, und das auch erst im Fachunterricht ab Jahrgangsstufe 5 - statt. Ein sehr gut geeigneter organisatorischer Rahmen sind dagegen die sogenannten "Projektwochen" in allen Klassenstufen, die fächerübergreifenden, themenbezogenen Unterricht ermöglichen und geradezu herausfordern. Architektur könnte jedoch gemäß ihrer enormen Themenvielfalt auch in ganz andere Unterrichtsfächer als nur in den Kunstunterricht einbezogen werden: z.B. in Mathematik (Geometrie, Raumkörper, Stadtkörper), Biologie (Bionik, Baubionik, Evolutionsgeschichte des Bauens), Geschichte (Baugeschichte), WAT Wirtschaft, Arbeit, Technik (Bautechnik, Konstruktion), PB Politische Bildung (Soziologie, Baupolitik, Bürgerbeteiligung, gemeinsames Wohnen und Leben…), Musik (Raumakustik, Klangkörper, Stadtgeräusche) u.a.. Es gibt gegenwärtig bereits eine Reihe von Schulbüchern, die diesen Anspruch überzeugend umsetzen, und es werden sicher noch mehr werden[6]. Gleichzeitig mit der Vermittlung durch unterstützende Fachbücher wird Architektur auch verstärkt in die Ausbildung der zuständigen Pädagogen eingebaut[7]. Gegenwärtig erleben wir also, wie bundesweit die Notwendigkeit einer Architekturvermittlung erkannt und gefördert wird. 16 verschiedene Lehrpläne und Unterrichtsstrukturen der Bundesländer sowie die Ausbildung der Pädagogen müssen jedoch noch weiter überarbeitet und angepasst werden.

Außerschulische Lernorte

Viele Institutionen (Kunst- und Architekturmuseen, z.B. Deutsches Architekturmuseum/ Frankfurt, Paul Klee Zentrum/ Bern), Berufsverbände (z.B. Architektenkammern von Bund und Ländern, UIA s. oben), Stiftungen (z.B. Bundestiftung Baukultur[8]), Hochschulen (z.B. Bauhaus-Universität Weimar, Universität Cottbus/ Studiengang Architekturvermittlung) und weitere Initiativen (z.B. Wüstenrotstiftung) arbeiten gegenwärtig im Bereich der Architekturvermittlung auf weltweiter, europäischer, länderbezogener und regionaler Ebene. Verknüpfungen mit pädagogischen Institutionen und Personen sind dabei häufig und ebenfalls auf allen Ebenen vorhanden. Die aktiven Architekturvermittler/-innen sind größtenteils ausgebildete Architekten/-innen, kommen aber auch immer häufiger aus dem allgemeinen Kulturbereich (Museumspädagogik) mit Ausbildungen im Bereich Kunst- und Baugeschichte und Kulturvermittlung. Vielfach drückt sich der doppelte Ansatz von Architektur und Pädagogik auch in einer dualen Besetzung der Projektleiter/-innen mit entsprechender Berufsausbildung und Schwerpunktbildung im Projektverlauf aus. Finanzierung und Organisationsstruktur sowie Art und Anzahl der Beteiligten sind je nach Rahmenbedingungen oft sehr verschieden - was hier ein hohes ehrenamtliches Engagement erfordert, kann dort eingebunden sein in ein übergeordnetes europäisches Kulturprogramm. Auch die organisatorischen Rahmenbedingungen, finanziellen Möglichkeiten und Bedürfnisse der Projektbeteiligten sind sehr unterschiedlich.

Themen und Methoden der Architekturvermittlung

Die Themen der Architekturvermittlung sind entsprechend vielfältig, lassen sich aber in drei grundsätzliche Themengruppen einteilen:

a) Projekte zum gebauten Umfeld

Diese Projekte lenken die Wahrnehmung auf den vorhandenen gebauten Lebensraum. Die Maßstäbe der Bearbeitung reichen hier von der Analyse des eigenen Zimmers/der Wohnung über die Untersuchung des Lebensraumes Schule bis zur Erkundung des Wohnumfeldes oder ganzer Stadtquartiere und Stadtplanungen. Mit steigendem Maßstab erhöht sich hierbei der Abstraktionsgrad und somit die Altersgruppe der Schülerinnen und Schüler, worauf man in Themenauswahl und Methode achten muss. Eine wesentliche Methode dieses Projekttyps ist die Exkursion, die vor Ort z.B. mit Hintergrundinformationen, beteiligten Fachleuten und Stadtplänen ergänzt wird. Meistens wird sie kombiniert mit einer Workshop-Phase, die die zusammengetragenen Ergebnisse analysiert, auswertet und präsentiert. Ergänzend könnten hier etwa auch Interviews mit Bewohnern/-innen und Zeitzeugen/-innen oder ein Fotoprojekt durchgeführt werden. Stellvertretend für die bundesweit zahlreichen guten Projekte in diesem Bereich sollen hier einige Initiativen genannt werden:

AK NRW Im Jahr 2002 startete die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen das Aktionsprogramm "Architektur macht Schule!" "Ziel der Initiative ist es, Kindern und Jugendlichen ein Gespür für die Qualität ihrer gebauten Umwelt zu vermitteln und damit langfristig das öffentliche Bewusstsein für Baukultur zu schärfen."[9] In diesem Rahmen werden alle Ebenen der angesprochenen Themen methodisch vielfältig bearbeitet[10] und mit Lernmappen und Unterrichtsmaterial ergänzt.

AK Bayern Auch die Architektenkammer Bayern ist sehr aktiv im Bereich Architekturvermittlung und bietet ein vielfältiges Programm an: Kinderführungen, Klimadetektive, Erlebnis Denkmal und Bayernhören, ein akustisches Stadtprojekt, werden angeboten.[11]

Geführte Stadtrundgänge
Im Zusammenhang mit der Individualisierung und Imagepflege kultureller Besonderheiten von Städten wird eine Vielzahl geführter Stadtrundgänge, kleinerer Workshops und Ferienprojekte angeboten. Sie heißen "Entdeckungstour" (z.B. Hamburg[12] ), "Stadtrallye" (z.B. Stuttgart[13]) "Stadtspäher" (z.B. Ruhrgebiet[14]), "Stadtsafari" (z.B. Region Rhein-Neckar[15]), "Stadtdetektive" (z.B. München[16]), Kinderstadtführung (z.B. Lübeck[17]), Kindertour (z.B. Berlin[18])– – der Schwerpunkt auf der entdeckenden Erkenntnis ist deutlich erkennbar[19]. Aktuell im Kommen ist die mediale Variante "Geocoaching" für Jugendliche (z.B. Stuttgart[20]), bei dem die Stadt mit Hilfe von GPS-Geräten und Stadtplan erkundet wird.

b) Projekte zu einzelnen Themen aus der Architektur

Einzelne Architekturthemen lassen sich gut erfassen und sind überschaubar, sie eignen sich daher sehr gut auch für jüngere Kinder. Auffällig ist auch das gute Angebot an ergänzender Literatur, was wohl den selben Hintergrund hat. Dazu einige Beispiele:

Konstruktion Projekte zur Konstruktion münden oft in den Wettbewerb „höher, weiter, filigraner“ – Türme und Brücken sind daher die bevorzugten Bauaufgaben der Teilnehmenden. Der Rahmen sollte vorher über die Aufgabenstellung bezüglich Materialart (Papier, Holzstäbe, Strohhalme,…), Materialverbrauch, Verbindungsmitteln (kleben, stecken, binden - zugelassen oder nicht?) und Ziel gesetzt werden.

Workshop im Rahmen der Internationalen Fachtagung "children and architecture" in  Krakau/ Politechnika Krakowska 2008.Workshop im Rahmen der Internationalen Fachtagung "children and architecture" in Krakau/ Politechnika Krakowska 2008. (© Valentin Rothmaler)
Material Die Materialwahl hat, auch baugeschichtlich, entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung, Gestaltung und Wahrnehmung von Architektur – sei es als Baukonstruktion, Objekt oder Oberfläche. Material und Form, Material und Farbe, Material und Akustik stehen oft in direktem Zusammenhang und bedingen sich gegenseitig.

Farbe Das Thema ist scheinbar vertraut, oft bearbeitet und doch sehr komplex. Durch seine Nähe zur Kunst ist die Abgrenzung als Architekturprojekt naturgemäß schwierig und doch ebenso wichtig – unsere gesamte Umwelt, und auch die Architektur – ist schließlich farbig.

Wahrnehmung Raumwahrnehmung gehört zu den schwierigen, wenig fassbaren Themen in der Architektur. Sie ist abhängig von architektonischen und räumlichen Faktoren, und vor allem von uns selbst. Jeder nimmt also Raum, und besonders einen bestimmten Raum, anders und individuell wahr. Projekte, die sich mit der Wahrnehmung befassen, stellen bestimmte Selbstverständlichkeiten infrage oder auch mal auf den Kopf.

c) Projekte mit fachübergreifendem Ansatz

Diese Projektgruppe nimmt spezielle Themen in den Mittelpunkt, die übergeordnet und auch fachübergreifend verknüpft sind. Der Seiteneinstieg über ein Thema, das im Kern eigentlich nicht als architekturrelevant wahrgenommen wird, führt zur Aktivierung anderer Methoden, die einbezogen werden. Dazu wieder einige Beispiele:

Musik Ohne Raum kein Hören. Klang, Geräusch und Ton stehen in unmittelbarer Verbindung zum Raum und werden nur im Zusammenhang wahrgenommen. Musikbezogene Architekturprojekte – oder architekturbezogene Musikprojekte – stellen diesen Zusammenhang in den Mittelpunkt. Sie arbeiten mit Methoden aus der Klangwelt- Oberflächenreflexion, Lautstärke, Klangqualität und Nachhall.

Klangräume - veränderte Klangwahrnehmung durch Filterung und Konzentration: ein Workshop mit  Gitarrist und Klangkünstler Falk Zenker beim  4. Internationalen Symposium Architekturvermittlung in Weimar 2012.Klangräume - veränderte Klangwahrnehmung durch Filterung und Konzentration: ein Workshop mit Gitarrist und Klangkünstler Falk Zenker beim 4. Internationalen Symposium Architekturvermittlung in Weimar 2012. (© Martina Nadansky)
Tanz Raumwahrnehmung geschieht insbesondere durch Bewegung im Raum. Unser Körper befähigt uns mit allen Sinnen, den Raum erfahrbar zu machen. Was liegt da eigentlich näher, als den eigenen Körper für diese Raumerfahrung zu sensibilisieren?

Biologie Architektur ist Raumbildung, bildet Hüllen mit vielfältigen Schutzfunktionen und Anforderungen– und das gilt für unsere gesamte lebendige Tier-, Pflanzen- und Menschenwelt. Projekte zur Bau- und Architekturbionik bearbeiten verblüffende Zusammenhänge in den Bereichen Konstruktion, Statik, Form, Material, Farbe, Metapher, Soziologie, Stadtplanung und nutzen dafür auch für die Architektur unübliche naturwissenschaftliche Methoden.

Politik Architektur steht immer in gesellschaftspolitischem Zusammenhang. Besonders deutlich wird dies bei Projekten zu Stadtplanung und politischer Partizipation. 2012 findet so z.B. zum 8 Mal das Ferienprojekt FEZitty – Hauptstadt der Kinder im Berliner Kinder- Jugend- und Familienzentrum FEZ statt[21]. 6 Wochen lang können Kinder und Jugendliche in einer selbst organisierten und gebauten Stadt ein komplexes Stadtleben gestalten. Architektur steht dabei nicht im Vordergrund, bildet jedoch die notwendige Verortung zum Gelingen der Stadt.

Literatur

Nadansky, Martina: Wie bauen Tiere? Wie bauen Menschen?, Mülheim a.d. Ruhr (?) seit April 2012 als download verfügbar.

Weitere Informationen unter www.jirka-nadansky.de/ - Architekturvermittlung

Fußnoten

6.
Einen sehr guten Überblick gibt hierzu die im pdf-Format herunterladbare Literaturliste auf der Internetseite der Bundesarchitektenkammer www.bak.de unter Baukultur/ Architektur in der Schule/ Literaturliste
7.
Zum Beispiel in der Bauhaus-Universität Weimar, fachübergreifende Lehrveranstaltungen der Fakultät Architektur/ LG Grundlagen des Entwerfens mit Fakultät Gestaltung/ LG Lehramt an Gymnasien
8.
Die 2000 gegründete „Bundesstiftung Baukultur“ formuliert dazu: „Dazu gehören vor allem Werke der Architektur und des Ingenieurwesens, der Innen- und Landschaftsarchitektur, der Stadt- und Siedlungsentwicklung, der Landes- und Infrastrukturentwicklung sowie von Spezialbauwerken. Dazu gehört auch die Bildung und Erziehung im Sinne der Förderung der Baukultur.“
9.
Zitat nach der Internetseite der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen www.aknw.de
10.
Informationen: www.aknw.de und www.architektur-macht-schule.de
11.
Informationen: www.byak.de
12.
web.raum-forscher.de
13.
kulturfuehrungen.de
14.
www.tu-dortmund.de
15.
www.stadtsafari.com
16.
www.stadtdetektive.com
17.
www.luebeck-tourismus.de
18.
www.berlin-mit-kindern.de
19.
s. auch Leitzgen, Anke M. & Rienermann, Lena „Entdecke Deine Stadt- Stadtsafari für Kinder“, in Zusammenarbeit mit StadtBauKultur NRW, Verlag Beltz & Gelberg, 2010
20.
kulturfuehrungen.de
21.
www.fezitty.de

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