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kulturelle Bildung

6.5.2003 | Von:
Oliver Scheytt

Kulturelle Bildung als Kraftfeld der Kulturpolitik

III. Die Künste in der Kultur

Vor diesem Hintergrund sollten wir Kulturpolitik viel radikaler von den Künsten und ihren nicht nur den eigenen Gegenstandsbereich erschließenden ästhetischen Möglichkeiten her denken. Die Rolle der Künste in Kultur und Gesellschaft sollte meines Erachtens der zentrale Bestimmungsfaktor der Kulturpolitik sein. Diese Rolle der Künste sollte innerhalb, aber auch jenseits traditioneller Kulturinstitutionen bedacht werden. Selbstverständlich brauchen wir auch in Zukunft Theater, Museen und Philharmonien. Die Kulturinstitutionen haben zunächst auch die öffentlichen Anforderungen der kulturellen Ebene zu vermitteln und neu zu interpretieren. Es geht jedoch auch darum, zu fördern, "was es schwer hat", Innovationen anzustoßen, dem Experiment Raum zu geben. Denn die Künste leben vom Wagnis, sie entfalten Visionen, sie irritieren.

Kunst ist geprägt von Subjektivität. Oder mit Marcel Duchamps: "Kunst ist die einzige Tätigkeitsform, durch die der Mensch als Mensch sich als wahres Individuum manifestiert." Erleben und ästhetische Reflexion tragen subjektiven Charakter. Wir produzieren in Kunst und Kultur sowie als Kulturverantwortliche keine Gleichförmigkeit, es geht vielmehr um die Möglichkeit individueller Entfaltung und individualer Wahrnehmung. "Das Medium der Kunst, der Literatur, des Films, des Tanzes, der Musik ist wie kaum ein anderes geeignet, das Transzendieren der eigenen kulturellen Identität zu befördern und erst dadurch sich des Eigenen bewusst zu werden."[10] Bilder, Theater- und Opernaufführungen, Kompositionen, Tanzperformances, Filme oder Fotografien stellen uns, unsere Erfahrungen und Voreingenommenheiten infrage. Wir werden von bildenden Künsten und Autoren, Regisseuren und Schauspielern, den Musikern und Tänzern dazu gebracht, einen eigenen Standpunkt zu suchen zu dem, was wir hören, sehen, erleben und erfahren. So bewegen wir uns aus der künstlerischen Verunsicherung zu einer eigenen Haltung: zu "Eigen-Sinn" (Oskar Negt). Eigene Sinne entfalten, sich wehren gegen die Ent-Eignung der Sinne, beharren auf eigener Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit: das ist Eigen-Sinn. In dieser Ich-Stärkung, in dieser Förderung des Eigen-Sinns liegt die Orientierungsmacht der Kunst.

Ästhetische Erfahrungen lassen sich überdies auf Wahrnehmungen in einem umfassenden Sinne beziehen. "Ästhetik" war zunächst ja das Rubrum einer philosophischen Disziplin, die ein Wissen vom Sinnenhaften anstrebte und als episteme aisthetike, kurz "Ästhetik", bezeichnet wurde. Diesem weiten Begriffsverständnis folgend möchte ich Ästhetik als Aisthetik verstehen, "als Thematisierung von Wahrnehmungen aller Art, sinnenhaften ebenso wie geistigen, alltäglichen wie sublimen, lebensweltlichen wie künstlerischen"[11].

Wahrnehmung ist ein - freilich oft gesellschaftlich vermittelter - subjektiver Prozess. Der subjektive Eindruck kann uns durch eine direkte Begegnung mit einem anderen Subjekt erreichen, vor allem bei den Zeitkünsten, also mit den jeweiligen Künstlerpersönlichkeiten, mit dem Schauspieler, Musiker, Tänzer. Die Wahrnehmung kann aber auch durch ein Objekt, ein Kunstwerk, durch einen "designten" Gegenstand, ein Bühnenbild oder Analoges ausgelöst werden. Ein Museum kann "Augenlust" erzeugen, die sich im Verstand fortsetzt.

Dabei sollten wir bedenken, dass sich die Produktions-, Vermittlungs- und Vermarktungsbedingungen der Künste gewandelt haben. Wir stellen fest, dass Kunst in vielfacher Hinsicht das Hergebrachte relativiert und sich bisweilen gar von ihm zu verabschieden beginnt:

  • von ihrer traditionellen materiellen Basis durch Virtualisierung;
  • von der Trennung in Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand;
  • vom Verständnis des "fertigen" Kunstprodukts durch work in progress;
  • vom einzelnen Produzenten sowie von der Einheit von Autor und Werk, etwa in der interaktiven Kunst, in der die Öffentlichkeit die Kunst mitkonstituiert;
  • von herkömmlichen Orten wie Theater, Museen, Galerien oder Konzertsälen.
Kunst entsteht - das ist allerdings nichts Neues - auch jenseits staatlicher und kommunaler Kulturinstitutionen. Die Übergänge zwischen den Künsten und der Lebenswelt, zwischen öffentlich geförderter Kunst und Mode / Design / Werbung, zwischen staatlich getragenen Kulturinstitutionen und der Kulturwirtschaft sind heute jedoch fließender geworden. Daraus sind kulturpolitische Schlussfolgerungen zu ziehen:
  • Wenn wir Kulturpolitik stärker von den Künsten her definieren und gestalten wollen, sollten wir uns darum bemühen, mehr über deren (zukünftige) Produktionsweisen in Erfahrung zu bringen, um unsererseits zeitgemäße undzukunftsweisende Produktionsbedingungen schaffen zu helfen.
  • Wir müssen aufmerksam und sensibel neue Kunstformen und -bereiche registrieren und ihnen Entwicklungschancen geben.
  • Wir brauchen Ressourcen, Räume und Rahmenbedingungen für die freie Entfaltung der Künste, die nicht von den traditionellen Produktionsbedingungen vorgeprägt sind.

Fußnoten

10.
Julia Nida-Rümlein, Integration als kulturpolitische Leitidee in der sozialen Demokratie, in: H. Hoffmann (Anm. 7), S. 244-256, hier S. 256.
11.
Wolfgang Welsch, Anästhetik - Fokus einer erweiterten Ästhetik, in: Wolfgang Zacharias (Hrsg.), Schöne Aussichten. Ästhetische Bildung in einer technisch-medialen Welt, Essen 1991, S. 79-106, hier S. 79.

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