kulturelle Bildung

23.7.2009 | Von:
Sven Scherz-Schade

Facetten und Aufgaben kultureller Bildung

Seitens der Politik hofft oder erwartet man, dass kulturelle Bildung positive Wirkung für die Gesellschaft entfaltet; im Idealfall soll sie sogar akute gesellschaftliche Probleme lösen. So fördert in letzter Zeit z.B. die Bundesregierung verstärkt Projekte, die speziell Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund erreichen sollen. Hierbei kommt es zu Überschneidungen mit Angeboten angewandter Sozialpädagogik. Erfahrungen aus diesem Bereich belegen, dass passgenau auf Zielgruppen zugeschnittene Projekte tatsächlich einen Beitrag zum sozialen Frieden leisten. Die eingangs erwähnten Bemühungen, der Graffiti-Szene einen legalen Platz im städtischen Raum zu geben, wären hierfür ein Beispiel. Andere Projekte richten ihren Fokus auch auf jugendliche Neo-Nazis, wie es beispielsweise die Kunst-Werkstätten Sonnensegel e.V. aus Brandenburg an der Havel getan haben. Der Zirkus Cabuwazi in Berlin ist bei Familien sehr beliebt, weil sich hier Kinder und Jugendliche selbst als Artisten, Jongleure oder Clowns ausprobieren können. Cabuwazi wendet sich über sein allgemeines Angebot hinaus auch gezielt an minderjährige Straftäter und vereinsamte Kinder, die durch Zirkus-Akrobatik wieder Selbstvertrauen und sozialen Anschluss gewinnen können. Allerdings klaffen hier Wunschvorstellung und Wirklichkeit auseinander. Oftmals fehlen finanzielle Mittel, um eine bestehende Jugendkultureinrichtung mit entsprechend künstlerisch wie (sonder)pädagogisch ausgebildetem Fachpersonal auszurüsten. Die betroffene Zielgruppe der Jugendlichen wiederum ist als Lobby zu schwach, diese öffentlichen Mittel politisch einzufordern.

Wirtschaftsfaktor: Kulturelle Bildung dient dem Markt

Auch aus ökonomischer Sicht ist kulturelle Bildung von Bedeutung. Der Pessimismus hat sich etwas gelegt, dass zukünftig Generationen heranwachsen, denen klassische Musik und Philharmoniker so gar nichts mehr bedeuten würden. Die Angst, dass Konzerthäuser und Opern für junge Leute nicht mehr ausreichend interessant sein könnten, besteht aber weiterhin. Belastbare Zahlen aus der Kulturstatistik, die einen verlässlichen Einblick gäben, wie hoch der Besucheranteil von Kindern und Jugendlichen in Museen, Opern oder Theatern ist, gibt es allerdings für die Bundesrepublik nicht. Lediglich punktuell führt jede Kultureinrichtung darüber Buch.

Wenn Profi-Chöre zu offenen Mitsingkonzerten für Jugendliche einladen oder Orchester ein Education-Programm für Kinder auflegen, dann dienen diese Angebote – neben sämtlichen oben genannten Funktionen – auch der Selbsterhaltung, dass man in das zahlende Publikum von morgen investiert. Man spricht hier von "Audience-Development", also Publikums-Entwicklung. Erhalt und Pflege von Kulturtraditionen bedeutet (in einer kapitalistischen Kultur) nicht zuletzt, den betreffenden Markt zu sichern. Angebote kultureller Bildung können sich immens auf das Image einer Institution auswirken und bilden deshalb einen entscheidenden Faktor für deren Marketing. Das jedenfalls ist eine Grundüberzeugung im Kulturmanagement, auch wenn es hierzu im betriebswirtschaftlichen Sinn ebenfalls keine konkreten Zahlen zur Rentabilität gibt.

Von großer Bedeutung ist kulturelle Bildung für den Arbeitsmarkt der Kulturberufe geworden. Zum Beispiel besucht eine Schulklasse wöchentlich ein Bildhauer-Atelier, um dort Skulpturen zu schaffen, die später im öffentlichen Raum gezeigt werden sollen. Für den betreuenden frei schaffenden Künstler bedeutet das – unterm Strich gerechnet zwar sehr niedrige – Honorar, das die Kommune ihm für die Kooperation zwischen Atelier und Schule bezahlt, immerhin eine verlässliche, regelmäßige Einkunft. Für freie Musiker ist es üblich, neben ihrer Verpflichtung in Orchestern und Ensembles auch zu unterrichten. Durch verstärkte Angebote von kultureller Bildung hat sich diese Möglichkeit der Nebenverdienste auch auf andere künstlerische Berufsgruppen ausgedehnt. Langfristig wird sich das positiv auf die Kulturlandschaft insgesamt auswirken.

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