kulturelle Bildung

14.1.2015 | Von:
Diana Weis

Revolte im Kinderzimmer

Rebellion als Ware

1983 sorgt Fürstin Gloria von Thurn und Taxis mit einem von Starfriseur Gerhard Meir kunstvoll gestalteten und von der Presse als "Punkfrisur" titulierten Gebilde auf ihrem Kopf für einen medienwirksamen Skandal. Tatsächlich erklärte Meir später, die Idee sei ganz spontan "aus dem Provokationswillen der Fürstin" entstanden. Zwar wirkt die kunstvolle Frisur wie Punk, soll aber eigentlich "eine zeitgenössische Interpretation der Marie Antoinette" darstellen. Meir schwebt die Idee vor, den Zeitgeist der Jugend zu veredeln und somit Gloria ein neuartiges, ihrem Alter, wie auch ihrem Status als Adlige und Ehefrau eines Multimillionärs gerecht werdendes Styling zu verpassen.[18] Der Aufzug der Fürstin stellte klar, dass Punk nur wenige Jahre nach seiner Erfindung in der High Society angekommen war und damit jegliches subkulturelles Potenzial im Eiltempo eingebüßt hatte.

Die Designerin Vivienne Westwood, die die Punkästhetik mit ihren frühen Kollektionen entscheidend mitgestaltet hatte, erinnert sich: "Punks weren’t particularely trying to change anything – not like the hippies and protest singers they despised for being naive. (…) But Punk was also supposed to be the jungle beat which threatened civilization. In the end, I realized it didn’t threaten anything. And that’s when I lost interest."[19]

Schnell werden die Punkercliquen Teil der großstädtischen Folklore und sorgen als "Citytainment" für authentisches Lokalkolorit, das von Touristen aus dem In- und Ausland bestaunt wird.[20] Mit schweren Motorradlederjacken, Totenkopf-Schmuck und Nietengürteln finden zahlreiche Versatzstücke der Punkerkluft Eingang in die Mainstreammode. Das wilde Image der Punks erweist sich dabei als unbezahlbarer (und unentgeltlich geleisteter) Teil einer modischen Wertschöpfungskette. Ähnlich wie bereits bei Goethes Werther werden bestimmte Kleidungsstücke oder Stilcodes mit einer spezifischen Bedeutung aufgeladen, die sich aus tatsächlichen oder auch vermeintlichen Handlungen und Attitüden der Jugendkultur speist. Durch die weitgehende Perfektionierung ihres Produktionskreislaufs gelingt es der Modeindustrie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, die Essenz jugendkultureller Styles binnen kürzester Zeit einzufangen, zu imitieren und massenhaft auf den Markt zu werfen. In einem weiteren Schritt geht der Bedeutungsgehalt der Kleidungsstücke schließlich auf den Konsumenten über.[21] Damit wird rebellisches Handeln auf einen Kaufakt verkürzt, auf einen Vorgang, der kaum angepasster sein könnte. Mode wird zu einer Personality-Show, die nicht länger durch soziales oder politisches Tun untermauert werden muss.

Abbildungen 2 und 3: "Original" und "Fälschung": Rebellion wird zur Ware.Abbildungen 2 und 3: "Original" und "Fälschung": Rebellion wird zur Ware.


Pflicht zur Individualität

Die inflationäre Verwendung des Begriffs Punk in den vergangenen Jahren beweist zudem, dass diese ursprüngliche Jugendkultur mehr und mehr zu einer bloßen Chiffre verkommt, einer Art "Wunschmaschine",[22] die es auch konventionellen Persönlichkeiten erlaubt, sich selbst als wild und unangepasst zu empfinden. So stellt beispielsweise das Magazin "Golf Punk" auf seiner Website unter der Rubrik "Meet the Punks" grauhaarige Golfprofis über 40 im Polohemd vor,[23] während der Ableger "Business Punk" sich mit dem "lauten, schnellen Leben, das hinter dem Business tobt", befasst.[24] Diese "Punkisierung" zutiefst reaktionärer Erlebnis- und Verhaltenswelten führt vor Augen, wie verzweifelt selbst hyperassimilierte Erfolgsmenschen nach ihrem inneren Rebellen fahnden.

Es fällt auf, dass kaum noch von Mode die Rede ist, sondern immer nur von Stil. Einen persönlichen, unverwechselbaren Stil zu besitzen, der sich an der eigenen Kleiderwahl, aber auch an der Frisur und der Körperhaltung ablesen lässt, ist in der modeaffinen, globalen Welt "eine nahezu überlebenswichtige Kompetenz geworden".[25] In einer Zeit, in der "Individuum-Sein" zur Pflicht geworden ist, erhält das Schwimmen mit dem Strom "den schalen Beigeschmack von Uninteressantheit, Faulheit und Einfalt".[26] Die Individualitätsnorm verkultet das Besondere und verlangt von jedem Einzelnen, sein Leben nach einem einzigartigen und beispiellosen Entwurf frei zu gestalten. Das Hyperindividuum wird zum Erfolgsmodell des "unternehmerischen Selbst"[27] verklärt. Stets flexibel, kreativ und risikobewusst steht es unter dem ständigen Druck der Eigenoptimierung. Seine Selbststilisierung ist nicht länger Ausdruck einer – wie auch immer gearteten – inneren Befindlichkeit, sondern längst Teil einer marktwirtschaftlichen Platzierungsstrategie. Damit ist die Generation Burn-out "zur Freiheit verdammt, weil sie die ökonomisch produktivste Existenzweise ist".[28] Der Zwang zur Selbstinszenierung als Individuum, das mit anderen Individuen um immer knapper werdende Ressourcen konkurriert, wird damit verstärkt als Last empfunden.

Gleichzeitig sorgt die zunehmende Liberalisierung in der westlichen Welt dafür, dass es für Jugendliche immer schwieriger wird, optisch noch anzuecken. Wenn jede noch so obskure Errungenschaft jugendkultureller Styles binnen kürzester Zeit als wohlfeile Massenware erhältlich ist und mit Begeisterung sogar von den eigenen Eltern konsumiert wird, stellt sich zu Recht die Frage, worin der Appeal der Protestmode heute noch liegt.

Anti-Mode und Anti-Anti-Mode

Seit Beginn der bürgerlich geprägten Mehrheitsgesellschaft hat die Jugend für sich nicht nur eine Gegenmoral zur offiziellen Moral, sondern auch eine Anti-Mode[29] als Gegen- oder Zerrbild der Bekleidung des Mainstreams kultiviert. Einige Kritiker sind daher der Ansicht, die Mode der Jugendszene erschöpfe sich im "Dagegen-Sein" und stelle keine eigenständige schöpferische Leistung dar, da sie stets an die Vorherrschaft der Mainstreammode gebunden sei: "Anti-Mode ist eine Schöpfung der Mode, wie die Mode das Mittel ihrer eigenen Abschaffung ist. Das scheint nur logisch, denn gleichgültig, welche Gestalt Anti-Mode annimmt: Sie muss sich immer durch ein symbolisches Element der Opposition, Ablehnung, vorsätzliche Missachtung, Parodie, Persiflage oder von etwas Ähnlichem zu der dominierenden Mode ihrer Zeit, dem was ‚in‘ ist, in Bezug setzen. Die auf ihr Äußeres größten Wert legende Witwe mit ihrer hochnäsigen Geringschätzung für alles Neue und Trendige steht ebenso für Anti-Mode wie ein Punk, der mit Irokese und Lederjacke seine vollständige Ablehnung konventioneller Kleidung zum Ausdruck bringt."[30]

Die Anti-Mode der Jugendkulturen steht traditionell für Unangepasstheit, Wildheit und Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse. Am Anfang des 21. Jahrhunderts wird die Jugend dagegen von vielen als langweilig, unpolitisch, überangepasst, konsumgeil und karriereorientiert wahrgenommen. Nicht zufällig erinnert diese Generation damit fatal an die Jugendkultur der Popper, die "damals wie heute von außen als peinlicher jugendkultureller Störfall wahrgenommen (wird), der irgendwann Mitte der 1980er Jahre spurlos verschwunden ist – als seien die Popper nicht in die heutige Kidkult- und Konsumkultur gemündet".[31]

Abbildung 4: Die Popper – Begründer der Anti-Anti-ModeAbbildung 4: Die Popper – Begründer der Anti-Anti-Mode (© Zeit-Magazin Nr. 12 vom 14. März 1980. Foto: Rainer Bald.)
Die Popper aus den gutbürgerlichen Vororten Hamburgs und Münchens positionieren sich Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre bewusst als eine Gegenbewegung zur vorherrschenden Jugendkultur des Punk. Sie geben sich offensiv unpolitisch und legen Wert auf teure Markenkleidung. Damit etablieren sie eine Anti-Anti-Mode, die bis heute erstaunlicherweise mit mehr Ablehnung belegt wurde als die auf Provokation ausgelegte Punkbewegung es jemals bewirkte. Vielleicht sind die verhassten Popper damit die eigentlichen Vorreiter der Normcore-Kultur des neuen Millenniums. Im Herbst 2014 geht die bei der US-Jugend angesagte Marke Gap mit dem Slogan "Dress normal" an den Start. "Sich ganz normal zu kleiden, ist eine Kunst. Normalität bedeutet für jeden etwas anderes", erklärt Seth Farbman, der als Marketingchef von Gap für die Kampagne verantwortlich ist.[32] Damit wird Normalität von einer allgemein verbindlichen Norm zu einer subjektiven Kategorie umgedeutet. Der Trend zum Anti-Individualismus wäre damit als ein "Anti-Vereinnahmungshebel"[33] zu verstehen, der sich gegen die repressive Toleranz einer Gesellschaft stellt, die die Errungenschaften der Jugend zu stehlen versucht. Indem die Jugend die Errungenschaft des Totalindividualismus zu einer Nichterrungenschaft erklärt, schafft sie die Ordnungsprinzipien der Elterngeneration ab und ist ihnen stilistisch wieder den entscheidenden Schritt voraus. So muss auch der eingangs zitierte Normalolook von Mark Zuckerberg als eine weitere Schlaufe in der Differenzierungsspirale verstanden werden, der nicht für Demokratie steht, sondern für Überlegenheit.[34] Schließlich kleidet die Mehrheit der US-Amerikaner sich nicht aus politischer Ablehnung der Individualismusnorm in Jeans und T-Shirt oder weil sie ihre Geisteskräfte für wichtigere Entscheidungen benötiget. Sie haben schlicht keine Wahl, denn dies sind die einzigen Kleidungsstücke, die sie sich leisten können.

Die demonstrative Zurschaustellung billig produzierter Massenware kann damit nur aus einer privilegierten Position heraus als Statement begriffen werden. Mit der Propagierung des Normcore-Trends kommt der Verwertungskreislauf jugendkultureller Moden nur scheinbar zum Abschluss. Die Geschichte hat gezeigt, dass der Kleidung innerhalb der bürgerlichen Kultur eine wichtige Ordnungsfunktion zukam. Der vestimentäre Protest der Jugendlichen sorgte für Aufsehen, indem er der gesellschaftlichen Ordnung visuelles Chaos entgegenstellte. Indem das Modesystem diese Geste des Aufbegehrens in ein Verkaufsargument umwandelte, wurden die Jugendkulturen ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt. Mit der Individualitätsnorm setzte sich zum Ende des 20. Jahrhunderts ein neues Verständnis der Mode durch. Die demonstrative Ablehnung von auffälliger Bekleidung als Inszenierungsmittel von Einzigartigkeit belegt, dass die zeitgenössische Jugend weiter nach Wegen sucht, sich vor modischen Vereinnahmungsmechanismen zu schützen.

Der Generationenkonflikt ist damit nicht aufgelöst, sondern sucht sich einen neuen Schauplatz. Wer das Verschwinden der vermeintlich authentischen Jugendkulturen zu lautstark beklagt, übersieht dabei vielleicht das, was gerade im Moment passiert. Schließlich war es noch nie die Aufgabe der Jugend, den Wunsch ihrer Eltern nach Coolness und Zugehörigkeit zu erfüllen.


Dieser Artikel erschien erstmals in Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 1–3/2015)

Fußnoten

18.
Vgl. Ulf Poschardt, Willkommen bei der Happy Anarchist Challenge, in: Ulrike Groos et al. (Hrsg), Zurück zum Beton. Die Anfänge von Punk und New Wave in Deutschland 1977–82, Köln 2002, S. 183.
19.
Zit. nach: Fred Vermorel, Fashion + Perversity. A Life of Vivienne Westwood and the Sixties Laid Bare, London 1996, S. 81.
20.
Vgl. U. Poschardt (Anm. 18), S. 181
21.
Vgl. Grant McCracken, Culture & Consumption. New Approaches to the Symbolic Character of Consumer Goods and Activities, Bloomington 1990, S. 71ff.
22.
Zum Konzept der "Wunschmaschine" als produktives Unbewusstes vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari, Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie I., Frankfurt/M. 1974, S. 7f.
23.
Vgl. golfpunkonline.de (28.11.2014).
24.
business-punk.com (28.11.2014).
25.
Monica Titton, Mode in der Stadt. Über Street-Style-Blogs und die Grenzen der Demokratisierung von Mode, in: Texte zur Kunst, (2010) 78, S. 88–98.
26.
Waltraud Posch, Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt, Frankfurt/M. 2009, S. 46.
27.
Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007.
28.
Bernhard Heinzlmaier, Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben, Berlin 2013, S. 22.
29.
Vgl. R. König (Anm. 17).
30.
Fred Davis, Anti-Mode: Die Wandlungsfähigkeit der Ablehnung, in: Sonja Eismann (Hrsg.), Absolute Fashion, Freiburg 2012, S. 105–111, hier: S. 105.
31.
Christiane Frohmann, Was lacostet die Welt? Geld spielt keine Rolex! Die Bieder- und Protestmode der Popper, in: Diana Weis (Hrsg.), Cool Aussehen. Mode & Jugendkulturen, Berlin 2012, S. 91–101, hier: S. 95.
32.
Zit. nach: Rebecca Cullers, Gap’s New Celebrity Ads Tell Us to ‚Dress Normal.‘ What Does That Mean, Exactly?, 25.8.2014, adweek.com/adfreak/gaps-new-celebrity-ads-tell-us-dress-normal-what-does-mean-exactly-159703 (28.11.2014). Übersetzung D.W.
33.
Diedrich Diedrichsen, Sexbeat, Köln 1985, S. 24.
34.
Vgl. Adriano Sack, Permanentes Streben nach dem Besonderen ist out, in: Die Welt vom 17.3.2014.
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