kulturelle Bildung

29.9.2009 | Von:
Joachim Detjen

Zum Verhältnis von politischer und kultureller Bildung

Zu einer positiven Antwort wird derjenige neigen, dem die Politik als Gegenstand der politischen Bildung zu eng ist, solange sie nur ein in Institutionen eingebundenes Entscheidungshandeln zur Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens umfasst. Anhänger dieser Position könnten argumentieren, dass die Bildungsaufgabe das Aufklären über alle Aspekte der Politik einschließen müsse. "Alle Aspekte" kann dann die medial-ästhetischen Inszenierungen der Politik genauso meinen wie die politischen Aspekte in der Kultur und in den Künsten. Weiterhin könnte auch die politische Urteilsfähigkeit aus ihrer Bindung an politische Entscheidungen befreit und auf alles irgendwie Politische erstreckt werden, also etwa auf Fragen wie die, ob eine politische Inszenierung geglückt sei, ob die in einem Spielfilm vertretene politische Position überzeuge und wie die symbolische Ausdrucksform eines Bildes bewertet werden solle. Schließlich wird man aus dieser Position auch für die Zulässigkeit von Emotionalität, für vieldeutige Wahrnehmungen, für Kreativität und "ganzheitliches" Lernen, d.h. ein Lernen mit allen Sinnen, also ein Lernen mit Verstand, Gemüt und Körper, eintreten.

Solche Vorstellungen sind populär, stehen sie doch für ein großzügiges und integrationsfreundliches Verständnis der politischen Bildung. Gleichwohl wird man zu bedenken geben dürfen, dass die Konturen der politischen Bildung zu verschwimmen drohen, wenn sich ihr Gegenstandsbereich für alles Mögliche öffnet. Die Bedenken verstärken sich, wenn man sich vor Augen hält, dass die politische Bildung an den Schulen ein auf wenige Unterrichtsstunden reduziertes Fach ist. Vor allem aber die Öffnung dem Emotionalen gegenüber sollte nachdenklich stimmen. So hat Kaiser Wilhelm II. mit theatralischen Reden das Ansehen Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg schwer geschädigt. Und Adolf Hitler hat mit einstudierter Theatralik die Deutschen für sich und seine verbrecherische Politik einzunehmen versucht. Die Wiederholung einer Gefühle instrumentalisierenden Politik kann man sich eigentlich nicht wünschen. Die Politik in demokratischen Verfassungsstaaten ist außerdem eine im Kern zutiefst rationale Angelegenheit. Zu diesem Kern gehören auch die politischen Institutionen, in denen eine Vernunft steckt, die zu entdecken und zu verstehen mehr lohnt, als sich mit peripheren Schichten der Politik zu befassen. Denn der demokratische Verfassungsstaat ist um seines Bestandes willen darauf angewiesen, dass die Bürger ihn verstehen.

Literatur

Besand, Anja: Angst vor der Oberfläche. Zum Verhältnis ästhetischen und politischen Lernens im Zeitalter Neuer Medien. Schwalbach/Ts 2004.

Detjen, Joachim: Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland. München 2007. Deutscher Bundestag: Schlussbericht der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland". Drucksache 16/7000 (11.02.2007).

Richter, Dagmar: Politische Bildung durch "Kunst mit politics?": Nur ein Versprechen oder eine Chance zur politisch-ästhetischen Kompetenzbildung?, in: Journal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik, Ausgabe 2/2006, 11 Seiten.

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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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