kulturelle Bildung

23.7.2009 | Von:
Ansgar Nünning

Vielfalt der Kulturbegriffe

Der differenztheoretische Kulturbegriff

Der differenztheoretische Kulturbegriff unterscheidet sich von einem solchen weiten und ganzheitlichen Verständnis von Kultur durch eine radikale Einschränkung auf "das enge Feld der Kunst, der Bildung, der Wissenschaft und sonstiger intellektueller Aktivitäten" [8]. Kultur wird gemäß diesem aus der Soziologie stammenden und in der Systemtheorie ausgearbeiteten Konzept aufgefasst als ein bestimmtes Teilsystem der sozial ausdifferenzierten "modernen Gesellschaft, das sich auf intellektuelle und ästhetische Weltdeutungen spezialisiert" und das "zum Bestand der modernen Gesellschaft bestimmte funktionale Leistungen erbringt" [9].

Der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff

Trotz der Vielfalt unterschiedlicher Entwürfe ist in den letzten 15 Jahren eine fachübergreifende Präferenz für einen bedeutungs- und wissensorientierten Kulturbegriff erkennbar, der semiotisch und konstruktivistisch geprägt ist. Demzufolge wird Kultur als der von Menschen erzeugte Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen aufgefasst, der sich in Symbolsystemen materialisiert. Einer solchen Begriffsbestimmung zufolge sind nicht nur materiale (z.B. künstlerische) Ausdrucksformen zum Bereich der Kultur zu zählen, sondern auch die sozialen Institutionen und mentalen Dispositionen, die die Hervorbringung solcher Artefakte überhaupt erst ermöglichen. Ein solcher semiotischer Kulturbegriff trägt somit der Einsicht Rechnung, dass Kulturen nicht nur eine materiale Seite – die "Kulturgüter" einer Nation – haben, sondern auch eine soziale und mentale Dimension [10]. Die bekanntesten Beispiele für diesen Typus von Kulturbegriff sind das der Kulturanthropologie verpflichtete Verständnis von "Kultur als Text" [11] und das in der Kultursemiotik entwickelte Konzept von "Kultur als Zeichensystem" [12].

Akzeptanz der Vielfalt

Ungeachtet der Vielfalt wissenschaftlicher Kulturbegriffe besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Kulturen von Menschen gemacht bzw. gestaltend hervorgebracht werden und dass sie weder auf die "hohe" Elitenkultur eingeschränkt noch mit den künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft gleichgesetzt werden dürfen. Die Forderung nach einer Ausweitung des Kulturbegriffs gründet in einer Skepsis gegenüber dem normativ gefärbten Gegensatz zwischen "Hoch"- und "Populärkultur" sowie in der Einsicht in die Notwendigkeit der Einbeziehung der heutigen Medienkultur: "Die kulturwissenschaftlichen 'Grenzerweiterungen' führen zu einer Entprivilegierung der sogenannten hohen Kultur." [13]

Funktionen von Kultur

Insgesamt unterstreicht gerade die Vielfalt der Kulturbegriffe die Einsicht, dass "Kultur" als ein diskursives Konstrukt zu begreifen ist, das auf unterschiedlichste Weise begriffen, definiert und erforscht werden kann. Eine wichtige Funktion von Kultur besteht darin, dass "sie nach innen hin integrativ, nach außen hin hierarchisch und ausgrenzend funktioniert" [14]. Einerseits trägt Kultur zur individuellen und kollektiven Identitätsbildung bei; andererseits gehen die für Kulturen kennzeichnenden Standardisierungen des Denkens, Fühlens und Handelns oft mit einer Ausgrenzung des Anderen einher. Der Kulturbegriff verleitet dazu, Kulturen zu stark als homogene Gemeinschaften wahrzunehmen und ihre interne Heterogenität zu vernachlässigen. Dem wirken neue Ansätze, die sich mit Inter-, Multi- und Transkulturalität beschäftigen, entgegen [15].

Literatur

Appelsmeyer, Heide/Elfriede Billmann-Mahecha (Hrsg.): Kulturwissenschaft. Felder einer prozeßorientierten wissenschaftlichen Praxis, Weilerswist 2001.

Bachmann-Medick, Doris (Hrsg.): Kultur als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft, Frankfurt a.M. 1996.

Dies.: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2006.

Böhme, Hartmut: "Vom Cultus zur Kultur(wissenschaft). Zur historischen Semantik des Kulturbegriffs", in: Renate Glaser/Matthias Luserke (Hrsg.): Literaturwissenschaft – Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven, Opladen: 1996, S. 48-68.

Ders./Peter Matussek/Lothar Müller: Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbek bei Hamburg 2000.

Daniel, Ute. "'Kultur' und 'Gesellschaft': Überlegungen zum Gegenstandsbereich der Sozialgeschichte", in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 69-99.

Kroeber, Alfred L./Clyde Kluckholm: Culture. A Critical Review of Concepts and Definitions, Cambridge/Mass. 1952.

Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, 4. Aufl., Stuttgart/Weimar 2008 [1998].

Ders./Vera Nünning (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2008 (aktualisierter Nachdruck des Bandes Konzepte der Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2003).

Ort, Claus-Michael: "Kulturbegriffe und Kulturtheorien", in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 19-38.

Posner, Roland: "Kultursemiotik", in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 39-72.

Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Weilerswist 2000.

Reckwitz, Andreas: "Die Kontingenzperspektive der 'Kultur'. Kulturbegriffe, Kulturtheorien und das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm", in: Friedrich Jaeger/Jörn Rüsen (Hrsg.): Handbuch Kulturwissenschaften. Band 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart/Weimar 2004, S. 1-20.

Schmidt, Siegfried J.: Kalte Faszination. Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft, Weilerswist 2000.

Sommer, Roy: Fictions of Migration: Ein Beitrag zur Theorie und Gattungstypologie des zeitgenössischen interkulturellen Romans in Großbritannien, Trier 2001.

Fußnoten

8.
Reckwitz 2004, S. 6.
9.
Ebd.
10.
Vgl. Posner 2008.
11.
Bachmann-Medick 1996.
12.
Posner 2008.
13.
Böhme/Matussek/Müller 2000, S. 108.
14.
Böhme 1996, S. 61.
15.
Vgl. Sommer 2001.
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