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kulturelle Bildung

5.5.2010 | Von:
Mechthild Eickhoff

Die Kunst der Erreichbarkeit

Warum kommt (k)einer?

In vielen Formulierungen schwingt mit, dass die Benachteiligten, die Bildungsfernen, die Unerreichten erstens: eine vollkommen homogene Gruppe sind, zweitens: eigentlich selbst die Initiative ergreifen sollten und drittens: sich nicht das Angebot an sich, sondern maximal die Preise und eben die Einsicht der Zielgruppe ändern müssten. Ein Dialog auf Augenhöhe sieht anders aus.

Der Bundesverband der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen (bjke e.V.) hat innerhalb eines Entwicklungsprojekts analysiert, wie Jugendkunstschulen zugänglicher für bislang weniger gut erreichte Zielgruppen werden könnten. "Der Kunst-Code. Jugendkunstschulen im interkulturellen Dialog" war der Titel des durch das Bundesbildungsministerium geförderten Projekts. 13 kulturpädagogische Einrichtungen untersuchten in 20 Projekten die Fragen nach Zugangsbarrieren, der Wirksamkeit von Kunst, der Mobilität und der interkulturell sensiblen Kooperation mit Schule, Kita und Migrantenorganisation.

Der erste Schritt jedoch war, die oben skizzierte Sichtweise auf eine neue Zielgruppe zu befragen: Wer genau soll aus welchen Gründen in meine Einrichtung oder zu meinem Angebot kommen? Was habe ich diesen Menschen Sinnvolles zu bieten? Hier werden vor allem die eigenen Angebote (Methoden, Orte, Personal, Zeiten, Sparten, Werbung, Zielgruppenansprache, usw.) in Frage gestellt und nicht die Menschen, die es bislang – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht nutzen.

Identitätszumutung

Sieht man in diesem Zusammenhang nur eine von außen diagnostizierte Identitätsfacette – ob dies "bildungsfern" oder "benachteiligt" ist –, läuft man Gefahr, Personen und ihre Zugangs- und Entfaltungsmöglichkeiten von vornherein zu beschränken, schlimmer noch: Beteiligte zu unterfordern. Zahlreiche Kooperationsprojekte wie etwa zwischen außerschulischer Jugendkunstschule und Regelschule zeigen immer wieder deutlich das Erstaunen der erwachsenen Verantwortlichen über die ganz anderen Leistungen der Schülerinnen und Schüler im nicht-schulischen Kontext. Die im Schulunterricht Schweigsame oder Aggressive zeigt plötzlich im professionell begleiteten Theaterstück starke Präsenz oder große Sensibilität. Darüber hinaus entwickeln sich im Kunstprojekt Gespräche über persönliche Fragestellungen, die in klassischen Bildungsinstitutionen unbeachtet bleiben. Hier kann jeder Einzelne Expertin oder Experte der eigenen Fragen und Antworten sein – ein Gefühl, das für die gesellschaftliche Teilhabe und ein emanzipiertes Selbstbewusstsein konstituierend ist: 'Es ist wichtig, was ich denke, und ich kann es sichtbar gestalten.' Gerade hier – im Feld von individueller Fragestellung, Fantasie, sozialer und medialer Kreativität und Problemlösefähigkeit – wird ein Weltwissen und Weltinteresse sichtbar, das den Begriff "bildungsfern" doch sehr infrage stellt.

Die kulturelle Bildung geht vom kompetenten Menschen aus; sie setzt voraus, dass jedes Kind, jeder Jugendliche und jeder Erwachsene über intellektuelle und gestalterische Fähigkeiten verfügt. Die große Chance einer an Kunst angelehnten Bildung ist es, diesen Reichtum den Akteuren selbst und ihrer Umgebung sichtbar zu machen.

Platzanweisung

Kulturprojekte mit besonderen Zielgruppen bergen daher große Chancen, aber vor dem Hintergrund des bereits Ausgeführten auch die Gefahr der Platzanweisung. Wenn Projekte für besondere Zielgruppen den Angesprochenen feste Plätze als Alibi-Benachteiligte zuweisen, ist gegenseitige Erreichbarkeit schnell vereitelt. Oft halten – wenngleich sicherlich auch unbewusst – beispielsweise Hauptschüler im Kunstprojekt dafür her, dass sich die Einrichtung politisch profiliert, jedoch nicht der Zielgruppe tatsächlich neue Handlungs- und Beteiligungsräume erschlossen werden. Gerade temporäre Projektarbeit zwingt oft dazu, die Arbeit vom politisch korrekten Förderantrag bis zum Abschluss des Projekts zu denken: schöne Aufführung, fulminante Darsteller, toller Erfolg, langer Applaus – gute Presse für die Akteure und auch für die Verantwortlichen. Was aber folgt danach? Was geschieht mit den geweckten Talenten, dem Experiment der Sichtbarkeit und kulturellen Teilhabe? Es bleibt ein nur zufällig geglücktes Experiment, wenn es nicht Verantwortliche gibt, die sich den Begeisterten schon während des Gestaltungsprozesses zuwenden und schauen, wie sie das geweckte Engagement in der Kultur, für eine Kunst, für Gestaltungsfragen weiter begleiten können. Das ist weniger öffentlichkeitswirksam, aber der Zielgruppe dienlich.


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