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kulturelle Bildung

7.12.2012 | Von:
Katharina Donath

Biografisches Theater und Holocaust

Eindrücke des Workshops "Biografisches Theater – Anita Lasker-Wallfisch" in Schwerin

Vom 21. bis 23. September 2012 erarbeiteten 15 Jugendliche ein Wochenende lang im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin Szenen zur Biografie der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch. Die Autorin gibt einen Einblick in die Methode und den Verlauf des Workshops und fragt, was die Teilnehmenden dabei gerlernt haben.

Probe einer SzeneProbe einer Szene im Flur des Schweriner Schleswig-Holstein-Hauses (© Katharina Donath/bpb)

"Ich bin Maximilian, und ich bin hier, weil ich erfahren möchte, inwiefern Theater eine Kunst ist, mit der man das Grauen, den Holocaust, aufarbeiten kann.", "Ich bin Melissa, und ich bin hier, weil diese Geschichte eine wahre Begebenheit ist, und ich die Chance habe, die Hauptakteurin Anita Lasker-Wallfisch persönlich kennenzulernen", "Ich bin Anastasia, und ich bin hier, weil ich Jüdin bin."

Von Scheinwerfern angestrahlt stehen 15 Jugendliche halbkreisförmig im Backsteinsaal des Schleswig-Holstein-Hauses in Schwerin. Einer nach dem anderen tritt vor und erklärt seine Motivation bei dem Projekt mitzumachen. Das soll die erste Szene der Präsentation werden. "Nochmal bitte", sagt Helen Peyton, eine der Leiterinnen des Workshops, "ich weiß, das ist anstrengend für euch, aber das muss noch kürzer und knackiger werden!" Die Stimmung ist angespannt. Es ist schon Sonntag, der Workshop ist in wenigen Stunden vorbei – bis dahin muss die Präsentation stehen.

Das Projekt

Die 14- bis 19-jährigen Jugendlichen aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hamburg, die gemeinsam auf der Bühne agieren, haben sich erst vor zwei Tagen kennengelernt. Sie nehmen an dem Wochenend-Workshop "Biografisches Theater – Anita Lasker-Wallfisch" im Rahmen des Festivals "Verfemte Musik" und des Fachtags "Geschichte und Geschichten auf der Bühne" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb teil. Angesichts der Tatsache, dass Gespräche mit Zeitzeugen immer seltener möglich sein werden, hat die bpb das Projekt mit dem Ziel initiiert, Chancen und Grenzen des biografischen Theaterspiels auszuloten, als Möglichkeit NS-Geschichte lebendig zu vermitteln.

Zweieinhalb Tage lang setzen sich die Jugendlichen im Theater-Workshop mit Dokumenten aus der Biografie der Cellistin Anita Lasker-Wallfisch auseinander, die Bergen-Belsen und Auschwitz überlebte. Die erarbeiteten Szenen werden beim Fachtag "Geschichte und Geschichten auf der Bühne" präsentiert. Besonders dabei ist, dass die Zeitzeugin bei der Präsentation dabei sein wird.

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Anita Lasker-Wallfisch

Anita Lasker-Wallfisch, 1925 in Breslau, heute Wroclaw, geboren, ist eine berühmte Cellistin. Sie war Mitbegründerin des Londoner English Chamber Orchestra und spielte dort bis in die Jahrtausendwende. Als Jugendliche gehörte sie zum Mädchenorchester in Auschwitz; sie überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. Nach der Befreiung ist London seit 1946 ihr Lebensmittelpunkt. Durch ihre engagierte Arbeit als Zeitzeugin in Schulen und Autorin ihrer Lebenserinnerungen "Ihr sollt die Wahrheit erben" ist sie inzwischen einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Auszüge aus ihrem Buch wurden als historische Dokumente in dem Projekt "Biografisches Theater – Anita Lasker-Wallfisch" verwendet.

Biografisches und dokumentarisches Theater

Beim Workshop wird mit Elementen des biografischen Theaters gearbeitet. Dieser Begriff bezeichnet "einen Spieler- und lebensweltorientierten Theateransatz, bei dem die Darsteller persönliche Erfahrungen, Meinungen und Werte zum zentralen Inhalt der theatralen Gestaltung machen."[1] Da bei dieser Art von Theater nicht die Schauspieltechnik im Mittelpunkt steht, sondern die Präsenz der Spielenden, eignet es sich gerade für nicht-professionelle Darstellerinnen und Darsteller. [2] Im Projekt arbeiten die beiden Spielleiterinnen Doris Post und Helen Peyton mit den Biografien der Jugendlichen, die während des Wochenendes in Improvisationen immer wieder eigene Erfahrungen, beispielsweise mit Ausgrenzung, Einsamkeit oder Glück, einbringen. Diese Erfahrungen können Anknüpfungspunkte zu der fremden Biografie der Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch bieten. Für Doris Post ist gerade die Verbindung von eigen- und fremdbiografischem Theater bei dem Workshop reizvoll: "Ich denke, dass diese Verschränkung bei dem Projekt möglich ist. Wir möchten die Eigenerfahrung der Jugendlichen zu den Themen Diskriminierung, Ausgrenzung und Glück ganzheitlich - kognitiv, emotional und körperlich - erforschen. Durch einen szenischen Verarbeitungsprozess finden sie einen Zugang zu einer Fremdbiografie – der Biografie von Anita Lasker-Wallfisch."

Um sich der Biografie der Zeitzeugin zu nähern und diese darzustellen, werden bei dem Workshop auch Elemente des dokumentarischen Theaters genutzt. Mit diesem Begriff beschreibt man eine Inszenierung, die mit authentischen historischen oder aktuellen Dokumenten arbeitet, statt mit fiktiven Dialogen und Geschichten. Die beiden Spielleiterinnen haben Briefe, Gesetze und ein Gerichtsprotokoll aus dem Leben von Anita Lasker-Wallfisch in der Zeit von 1939 bis1945 ausgewählt, mit denen sich die Jugendlichen während des Workshops beschäftigen. Die historischen Quellen dienen als Ausgangspunkte und Inhalte, wenn die Gruppe gemeinsam improvisiert. Auf diese Weise generiert sie szenisches Material, das dann noch einmal sortiert, strukturiert und zu einer dem Publikum präsentierbaren Collage zusammengesetzt werden soll. In der Szenenfolge werden auch Teile der historischen Dokumente vorgetragen.

Theater und historisch-politische Bildung



Warum wählt man die Form des Theaters, um sich mit einem komplexen Thema wie dem Holocaust zu beschäftigen? Da im Theater mit Emotionen und Bewegung gearbeitet wird, kann ein ganzheitlicher und nachhaltiger Lern- und Reflexionsprozess angestoßen werden. Der Teilnehmer Henry, 17, drückt dies so aus: "Jetzt als zweite oder dritte Generation danach ist es [Theater, AdR] ein Mittel, sich dem Thema überhaupt erst mal anzunähern, denn man kriegt es zwar in der Schule als Pflichtstoff vermittelt, aber nicht so, dass man einen persönlichen Bezug dazu bekommt. Wenn man etwas in einem Buch liest, ist das eine Sache, aber wenn man sich spielerisch und szenisch in die Lage von Opfern und auch Tätern versetzt, kann das persönlich sehr bereichern, was das Verständnis des Themas angeht."

Gerade wenn es jedoch um die Frage geht, wie man sich Täter- oder Opferrollen annähern kann und wie sie nachgespielt werden können, ist von der Spielleitung höchste Sensibilität gefordert. Soll das Theaterstück auch politisch und historisch bildend wirken, ist es entscheidend, den Spielenden und dem Publikum Raum zu lassen, sich ein eigenes Urteil zu bilden, und freizustellen, wie sie mit dem Thema umgehen möchten. Zwar gelten Emotionen als wichtig für den Lernprozess gleichzeitig gibt es aber insbesondere bei dem Thema Nationalsozialismus und Holocaust Grenzen: Inwieweit kann und soll man in Opfer- oder Täterrollen schlüpfen? Ist ein Hitlergruß auf der Bühne erlaubt? In der politischen Bildung gilt - seit 1976 der Beutelsbacher Konsens verabschiedet wurde - der Grundsatz, dass niemand im Sinne einer erwünschten Meinung emotionalisiert oder überwältigt werden darf. Der Grundsatz dient dazu, jegliche Indoktrination zu vermeiden und fördert, dass junge Menschen Werkzeuge erhalten, sich selbstständig ein Urteil zu bilden. [3] Dies kann durchaus zu Spannungen mit dem Medium Theater führen, denn Theater hat immer auch einen ästhetischen Anspruch und unterhaltenden Charakter, der gerade über Emotionen intensiviert wird. Dieses Spannungsverhältnis erfährt jede Spielleitung, die pädagogisch mit Theater und NS-Geschichte arbeitet.

Fußnoten

1.
Koehler, Norma (2011): Biografisches Theater. In: Reader zur Fachtagung Biografie und Theater. Schultheater der Laender. Duesseldorf, S. 7.
2.
Post, Doris (2011): Historische Wendepunkte nach 1945 – ein Baustein zum biografischen Theater. In: Theater probieren, Politik entdecken. Bonn, S. 50.
3.
Vgl. Sander, Wolfgang (2009): Was ist politische Bildung? In: bpb-Online-Dossier Kulturelle Bildung http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59935/politische-bildung?p=0; Stand: 16.10.2012.

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