kulturelle Bildung

7.12.2012 | Von:
Doris Post
Helen Peyton

"Ein dunkles Thema mit Spielfreude transportieren"

Interview mit Doris Post und Helen Peyton, Spielleiterinnen des Projekts

Doris Post und Helen Peyton leiteten das Projekt "Biografisches Theater – Anita Lasker-Wallfisch". Die beiden Spielleiterinnen sprechen am Rande des Wochenend-Workshops über das Verhältnis von Theater und historisch-politischer Bildung, die Konzeption des Projektes und die Rolle von Partizipation.
SpielfreudeSpielfreude (© Katharina Donath/bpb)

Theater und historisch-politische Bildung

Inwiefern eignet sich Theater, um Geschichte sichtbar zu machen?

Doris Post: Es gibt einen diskutablen Spruch: Biografisches Theater ist die Kunst, die Vergangenheit neu zu erfinden. Natürlich können wir gar nichts anderes machen, als die Vergangenheit zu erfinden. Wir konstruieren sie. Wir werden niemals die reale Vergangenheit szenisch abbilden können. Wir werden immer konstruieren, mehr oder weniger. Selbst wenn jemand eine Autobiografie schreibt, erfindet er seine eigene Geschichte neu – es ist ein Teil der Identitätssuche, dass man Geschichte immer wieder neu erzählt, auch sich selbst. Trotzdem gibt es Fakten, die unveränderlich sind. Wenn ich aber theatral werde, dann bin ich immer etwas mehr im Erfindungsbereich. Das hat man im Workshop auch gesehen: Was die Jugendlichen zeigen, ist nicht das, was für Anita Lasker-Wallfisch damals Realität war. Nicht nur historisches Theater, sondern Geschichtsschreibung selbst ist immer auch eine Konstruktion.

Das ist ja auch eine Chance und ein Lernziel, wenn Jugendliche sich bewusst werden, dass Geschichtsschreibung Konstruktion ist. Wo siehst du Grenzen des Mediums Theater ?

Doris Post: Wenn man mit Theater arbeitet, muss man sich bewusst sein, dass Theater immer auch Unterhaltung ist. Der Unterhaltungsaspekt von Theater steht im Widerspruch zum Ernst des Themas Shoah, das ist mir klar. Da gibt es wirklich eine Reibung zwischen dem Medium und dem Thema, und das wird, gerade auch im Film, teilweise missbraucht.

Anita Lasker-Wallfisch hat zum Beispiel in den 1990erJahren die Assistentin von Steven Spielberg vor die Haustür ihrer Wohnung in London gesetzt, als es darum ging, dass ihr Buch verfilmt werden sollte. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht weil sie wusste, man kann das Thema, ihre persönliche Geschichte, auch funktionalisieren: Grauen ist spannend, ist interessant, lässt sich verkaufen. Hier sehe ich eine Gefahr, denn das ist beim Theater natürlich ein Stück weit auch so. Theater will immer auch unterhalten, kann gar nicht anders, selbst wenn es um den Holocaust geht. Man muss das Publikum ja irgendwie gewinnen. Ästhetische Formen des Theaterspiels liefern dazu immer auch ein Angebot – das ist schwierig.

Ist das, was ihr macht, historische Bildung?

Doris Post: Auf jeden Fall. Und zwar in einem nachhaltigen Sinne. Selbst der beste Geschichtsunterricht bleibt überwiegend einer kognitiven Ebene verhaftet. Er kann auch mal die emotionale und körperliche Ebene einbeziehen, wenn er aktuell didaktisiert ist, aber gerade mit der derzeitigen Abiturorientierung, der Wissensorientierung, bleibt es ein überwiegend kognitives Lernen.

Für unseren Bildungsprozess hier ist charakteristisch, dass sowohl die emotionale Ebene als auch die sinnliche Ebene stärker angesprochen werden. Und diese Emotionen werden eingeschrieben in die Erfahrung der jungen Menschen. Alle Beteiligten werden wahrscheinlich dauerhaft einen anderen, ganzheitlichen, nicht nur kognitiven, Zugang, zu diesem Thema haben.

Wo siehst du eventuell Schwierigkeiten bei der Verbindung von historisch-politischer Bildung und Theater?

Doris Post: Man kann so eine Präsentation vor allem mit dem Ziel machen, Jugendliche politisch zu bilden. Etwa so: Das ist jetzt unsere Kampagne gegen Antisemitismus und Neonazis. Dabei unterschlägt man aber: Theater hat unvermeidlich eine ästhetische Dimension, und die hat einen eigenen Wert und eine eigene Dynamik. Das ist mir sehr wichtig, und das merkt man hoffentlich auch an unserer Inszenierung.

Die Konzeption des Projektes

Wie habt ihr die historischen Dokumente ausgewählt, mit denen ihr im Workshop arbeitet?

Doris Post: Die Bundeszentrale für politische Bildung hat uns den Vorschlag gemacht, mit der Biografie der Cellistin Anita Lasker-Wallfisch zu arbeiten. Ich habe das geprüft und fand, das geht. Ich habe dann die Briefe von Anita an Marianne, ihre Schwester in London, als Material für unseren Workshop ausgewählt. Durch diese Entscheidung war ihre Zeit in Auschwitz [1944-1945] ausgeklammert. Denn in dieser Phase hat Anita keine Briefe mehr an Marianne schreiben können, da gibt es keine Dokumente. Und damit müssen wir das Grauen, das dort passiert ist, nicht darstellen. Das könnten wir nicht stemmen. Das überfordert uns und auch die Jugendlichen.

Mit den Briefen, die ich gewählt habe, können sich die Jugendlichen passagenweise identifizieren.

Ihr habt nun eineinhalb Tage lang mit den Jugendlichen im Workshop gearbeitet. Was ist euch wichtig in diesem Prozess?

Doris Post: Der Prozess besteht erstmal darin, eine Gruppe zu bilden, die Vertrauen ins Spiel, zu uns und zueinander hat. Und Interesse an der Sache. Und dass sie mit Freude spielen, ist auch wichtig. Theater hat viel mit Freude und Unterhaltung zu tun, und man muss etwas mit Freude transportieren wollen, selbst wenn das Thema ein ganz dunkles ist.

Helen Peyton: Ich glaube, dass besonders Laien eine Kraft, eine enorme Energie entwickeln können. Ein Streben nach vorne, eine Echtheit, die sie dann an das Publikum weitergeben. Wenn man ihnen diesen Raum für Spielfreude lässt. Das ist nochmal anders als bei professionellen Schauspielern.

Warum ist das bei Laien anders als bei professionellen Schauspielern?

Helen Peyton: Sie haben bisher kein Werkzeug, um mit dem Unerwarteten oder ihrer Unsicherheit auf der Bühne umzugehen. Sie 'reparieren' intuitiver und ehrlicher als professionnelle Darsteller mit langer Schauspielausbildung, weil sie keine Routine auf der Bühne haben. Und das bringt die Qualität von Laienschauspielern – diese Spielfreude. Ein weiterer Unterschied liegt in den Erfahrungen, etwas gemeinsam gemacht und geschaffen zu haben - diese Eindrücke stärken Laien über das Stück hinaus, lassen das ästhetische Endprodukt in den Hintergrund treten und die persönliche Erfahrung wichtiger werden. Bei professionellen Darstellern sind die persönlichen Erfahrungen gegenüber dem ästhetischen Produkt wahrscheinlich nachrangiger. Während der Proben und auch nach den Aufführungen.

Partizipation der Jugendlichen und ihre Grenzen

AufwärmübungenAufwärmübungen bauen Hemmschwellen ab und schaffen Vertrauen (© Katharina Donath/bpb)
Was ist eure Rolle in dem Prozess, und was ist die Rolle der Jugendlichen? Was strukturiert ihr vor, und was bleibt offen, was sollen die Jugendlichen einbringen?

Doris Post: Wir sind verantwortlich dafür, dass die Grundlagen des Prozesses, auch eines eigenständigen Prozesses der Jugendlichen, gelegt werden. Das versuchen wir in den Warming-Ups. Da liegt der Fokus nicht auf der Szenenentwicklung, sondern auf der Entwicklung von Vertrauen, Team-Building, Abbau von Berührungsängsten, ein Stück weit auch auf einer Entkonditionalisierung – denn normalerweise traut man sich ja nicht, jemandem so nahe zu kommen oder jemanden anzuschreien, den man gar nicht kennt.

Bei den Warming-Ups werden Hemmschwellen abgebaut, da kommen die Jugendlichen in Kontakt zum eigenen Körper und zu den anderen. Das sind Voraussetzungen, die muss man schaffen, wenn man szenisch arbeiten möchte. Unsere nächste Verantwortung ist eine ganz klare Rahmensetzung, im Kleinen und im Großen. Zum Beispiel setzen wir das Raumkonzept, die Räume, in denen die Präsentation stattfindet, darüber wird nicht diskutiert. Und wir setzen auch die Aufgaben – aber innerhalb dieser Struktur gewinnen die Jugendlichen Freiraum.

Warum ist euch dieser Freiraum wichtig? Warum wählt ihr diese Art des Theaterstücks und nicht ein Setting, in dem man die Rollen vorgibt und die Jugendlichen diese nachspielen, wie man das so klassisch aus dem Schultheater kennt?

Doris Post: Hier haben wir ja als Grundlage des Stücks kein dialogisches Material. Grundlage ist in diesem Fall ein historisches biografisches Dokument: ein Fundus von Briefen. Wir haben kein Theaterstück versprochen. Wir versprechen nur eine Darstellung von Versuchen, einen Zugang zu finden, das historische Dokument szenisch zu präsentieren.

Kurzbesprechung der SpielleiterinnenWie sollen die Szenen arrangiert werden? Kurzbesprechung der Spielleiterinnen (© Katharina Donath/bpb)
Helen Peyton: Ich merke immer noch, dass es für mich beim Theater mit Laienschauspielern schwierig ist, dem eigenen künstlerischen Anspruch und den eigenen Vorstellungen gerecht zu werden und gleichzeitig den Jugendlichen so viel Freiraum und Verantwortung wie möglich geben zu wollen. Denn am Ende hat man ja doch die Verantwortung für das Ergebnis, und da gilt es, die Jugendlichen auch zu entlasten. Man muss ihnen sagen: Das könnt ihr so zeigen, ihr könnt euch so trauen, ihr macht euch im schlimmsten Fall nicht lächerlich. Die Jugendlichen so zu unterstützen und zu schützen, ist eine wichtige Aufgabe von uns. Denn es bringt uns und den Jugendlichen überhaupt nichts, auch vom Ergebnis her, ihnen alles zu überlassen oder nach einer Improvisation gleich zu sagen: Super, so nehmen wir das. Es ist auch wichtig zu sagen: Nein, so geht das noch nicht, die Idee stimmt, aber jetzt will ich, dass ihr das noch einmal anders probiert. Es ist wichtig, eine eigene Regiearbeit einzubringen, nicht im klassischen Sinne, sondern eher strukturell. Als Leiterin bin ich der Blick von außen und habe damit auch die Möglichkeit zu sagen, was interessant ist und was noch nicht funktioniert.

Doris Post: Bisher wurde in der Werkstatt eine Fülle von szenischem Material generiert in Improvisationen der Jugendlichen. Im zweiten Schritt wird es arrangiert. Dabei geht es darum, auszuwählen und das Material der Jugendlichen in die beste Form zu bringen. Dann ist auch Regiearbeit nötig.

Die kann man in der Schule kollektivieren, indem man wechselnde Regie einführt, aber nicht in diesem Prozess, in dem wir ja in zweieinhalb Tagen die komplette Präsentation vorbereiten.


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