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kulturelle Bildung

14.1.2015 | Von:
Wiebke Jessen

Jugendmode vor dem Hintergrund jugendlicher Lebenswelten

Adaptiv-Pragmatische

Adaptiv-pragmatische Jugendliche kombinieren die bürgerlichen Grundwerte und Tugenden wie Ehrlichkeit, Respekt, Vertrauen, Pünktlichkeit und Fleiß mit modernen und hedonistischen Werten wie Freiheit, Offenheit, Unvoreingenommenheit, Spaß und Humor. In dieser Lebenswelt sind die Jugendlichen sehr anpassungs- und kompromissbereit, orientieren sich am Machbaren und versuchen, einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Sie sehen sich als verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger, die dem Staat später nicht auf der Tasche liegen wollen. Selbst möchten die Adaptiv-Pragmatischen zu denjenigen gehören, die im Leben etwas erreichen, sich Ziele setzen und diese konsequent, fleißig und eigeninitiativ verfolgen. Von Menschen mit einer geringen Leistungsbereitschaft grenzen sie sich demonstrativ ab. Wichtig ist diesen Jugendlichen, vorausschauende und sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Maßstab sind die Etappenziele der bürgerlichen Normalbiografie, das heißt erfolgreicher Einstieg in das Berufsleben, Familiengründung und Aufbau eines Zuhauses.

Adaptiv-Pragmatische haben ein ausgeprägtes Konsuminteresse, jedoch mit "rationaler Regulation". Sie streben nach Wohlstand und Komfort, jedoch nicht nach übertriebenem Luxus, "so ein riesen Haus und nen Ferrari" brauchen sie nicht. Ausreichend Geld für ein schönes Leben ist aber dennoch ein wichtiges Lebensziel. Das Auftreten Adaptiv-pragmatischer Jugendlicher ist selbstbewusst, aber nicht aufdringlich. Modisch orientieren sie sich am populären Mainstream, folgen den aktuellen Trends der großen Modeketten. Über Kleidungsstil und Frisuren grenzen sie sich in sehr viel geringerem Maß ab als Jugendliche aus postmodernen Lebenswelten. Extreme sind nicht die Sache dieser Lebenswelt, Experimente werden selten gemacht. Die "Lust am Trash", die Affinität zu Jugendszenen, wie sie sich bei vielen anderen Jugendlichen zeigt, ist ihnen suspekt. Im Grunde verhalten sich diese Jugendlichen sehr konform zu den gängigen gesellschaftlichen Erwartungen. Kleidung soll chic und modisch, aber auch gepflegt und funktional sein. Wichtig ist, dass man immer "gut angezogen" ist. Beim Stadtbummel auf den großen Einkaufsstraßen finden sie fast immer etwas, abseits schauen sie sich kaum um. Angesagte Läden sind beispielsweise H&M, s.Oliver, Esprit, Benetton, und auch beim Online-Shop Zalando wird immer wieder etwas Passendes gefunden.

Sozialökologische

Sozialökologische Jugendliche betonen Demokratie, Gerechtigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit als zentrale Pfeiler ihres Wertegerüsts. Sie sind altruistisch motiviert und am Gemeinwohl orientiert. Andere von den eigenen Ansichten zu überzeugen, ist ihnen wichtig ("Sendungsbewusstsein"). An ihren Freundeskreis haben sie einen hohen normativen Anspruch, suchen Freunde mit "Niveau und Tiefgang". Sozialökologische sind aufgeschlossen für andere Kulturen und empfinden Abscheu, wenn Menschen wegen ihres Aussehens nicht akzeptiert werden. Sie verurteilen es generell, wenn "ein Keil zwischen die Menschen getrieben" wird. Ganz eindeutig lehnen sie Arroganz und Rassismus, aber auch "aufgesetzte Szeneleute" ab. Ihre Freizeitinteressen sind vielfältig. Vor allem kulturell sind diese Jugendlichen sehr interessiert – explizit auch an Hochkultur – und finden dabei vor allem Kunst und Kultur mit einer sozialkritischen Botschaft spannend.

Von materialistischen Werten distanzieren sie sich deutlich. Sie kritisieren die Überflussgesellschaft und halten Verzicht nicht für einen Zwang, sondern für ein Gebot der Zeit. "Klamotten" sind den Sozialökologischen nicht so wichtig. Mode, Fashion und Trends interessieren sie viel weniger als viele andere Jugendlichen. Luxus-Markenkleidung ist in dieser Lebenswelt kein begehrtes Gut. Einige betonen auch ganz demonstrativ, dass sie der Markenwahn nervt. Dennoch sind diese Jugendlichen weit davon entfernt, nur Batik-Shirts oder Strick-Pullis zu tragen. Auch Sozialökologische haben ein Markenbewusstsein und sind bereit, für bestimmte Marken Geld auszugeben. Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendlichen orientieren sie sich eher an Marken, die sich dem Nachhaltigkeitsprinzip verpflichtet haben. Auch funktionelle Outdoor-Kleidung findet man bei ihnen häufiger. Oft kaufen sie auch ganz bewusst No-Name-Produkte und verweigern sich demonstrativ der Konsum- und Markenhysterie anderer Jugendlicher. Authentisch ist ihrer Meinung nach ohnehin nicht, wer nach "Öko" aussieht, sondern wer nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit lebt.

Expeditive

Typisch für Expeditive ist ein buntes Patchwork. Diese Jugendlichen legen großen Wert auf eine Balance zwischen Selbstverwirklichung, Selbstständigkeit und Genuss einerseits sowie Pflicht- und Leistungswerten wie Streben nach Erfolg, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Fleiß andererseits. Sie möchten sich nicht in ideologische Korsette zwängen lassen und haben eine geringe Kontroll- und Autoritätsorientierung. Von allen Jugendlichen sind sie mit die flexibelsten, mobilsten und innovativsten. Den eigenen Erfahrungshorizont ständig zu erweitern, ist ihnen eine wichtige Lebensmaxime. Für ihr Leben haben sie klare Ziele, möchten aber nicht nur an-, sondern weiterkommen. Ein erwachsenes Leben ohne permanente Aufbrüche scheint (noch) unvorstellbar. Typisch für sie ist ihre Suche nach vielfältigen Erfahrungsräumen, beispielsweise modernes Theater, Kunst und Malerei. Diese Jugendlichen zieht es in den öffentlichen Raum, in angesagte Locations, dorthin, wo die Musik spielt, wo die Leute spannend und anders sind.

Auch modisch wollen Expeditive anders sein, nicht in einer konformen Gruppe untergehen. Bereits als Jugendliche haben sie ein ausgeprägtes Marken- und Trendbewusstsein, legen großen Wert auf Mode, greifen neue Trends am schnellsten auf. Sich selbst sehen sie als urbane, kosmopolitische "Hipster", und aus dieser etwas elitären Verortung schöpfen sie auch viel Selbstbewusstsein. Den eigenen Stil beschreibt man in dieser Lebenswelt häufig mit Attributen wie "kreativ", "anders als in der grauen Masse", "zwischen elegant und extravagant". Gerne stöbern Expeditive in internationalen Modeblogs. Ergänzt wird das Gefundene dann um eigene Ideen. Dabei spielen sie mit ganz unterschiedlichen Stilen – wobei alles mühelos und beiläufig wirken soll. Sie genießen, dafür von anderen bewundert zu werden. Noch greifen manche Expeditive auf Läden wie H&M, Cos und Zara zurück – "für Basics sowieso" – andere versuchen aber schon im jungen Alter, Stangenware möglichst zu vermeiden. Und schon relativ früh beginnen viele, sich für kleine Designerstores zu interessieren.

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