kulturelle Bildung

14.1.2015 | Von:
Anna Pelka

Zum Verhältnis von Mode, Ideologie und Nachfrage in kommunistischen Diktaturen

Der Beitrag thematisiert die Entwicklung der Jugendmode in der DDR und in der Volksrepublik Polen und erläutert ihre Ausprägung unter den ideologischen und wirtschaftlichen Bedingungen des "real existierenden Sozialismus". Welche Funktion hatte Mode für die Regime, welche für die Gesellschaft?

Modeforscher und Soziologen sind sich einig: Ein Kleidungsverhalten kann als Mode bezeichnet werden, wenn es von sehr vielen oder mindestens von mehreren zur gleichen Zeit getragen wird. Ein Individuum kann zwar als Innovator eine modische Neuerung einführen, diese wird jedoch erst zur Mode, wenn sie von einer relativ großen Zahl an Individuen übernommen wird. Neben diesen sozialen und zeitlichen Aspekten charakterisiert sich Mode zusätzlich durch eine Kurzlebigkeit der einzelnen Modeausprägung beziehungsweise durch eine Schnelligkeit des Modewandels: Von Mode kann nur gesprochen werden, wenn nicht nur etwas Neues kommt, sondern wenn dieses Neue dann relativ schnell wieder verschwindet.[1] Diese Aspekte der Mode sind am stärksten im Bereich der Jugendmode vertreten, weil Jugendlichen unseres Kulturkreises Kleidung ausschließlich in Form von Mode begegnet.[2]

Um diese Bedingungen erfüllen zu können, braucht die Ausbildung von Mode zum einen die "Freiheit des Machens und Tragens",[3] zum anderen die wirtschaftlichen Kapazitäten, um dem schnellen Wechsel gerecht zu werden. Darüber hinaus wird das Phänomen der Mode als ein zentraler Bestandteil demokratischer Gesellschaften angesehen und durch den ökonomischen Zusammenhang mit dem Kapitalismus verbunden.[4] Ein so verstandener Modebegriff provoziert eine Reihe von Fragen nach dem Verhältnis von Mode und Diktatur, insbesondere in kommunistischen Diktaturen, in denen der Alltag vom politischen und wirtschaftlichen System des "real existierenden Sozialismus" geprägt wurde. Wie konnte sich Mode in einem zentral gesteuerten Staat entwickeln? Welche Funktion hatte sie für das Regime, welche für die Gesellschaft? Welche Vorbilder wurden propagiert und welche alternative Praxis im Modeverhalten war möglich? Diese Fragen werde ich im Folgenden am Beispiel der Jugendmode in der DDR und in Polen thematisieren.

Uniformierung kontra Individualismus – Bekleidungsstil kontra Mode

In beiden kommunistischen Ländern war die Jugendpolitik von Anfang an darauf ausgerichtet, die junge Generation im Sinne des Marxismus-Leninismus zu formen. Das Ziel war, einen "neuen Menschen" zu gestalten, die Jugendlichen gezielt zu ideologisieren und Parteimitglieder zu rekrutieren. Die Uniformierung der Jugend, die der Vielfalt der Mode[5] – aus westlicher Sicht ihre natürliche Eigenschaft – widersprach, sollte die gewünschte Identität stiften. Die polnischen Ideologen schrieben der Schuluniform "eine sozial-erzieherische Rolle" zu. Sie sei "ein visuelles Zeichen der Jugend", die, "den guten Weg in Richtung der Eroberung der gesellschaftlichen Position gewählt habe".[6] Die Uniformierung sollte demnach die Jugend verbinden und das Gefühl der Solidarität, der Einheit und der Gleichheit vermitteln. In der DDR schrieben Ideologen einer gezielt entwickelten Jugendkleidung ebenfalls eine identitätsstiftende Rolle zu und erkannten in ihr zugleich einen effektiven Weg, "eine sozialistische Persönlichkeit zu entwickeln, Jugendliche zu einer hohen Leistungsbereitschaft für die Gesellschaft zu stimulieren".[7]

Kollektive Identität sollte demnach nicht über den Weg einer individuell gewählten Mode entwickelt werden, sondern wurde vielmehr staatlicherseits vorgegeben. Dementsprechend sollte auch das Modeschaffen zentral gesteuert werden, indem Voraussetzungen, Mittel und Grundlagen von der Partei bestimmt wurden. Diesem Ziel folgend wurden bereits Anfang der 1950er Jahre in den Hauptstädten beider Länder Modeinstitute gegründet ("Institut für Bekleidungskultur" in Ost-Berlin sowie "Institut für Industrielle Formgestaltung" in Warschau). Sie entwickelten innerhalb von zwei Jahren Musterkollektionen, die in staatlichen Industriebetrieben produziert und später im staatlichen Handel verkauft werden sollten. Dabei ging das Ost-Berliner "Institut für Bekleidungskultur" in seinen theoretischen Überlegungen weiter als sein polnisches Pendant. Die DDR-Ideologen verstanden den traditionellen Modebegriff als ein "Relikt einer bürgerlichen Massenkultur"[8] und ersetzten ihn durch den Terminus "Bekleidungskultur", der nicht nur Modeschaffung, sondern ebenfalls die "Erziehung zu gutem Geschmack" umfasste.

Der Feind kleidet sich amerikanisch

Die polnischen Erziehungsideologen behaupteten, dass "eine extravagante Kleidungsform zur Bildung eines schlechten ästhetischen Geschmacks oder sogar zum Verderben des Charakters der Jugend führen konnte".[9] Im Kontext des Kalten Krieges und des ideologischen Kampfes gegen den Westen verkündete auch Ost-Berlin, dass die sozialistische Mode "frei von Einflüssen der amerikanischen Unkultur"[10] sein sollte.

Abbildung 1: Als "typischen Vertreter der amerikanischen Lebensweise" bezeichnete die Zeitung "Neues Deutschland" einen Teilnehmer des Aufstands am 17. Juni 1953 in Erfurt – erkennbar an "Texashemd mit Cowboy, Texaskrawatte mit der Abbildung nackter Frauen, Texasfrisur, Verbrechergesicht".Abbildung 1: Als "typischen Vertreter der amerikanischen Lebensweise" bezeichnete die Zeitung "Neues Deutschland" einen Teilnehmer des Aufstands am 17. Juni 1953 in Erfurt – erkennbar an "Texashemd mit Cowboy, Texaskrawatte mit der Abbildung nackter Frauen, Texasfrisur, Verbrechergesicht". (© Neues Deutschland, Nr. 143 vom 21. Juni 1953)
Nun kollidierten diese Vorstellungen bereits in den 1950er Jahren mit dem Drang der Jugend nach Distinktion. Vorwiegend in den Städten bildeten sich Jugendgruppen, die einen eigenen Lebens- und Kleidungsstil bevorzugten. Die "Halbstarken" in der DDR und die bikiniarze in Polen waren fasziniert von Jazzmusik, die sie illegal über westliche Radiosender hörten, und kleideten sich dementsprechend im – nach ihren Vorstellungen – amerikanischen Stil: Jeans und Lederjacken, Schuhe mit dicken Sohlen, enge Hosen, selbstbemalte, bunte Krawatten wie auch buntgestreifte Socken und charakteristisch geschnittene Entenschwanz-Frisuren gehörten zu diesem Stil.[11] Es bildete sich eine Modestilistik aus einer Mischung von Kleidungstücken, die auf illegalem Weg in den Osten gelangten, sei es in Paketen mit humanitärer Hilfe oder von Westverwandten, sei es auf den Schwarzmärkten oder im Westen des noch nicht geteilten Berlin gekauft oder selbst gebastelt. Von der Obrigkeit wurde diese Begeisterung für die westliche Popkultur als Ausdruck einer Anti-Haltung gegen das System angesehen. So gekleidete Jugendliche wurden als "Rowdies", das heißt "randalierende Jugend", bezeichnet, wobei in den 1950er Jahren unter "Rowdies" meist noch das männliche Geschlecht verstanden wurde. Aus Sicht der Machthaber war das "Rowdytum" Ausdruck von Disziplinlosigkeit, die einerseits die Jugendlichen von den Problemen des sozialistischen Aufbaus fernhielt, andererseits ihre bewusste gesellschaftliche Arbeit stoppte.[12] Die jugendlichen Cliquen, die an den Ecken standen, rauchten, tanzten oder Musik hörten und auffällig angezogen waren, wurden schikaniert und von der Schule oder Arbeit verwiesen.

Dennoch führten gerade in Polen die hysterischen Reaktionen des Regimes auf die Kleidungsweise der Jugendlichen, die dem westlichen, insbesondere amerikanischen Stil folgten, dazu, dass bikiniarze in einigen intellektuellen Kreisen nicht nur als Symbol der Unabhängigkeit und des Nonkonformismus auf der Suche nach einem eigenen Stil, sondern sogar eines offenen ideologischen Kampfes angesehen wurden.[13] Ihre gestreiften Socken wurden von dem Schriftsteller Leopold Tyrmand als "eine Kampflinie" und "ein Grund für die Entstehung des Wutschaums auf den Lippen der kommunistischen Pädagogen"[14] bezeichnet. Er selber verstand sich als Feind jeglichen Kollektivismus, der Uniformierung und administrativer Vorschriften, und trug deshalb bunt gestreifte Socken, die er auf den Schwarzmärkten kaufte.[15] Diese Socken wurden in einigen Kreisen zum Manifest und zum Zeichen der Zugehörigkeit zum westlichen Kulturkreis. Jedes Detail modischer Kleidung, durch das man die Zugehörigkeit Polens zu Europa betonte, diente als eine Waffe gegen die vorgeschriebene Sowjetisierung.[16] Deshalb wurde, so Tyrmand, "die Art und Weise sich zu kleiden zu einer Form des Widerstandes".[17]

Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Schnierer, Modewandel und Gesellschaft. Die Dynamik von "in" und "out", Opladen 1995, S. 20–23.
2.
Vgl. Doris Schmidt, Ansatz zu einem Fach Mode und Textil unter besonderer Berücksichtigung der Verbindung von "Theorie" und "Praxis", in: Textil. Wissenschaft – Forschung – Unterricht, 3 (2000), S. 113.
3.
Ingrid Loschek, Mode. Verführung und Notwendigkeit. Struktur und Strategie der Aussehensveränderungen, München 1991, S. 171.
4.
Vgl. Dieter Baacke, Wechselnde Moden. Stichwörter zur Aneignung eines Mediums durch die Jugend, in: ders. (Hrsg.), Jugend und Mode. Kleidung als Selbstinszenierung, Opladen 1988, S. 59.
5.
Die Vielfalt der Mode wurde vom Kunsttheoretiker Bazon Brock als Multiform bezeichnet und der Uniform gegenübergestellt. Zit. nach: I. Loschek (Anm. 3), S. 171.
6.
Przesłanki kształtujące formę odzieży młodzieżowej, in: Biuletyn Instytutu Wzornictwa Przemysłowego, 9 (1954), S. 179f. Übersetzung A.P.
7.
Zit. nach: Anna Pelka, Jugendmode und Politik in der DDR und in Polen. Eine vergleichende Analyse 1968–1989, Osnabrück 2008, S. 71.
8.
Anna-Sabine Ernst, Mode im Sozialismus. Zur Etablierung eines "sozialistischen Stils" in der frühen DDR, in: Ralf Rytlewski (Hrsg.), Lebensstile und Kulturmuster in sozialistischen Gesellschaften, Köln 1990, S. 73.
9.
Przesłanki kształtujące formę odzieży młodzieżowej (Anm. 6), S. 180.
10.
Zit. nach: Rebecca Menzel, Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose, Berlin 2004, S. 19.
11.
Vgl. Maciej Chłopek, Bikiniarze. Pierwsza polska subkultura, Warszawa 2005; Mark Fenemore, Sex, Thugs and Rock’n’Roll. Teenage Rebels in Cold-War East Germany, New York–Oxford 2007; Uta G. Poiger, Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany, Berkeley–Los Angeles 2000.
12.
Vgl. Thomas Lindenberger, Volkspolizei. Herrschaftspraxis und öffentliche Ordnung im SED-Staat 1952–1968, Köln 2003, S. 373.
13.
Vgl. Anna Pelka, Youth Fashion in Poland in the 1950s and 1960s: Ideology, Resistance, and Manipulation, in: Kathrin Fahlenbrach et al. (Hrsg.), The Establishment Responds. Power, Politics, and Protest since 1945, New York 2012, S. 197–210.
14.
Leopold Tyrmand, Dziennik 1954, Warszawa 1989, S. 140. Übersetzung A.P.
15.
Vgl. Piotr Wasilewski, Leopold Tyrmand i Marek Hłasko – kronikarze przeżyć i kolorów, in: Piotr Wasilewski (Hrsg.), Hłasko nieznany, Kraków 1991, S. 219.
16.
Vgl. Jan Prokop, Sowietyzacja i jej maski, Kraków 1997, S. 32.
17.
L. Tyrmand (Anm. 14), S. 139. Übersetzung A.P.
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Autor: Anna Pelka für bpb.de
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