kulturelle Bildung

10.12.2010 | Von:
Max Fuchs

Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung

Wozu Kultur?

"Kulturelle Ordnungspolitik" ist nicht unbedingt ein in der Praxis beliebter Begriff. Denn "Kultur" bezieht sich zwar immer auch auf die Gewohnheiten von Gruppen und Gesellschaften, hat aber - gerade in den Künsten - stets auch ein gesellschaftskritisches Potenzial: Kultur ist immer auch Kulturkritik.[6] In einer systemtheoretischen Betrachtungsweise der Gesellschaft kann man die Subsysteme Wirtschaft, Politik, Soziales und Kultur unterscheiden, die alle vielfach miteinander in Beziehung stehen.[7] Trotz der innergesellschaftlichen Vernetzung hat jedes dieser Subsysteme seine spezifische gesellschaftliche Aufgabe: die der Waren- und Dienstleistungsversorgung (Wirtschaft), der politischen Steuerung (Politik), der Schaffung sozialen Zusammenhalts (Soziales) und schließlich - als Aufgabe des Kulturbereichs - die Förderung des gesellschaftlichen Diskurses.

Man kann geradezu von "Kulturfunktionen" sprechen, die offenbar nötig sind, will eine Gesellschaft (oder soziale Gruppe) nicht in Agonie verfallen oder ihre Identität verlieren. Zu diesen Kulturfunktionen zählen etwa die Möglichkeiten zur Selbstreflexion, sich also Bilder von sich selbst zu schaffen und darüber zu diskutieren. Man braucht Angebote an Identitäten und Vorstellungen vom guten Leben; man benötigt ein soziales und kulturelles Gedächtnis, das nicht ohne Voraussetzungen entsteht.[8] Im Kulturbereich werden Probleme thematisiert - ebenso wie im Feld der Wirtschaft und der Politik. Doch während man hier irgendwann - und oft ziemlich rasch - zu Lösungen kommen muss, dürfen und sollen sie im kulturellen Bereich offen gehalten werden. Dies gilt für den Kulturbereich insgesamt, es gilt jedoch insbesondere für die Künste, die trotz allen Redens über den "weiten Kulturbegriff" nach wie vor in dessen Mittelpunkt stehen.

Meine These ist, dass nur dann ein öffentlich geförderter Kunstbetrieb aufrechterhalten werden kann, wenn es zu zeigen gelingt, dass die Künste solche gesellschaftlich und für die individuelle Entwicklung notwendigen Kulturfunktionen erfüllen.[9] Andernfalls werden zwar nicht die Künste aus der Gesellschaft verschwinden; sie werden jedoch dann nur noch als Wirtschaftsfaktor, als Teil einer kommunalen oder betrieblichen Selbstdarstellung oder als Standortfaktor eine Rolle spielen - also dort, wo ein eher betriebswirtschaftlich erfassbarer Nutzen belegt werden kann. Oder sie werden als Privatsache Einzelner begriffen, welche die Öffentlichkeit nicht weiter kümmern muss. Erfüllen die Künste derartige Kulturfunktionen? Hierzu nur einige Hinweise.

Wenn Okwui Enwezor, der künstlerische Leiter der 11. Documenta, davon spricht, dass es der Kunst nach wie vor um die "Erarbeitung und Entwicklung von Interpretationsmodellen für die verschiedenen Aspekte heutiger Vorstellungswelten" geht, dann spricht er von "Kulturfunktionen", die die Kunst erfüllen soll.[10] Ähnliche Aussagen gibt es von Vertreter/-innen der Literatur, des Theaters, der Musik oder des Tanzes.[11] Man erwartet also nach wie vor von den Künsten, dass sie der Gesellschaft Möglichkeiten verschaffen, sich selbst den Spiegel vorzuhalten, Lebensstile zu reflektieren, Identitätsangebote zu produzieren und Orientierungen bereitzustellen, die eine Verortung in Raum und Zeit ermöglichen. In der Geschichte der Menschheit entstanden als "Medien" einer solchen Selbstgestaltung, Selbstreflexion und Weltaneignung Religion und Mythos, aber auch Wissenschaft und Kunst. Ernst Cassirer nennt diese Hervorbringungen menschlichen Geistes symbolisch-kulturelle Formen und ihre Gesamtheit "Kultur".[12] In dieser Hinsicht steht also die Kunst durchaus in Konkurrenz zu anderen Sinngebungsinstanzen, so dass die Skepsis von Okwui Enwezor, ob und wie die zeitgenössische Kunst diese Aufgabe der Interpretation noch erfüllen kann, verständlich wird.

Und tatsächlich zeigt die Geschichte, dass nicht alle symbolisch-kulturellen Formen zu jeder Zeit gleichmäßig in Anspruch genommen worden sind. Vielmehr geraten bestimmte Formen immer wieder in Verdacht, ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen zu können. So wurde der Mythos abgelöst durch Wissenschaft und Religion, die Religion wiederum erlebte in der Säkularisierung des 19. Jahrhunderts einen Prozess der Entwertung. Und seit einigen Jahren ist der Glaube an die Wissenschaft stark beschädigt. Verständlich ist daher die Vorsicht gegenüber der zeitgenössischen Kunst bei Okwui Enwezor, weil die Art und Weise, wie diese die genannten Funktionen erfüllt, ebenfalls ins Gerede gekommen ist. Zum Teil lag das sicherlich an künstlerischen Entwicklungen, zum Teil hatte es mit der generellen Infragestellung von Sinngebungsangeboten zu tun. Es ist also zu zeigen, wie die Künste die genannten Kulturfunktionen überhaupt erfüllen können.

Gesetzt den Fall, die Künste - als "harter Kern" der Kulturpolitik - erfüllen im Grundsatz die genannten Kulturfunktionen, dann schärfen sich erneut die Konturen dessen, was unter "Kulturpolitik" verstanden wird: Denn dann ist Kulturpolitik in der Tat Gesellschaftspolitik, unterscheidet sich jedoch von anderen Politikfeldern, die dies ebenfalls sind, durch die Art und Weise, wie gesellschaftspolitische Probleme behandelt werden. Dann ist es auch sinnvoll, für das System der Künste geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, so wie es eine pragmatisch orientierte kulturelle Ordnungspolitik seit Jahren erfolgreich betreibt. Notwendig ist es jedoch, sich dieser Wirkungen oder sogar Funktionen der Künste verstärkt zu besinnen. Denn die Zeiten, in denen die Gesellschaft und insbesondere die Parlamente ohne weitere Begründung Kulturausgaben bewilligten, sind zu Ende gegangen. Es taugen zudem beide Trends in der Kulturpolitik und Kunstentwicklung der 90er-Jahre - nämlich eine ökonomische Sichtweise von Kunst, verbunden mit einem Trend zur Festivalisierung - wenig, die Künste in ihren Kulturfunktionen zu stärken.[13] Auch hat die Selbstreferentialität des Kunstbetriebes sich an der einen oder anderen Stelle allzu ungehindert entfaltet, so dass - zu Recht - große Kultureinrichtungen nunmehr auf der Suche nach dem (vor allem jungen) Publikum sind. Denn was nützt die elaborierteste Kunst, wenn der Kreis, der sie zur Kenntnis nimmt, immer kleiner wird. Hier ist ein wichtiger Grund dafür zu finden, dass in den letzten fünf Jahren der Ansatz "Kulturpolitik als kulturelle Bildungspolitik" aus den 1970er-Jahren zu neuen Ehren gekommen ist: Kulturelle Bildung ist zur zentralen Legitimationskategorie in der Kulturpolitik geworden. [14]

Fußnoten

6.
Vgl. Georg Bollenbeck: Eine Geschichte der Kulturkritik. Von Rousseau bis Günther Anders. München 2007.
7.
Ich beziehe mich hier auf Arbeiten von Richard Münch auf der Grundlage der Soziologie von Talcott Parsons; vgl. etwa Richard Münch: Dialektik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt/M. 1991.
8.
Solche "Kulturfunktionen" lassen sich allgemein mit Hilfe der Anthropologie erklären; vgl. Max Fuchs: Mensch und Kultur. Wiesbaden 1999. Sie lassen sich zudem gesellschaftstheoretisch begründen. Siehe auch Max Fuchs: Kampf um Sinn. Remscheid 2008 (als Download unter www.akademieremscheid.de Publikationen, letzter Zugriff 05. Oktober 2010).
9.
Eine ausgearbeitete Theorie hierzu liefert Volker Steenblock: Theorie der kulturellen Bildung. München 1999.
10.
Okwui Enwezor u.a.: Documenta 11 - Plattform 5: Ausstellung. Katalog. Ostfildern - Ruit 2002.
11.
Siehe Max Fuchs: Kunst als kulturelle Praxis. München 2011. (i.E.)
12.
Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen. Frankfurt/M. 1990.
13.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel (Hrsg.): Festivalisierung der Stadtpolitik. Leviathan-Sonderheft 13/1993.
14.
Vgl. Max Fuchs: Kulturelle Bildung. München 2008.

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