kulturelle Bildung

29.9.2009 | Von:
Joachim Detjen

Zum Verhältnis von politischer und kultureller Bildung

Nun lassen sich in der Welt der Politik viele Aspekte bewerten und beurteilen, so das politische Personal, gesellschaftliche Problemlagen, Parteiprogramme und einzelne Geschehnisse. Von echten politischen Urteilen sollte man aber nur sprechen, wenn es um politische Entscheidungsurteile geht. Denn das Entscheiden einschließlich des vorherigen argumentativen Abwägens von Optionen in einer intransparenten, vernetzten und dynamischen Situation bildet den Kern des politischen Geschäfts. Die Demokratie gewinnt an politischer Stabilität, wenn die Bürger wenigstens eine Ahnung davon besitzen, wie anspruchsvoll das politische Urteilen und Entscheiden ist.

Die politische Bildung soll schließlich politische Handlungsfähigkeiten fördern. Diese bestehen vor allem in organisatorischen sowie rhetorischen Befähigungen. Politisch handlungsfähig ist, wer Folgendes kann: Ideen formulieren, Handlungskonzepte entwickeln, Vorhaben planen, Veranstaltungen organisieren, Versammlungen leiten, politische Diskussionen moderieren, Redebeiträge vor größerem Publikum liefern, öffentliche politische Reden halten, Gefolgschaften organisieren und mobilisieren sowie Verhandlungen mit Dritten führen.

Kulturelle Bildung dient der Selbstbildung sowie der Förderung kulturbezogener Kommunikation

Folgt man der vom Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission "Kulturelle Bildung in Deutschland" sowie Verlautbarungen des Deutschen Kulturrates, so ist die kulturelle Bildung völlig anders orientiert. Ihr Fokus ist das in die bestehende Kultur hineinwachsende Individuum. Die kulturelle Bildung nimmt für sich zwar in Anspruch, soziale Kompetenzen zu erweitern und die gesellschaftspolitische Verantwortungsfähigkeit des Einzelnen zu stärken, in erster Linie geht es ihr aber doch um eine Sensibilisierung für unterschiedliche kulturelle Bedeutungssysteme und um die Stärkung kreativ-künstlerischer Entwicklungsprozesse. Sie will letztlich Selbstbildungsprozesse ermöglichen und fördert zu diesem Zweck Wahrnehmung, Verhalten, Werthaltungen, Identität sowie Lebensgestaltung.

Aufgrund ihrer engen Beziehung zu den Künsten spricht die kulturelle Bildung ihr Publikum emotional und kognitiv an und verbindet vor diesem Hintergrund Gefühlserfahrungen mit Reflexionsprozessen. Die Künste sind es auch, die für eine Selbstreflexion der Gesellschaft über ihre Werte sorgen. Denn wenn irgendwer die Freiheit und Würde des Einzelnen diskutiert, einfordert, in aller Widersprüchlichkeit darstellt, die symbolischen Formen bereitstellt, in denen sie überhaupt gedacht und vor allem erlebt werden können, dann geschieht dies im Medium der Künste. Die Menschen hoffen daher nicht zu Unrecht auf Orientierung und Denkanstöße durch die Kunst.

Die kulturelle Bildung arbeitet mit kulturpädagogischen Methoden, also mittels Musik, Bildender Kunst, Theater, Film und Tanz. Sie weckt auf diese Weise schöpferische Fähigkeiten und Kräfte des Menschen. Sie regt weiterhin zu einer differenzierten Wahrnehmung der Umwelt an und fördert beim Einzelnen das Beurteilungsvermögen für ästhetische Erscheinungsformen des Alltags, wie Mode, Unterhaltungsmusik, Trivialliteratur und Medienprogramme. Die kunstpädagogischen Methoden fördern kommunikative Verhaltensweisen und erleichtern soziale Bindungen. So verlangt das Musizieren nicht nur die Beherrschung des jeweiligen Instruments, sondern auch das Zusammenwirken mit anderen in einem Orchester. Das Darstellende Spiel verlangt das Erlernen des künstlerischen Ausdrucks in Gestalt von Stimme, Mimik und Gestik.

Bei einem großzügigen Verständnis von politischer Bildung gibt es Schnittmengen mit kultureller Bildung

Ästhetische Inszenierungen der Politik und politische Aspekte in kulturellen Manifestationen: Es gibt keinen Aspekt des menschlichen Lebens, der nicht zum Gegenstand einer politischen Regelung werden kann. Politik lässt sich nicht auf bestimmte Gegenstände eingrenzen. Es gilt aber noch etwas anderes: Politik ist im Kern zwar die Regelung der gemeinsamen Angelegenheiten, sie erschöpft sich aber nicht darin. So muss Politik kommunikativ und symbolisch vermittelt werden. Die symbolische Vermittlung erfordert ästhetische Anstrengungen, damit es zu der gewünschten Rezeption im Publikum kommt: Die Menschen benötigen offensichtlich sinnliche Anschauungen. Die Folge sind politische Inszenierungen.

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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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