kulturelle Bildung

23.7.2009 | Von:
Ansgar Nünning

Vielfalt der Kulturbegriffe

Im weitesten Sinne meint "Kultur" daher die vom Menschen durch die Bearbeitung der Natur mithilfe von planmäßigen Techniken selbst geschaffene Welt der geistigen Güter, materiellen Kunstprodukte und sozialen Einrichtungen. Dieser weite Begriff der Kultur umfasst die Gesamtheit der vom Menschen selbst hervorgebrachten und im Zuge der Sozialisation erworbenen Voraussetzungen sozialen Handelns, d.h. die typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft.

Die meisten Kulturbegriffe, die gegenwärtig favorisiert werden, rücken einen dieser Aspekte in den Mittelpunkt und bestimmen Kultur z.B. als Text bzw. System symbolischer Formen, als Aufführung oder Ritual, als Kommunikation, als lebensweltliche Praxis, als Standardisierungen des Denkens und Handelns, als mentales Orientierungssystem oder als Gesamtheit von Werten und Normen. Schon 1952 haben Kroeber und Kluckholm 175 verschiedene Definitionen von "Kultur" (bzw. vom englischen Wort "culture") genannt, und die Zahl hat sich seitdem noch erheblich erhöht.

Ebenso wie die historische Entwicklung des modernen Kulturbegriffs ist auch die Gegenwart durch das Nebeneinander eines breiten Spektrums von Ansätzen gekennzeichnet, die jeweils unterschiedliche Kulturbegriffe geprägt haben. Einen guten Überblick über die Vielfalt der Kulturbegriffe, die in der Gesellschaft und in der Wissenschaft im Umlauf sind, gibt die von Reckwitz [7] entwickelte "Typologie des Kulturbegriffs", derzufolge vier Arten von Kulturbegriffen unterschieden werden können:

(1) der normative Kulturbegriff,
(2) der totalitätsorientierte Kulturbegriff,
(3) der differenztheoretische Kulturbegriff,
(4) der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff.

Der normative Kulturbegriff

Der normative (d.h. wertende und vorschreibende) Kulturbegriff beruht auf einer wertenden Gegenüberstellung bzw. einer Auszeichnung bestimmter ästhetischer Phänomene, Objekte und Praktiken, die in einer Gesellschaft hochgeschätzt und durch Traditionsbildung bewahrt werden. Eine restriktive und normative Definition des Begriffs grenzt diesen auf eine überhöhte "Hochkultur", d.h. einen Kanon ästhetischer Werke und "großer" Künstler ein, während die Alltags-, Massen- und Populärkulturen ausgegrenzt werden. Kennzeichnend für die Entwicklung des modernen Kulturbegriffs ist die Überwindung eines verengten, normativ geprägten Verständnisses von Kultur als "Hochkultur" oder "Hochliteratur", das sich im 19. Jahrhundert in Anknüpfung an den deutschen Idealismus im Bürgertum herausbildete, durch einen weiten, wertneutralen Kulturbegriff, der Hochkultur und Volkskultur umfasst.

Der totalitätsorientierte Kulturbegriff

Im Gegensatz zum normativen zeichnet sich der totalitätsorientierte Kulturbegriff zum einen dadurch aus, dass er von ästhetischen Wertungen und Ausgrenzungen absieht und "ganze Lebensformen", d.h. die Gesamtheit der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster von Kollektiven in den Mittelpunkt rückt. Zum anderen ist er durch eine Anerkennung der Verschiedenartigkeit und Gleichwertigkeit von Kulturen und kulturellen Ausdrucksformen geprägt. Gemäß eines solchen nicht-normativen, ganzheitlichen Verständnisses, von dem bis heute z.B. die Anthropologie, Ethnologie und Volkskunde ausgehen, meint der Begriff "Kultur" den Inbegriff aller kollektiv verbreiteten Glaubens-, Lebens- und Wissensformen, die sich Menschen im Zuge der Sozialisation aneignen und durch die sich eine Gesellschaft von anderen unterscheidet. Während sich die anglo-amerikanischen "Cultural Studies" vor allem mit Phänomenen der Alltags- und Populärkultur beschäftigen, gilt das Interesse der Kulturwissenschaften gleichermaßen der Hoch- und Populärkultur. Die Bedeutung der Alltagskultur besteht vor allem darin, dass z.B. Feiern, Feste und andere Rituale maßgeblich dazu beitragen, die kulturellen Werte und Normen einer Gesellschaft darzustellen, sichtbar zu machen, weiterzugeben und zu erneuern.

Fußnoten

7.
2000, S. 64.
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