kulturelle Bildung

29.9.2009 | Von:
Joachim Detjen

Zum Verhältnis von politischer und kultureller Bildung

Offenkundige Beispiele für die Ästhetisierung der Politik sind Parteitagsinszenierungen, die visuelle Gestaltung von Wahlkämpfen und die auf Wirkung berechnete mediale Darstellung von Spitzenpolitikern. Abwertend wird bereits von einer Theatralisierung der Politik oder vom Politainment gesprochen. Aber auch die ernste Frage, wie die politische Architektur bzw. Ikonographie beispielsweise der Hauptstadt gestaltet werden soll, ist eine ästhetische Frage. Zur Ästhetisierung der Politik gehört es auch, wenn junge Staaten nach einer Nationalhymne und einer Staatsflagge zwecks nationaler Selbstdarstellung suchen.

Während auf der einen Seite die Politik die Ästhetik bemüht, enthalten auf der anderen Seite kulturelle, insbesondere künstlerische Manifestationen fast immer politische Akzente. Dabei können die Künste drei prinzipielle Positionen einnehmen: Entweder kritisieren sie offen oder verdeckt öffentliche Missstände. Oder sie legitimieren mit ästhetischen Mitteln herrschende Zustände. Oder sie thematisieren denkbare, gegebenenfalls auch nur utopische Weisen des gesellschaftlichen Lebens und der politischen Ordnung.

Besonders deutlich ist die politische Wirkungsabsicht in der dramatischen Literatur und damit im Theater. Die Dokumentardramen der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts verfolgten explizit politische Aufklärungsabsichten. Die Regisseure des etwa zur selben Zeit entstandenen Regietheaters nahmen für sich in Anspruch, auch klassische Texte auf ihre politische Aktualität hin zu befragen und neu komponiert auf die Bühne zu bringen. Auch die Musik hat politische Dimensionen. So wird selbst unpolitische Musik politisch, wenn sie etwa vom Staat verwendet wird, um beispielsweise in einer bedrängten Kriegssituation eine optimistische Stimmung zu erzeugen. Eigentliche politische Musik liegt vor, wenn in ihr das Gesellschaftliche und Politische affirmativ oder kritisch thematisiert wird. Die Bildende Kunst, Fotografie und Film eingeschlossen, ist besonders zur Darstellung gesellschaftlicher und politischer Probleme geeignet. Gerade von Bildern kann eine starke politisch-suggestive Wirkung ausgehen. Man denke an Picassos "Guernica", an das Fernsehbild der brennenden Türme des World Trade Centers sowie an diverse Spielfilme aus jüngerer Zeit, die kaum übersehbare politische Botschaften enthalten: "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004) und "Das Leben der Anderen" (2006).

Man kann also festhalten: Die Politik hat ästhetische Seiten. Und die ästhetischen Disziplinen haben politische Seiten. In beiden Fällen wird die Politik jedoch nicht im Kern berührt. So tangiert die Ästhetisierung der Politik nicht mehr als die Oberfläche oder Peripherie der Politik. Denn sie dringt nicht zu den politischen Problemlagen vor. Die politischen Botschaften in Kunstwerken regen im geglückten Fall das Nachdenken des Publikums an, mehr jedoch auch nicht. Allenfalls gelegentlich geht von einer bestimmten ästhetischen Gestaltung eine politische Massenwirkung aus. Dies kann sodann den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess beeinflussen. Dann – aber auch nur dann – wäre die Politik im Kern berührt. Meistens jedoch verblassen im Bewusstsein der Menschen die von einem Kunstwerk ausgehenden politischen Botschaften nach einiger Zeit. Nicht zufällig klagen viele Dramatiker über die politische Wirkungslosigkeit ihrer Stücke. Dennoch können Kultur und Kunst zweifellos das politische Bewusstsein der Menschen und damit die politische Kultur eines Landes prägen. Hierbei sind sie aber nicht mehr als ein Faktor unter vielen. Insgesamt verbleiben Kultur und Kunst damit im Vorhof der Politik.

Soll das Aufgabenspektrum der politischen Bildung erweitert werden?

Die entscheidende Frage lautet: Ist die Rezeption von Kunst ein maßgeblicher Zugang zur Politik und damit für die politische Bildung interessant, oder verhindern ästhetische Zugangsweisen die Möglichkeit rationaler Auseinandersetzungen mit der Politik? Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, ob man an einer politischen Bildung im strengen Sinne festhalten oder ob man ihr Aufgabenspektrum erweitern will.

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