30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
kulturelle Bildung

24.7.2009 | Von:
Gerda Sieben

Das Leben jenseits der 50 beflügelt die Fantasie

Demografischer Wandel

An dieser Auseinandersetzung sind Kunst, Medien und Kulturschaffende beteiligt – aber vor allem auch die älteren und jüngeren Menschen selbst. Kultur ist Werkzeug und Medium der Gestaltung der gewonnenen Lebenszeit und sie ist Ausdruck von Lebensqualität. Umso unverständlicher ist es, dass Kultur in diesem Zusammenhang bisher kaum genannt wird (etwa im neuesten Altenbericht). Kulturinstitutionen als öffentlich geförderte Dienstleister und als Moderatoren gesellschaftlicher Veränderungen sind herausgefordert, mit neuen Angeboten auf das veränderte Altersspektrum ihrer Besucher und Kunden zu reagieren. Eine wachsende Zahl künstlerisch aktiver älterer Menschen formuliert zeitgleich eigene Antworten – etwa in Altentheatern, Seniorenorchestern, Medienprojekten und Ateliers.

Kunst und Kultur als Instrument und Medium von Bildung und Entwicklung

Für die Entwicklung seniorenspezifischer Bildungsangebote stellen sich neue Fragen: Was wollen Menschen wissen, können und erfahren, um die zivilisatorische Errungenschaft des "Älter-Werdens" positiv nutzen zu können? Welche Entwicklungschancen für ein gelingendes Leben und den sozialen Zusammenhalt können durch kulturelle Bildung im Alter eröffnet werden? Kompetenzen zur Bewältigung des Alltags, eine möglichst lange Aufrechterhaltung und Erweiterung der produktiven Fähigkeiten und die Entwicklung kreativer Fähigkeiten im Selbstausdruck, und im Austausch mit anderen sind für einen Bildungskanon moderner Altenbildung unverzichtbar.

Hier bietet die kulturelle Bildung vielfältige Erfahrungs- und Reflexionsmöglichkeiten sowie ein eigenes Methodenspektrum. Im künstlerischen Handeln wachsen Respekt vor den Eigenarten des Materials, der Gegenstände, vor Themen und beteiligten Partnern. Das Erleben ganzheitlicher, sinnlich erfahrbarer Ausdrucks- und Lernformen ermöglicht Prozesse der (Selbst)Erkenntnis, der Begegnung und der Verständigung. Kulturelle Bildung befähigt so den einzelnen Menschen, komplexe Veränderungen nicht nur zu begreifen, sondern sich darin zu orientieren und sie aktiv zu gestalten.

Ausgehend von einem umfassenden Kulturbegriff, aber auch in der Fokussierung auf Kunstrezeption und -produktion, erweisen sich kulturelle Kompetenzen als wichtige Voraussetzungen, um allgemeine Bildungsziele wie Integration, Partizipation, Selbstvergewisserung, Orientierung, Selbstausdruck, Kommunikation, Kritik- und Gestaltungsfähigkeit zu entwickeln. Auch der Deutsche Kulturrat bekräftigt dies, z.B. in Positionspapieren des Kulturrates und der Sektion Soziokultur und kulturelle Bildung zum demografischen Wandel 2006 und 2007.

Kulturelle Bildung im Alter: Entwicklung der Persönlichkeit unterstützen

Kunst und Kultur sind, wie im Bereich der kulturellen Kinder- und Jugendbildung vielfach nachgewiesen, zentrale Sozialisationsfaktoren und "Werkzeuge des Weltzugangs". Dies gilt auch in den Entwicklungsphasen der zweiten Lebenshälfte. Auch hier werden Menschen mit Veränderungen, Zuschreibungen und biografischen Wendepunkten konfrontiert und zu Anpassungsprozessen herausgefordert. Zudem verlangt die anwachsende Lebenserfahrung und die schrumpfende Lebenszeitperspektive nach neuen Integrationsleistungen, veränderten Handlungsstrategien und provoziert die Infragestellung und Neugewichtung von Werten und Lebenszielen. Kunst und Kultur können dazu beitragen, diese Veränderungsprozesse, Fragestellungen, Emotionen und Widersprüche mit den besonderen Mitteln aus Kunst und Kultur zu thematisieren, zu kommunizieren und einer Auseinandersetzung zugänglich zu machen.

Während Bildungsanstrengungen in früheren Lebensabschnitten vor allem als Orientierung auf das Erwachsenenleben abzielen oder sich auf Veränderungen innerhalb des Berufsalltags beziehen (Weiterbildung), fällt die Lebensphase "Alter" aus diesem Begründungszusammenhang heraus. Hier entstehen neue, bisher wenig erforschte Lernsituationen und Motivationen. Zwischen der Freiheit von der konkreten Verwertbarkeit des Wissens im Beruf, der Schere im Kopf, was im Alter wohl noch erlernbar ist und was sich "noch lohnt", dem Bedarf an Anpassungswissen an neue Kulturtechniken (Internet) oder an Kulturformen zur Bewältigung von Krisen (Trauerarbeit) gibt es ein breites Feld von Lernanlässen und Bildungsinteressen.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen