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kulturelle Bildung

13.12.2010 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder Kreativwirtschaft: Was ist das eigentlich?

Wer sind die "Kreativen"?

Im Rahmen dieses kurzen Überblicks können wir die unterschiedlichen Bedeutungen und Ambivalenzen der Begriffe "Kultur" und "Kreativität" nicht ausführlich diskutieren. Selbst wenn, anthropologisch gesehen, Kultur die meisten menschlichen Ausdrucksformen, Wertesysteme und sogar institutionelle Strukturen umfasst, so sollten wir doch zunächst pragmatisch vorgehen, also nach einer Definition suchen, die aktuell in Europa gebräuchlich ist. Diese könnte man vielleicht auf die Formel bringen : "Kultur & Medien PLUS". Sie müsste die Künste, die Medien (einschließlich der neuesten Multimedia-Entwicklungen), administrative, qualifizierende und fördernde Instanzen und natürlich das kulturelle Erbe umfassen, und zwar ohne qualitative Vorbewertung (etwa im Sinne von "Hoch-" oder "Unterhaltungskultur"). Mit dieser Definition könnten dann die Aktivitäten öffentlicher Einrichtungen, gewerblicher Betriebe, sowie unabhängiger Organisationen, Stiftungen und Initiativen ebenso erfasst werden wie etwa eine selbständige Berufstätigkeit als Künstler oder Publizist. Wichtig ist dabei allerdings, dass unterschiedliche Branchen und vor allem Rechts- und Wirtschaftsformen nach Möglichkeit so ausdifferenziert erfasst werden sollten, dass sie später, je nach Fragestellung, auch wieder unterschieden werden können – darauf ist am Ende noch zurück zu kommen.

Der Begriff "Kreativität" könnte ähnlich eingegrenzt werden; er passt freilich auf die meisten Formen produktiver oder intellektueller Innovationskraft, ob auf den Schauplätzen der Wissenschaft, der Künste oder des Geschäftslebens und ist schon deshalb im Rahmen eines Definitionsüberblicks weniger Ziel führend. Allerdings wird man schon fragen dürfen, ob es gerechtfertigt ist - wie zum Beispiel in einem Salzburger Entwicklungskonzept [13] vorgeschlagen -, die Kunst und damit die Künstlerinnen und Künstler gänzlich aus dem Kontext einer "Kreativwirtschaft" auszublenden. Nicht nur traditionelle Anschauungen [14], nach denen sie es sind, die quasi in ihrer Person die Ressource Kreativität in einer Gesellschaft verkörpern, werden hier auf den Kopf gestellt: Wenn nur noch Designerinnen und Designer, die Management-Beratung oder Werbeleute das Attribut von "Kreativen" für sich beanspruchen (dürften), wären in der Tat die schlimmsten Befürchtungen der Gegnerinnen und Gegner allzu enger Verbindungen zwischen Kultur und Wirtschaft eingelöst - und Kreativität auf die Bereitstellung eines funktionalen oder erlebnisträchtigen Ambientes reduziert.

Eigentlich ist doch kaum zu übersehen, dass künstlerische Arbeitsergebnisse heute, gerade über das Design, ständig in Wirtschaftszweige aller Art einfließen und oft auch als Motor für Innovationen oder technische Neuerungen gelten können. Einige meinen, dass nur die Künste, die Wissenschaft und die Technologie gemeinsam die Basis für Kreativität, Erneuerung und Produktivität in jeder Gesellschaft bilden konnten; andere sehen eine besonders innovative Rolle bei Medienkünstlerinnen und -künstlern, seitdem neue Informations- und Kommunikationstechnologien es ihnen erlaubten, nichtlineare, interaktive und netzwerkartige Formen der Kommunikation zu erforschen.[15] Stephen Wilson weist darauf hin, dass die Macht der künstlerischen Arbeit in einem frühen Stadium einer neuen Technologie teilweise auf dem kulturellen Akt beruht, "sie für die eigene kreative Produktion und Kommentierung in Besitz zu nehmen. So erinnert etwa die frühe Geschichte der Computergrafik und -animation in mancher Hinsicht an die Verhältnisse bei der Entwicklung der Fotografie und des Kinos."[16]

Die Politik, aber auch multinationale Firmen der Kultur- und Medienwirtschaft beginnen, diese potenzielle Macht der künstlerischen Forschung und Produktivität zu erkennen: "Technologie beeinflusst Musik, und Musik beeinflusst Technologie. Der beste Beweis dafür ist der iPod" - so der Chef des Warner-Konzerns, Edgar Bronfman, bei einer Tagung in Aspen im Jahr 2005.

Die so Gepriesenen sind da oft bescheidener. So weist der Schriftsteller Salman Rushdie (in der F.A.Z. vom 16. Juli 2005) zwar darauf hin, dass Bücher und ihre Autorinnen und Autoren durchaus die Macht hätten, "Liebe oder Hass" zu erzeugen, legt gleichzeitig aber Wert auf die Feststellung, dass es die Leserinnen und Leser sind, welche die Wahrheit einer literarischen Aussage in ihren Köpfen und Herzen erfahren, das Buch also selber individuell fertig stellen müssen.

Wir können daraus lernen, dass einseitige, rein ökonomisch orientierte Perspektiven keinen wirklichen Ansatzpunkt für das Verständnis kultureller Prozesse bieten.

"Kulturwirtschaftsberichte" - Brücken zwischen Politik, Kultur und Ökonomie

Definitionsprobleme und die komplexen Fragen der statistischen Abgrenzung - wozu die ungenügende europaweite Harmonisierung der Kulturstatistik beiträgt - haben punktuelle oder vergleichende Analysen zur wirtschaftlichen Bedeutung und Struktur der Kulturwirtschaft nicht verhindert. In Deutschland wurden sie vor allem auf regionaler Ebene erarbeitet. Das muss nicht unbedingt ein Manko sein, wenn es etwa darum geht, vorhandene Probleme oder Potenziale und mögliche Synergien der Kulturwirtschaft auch mit öffentlichen und 'freien' Trägern kultur- und medienbezogener Aktivitäten möglichst konkret zu benennen und Fördermaßnahmen besser darauf auszurichten.

Maßstäbe hatten in Deutschland und darüber hinaus zunächst die Berichte der Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft für das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) gesetzt (z.B. 1992, 1995, 1998, 2001, 2007).[17] Zur "Kulturwirtschaft" zählen hier Privatbetriebe und selbständige Berufsangehörige, die in Teilmärkten der Künste und der Medien sowie angrenzenden Tätigkeitsfeldern arbeiten. Dabei wurden zuletzt grob folgende Segmente mit ihrer zum Teil recht heterogener Binnenstruktur unterschieden:
  • Kulturwirtschaft im engeren Sinne (z.B. Buchmarkt, Musikwirtschaft, Kunstmarkt oder Film, einschließlich der solchen Branchen zurechenbaren wirtschaftlichen Aktivitäten freischaffender Künstler/ -innen);
  • Kultur-/Medienwirtschaft im weiteren Sinne (z.B. Architektur- und Designateliers)
  • ergänzende Teilbranchen mit großer Relevanz für Kultur und Medien - je nach aktuellen Untersuchungszielen (in bisherigen NRW-Berichten wurden u.a. der "Kultur-Tourismus" oder die "Kultur-Bauwirtschaft" vom Kirchenbau bis zu Handwerksbetrieben in der Denkmalpflege besonders thematisiert).
Hinsichtlich der Datenaufbereitung weitgehend vergleichbare Berichte wurden unter anderem in Bremen-Nordniedersachsen (1999), Sachsen-Anhalt (2002 und 2006) und Schleswig-Holstein (2004) sowie in einigen Städten realisiert. Berichte mit anderer, eher dem Konzept der "creative industries" folgender und damit um zusätzliche Branchen wie etwa Telekommunikation oder Werbewirtschaft erweiterter Methodik wurden unter anderem für die Länder/ Stadtstaaten Hessen (2003, 2005 und 2008), Hamburg (2006), Berlin (2006 und 2009), Bremen (2009) und die Region Stuttgart (2005) vorgelegt.

Zwei Trends zeichnen sich dabei ab:
  • Einzelne dieser Berichte widmeten sich ganz oder überwiegend bestimmten Spezialthemen, die gelegentlich sogar vom Kernthema der Entwicklung der Kulturwirtschaft wegführen können. [18]
  • Einige Berichte, so die in NRW oder ähnlich in Berlin, verstanden sich weniger als behördliche Information (oder PR) und eher als Ressourcen für die Zusammenarbeit breiterer Initiativen innerhalb der Kulturwirtschaft, etwa im Sinne eines "work in progress". [19]
Die bundesweiten Bestandsaufnahmen von Michael Söndermann und weiteren Fachleuten aus den letzten Jahren [20] gehen hier einen Mittelweg. Sie erfassen weiterhin in erster Linie die privatwirtschaftlicher Aktivität zurechenbaren Betriebe und Umsätze, folgen allerdings der von der Wirtschaftsministerkonferenz im Juni 2008 (und zuvor ähnlich auch auf EU-Ebene) beschlossenen Definition einer seither so genannten "Kultur- und Kreativwirtschaft" mit folgenden 11 Teilmärkten:
  1. Musikwirtschaft
  2. Buchmarkt
  3. Kunstmarkt
  4. Filmwirtschaft
  5. Rundfunkwirtschaft
  6. Markt für darstellende Künste
  7. Designwirtschaft
  8. Architekturmarkt
  9. Pressemarkt
  10. Werbemarkt
  11. Software-/Games-Industrie
Dazu ist vielleicht anzumerken, dass es bei solchen und anderen aktuellen Abgrenzungen teilweise weniger um sachlogische Zusammenhänge (Kohärenz) in bestimmten Märkten geht und eher Kriterien der statistischen Erfassbarkeit und europäischen Vergleichbarkeit eine entscheidende Rolle spielen. So verhindern bisher die entsprechenden Wirtschaftszweig-Klassifikationen, dass etwa in der Kategorie 11 tatsächlich "kreative" bzw. kulturell relevante Aktivitäten, z.B. die von Spiele-Designerinnen und -Designern, von anderen, etwa auf die Bürokommunikation konzentrierten Dienstleistungen, z.B. denen von Microsoft, exakt abgegrenzt werden können. Und bis heute ist es auch nicht möglich, die verschiedenen Komponenten der Internet-Wirtschaft exakt abzubilden, die ja in den letzten zwei Jahrzehnten einen beachtlichen Aufstieg erlebte.

Fußnoten

13.
So in der Broschüre Innovations- und Technologietransfer Salzburg GmbH (Hrsg.), Kreativität Salzburg - ein Strategiepapier für eine standortpolitische Schwerpunktsetzung, Salzburg o. J. (2005). Dass solche Vorstellungen (nicht nur) an diesem Ort weiter Bestand haben, zeigte die Messe "Kreativ Salzburg" im Herbst 2009, die laut Ankündigung "die Bereiche Geschenkideen, Wohnaccessoires, Design- und Lifestyleartikel, Papier- und Schreibwaren, Floristik, Bastelbedarf, Kunsthandwerk, Souvenirs, Glas, Porzellan und Keramik, Trend- und Plüschartikel, Spielwaren, Modeaccessoires und Trafikantenbedarf unter einem Dach" vereint.
14.
Vgl. (ein Beispiel für viele) Margot und Rudolf Wittkower, Künstler - Außenseiter der Gesellschaft, Stuttgart 1989.
15.
Vgl. Dieter Daniels, Kunst als Sendung. Von der Telegrafie zum Internet, München 2002; vgl. auch ERICarts (Hrsg.), Culture-Gates - Exposing Professional 'Gate-keeping' Processes in Music and New Media Arts, Bonn 2003.
16.
Vgl. Stephen Wilson, Information Arts: Intersections of Art, Science and Technology, Cambridge 2002.
17.
Die letzte vorliegende Ausgabe ist der 5. Kulturwirtschaftsbericht der Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft NRW, herausgegeben vom Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes NRW, Düsseldorf 2007.
18.
Vgl. etwa den 2. Hessischen Kulturwirtschaftsbericht: Kultursponsoring und Mäzenatentum in Hessen, hrsg. von den Hessischen Ministerien für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung sowie für Wissenschaft und Kunst, Wiesbaden 2005.
19.
So explizit der Bericht der Senatsverwaltungen für Wirtschaft, Arbeit und Frauen und für Wissenschaft, Forschung und Kultur (Hrsg.), Kulturwirtschaft in Berlin - Entwicklung und Potenziale 2005, Berlin 2005; Kreativität Salzburg (Anm. 13).
20.
Nachzulesen u.a. im Forschungsbericht Nr. 577: Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland". Stand Feb. 2009, herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Berlin.

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