30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
kulturelle Bildung

13.12.2010 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder Kreativwirtschaft: Was ist das eigentlich?

Empfehlungen - nicht nur für die Schublade

Sicher wäre es verfehlt, eine Umsetzung aller Vorschläge in den diversen Berichten im Verhältnis 1:1 zu erwarten; manche sind ohnehin "programmbegleitend", reagieren also mehr auf politische Maßnahmen, als dass sie neue empfehlen würden, andere betreffen eher Fragen einer grundsätzlichen Neuorientierung der Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Kulturpolitik. Letzteres gilt teilweise für die NRW-Kulturwirtschaftsberichte, für deren Inhalt ja nicht das Ministerium selbst, sondern eine unabhängige Gruppe von Fachleuten aus Universitäten und Forschungseinrichtungen [22] verantwortlich zeichnete.

Dennoch lassen sich einige Projekte nennen, die entweder direkt auf Empfehlungen der Berichte zurückgehen oder Defizite aufgreifen, die dort benannt wurden, darunter die StartART-Gründungsinitiative des Landes NRW für Kunst und Kulturwirtschaft, die bis 2002 den Weg in die Selbständigkeit durch betriebswirtschaftliche Beratung und Qualifizierung förderte und die inzwischen durch ein "Clustermanagement" unter der Marke CREATIVE.NRW abgelöst wurde. [23]

Mit ähnlicher Zielsetzung wurden in NRW und in anderen Bundesländern beispielsweise
  • Wettbewerbe zur Einrichtung kultureller Gründerzentren ausgelobt;
  • Modellprojekte zur Nutzung kulturwirtschaftlicher Angebote für den Tourismus gefördert;
  • Kulturwirtschaftstage und Branchenforen veranstaltet oder
  • die Beteiligung an Auslandsmessen unterstützt.
Auch die Bundesregierung will seit 2007, gestützt auf empirische Bestandsaufnahmen, durch die "Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft... die Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft stärken und das Arbeitsplatzpotenzial noch weiter ausschöpfen" [24].

Mit diesen Hinweisen soll nicht der Eindruck erweckt werden, es ließe sich mit Statistiken über eine dynamische Kultur- und Medienwirtschaft und ihrer Fortschreibung in offiziellen Berichten nahezu alles an politischen Strategien und Fördermaßnahmen begründen, was jeweils gerade auf dem Markt en vogue ist oder von Interessengruppen hartnäckig gefordert wird. Grundsätzlich gilt wohl, dass nur dort eine öffentliche Förderung gerechtfertigt ist, wo an reale Marktpotenziale bzw. besondere Erfahrungen bei den Erwerbstätigen – also ein "kulturelles Kapital" im Sinne von Pierre Bourdieu - angeknüpft werden kann oder Nachteile und Wettbewerbshemmnisse auszugleichen sind. Eine leistungsfähige Kulturwirtschaft lässt sich also nicht schematisch an jedem Ort für alle Branchen aus dem Boden stampfen.

Zu dieser Einsicht kam etwa der erste Kulturwirtschaftsbericht für das Land Sachsen-Anhalt. [25] Dessen wirtschaftliche Lage und vor allem die auch durch hohe Arbeitslosigkeit bedingte geringe Kaufkraft ließen keine Empfehlungen für einen flächendeckenden Aufbau kulturwirtschaftlicher Infrastrukturen etwa im Buch-, Kunst- oder Musikmarkt zu. Allerdings wurde ein großes Potenzial im Kulturtourismus, bei der Produktion von Designgütern (Bauhaus-Tradition) und in der Medienwirtschaft ausgemacht. Letzteres galt insbesondere für Betriebe mit Aufgaben in der Gestaltung, der Produktion und beim Management von "Content" für die Neuen Medien - auch andernorts eine wichtige, Ressourcen schonende Entwicklungschance.

Ein Vorschlag zur Diskussion: der "Kreativsektor"

Obwohl es künftig noch schwieriger wird, den privatwirtschaftlichen Bereich statistisch sauber von öffentlichen und gemeinnützigen Kultur- und Medienaktivitäten abzugrenzen, bleibt gerade dies eine wichtige Aufgabe. Gerade in Deutschland existiert traditionell eine stärkere Arbeitsteilung zwischen Kulturangeboten mit öffentlichem Auftrag und privatwirtschaftlichen Aktivitäten als in vielen anderen Ländern - und dies soll nach den Vorstellungen sowohl der betroffenen Einrichtungen und des größten Teils der Kulturwirtschaft wie auch breiter Bevölkerungskreise so bleiben.[26]

Hier könnten wir vom Musterland der "Kreativwirtschaft", dem Vereinigten Königreich, etwas lernen: Dort stellen sich nämlich die Verhältnisse durchaus nicht so pauschal dar, wie es die gängige Rezeption dieses Begriffs nahe legt. Dies zeigt spätestens der Blick in die Londoner Regierungsadministration: Dem für Kultur, Medien und Sport zuständigen Kabinettsmitglied unterstehen einerseits Abteilungen oder Agenturen für "the arts" (also die Künste im engeren Sinne), Museen, Bibliotheken, den Rundfunk oder "historic environment" wie andererseits solche für Tourismus oder "creative industries" (die hier Werbung, Kunstmarkt, Design, Mode, Film und die Musikwirtschaft umfassen).

Wie inzwischen auch Ministerien in anderen europäischen Ländern [27] versucht die britische Regierung die wachsende Relevanz von Marktkräften für die Entwicklung im Kultur- und Medienbereich ebenso zu berücksichtigen wie die eigenständige Rolle staatlicher oder geförderter Einrichtungen und die Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Akteure.

Vor dem Hintergrund empirischer Studien und internationaler Fachtagungen, hier insbesondere der UNESCO-Konferenz "The International Creative Sector" an der Universität Austin (2003), kann damit für die Diskussion und weitere Begriffsklärung eine eigene Abgrenzung des "Kreativsektors" vorgeschlagen werden. Abgesehen von einem relativ flexiblen "kreativen Kernbereich" unterscheidet die Übersicht 2 acht Arbeitsfelder (die Größe der Grafikelemente ist ein grober Anhaltspunkt für ihre Bedeutung im Arbeitsmarkt dieses Sektors). Die Grundelemente der Grafik sind wohl für die meisten europäischen Länder zutreffend, und die große Anzahl öffentlicher Theater und Medieneinrichtungen (Radio und Fernsehen häufig finanziert durch Gebühren) markiert den auffälligsten Unterschied zwischen europäischen Traditionen und Bedingungen in den USA, wo diese Einrichtungen ganz überwiegend privatwirtschaftlich organisiert sind.

Vorschlag zur Abgrenzung eines "Kreativsektors" in Europa. Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte Bd. 34-35/2006, S. 16.Vorschlag zur Abgrenzung eines "Kreativsektors" in Europa. Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte Bd. 34-35/2006, S. 16. (© bpb)
Die - wohl noch zunehmenden - Querverbindungen dieser Felder untereinander (z.B. Musikverlage oder der Instrumentenbau mit öffentlichen Musikschulen) und darüber hinaus (z.B. Design mit Wirtschaftszweigen wie Mode und Werbung) sind im Schaubild angedeutet, gelegentlich wird hier auch von "creative clusters", in bestimmten Konstellationen auch von "Komplementärbeziehungen" [28] gesprochen (wie etwa zwischen staatlichen Opernhäusern und den zumeist privaten Musical-Spielstätten). Ein näherer Blick auf einzelne Branchen oder Wertschöpfungsketten führt zusätzlich vor Augen, dass die Berührungspunkte der einzelnen Felder unterschiedlich ausgeprägt sind - so hat der Buchmarkt viel weniger mit öffentlichen Zuwendungsgebern zu tun als etwa die Filmproduktion. [29]

Definitionen sollten so flexibel sein, dass sie derartige Querverbindungen angemessen berücksichtigen können und zudem für neue Entwicklungen offen bzw. erweiterungsfähig bleiben. Dies betrifft etwa die zunehmenden grenzüberschreitenden Austauschbeziehungen, Konzentrationstendenzen und ebenso neue, nicht nur ökonomisch relevante Arbeitsfelder im Medienbereich. Als Beispiel sind die "kreativen" Aktivitäten bei der Entwicklung von Computerspielen zu nennen: Weil hier traditionelle statistische Kategorien nur begrenzt Auskunft geben können, ist es besonders wichtig, dem Design einen prominenten Platz in kultur- oder kreativwirtschaftlichen Konzepten zuzuweisen und die hier Berufstätigen möglichst vollständig zu erfassen.

Unter solchen Voraussetzungen ist es dann weniger wichtig, ob wir etwa von einem "Kultursektor" oder einem "Kreativsektor" sprechen, solange nur alle mit Kultur und Medien im weiteren Sinne verbundenen privaten, öffentlichen und informellen Aktivitäten berücksichtigt werden. Deren oft sehr unterschiedliche Zielsetzungen, Maßstäbe und Probleme sollten auch in Zukunft möglichst klar erkennbar und in ihren Funktionen überprüfbar bleiben. Geschieht dies nicht ausreichend oder wird alles über den Kamm "Wirtschaft" geschoren, wie in manchen der erwähnten Berichte und Bestandsaufnahmen, könnten einige Angebote bald mangels "Unterscheidbarkeit" – oder von der EU und der Welthandelsorganisation WTO aus Gründen eines durch öffentliche Zuschüsse behinderten "freien Wettbewerbs" – politisch-rechtlich in Frage gestellt werden und eine bislang noch vielfältige kulturelle Öffentlichkeit Schaden nehmen.

In seiner eingangs erwähnten Nobelpreisrede wies Wole Soyinka noch darauf hin, dass OGUN nicht nur als "Gott der Kreativität" gelten kann, sondern auch als "Gott der Zerstörung". Mehr Transparenz im kulturellen oder "Kreativsektor" kann dazu beitragen, dass diese Zweitrolle möglichst wenig zum Tragen kommt.

Aktualisierter Beitrag aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nummer 34-35 / 2006, "Kulturwirtschaft".

Fußnoten

22.
Bei den bisherigen Berichten waren dies vor allem die Universitäten Dortmund und Witten-Herdecke, das Büro STADTart, das Zentrum für Kulturforschung, der Arbeitskreis Kulturstatistik und das European Institute for Comparative Cultural Research (ERICarts).
23.
http://www.creative.nrw.de/branchen-und-maerkte.html, Stand: Dezember 2010.
24.
vgl. http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de, Stand: Dezember 2010.
25.
Vgl. Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft LSA, Kulturwirtschaft in Sachsen-Anhalt - Bedeutung, Strukturen, Handlungsfelder, Bonn-Magdeburg 2002.
26.
So die Ergebnisse verschiedener "KulturBarometer"-Umfragen des Zentrums für Kulturforschung aus den letzten 20 Jahren.
27.
Vgl. Council of Europe/ERICarts, Compendium of Cultural Policies and Trends, Straßburg-Bonn 2006 (http://www.culturalpolicies.net).
28.
Dazu näher Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft, Kulturwirtschaft in Nordrhein-Westfalen: Kultureller Arbeitsmarkt und Verflechtungen, Düsseldorf 1998.
29.
Vgl. ERICarts mit FinnEkvit, Mediacult, OBS und ZfKf, Culture-Biz, Bonn 2005.

Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen