kulturelle Bildung

5.5.2010 | Von:
Mechthild Eickhoff

Die Kunst der Erreichbarkeit

Hier sind Akteure der kulturellen Bildung gefragt, Jugendliche selbst über ihre bekannten Grenzen und Zuschreibungen hinweg zu begleiten, künstlerische Verunsicherungen einzufordern und Klischees der künstlerischen, aber auch der Außendarstellung aufzubrechen. Bilder und Bildunterschriften, die Menschen als benachteiligt, Brennpunktbewohner oder Suppenküchenkunden hervorheben, dienen nicht der objektiven Darstellung ihrer gestalterischen Fähigkeiten. Erfahrungen aus dem Jugendkunstschulbereich zeigen, dass sowohl Jugendliche als auch ihre Eltern lieber auf derartige Erfolgsmeldungen in der Presse aufgrund der damit einhergehenden Stigmatisierung ihrer Personen verzichten.

Professionalität und Zeit

Gerade Menschen, die bislang wenig Berührung mit eigener Kreativität oder mit Phänomenen der Kunst hatten, brauchen eine glaubwürdige Aufmerksamkeit für sich selbst, wenn sie künstlerischer Arbeit Aufmerksamkeit schenken sollen. Das bedeutet gerade nicht, dass Künstlerinnen und Künstler oder Kulturvermittler/-innen hier nicht gefragt sind; sondern, dass gerade sie, die ein authentisches Interesse an den Ideen und Gedanken, Ausdruckskräften und individuellen Wirklichkeiten der Beteiligten haben, besondere Zugänge jenseits von Defizitbeschreibungen finden können. Hier ist nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an künstlerischer, kulturpädagogischer Professionalität gefragt, um ein großes Spektrum an Kommunikations-, Anregungs- und Gestaltungswegen im Blick zu haben. Es kann auch bedeuten, dass Künstler/-innen und Kulturpädagoginnen und -pädagogen sich neue Partner ins Boot holen, die mit den anderen, nicht rein gestalterischen Bedürfnissen der Menschen professionell umgehen können. Auch dies ist ein Mehr an Professionalität zu Gunsten der Menschen, von denen man annimmt, dass die Begegnung mit Kunst und Künstler/-innen ihnen die Möglichkeit lebensweltlicher Mitgestaltung eröffnet.

Aufmerksamkeit kostet Zeit, und zwar bezahlte Zeit gerade für das vermeintliche Drumherum eines zeitlich getakteten Angebots; man braucht Zeit für die Biografien, Bedürfnisse, Unsicherheiten und Selbstsicherheiten der Menschen. Aufmerksamkeit und Zeit sind die wohl wichtigsten Ressourcen, wenn man Menschen erreichen, beteiligen und bilden möchte. Beides ist gesellschaftliche Mangelware und wird auch im Bereich der kulturellen Bildung hinsichtlich schwer erreichbarer Zielgruppen eher projektartig erkauft, statt sich konzeptionell mit Unterstützung einer strukturellen Förderpolitik etablieren zu können.

Die Kunst der Erreichbarkeit

Die Gestaltung von sinnlicher, ganzheitlicher Erfahrung ist eine eigene Kunst. Sie bezieht in der kulturellen Bildung ihre Kraft und Relevanz aus denjenigen, die sich mit ihr bilden und entwickeln. Sie findet ihren Sinn darin, einen Bezug zwischen dem Ich und der Welt herzustellen: gestaltend, sichtbar, wirksam, öffentlich oder nicht öffentlich – mit Mitteln der Künste. Hier ist im Bildungskontext kein Platz für Hierarchien oder Deutungshoheiten, die eng vorgeben, was vorher hinein und nachher dabei herauskommt (von Fensterbildern und Friedensliedern bis zu neuen Opernabonnenten). Die Gestaltung von Bildungszugängen ist jedoch auch eine eigene Kunst. Hier braucht es weniger neue Kulturpaläste oder Vorzeigeprojekte in sozialen Brennpunkten, sondern einerseits Perspektivwechsel der Akteure auf die Menschen, für die sie und mit denen sie arbeiten (wollen); und andererseits besser gesicherte, kontinuierliche Strukturen für authentische, künstlerische und pädagogische Begleiter/-innen und Vermittler/-innen an vielfältigen professionellen Orten der kulturellen Bildung. Dann birgt kulturelle Bildung ein gesamtgesellschaftliches Entwicklungspotenzial.

Literatur

bjke (Hrsg.): Dolores Smith: Der Kunst-Code. Jugendkunstschulen im interkulturellen Dialog. Arbeitshilfe für die Kulturpädagogische Praxis, Unna 2008.

bjke,LKD NRW (Hrsg.): infodienst. Das Magazin für Kulturelle Bildung Nr. 96: Abgehängt – Kulturelle Bildung in der Armutsfalle?, Unna Juli 2010.


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