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kulturelle Bildung

6.5.2003 | Von:
Oliver Scheytt

Kulturelle Bildung als Kraftfeld der Kulturpolitik

II. Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik

Wir sollten Kultur konsequent von der Gesellschaft und deren Entwicklungstrends her denken. Kulturpolitik wird nur dann vor den neuen Herausforderungen bestehen, wenn wir sie immer von neuem als Gesellschaftspolitik gestalten und begründen. Ich sehe hier vor allem drei ebenso weit reichende wie langfristige Herausforderungen: Medialisierung, Globalisierung, Individualisierung.
  • Einer Medialisierung, die mit Blick auf den Kommerz und im Kampf um Einschaltquoten Gefahr läuft, ihre Informations- und Bildungschancen preiszugeben, sollten wir die Phantasie und Kraft der Künste entgegenstellen.

  • Die Globalisierung bedarf der Orientierung durch universelle Werte, durch die Menschen- und demokratischen Grundrechte, durch eine (neue) Verbindung von Kultur und Nachhaltigkeit[8] und auch durch eine wohlverstandene Geschichtskultur, welche die Fragen "Woher kommen wir? Wo stehen wir? Wohin gehen wir?" ebenso orts- wie weltverbunden thematisiert.

  • Dem Trend zur Individualisierung steht zumindest in Deutschland bislang ein einseitig etatistisches Selbstverständnis der Kulturpolitik gegenüber, das es im Hegelschen Sinne "aufzuheben" gilt: Kultur braucht die Zivilgesellschaft, braucht die Kraft der Individuen. Sie lebt aber auch von der Vielfalt der Kulturen, von der produktiven Auseinandersetzung zwischen diesen Kulturen. Umso wichtiger ist es, das Verbindende und das Verbindliche für die Gemeinschaft der Kulturen und die Gesellschaft der Individuen herauszuarbeiten. Kulturpolitik und kulturelles Tun, vor allem kulturelle Bildung, können dazu einen konstitutiven Beitrag leisten.
Kultur bietet angesichts eines schwierigen gesellschaftlichen Wandels darüber hinaus Chancen, den Zusammenhalt, die Innovations- und Reflexionsfähigkeit einer Gesellschaft zu bewahren. Das Bemühen um kulturelle Integration fußt heute auf der Anerkennung multikultureller und auch sonst ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Sektoren. Künstliche Homogenisierung und einheitliche Identität können also nicht das Ziel sein. Es geht vielmehr um das Angebot zu neuen Verbindungen, um kreative Kontakte, um gegenseitige Beeinflussung und wechselseitiges Lernen und Sensibilisierung für (fremde) Denk- und Handlungsformen - kurz: um kulturelle Netzwerke und kulturelle Vielfalt. Abzuzielen ist dabei auf ein Verständnis von Kultur, das über den nationalstaatlichen Rahmen hinausreicht. Dieser Blick ist global. Das ist auch insofern erforderlich, als man der Ökonomie das Feld der Globalisierung nicht allein überlassen sollte.[9]

Die stillste und zugleich effektivste Weise, Herrschaft zu sichern, besteht darin, unliebsame Themen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit auszuschließen. Affirmative Kultur betreibt dann die Dethematisierung gesellschaftspolitischer Probleme, wenn sie ein Bild fördert, das es jenen auf der Sonnenseite leicht macht, Schattenseiten nicht zur Kenntnis zu nehmen. Kulturpolitik sollte dagegen Orte für einen Diskurs bereithalten, der den (selbst)kritischen Blick fördert und Problemlösungen im Auge behält, deren Leitpunkte gesellschaftliche Integration, soziale Gerechtigkeit und kreative Phantasie sein könnten.

Eine Kulturpolitik, die vorrangig auf ökonomische Zuwächse ausgerichtet wäre, würde schnell dazu neigen, das längst Anerkannte zu Lasten des Experimentellen zu bevorzugen. Das schafft gerade nicht das Klima, in dem Innovation und Emanzipation, Engagement und Autonomie wachsen. Kulturpolitik sollte deshalb Gelegenheiten schaffen, bei denen sich Unbekanntes, Unvorhersehbares und eben auch Unbequemes entfalten kann. Das macht die Anstrengung erforderlich, Räume für Experimentelles und für die Künste bereitzuhalten und sie zugleich als Frei-Räume unbeaufsichtigt zu lassen.

Fußnoten

8.
Vgl. Monika Griefahn, Nachhaltigkeitspolitik und Kulturpolitik - eine Verbindung mit Zukunft?, in: Hildegard Kurt/Bernd Wagner (Hrsg.), Kultur - Kunst - Nachhaltigkeit, Bonn 2002, S. 59-68.
9.
Vgl. dazu Bernd Wagner, Ökologische Nachhaltigkeit und Entwicklungszusammenarbeit, in: Tina Jerman (Hrsg.), ZukunftsFormen: Kultur und Agenda 21, Essen 2001, S. 43-56, insbes. S. 49ff.

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