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kulturelle Bildung

11.9.2012 | Von:
Constanze Eckert

Kulturelle und historisch-politische Bildung in Gedenkstätten

Interview mit Constanze Eckert

Die Gedenkwerkstatt

Zum einen finde ich die Idee total spannend, dass Ort und Raum als Aufhänger für historisches Lernen und kulturelle Bildung benutzt werden können – als etwas Konkretes, eine fühlbare Situation, in der historisches Lernen stattfinden kann. Zum anderen interessiert mich Ihre Idee des Lern- und Arbeitsprozesses. Man möchte möglichst offene Prozesse in der kulturellen Bildung, um Freiräume für Kreativität zu schaffen. Gleichzeitig möchte man erreichen, dass die Teilnehmer in historischer Hinsicht etwas lernen. Geht das überhaupt? Wie war das bei der Gedenkwerkstatt, einem Projekt im Rahmen von kunst – raum – erinnerung (s. Kasten, A.d.R.) Gab es da noch herkömmliche Vermittlungsteile?

Die Gedenkwerkstatt (© Gedenkwerkstatt/Anna Zosik)
Bei kunst – raum – erinnerung haben wir in multiprofessionellen Teams zusammengearbeitet, d. h. Gedenkstättenpädagogen, Historiker, Lehrer und Künstler. Verschiedene Formen von Wissen und Erfahrungen sind zusammen gekommen, haben sich ergänzt. Allein um zu isolieren, was eigentlich die Frage ist, muss ich vorher immer schon eine große Menge an Wissen haben. Um mich überhaupt an ein Thema heran zu wagen oder zu fragen, wie ich einen ästhetischen Zugang erarbeiten kann, muss ich über ein breites Wissen verfügen. Daneben kommt es den Historikern auf historische Genauigkeit und auch Richtigkeit an. Die Gedenkstätten als Partner sind dort relativ unflexibel, wo es um den Verhaltenskodex geht. Was darf ich in der Gedenkstätte, welches Verhalten schulde ich den Opfern, was ist korrekt, was nicht? Die Zusammenarbeit basierte daher auf einem ständigen Aushandeln, ein Widerstreit hinsichtlich der Frage der Offenheit des künstlerischen Prozesses. Die historisch-politische Bildung hat ja immer ein Ziel und eine Ausrichtung. Da geht es um etwas Bestimmtes, und es ist meist klar, wie und wozu man die Kinder und Jugendlichen erziehen möchte. Bei den künstlerischen Projekten steht eher die Frage an sich im Vordergrund. Wir befragen die Teilnehmenden über das, was da ist. Das ist natürlich ein Risiko und ein nicht ganz so sicheres Terrain. Bei den einzelnen Projekten und Workshops wurde mit der Frage unterschiedlich umgegangen. Am Anfang stand meist ein Vermittlungsblock, manchmal auch in der Mitte oder am Ende nochmals. Es wurde versucht, einen Prozess in Schlaufen – Vermittlung, Reflexion, Aktion – durchzuführen.

Vielfach haben die Künstlerinnen und Künstler die Workshops zusammen mit den Gedenkstättenpädagogen entwickelt. Häufig gingen die Pädagogen an das Projekt mit einer gewissen Vorstellung heran, was hinterher dabei herauskommen soll und hatten sehr präzise Vorstellungen was mit einer Gruppe machbar ist und wie viel Zeit veranschlagt werden kann.

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Gedenkwerkstatt

Die "Gedenkwerkstatt" war ein partizipatorisches Kunstprojekt in Rahmen des Modellprojekts kunst – raum – erinnerung.

Dem Projekt lag die Idee zugrunde, den BesucherInnen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz (www.mdsm.pl) einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie ihre Gedanken und Emotionen in Bezug auf den Ort und den Themenkomplex "Auschwitz-Birkenau" sichtbar artikulieren und kommunizieren konnten.

Bildmaterial und Begriffe wie z.B.: "Gedenken", "Angst", "Gewalt", "Erinnern", "Mechanismen", "Leben", "Politik", "Vorurteile" dienten als Impulsgeber, die im Laufe der Ausstellung von den BesucherInnen ergänzt und weitergeführt werden konnten.
Das eine waren die 16 Workshops, dann gab es als temporäres Projekt die Gedenkwerkstatt der Künstlerin Anna Zosik, die schon Erfahrung mit dem Thema hatte, durch die Hannah Arendt-Denkwerkstatt, die sie zu der Ausstellung Hannah Arendt Denkraum in der jüdischen Mädchenschule in Berlin entwickelt hatte. Dort gab es neben den Kunsträumen der Schule einen Raum, in dem sich das Publikum beteiligen und die Ausstellung reflektieren konnte. Wir wollten, dass sie für kunst – raum – erinnerung etwas Ähnliches konzipiert, aber dass das Denken auf das Gedenken erweitert wird.

Das Projekt "Gedenkwerkstatt" war insofern besonders im Modellprojekt, da es kein Workshopformat war und sich gar nicht mit Wissensvermittlung beschäftigt hat, sondern ausschließlich auf der Ebene der Reflexion agierte. Es war in einem Baucontainer untergebracht, der drei Monate in der internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz stand.

Die Jugendlichen verbrachten den Tag in der Gedenkstätte und hatten danach noch die Möglichkeit, die "Gedenkwerkstatt" aufzusuchen und sich damit zu beschäftigen, was sie den Tag über erfahren, gehört und zu verarbeiten hatten. Der Raum war mit einigen wenigen Bildern ausgestattet, die sich auf den Ort Auschwitz-Birkenau direkt bezogen, aber auch aus anderen kontextnahen gegenwärtigen Zusammenhängen stammen wie z.B. ein aktuelles Bild aus dem gegenwärtigen rechtsradikalen Milieu. Sie wurden von der Künstlerin zu linearen schwarz-weiß Grafiken verarbeitet mit dem Zweck, ihnen die präzise geschichtliche Verortung zu nehmen und sie auf diese Weise eher symbolhaft werden zu lassen. Dazu hat sie Begriffe geschrieben, die über den Raum verteilt waren und die Assoziationen hervorbringen und der Reflexion helfen sollten. Sie selbst beschreibt es so: "Von mir gewählte Wörter fungierten als Orientierungspunkte: Gewalt, Mechanismen, Geld, Verlassenheit, Angst, Politik, Erinnerungen, Vergessen, Liebe, Vorurteile...das alles sind Begriffe, die eine Aktualität sowohl im historischen Kontext von Holocaust besitzen und gleichzeitig in der Gegenwart eine Anwendung finden."

Gedenkwerkstatt (© Gedenkwerkstatt/Anna Zosik)
In diesem Projekt ging es also um die Schaffung eines Reflexionsraumes. Sitzmöglichkeiten, Tische und sorgfältig zusammengestellte Materialkästen standen dazu bereit. Die Jugendlichen konnten hier sehr individuell ihre Begegnung mit der Gedenkstätte verarbeiten. Jeder hatte die Möglichkeit, für sich in Ruhe seine eigene Form der Reflexion zu finden. Es entstanden Gedichte, Zeichnungen, Kommentare zum Gesehenen und Gehörten, wie auch Kommentare zum Alltag der Jugendlichen.

Auf diese Weise konnten andere wiederum auf das Entstandene reagieren, und es entwickelte sich eine Art Denkmal. Da stellt sich dann auch die Frage, ist das noch kulturelle Bildung oder ist das schon Kunst?

Im Spannungsfeld zwischen historisch-politischer und kultureller Bildung

Hatten die Historiker während der Arbeit an dem Projekt keine Angst, dass falsche Geschichtsbilder entstehen könnten? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ganz allgemein lastet auf der gesamten Kunst und kulturellen Bildung ein diffuser Verdacht, dass nicht genau genug gearbeitet und der Fokus zu sehr auf reine Emotionalisierung gelegt wird. Meiner Meinung nach vernachlässigt das aber, dass es bei zeitgenössischen, künstlerischen Strategien um Reflexion und den Umgang mit Wissen geht und darauf basierend zu arbeiten.

Unter den Historikern gab es die Sorge, dass ihnen von Wissenschaftlern Vorwürfe gemacht werden könnten, wie inkorrekt Dinge dargestellt werden. Einerseits haben Historiker ein stark ausdifferenziertes komplexes Wissen, das sich nur schwer kompakt für Jugendliche darstellen lässt. Andererseits machen sie sich über Beteiligungsmodelle für Jugendliche Gedanken. Sie haben nicht ganz zu Unrecht Angst vor künstlerisch-ästhetischen Prozessen, bei denen sich nur mit Material auseinandergesetzt wird. Dass z.B. zum Thema Mauerbau einfach eine plastische Mauer aufgestellt wird und damit ein rein illustrativer Prozess geschieht, der sich aber nicht mit der tieferen Thematik auseinandersetzt. Die Furcht ist deswegen nicht ganz unbegründet. Ich erlebe es tatsächlich oft, dass Akteure der kulturellen Bildung eine gewisse Scheu vor Reflexion und inhaltlicher Erarbeitung haben und es deswegen oft bei der Materialästhetik bleibt. Das ist in diesem Bereich sehr heikel.

Eine weitere Angst der Wissenschaftler ist das Loslassen, dass etwas mal nicht verbalisiert wird, die Ergebnisoffenheit.

Hat sich die Meinung der Historiker zu diesem Thema im Laufe des Prozess durch die Mitarbeit geändert oder sind die Fronten verhärtet geblieben?

Das Ganze kann schon als Verständigungsprozess betrachtet werden. Der Gedenkstättenpädagoge in Sachsenhausen hatte vorab die Sorge geäußert, ob er das Projekt bei sich im Hause vertreten kann. Er war dann am Ende wohl aber beruhigt, denn die Ergebnisse haben für sich gesprochen. Die Historiker haben gesehen, dass sich Jugendliche auf eine Art und Weise beteiligen, wie sie es vorher nicht getan haben. Diese Arbeit ist zeit- und personalaufwendig, kostet viel Geld, aber ich glaube, wenn es immer wieder einen gewissenhaften Rückbezug auf das Thema gibt, dann können die Historiker auch sehr gut damit umgehen. Dann gibt es subjektive Zugänge von Jugendlichen, und es gelingt, Bezug zur Gegenwart herzustellen, wie zum Beispiel bei Themen wie Völkermord, Zivilcourage oder Mut. Oft sind es dann kleine biografische Erlebnisse, die sie dann beschäftigen. Konzentriere ich mich nur auf die Historie und das Wissen, dann ist das ganz weit weg. Ich glaube schon, dass viele Historiker darin auch Chancen sehen, zumindest die Gedenkstättenpädagogen.

Der Künstler setzt den Rahmen. Der kann eng oder weit sein und auch wenn er eng ist, kann da ganz viel passieren, dann entziehe ich mich der Beliebigkeit. Es braucht Mut zur subjektiven Auswahl, dabei zu bleiben und von da aus zu erforschen, was in dem Rahmen alles drinsteckt.

In meiner eigenen Arbeit ist es so, dass ich in den letzten Jahren im Bereich der kulturellen Bildung gedacht hab, dass ich Freiräume schaffen muss, in denen kulturelle Bildung und Partizipation passieren kann, in denen Kreativität zum Tragen kommt, ohne dass das Bildungssystem Druck ausübt. Ich bin oft in Schulklassen gewesen und habe ausgearbeitete Konzepte präsentiert und habe die Schüler gefragt, was sie interessiert, ob sie sich vorstellen können, in dem Prozess mitzumachen, was sie von den Zielen halten und in der Regel war ich völlig überrascht darüber, was da gesagt wurde. Von daher verstehe ich das einerseits mit dem Framing, das gesetzt werden muss, aber auf eine andere Art verstehe ich es auch nicht richtig, denn man läuft doch Gefahr, dass man die Teilnehmer in eine Rolle drängt und dann durch den Prozess schubst auf das Ziel hin, das man sich ausgedacht hat.

Die Frage ist: Wie bekomme ich eine hohe künstlerische Qualität bei einem Maximum an Beteiligung? Wenn ich sage, dass das ein Prozess ist, bei dem man voneinander lernt, bei dem jeder etwas herausziehen kann, Künstler, Pädagoge und die Jugendlichen, dann ist es eben das Prinzip des Voneinanderlernens. Den Partizipationsprozess verstehe ich so, dass der Künstler eine Frage hat, bzw. etwas herausfinden will und das mit anderen gemeinsam tun möchte. Da ist etwas und man macht sich zusammen auf den Weg. Dann ist es eine Frage der Persönlichkeit und des Framings, wie weit die Individualisierung zugelassen wird. Die Zugänge und das Zulassen sind sehr unterschiedlich. Das sind diese Aushandlungsprozesse, die währenddessen auch immer wieder passieren. Man darf nicht sagen, ich bin der Ort des Wissens oder der Ort des Könnens, ihr dürft da ein bisschen mitmachen und dann habt ihr was gelernt. Sondern man sollte sagen, ich möchte was machen mit euch; ich habe eine Frage, ich bringe etwas mit, aber ihr könnt wahrscheinlich auch was und wir überlegen zusammen, was wir daraus machen können. Das macht die Qualität von diesen Projekten aus. Dabei darf die Sachkenntnis des Künstlers jedoch nicht völlig außer Acht gelassen werden: Durch ihr Studium und ihre Praxis verfügen sie nicht nur über technisches Können, sondern haben sich auch die Fähigkeiten angeeignet, Dinge zu reflektieren und mit offenen Prozessen umzugehen. Wenn sie jetzt aber mit Schülern zusammenarbeiten, fallen sie häufig plötzlich in alte Rollenmuster zurück, so wie sie es von Schule gewohnt sind und werden dann pädagogischer als jeder Pädagoge. Das ist auch ein Können. Hier im Projekt kunst – raum – erinnerung wird das beschrieben als drei Elemente: kognitive, soziale und emotionale Zugänge zu schaffen. Es gibt Künstler, denen geht es gerade darum, dieses soziale Miteinander zu gestalten.

Gibt es noch etwas wichtiges, das bisher nicht angesprochen wurde?

Das Thema der Grenzen: Wo sind die Grenzen von Historikern? In den Gedenkstätten gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden können aus Gründen der Pietät oder weil manches für die Opfer beleidigend ist. Es gibt Künstler, die gezielt damit arbeiten, und das führt dann natürlich zu der Frage, wie weit Kunst gehen darf. (A.d.R.: Constanze Eckert bezieht sich hier auf die Debatten um die Arbeit von Artur Zmijewski, der auf der documenta 12 ein Video zeigte, bei dem Erwachsene nackt in einer ehemaligen Gaskammer Fangen spielen.[1])

Sind Jugendliche zu weit gegangen? In einer bestimmten Phase birgt das Überschreiten von Grenzen ja einen gewissen Anreiz.

Das kann in der kulturellen Bildung genauso vorkommen wie bei jeder politisch-historischen Bildung. Dann bloß anders gestaltet.

Das Gespräch führte Dr. Sabine Dengel, Referentin für kulturelle Bildung in der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

Transkription: Christian Bottschen, Sarah Ott

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kunst – raum – erinnerung

Ziel des Modellprojektes kunst – raum – erinnerung war die Erschließung eines bisher in der Gedenkstättenpädagogik wenig beachteten Arbeitsfeldes, in dem historisches Lernen, kulturpädagogische Praxis und zeitgenössische künstlerische Strategien miteinander verknüpft wurden. Diese Verknüpfung sollte als Erweiterung der bestehenden pädagogischen Arbeit in KZ-Gedenkstätten praktisch umgesetzt und theoretisch begründet werden. Ausführliche Informationen unter www.Bildungsverbund.net

Das Modellprojekt wurde gefördert im Rahmen des Bundesprogramms "VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" sowie durch das Land Brandenburg, die Stiftung Großes Waisenhaus zu Potsdam und durch den Förderverein für die IJBS Oswiecim.

Fußnoten

1.
Zur Kontroverse um die Arbeit vgl. http://www.art-magazin.de/kunst/270.html