kulturelle Bildung

6.5.2003 | Von:
Oliver Scheytt

Kulturelle Bildung als Kraftfeld der Kulturpolitik

Koordination meint den Versuch, die differenten Auffassungen und Programme der kulturpolitischen Akteure sowohl in inhaltlicher als auch in finanzieller Hinsicht aufeinander zu beziehen. In einem weiteren Sinne geht es auch darum, die spezifischen "Handlungslogiken" und "Rationalitätsmuster" der Sektoren Markt (Preis/Wettbewerb), Verwaltung (Anordnung/Loyalität), Politik (Konsens/Dissens; rechts/links) und Kulturszene (Kreativität/Wunsch nach Unterstützung) aufeinander abzustimmen. Bestehende und berechtigte Konkurrenzen können durch Koordination in sinnvolle Bahnen gelenkt und austariert werden. In der kulturellen Bildung ist Koordination dringend erforderlich, um die unterschiedlichen Anbieter im Sinne eines Gesamtsystems kultureller Bildung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammenzuführen. Kulturelle Grundversorgung kann in diesem Feld nur gelingen, wenn ein Überblick über das Angebot besteht, die öffentliche Hand einen chancengleichen Zugang ermöglicht und dafür sorgt, dass keine "Lücken im System" der Angebote entstehen, insbesondere für sozial benachteiligte Schichten.

Konsensfindung hat mit der Einsicht zu tun, dass es umso schwieriger ist, Kulturpolitik als Gesamtprojekt zu formulieren, je mehr Akteure sich an ihr beteiligen. Faktisch ist Konsens immer weniger ein Gut, das sich allein über den Wahlakt oder die Formulierung und Kommunikation kulturpolitischer Programme herstellen ließe. Konsens setzt darüber hinaus einen dauerhaften, sachbezogenen Dialog der Beteiligten voraus. Gerade wenn es um die Förderung von Kunst und kultureller Bildung geht - ich spreche hier von den Verfahren der Förderung und natürlich nicht von Inhalten -, ist Akzeptanz folglich nicht ex cathedra zu erzielen, sondern vielmehr mittels demokratischer Entscheidungsstrukturen und diskursiver Beteiligungsverfahren.[21] Die durch Kooperation, Kommunikation, Koordination und Konsens gestifteten kulturellen Allianzen haben jedoch nur dann Bestand, wenn die Verantwortlichkeiten geklärt sind.

VIII. Verantwortungspartnerschaften stiften

Der Partizipationsgedanke der siebziger Jahre könnte durch eine stärkere Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungen zur Kulturförderung, durch das weitere Engagement ehrenamtlicher Kräfte in Kultureinrichtungen, durch nachhaltige Allianzen mit der Wirtschaft sowie durch sonstige Modelle aktiver Mitwirkung neues Leben gewinnen. Kulturarbeit besitzt vielfältige Verbindungslinien und Schnittstellen zu ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften. Diese Anknüpfungspunkte können den notwendigen Konsens darüber verstärken, dass Kulturförderung unverzichtbar für das Leben in unseren Städten und Gemeinden und insgesamt für die Fortentwicklung unserer Gesellschaft ist.

Mit Blick auf die Angebote kultureller Bildung ist Partnerschaft ein unverzichtbares Element, leisten doch zahlreiche freie Träger hier seit vielen Jahrzehnten ganz entscheidende Beiträge. Doch auch die freien Träger sind auf die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln vielfach vollständig angewiesen. Solche Angebote können zwar durch Beiträge der Nutzer mitfinanziert werden, doch wird Bildung immer ein "Zuschussgeschäft" bleiben. Sie ist gerade als kulturelle Bildung eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des Einzelnen und der Gesellschaft. Partnerschaften können helfen, doch letztlich dienen sie dazu, den öffentlichen Auftrag "kulturelle Bildung" zu erfüllen.

Kulturpolitik sollte die Partnerschaft mit der Wirtschaft neu definieren. Wirtschaftliches Handeln ist nicht nur ökonomisch zu fundieren, sondern auch sozial, ökologisch und eben kulturell zu begründen. Kulturpolitik sollte auf langwährende Partnerschaften mit der Wirtschaft setzen und sich nicht in - mitunter einfältigen und sehr kurzfristigen - Sponsoring-Engagements erschöpfen.

Verantwortungspartnerschaften sollten nicht nur die Unternehmen, sondern auch den "Dritten Sektor" und dessen Handlungsformen - Vereine, Stiftungen, Bürgerbündnisse, Initiativen, Verbände und Gewerkschaften - einbeziehen. Freiwilligenarbeit und Ehrenamt sind wichtige Lebenselixiere der Bürgergesellschaft. Bündnisse für die Kultur sind unter dem Leitbegriff der "Verantwortungspartnerschaft"[22] immer neu mit Leben zu füllen. Denn nur vermittels breiter Bündnisse und - auch politischer - Allianzen wird es gelingen, die kulturellen Grundlagen nachhaltig zu sichern und damit Bildungs- und Entwicklungschancen für Kunst und Kultur zu erhalten.

Kunst und kulturelle Bildung müssen letztlich in gewisser Weise mit ihrer eigenen Überforderung fertig werden. Denn es gelingt in diesen Handlungsfeldern nur selten, in der Gegenwart bereits das zu erkennen, was in der Zukunft als herausragend eingeschätzt werden wird - oder mit Walter Benjamin: "Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist."

Beitrag aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nummer 12 / 2003, "Kultur".

Fußnoten

21.
Vgl. dazu Julian Nida-Rümelin, Demokratie als Kooperation, Frankfurt/M. 1999, S. 191ff.
22.
Diesen Begriff verwende ich bereits seit Mitte der neunziger Jahre, um deutlich zu machen, dass der Staat im Zusammenwirken mit Privaten öffentliche Kulturaufgaben erfüllt, sich dabei aber keineswegs einfach der Verantwortung "entledigen" kann. Der Begriff wird seither immer häufiger verwendet. Oft wird auch von einem "Contrat Culturel" gesprochen, so Jean Christoph Ammann, in: ders. (Hrsg.), Kulturfinanzierung, Dokumentation des Symposions zur Art Frankfurt 95, Regensburg 1995, S. 21, und Bernhard Freiherr von Loeffelholz, Von der Gewinnorientierung zur Sinnorientierung, in: Hilmar Hoffmann (Hrsg.), Kultur und Wirtschaft, Köln 2001, S. 65-80, hier S. 77.

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