kulturelle Bildung

23.7.2009 | Von:
Sven Scherz-Schade

Facetten und Aufgaben kultureller Bildung

Auch die Methodik ist vielseitig. Konventioneller Unterricht, in dem direkt von Lehrer zu Schüler vermittelt wird, zählt ebenso dazu wie offene Pädagogikformen, bei denen sich Jugendliche ohne besondere Betreuung beschäftigen können. Andere methodisch-didaktische Herangehensweisen sind etwa das schlichte Präsentieren wie z.B. beim Projekt "Lesepatenschaften", wo ein Erwachsener Kindern vorliest. Zur Methodik zählt ebenso das einfache Anregen und Stimulieren, wie es in Schreibwerkstätten praktiziert wird. Seminare zur kulturellen Bildung lassen dem Menschen meist großen Freiraum, selbst eigene Erfahrungen zu machen. Dazu gehören sowohl Erfolge ("Meine Kurzgeschichte aus der Schreibwerkstatt wird jetzt in einem Sammelband gedruckt.") als auch Enttäuschungen ("Schade, niemand will die Geschichte lesen."). "Learning by doing" ist oftmals das beste Unterrichtsrezept.

Doch so unterschiedlich die Spielarten kultureller Bildung auch sein mögen, in ihrem Kern verfolgen sie stets ähnliche Ziele. In Bezug auf ihre Funktionen kann man sie in Gruppen einteilen, wobei es selbstverständlich zu Überlappungen kommt, da kulturelle Bildung (wie oben in der Definition einer sehr weit gefassten Bedeutung) ganzheitlich angelegt ist und somit viele Funktionen erfüllt.

Persönlichkeitsentwicklung: Kulturelle Bildung dient dem Individuum

Häufig wird argumentiert, dass kulturelle Bildung jedem einzelnen Menschen helfen kann, sich selbst besser kennenzulernen bzw. die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Die individuell-psychologischen Aspekte sind in Bezug auf Jugendliche wichtig, deren Lebensphase von Suche und Orientierung geprägt ist. Kulturelle Bildung hilft bei der Entdeckung eigener Fähigkeiten und Talente. Sie unterstützt die Schulung von Wahrnehmung und Meinungsbildung und stärkt ihr Selbstbewusstsein. Neben diesen Qualitäten, die beispielsweise auch dem Mathematik- oder Gesellschaftskundeunterricht zu eigen sind, leistet kulturelle Bildung etwas ganz eigenes: Sie regt auf besondere Weise die Psyche der jungen Menschen an.

Dieser individuell-psychologische Einfluss von kultureller Bildung kommt allerdings nicht nur bei Jugendlichen, sondern bei sämtlichen Altersgruppen zum Tragen. Bereits beim Kleinkind kann im Rahmen der Kita-Betreuung kulturelle Bildung stattfinden. Zum Beispiel: Während Zwei- bis Dreijährige über bestimmte kunstpädagogische Herangehensweisen motorische Fähigkeiten erwerben, wie man Malstift und Kreide hält, lernen Vier- bis Fünfjährige die Ausdrucksmöglichkeit kennen, dass man eigene Fantasievorstellungen zeichnen kann. Bei Schulkindern entwickelt sich schließlich der Blick fürs perspektivische Zeichnen, und bei älteren Kindern und Jugendlichen bricht je nach Talent und Neigung das kreative Können durch, dreidimensionale Objekte anschaulich zweidimensional darzustellen. Angebote für Kinder und Jugendliche müssen altersgerecht sein. Bei Erwachsenen hingegen unterscheiden viele Angebote häufig zwischen Anfänger- und Fortgeschrittenen-Seminaren. Kulturelle Bildung kann bis zur letzten Lebensphase reichen. In der Altenpflege trainiert beispielsweise Singen das Gedächtnis und regt die Gefühlswelt an.

Soziale Funktion von kultureller Bildung

Kulturelle Bildung bringt Menschen zueinander. Erwachsene, die Kunst- oder Sprachkurse in der Volkshochschule besuchen, schätzen neben den Bildungsqualitäten häufig auch den Geselligkeitswert solcher Angebote. Man trifft andere Leute mit ähnlichen Interessen. Doch damit endet die Sozialfunktion kultureller Bildung noch lange nicht. Zum Abschluss eines Aquarell- oder Ölmalerei-Seminars wird zum Beispiel eine Ausstellung organisiert. Zur Vernissage wird öffentlich eingeladen, sodass sich hier weitere Kontakte ergeben. Die Teilnehmer eines Französischkurses unternehmen eine Exkursion zur Partnerstadt nach Frankreich, oder sie laden umgekehrt die Franzosen zu sich nach Deutschland ein. Kulturelle Bildung kann von der Nachbarschaftsbegegnung bis zur Völkerverständigung wirken. Zudem sind viele Angebote überhaupt nur in der Gemeinschaft möglich.

Das ist aus sozialpädagogischer Sicht im Hinblick auf "Integration" in all ihren Facetten von Bedeutung. Um etwa eine Musik- und Talk-Sendung im Bürgerfunk oder Offenen Kanal auf die Beine zu stellen, braucht es mehrere Leute, die in der Redaktion, Moderation oder Technik unterschiedliche Aufgaben übernehmen müssen. Die Erfahrung aus solchen Projekten, dass man aufeinander angewiesen ist, hilft insbesondere Kindern und Jugendlichen beim Erwerb von Sozialkompetenz. Fragen wie "Welche Musik hört Ihr?" oder "Versteht ihr englische, deutsche, türkische Songtexte gleich gut?" regen dabei den interkulturellen Austausch an. Kulturelle Bildung fordert und fördert kritisches Denken.

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