kulturelle Bildung

23.7.2009 | Von:
Karl Ermert

Was ist kulturelle Bildung?

Ihr produktiver Kern sind die Künste bzw. die Künstlerinnen und Künstler. Die Künstlerinnen und Künstler liefern mit ihren Inhalten und ihren Fähigkeiten den Rohstoff. Die Künste beziehen freilich ihre Kraft daraus, dass sie – und also die Künstler – sich nach ihrer Eigen-Art entwickeln und ihrem Eigen-Interesse folgen können. Die Autonomie der Kunst besteht nicht darin, Zwecke zu vermeiden, aber darin, die Zwecke frei wählen zu können. Dass diese Freiheit erhalten bleibt, ist eine grundlegende politische Herausforderung. Daher muss kulturelle Bildung auch in ihrem Eigen-Wert angemessen wahrgenommen werden. Dafür steht nicht zuletzt, ob und wie eine Gesellschaft allen ihren Mitgliedern den Zugang zu kultureller Bildung ermöglicht.

Orte und Institutionen kultureller Bildung

Wie alle Bildungsprozesse findet auch kulturelle Bildung formell und informell, in dafür vorgesehenen Institutionen und außerhalb, im öffentlichen Bereich und auf privater Ebene statt. Wie bei allen Bildungsprozessen steht zu vermuten, dass das Individuum sehr viel mehr in informellen als in formellen Prozessen und sehr viel mehr außerhalb als innerhalb der dafür vorgesehenen Institutionen lernt – ohne dass diese dadurch überflüssig würden. Das allgemeinbildende Schulsystem mit seinen Fächern Kunst, Musik und, wo vorhanden, Darstellendes Spiel (Theater), dazu in Deutsch und den Fremdsprachen in ihren literatur- und kulturgeschichtlichen Anteilen ist die Institution, in der grundsätzlich alle Kinder und Jugendlichen künstlerisch kulturelle Bildung erfahren. Zunehmend kommt auch die Bedeutung der Bildungsprozesse im vorschulischen Elementarbereich (Kindergärten und Kindertagesstätten) in den Blick.

Viele außerschulische kulturelle Bildungseinrichtungen wenden sich ebenfalls an Kinder und Jugendliche, so Kunstschulen und Musikschulen, in Teilen auch soziokulturelle Einrichtungen und sonstige Kulturvereine (z.B. Kindermuseen). Inzwischen haben sie auch Erwachsene jeden Alters als Zielgruppen und Kundschaft ihrer Arbeit entdeckt. Für die Volkshochschulen in ihren kulturellen Fachbereichen gilt dies schon seit jeher.

Die professionellen Kultureinrichtungen selbst, wie z. B. Theater, Orchester, Museen, Bibliotheken, Kunstvereine, Kulturzentren, wirken durch ihre Arbeit für ihre Besucher faktisch immer auch kulturell bildend. Sie haben in den letzten Jahren ihren Bildungsauftrag auch als explizite Aufgabe neu entdeckt, nicht zuletzt als Akt des "audience development". Sie wollen und müssen ihr Publikum selbst heranbilden, nachdem deutlich wurde, dass die nachwachsenden Generationen ihren Weg zu ihnen nicht mehr wie früher finden.

Der immense Bereich der Laien- oder Amateurkultur, Vokal- und Instrumentalensembles, Theatergruppen, literarische Schreibgruppen, freiwillig gemeinnützig betriebene Museen, Bibliotheken, Kunstvereine usw. spielt eine starke, oft unterschätzte Rolle in der praktischen kulturellen Bildung für die Aktiven wie für ihr Publikum. Auch die Massenmedien, audiovisuelle Medien und Printmedien (vom Buch bis zur Tageszeitung), wirken mit ihren Inhalten faktisch kulturell prägend, also bildend. Die unendlichen Möglichkeiten des Internets enthalten fast ebenso unendliche Möglichkeiten der kulturellen Bildung – für den, der sie als solche sucht, ebenso wie für den, der sie nur konsumiert.

Viele dieser Orte und Institutionen gehören zum öffentlich geförderten Sektor, andere zum privatwirtschaftlichen Bereich, häufig finden sich Mischformen. Deutschland ist – immer noch – das Land mit der weltweit stärksten künstlerisch-kulturellen Infrastruktur, die – grundsätzlich – auch die beste Infrastruktur kultureller Bildung bietet. Voraussetzung dafür ist eine inzwischen häufiger vorkommende, aber noch lange nicht selbstverständliche Synergiebildung zwischen den formell und informell kulturell bildenden Institutionen, etwa durch Kooperation zwischen Schulen und außerschulischen kulturellen (Bildungs)Einrichtungen vom Profi- bis zum Amateurbereich.

Die Kulturschaffenden und Institutionen sind in zahlreichen Verbänden organisiert, die ihre Mitglieder in ihren praktischen Bedürfnissen unterstützen, ihre Interessen gegenüber Öffentlichkeit und Politik vertreten und an der verbandsinternen kulturpolitischen, de facto auch bildungspolitischen Willensbildung arbeiten. Die bundesweite Dachorganisation der Bundeskulturverbände ist der Deutsche Kulturrat. Der größte spartenübergreifende Kulturverband ist die Kulturpolitische Gesellschaft. Fast alle Kulturverbände bieten Fortbildungen für ihre Mitglieder an. Darüber hinaus stehen Kulturschaffenden und Kulturvermittlern zahlreiche, meist öffentlich geförderte Fortbildungseinrichtungen zur Verfügung. Am dichtesten sind die Fortbildungsangebote im Musikbereich; fast jedes Bundesland hat mindestens eine Landesmusikakademie. Bundesweit arbeiten hier die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen und die Musikakademie Rheinsberg.

Einen bundesweiten Auftrag für jeweils mehrere Kultursparten nehmen wahr die Akademie Remscheid für musische Bildung und Medienerziehung sowie die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Sie arbeiten multiplikatorenorientiert für die berufliche Weiterentwicklung ebenso wie für ehrenamtliche Tätigkeiten in Kulturvermittlung, Kulturproduktion und Kulturmanagement auf professionellem Niveau.


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