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kulturelle Bildung

6.5.2003 | Von:
Oliver Scheytt

Kulturelle Bildung als Kraftfeld der Kulturpolitik

IV. Kulturelle Bildung

Sowohl bei Jugendlichen als auch beim traditionellen Publikum stoßen wir nicht selten auf Zurückhaltung und Unverständnis gegenüber den Künsten.[12] Das gilt vor allem dann, wenn diese sich in experimentellen und irritierenden Formen ausdrücken. Wir sollten uns der Kunst jedoch nicht "ent-halten", sondern sie stärker in unsere Lebenswelt aufnehmen. "Ent-Haltung" entsteht vor allem dann, wenn wir uns nicht einlassen auf die Kunst, der wir begegnen. Deshalb ist es so wichtig, auf der Grundlage eines ganzheitlichen Bildungsbegriffs für Vermittlung, für Verständnis, für Zugang zu den Künsten sorgen zu helfen.

Bundespräsident Johannes Rau [von 1999 bis 2004 im Amt, Anm.d. Red.] hat deshalb vor dem "Forum Bildung" neben der Persönlichkeitsentwicklung und der gesellschaftlichen Teilhabe zwei weitere unverzichtbare Ziele der Bildung und zur Vorbereitung auf den Beruf genannt: "Denken und Verstehen: das hat zu tun mit dem ganzen Menschen, mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand. Denken und Verstehen: das hat zu tun mit analytischen Fähigkeiten und Phantasie, mit Einfühlungsvermögen und mit der Fähigkeit, sich neue Welten zu erschließen. Denken und Verstehen: das bedeutet, Orientierung suchen, Orientierung haben und Orientierung geben zu können in einer Welt, die uns mit immer neuen und immer mehr Einfällen, Eindrücken und Einsichten überhäuft." Und: "Zum Wissen und zum Können für morgen gehören auch die Inhalte jener Fächer, die an den Rand zu geraten drohen, wenn wir nur noch nach Nützlichkeit und Verwertbarkeit gehen: Musik, Kunst und Sport Die Begegnung mit den Künsten kann verhindern, dass aus Bildung ein trostloses Fitmachen für wird. Erst das Wohlgefallen ohne alles Interesse, wie Kant es nennt, das jenseits von Funktionalität und Brauchbarkeit steht, macht den Menschen zum Menschen."[13]

Bildung ist insofern nicht nur auf theoretisches Wissen und beruflich unmittelbar verwertbare Bildung, sondern auch auf ästhetische Erfahrung und Kompetenz sowie auf ethische Reflexion und Wertevermittlung auszurichten. Genau darauf zielt die kulturelle Bildung. Erst als Bestandteil allgemeiner Bildung werden Kunst und Kultur zu konstitutiven Elementen unserer Gesellschaft.[14] Das ästhetische Erleben und Erfahren fördert zudem die ebenso spielerische wie kritische Auseinandersetzung mit Fremdbild und Selbstbild. Ästhetische Erfahrung führt zu Sinn und Sinnlichkeit, stärkt den Eigen-Sinn, die Wahrnehmungs- und Kritikfähigkeit.[15] Für die Musik ist inzwischen durch Langzeitstudien sogar nachgewiesen, dass sie auch die Intelligenz fördert.[16]

Entscheidend ist meines Erachtens eine möglichst frühe, nachhaltige, aktive Auseinandersetzung mit dem breiten Formen- und Gestaltungsspektrum der Kunst und des künstlerischen Ausdrucks. Das Sich-Einlassen auf die Künste sollte bereits in Kindergärten und in den Grundschulen praktiziert und erfahrbar gemacht werden. Es sollte sich durch alle Lebensstadien und Bildungsangebote ziehen. Deshalb ist die kulturelle Bildung in meinen Augen das zweite Kraftfeld einer neuen kulturpolitischen Offensive.

Kulturelle Bildung lebt von Allianzen für Kreativität. Die kommunale Kulturpolitik sollte deshalb einen integralen Ansatz zwischen Kultureinrichtungen, örtlichen Bildungsträgern und den Schulen verfolgen. Dafür ist ein neues Bewusstsein erforderlich. Kognitive Kompetenz, wie sie durch Wissensvermittlung gestärkt wird, steht nach der Publikation der PISA-Studie allzu sehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Kulturelle Kompetenz, eine "Schlüsselkompetenz für die Kunst des Lebens"[17], sowie die kulturelle Bildung werden in der aktuellen Bildungsdebatte hingegen sträflich vernachlässigt.

Bislang existieren mit den Musikschulen und mit dem allerdings nicht flächendeckend vorhandenen Angebot an Kunstschulen tatsächlich nur für die Sektoren Musik und Bildende Kunst adäquate Institutionen der kulturellen Bildung. Für das Theaterspiel oder gar den künstlerischen Tanz gibt es seitens der öffentlichen Hand kaum ähnliche Institutionen. In den Schulen wird das Theaterspiel meist nur in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften gepflegt. Wenig ausgeprägt ist bisher auch das Zusammenwirken zwischen Schulen und Bibliotheken bei der Vermittlung von Medienkompetenz. Zur Filmarbeit finden sich ebenso wenig Angebote wie zu Architektur und Design. Auch Internet- und Medienkunst sind in regulären Angeboten kultureller Bildung kaum anzutreffen.

Zusammenfassend muss leider festgehalten werden, dass gravierende inhaltliche Defizite die kulturelle Bildungslandschaft der Bundesrepublik Deutschland kennzeichnen. Es existieren so gut wie keine umfassenden Programme und Angebote, obwohl es allgemeine Auffassung ist, dass dieser Bereich aus der Kategorie der nur freiwilligen kulturellen Leistung herauszulösen sei.

Was sind die kulturpolitischen Schlussfolgerungen?
  • Wir sollten den Bildungs- und Jugendpolitikern neues Denken abfordern: Die kulturelle Bildung muss in den Bereichen Schule und Jugendhilfe das Dauerstadium der Modellversuche und Modellprojekte endlich hinter sich lassen. Versuche sollten in Institutionen, Modelle in Kontinuität überführt werden.

  • Die kulturellen Einrichtungen sollten ihr Augenmerk stärker auf Vermittlung (und Vermarktung) richten. Anteile von unter einem Prozent des jeweiligen Gesamtbudgets sind für diese Aufgaben die Regel, erforderlich jedoch wären mindestens fünf Prozent. Kein Wirtschaftsunternehmen könnte sich erlauben, so wenig Ressourcen darauf zu setzen, dass ihre "Produkte" einen Abnehmer finden.

  • Die kulturelle Bildung ist perspektivisch auf alle relevanten kulturellen Institutionen auszudehnen und sollte die dann beteiligten Träger intensiv aufeinander einspielen: Musik, Kunst, Theater, Tanz, Film und Video, Literatur, Geschichte, Architektur und Design.
Die kommunale Kulturpolitik allein wird kaum in der Lage sein, dieses Aufgabenfeld zu bewältigen. Es gilt deshalb, in allen Bundesländern entsprechende Förderprogramme und gesetzliche Rahmenregelungen einzufordern. Kulturelle Bildung muss zur Pflichtaufgabe werden. Durch die Verknüpfung der Schulen mit den kommunalen Kultureinrichtungen und mit Programmen nach dem Motto "Schulen ans kulturelle Netz" können wir aber auch ohne Landeshilfe vor Ort schon jetzt manche Chance nutzen. Die aktuelle, insbesondere durch die PISA-Studie ausgelöste Diskussion um Ganztagsangebote an Schulen und die finanziellen Mittel in Höhe von vier Milliarden Euro, die jetzt vom Bund nach der Koalitionsvereinbarung für die laufende Legislaturperiode bereitgestellt werden sollen [2003, Anm. d. Red.], bieten gute Ansatzpunkte, auch das Element "Kulturelle Bildung" zu stärken.

Mittelfristig brauchen wir neben Ländergesetzen zur kulturellen Bildung allerdings auch eine einschlägige strukturpolitische Offensive. Dabei ist vor allem kommunales Handeln gefragt, geht es doch vor Ort um Ausstattungsstandards, Räume und Ressourcen in erheblichem Umfang. Hierfür sind entsprechende Budgets und personelle Ressourcen erforderlich. Ohne sie werden sich diese Aufgaben schwerlich gestalten lassen. Denn nichts spricht dafür, dass die kulturelle Bildung die ihr zustehende Bedeutung gewinnen wird, wenn sie allein der Privatinitiative von Eltern oder der freiwilligen Initiative von Kommunen überlassen bleibt. Die Länder sollten die gesetzlichen Regelungen so gestalten, dass Privatinitiative und kommunales Engagement die kulturelle Bildung substantiell stärken können.

Fußnoten

12.
Thomas Krüger, Kultur - eine Antwort auf die neuen Herausforderungen politischer Bildung, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr.95 (IV/2001), S. 48-49, sieht umgekehrt in Kunst und Kultur ein Medium einer (anderen) Kommunikation mit Jugendlichen auch im Zusammenhang mit politischer Bildung, insbesondere in der Auseinandersetzung mit der Kultur und Kunst von Jugendlichen.
13.
Rede von Bundespräsident Johannes Rau auf dem ersten Kongress des Forums Bildung am 14. Juli 2000 in Berlin, Bulletin der Bundesregierung, Nr. 49-1 vom 14. Juli 2000, Zitate: Bl. 6 und 9. Als Überblick über die aktuelle Diskussion zur kulturellen Bildung siehe das instruktive Themenheft der Kulturpolitischen Mitteilungen, Nr. 94 (III/2001).
14.
Vgl. Norbert Lammert, Kulturelle Bildung und Modernisierung der Gesellschaft, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr.50 (III/1990), S. 31f.
15.
Grundlegend und ausführlich dazu Wolfgang Zacharias, Kultur und Bildung - Kunst und Leben zwischen Sinn und Sinnlichkeit, Essen 2001, insbes. S. 85ff.
16.
Vgl. Hans Günther Bastian, Kinder optimal fördern - mit Musik, Mainz 2000, der dort die Ergebnisse einer Langzeitstudie an Berliner Grundschulen zusammenfasst.
17.
Vgl. Hildegard Bockhorst, Schlüsselkompetenzen für die Kunst des Lebens, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr.94 (III/2001), S. 47-51.

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