kulturelle Bildung

3.10.2009 | Von:
Helle Becker

"Kulturelle und politische Bildung sollen sich nicht gegenseitig kolonialisieren"

Interview mit Dr. Helle Becker

Die Frage ist doch, mit welcher pädagogischen Absicht methodische und inhaltliche Entscheidungen gefällt werden. Geht es darum, politisches Wissen zu vermitteln und politische Erkenntnisse zu fördern? Oder geht es darum, künstlerisches Gestalten anzuleiten und ästhetische Erkenntnisse zu ermöglichen? Oder sollen Bildungsprozesse vorbereitet werden, indem Interesse geweckt oder ein Gruppengefühl gestärkt wird oder indem Kommunikationsfähigkeiten von Teilnehmern gefördert werden? Oft sind die Momente sozialer, kultureller oder politischer Bildung in der Praxis, also in den individuellen Bildungsprozessen der Teilnehmer, nicht sauber voneinander zu trennen. Aber es macht konzeptionell einen Unterschied, ob ich als derjenige, der eine Bildungssituation gestaltet, die Intention habe, politische Bildung zu machen oder kulturelle Bildung. In dem Moment, wo ähnliche Methoden mit einem anderen Gegenstand verbunden werden, sind sie nicht mehr dasselbe.

Wir gehen in der außerschulischen Bildung zwar von der Vorstellung einer moderierten Selbstbildung aus und arbeiten insofern prozessoffen. Aber ich halte es natürlich auch für falsch zu glauben, dass der "Output" oder "Outcome" beider Bildungsbereiche der gleiche sei. Ich würde dabei so weit gehen dieses sogar für Kompetenzen zu sagen, die man gewöhnlich als transferfähige "Schlüsselkompetenzen" bezeichnet, die man in verschiedenen Bereichen lernen kann. So sind die Fähigkeiten, diskursiv und auf einen Konsens ausgerichtet zu diskutieren, Meinungen auszutauschen oder sich politische Urteile zu bilden, spezifische Kompetenzen für den politischen Diskurs. Es gibt meiner Meinung nach eine Art des politischen Muts, der etwas anderes ist als ästhetischer Mut. Oder nehmen Sie bestimmte Einstellungen, Bereitschaften und Dispositionen, die das Ziel politischer Bildung – und nur dieser – sind.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Wir haben heute von einem Projekt – eines Trägers der kulturellen Bildung! – gehört, bei dem in einer ostdeutschen Stadt Jugendliche sich mit der Frage auseinandergesetzt haben, wie sie kommunikativ gegen rechtsradikale Tendenzen in ihrer Stadt vorgehen können. Das Projekt hatte eine politische Intention, der Ausgangspunkt war eine klar gestellte politische Aufgabe, nämlich eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Die Jugendlichen haben sich dann selbst überlegt, was sie tun könnten und mit welchen Mitteln. Sie sind darauf gekommen, dass sie die Öffentlichkeit mit Bildern, Sprüchen, Zeitungen und Symbolen erreichen wollen. Dies ist ein Zeichen-Reservoir, das sich aus der Kultur, und natürlich auch aus der kulturellen Bildung speist. Aufgrund der eindeutigen pädagogischen Intention handelt es sich meiner Ansicht nach jedoch noch nicht um ein Projekt kultureller Bildung, sondern um eines politischer Bildung.

Ein anderes Beispiel ist die Arbeit mit rechtsradikaler Musik oder, auch umgekehrt, linkem Hip-Hop. Dies sind kulturelle und künstlerische Produkte, die von zwei Seiten unterschiedlich betrachtet werden können. Während sich die kulturelle Bildung mit ästhetisch-künstlerisch-kulturellen Fragen in diesem Bereich beschäftigt – die übrigens keine unpolitische sein müssen - , geht es der politischen Bildung darum, vom politischen Inhalt der Musik auszugehen, die politischen Perspektiven zu prüfen und die kritische Analyse zu üben.

Zugegeben, es ist anstrengend und schwierig, so genau zu differenzieren, aber ich bin der Ansicht, dass es sich lohnt. Je besser man hier unterscheidet, umso wirkungsvoller kann es sein, die Bereiche miteinander ins Verhältnis zu setzen, zum Beispiel innerhalb eines Projektes. Es kann sinnvoll sein, in einer Art vorsprachlichem Raum bestimmte Emotionen oder Haltungen zu thematisieren, etwa mit einem Theaterspiel, und dann davon ausgehend, entweder auf Grund von einer Bereitschaft oder bestimmter Erkenntnisse, überzugehen zur politischen Bildung. Aber dies ist relativ schwierig und stellt hohe fachliche Ansprüche.

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