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kulturelle Bildung

3.10.2009 | Von:
Helle Becker

"Kulturelle und politische Bildung sollen sich nicht gegenseitig kolonialisieren"

Interview mit Dr. Helle Becker

Die Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet ja auch an der Schnittstelle von kultureller und politischer Bildung. Ein Beispiel dafür ist das Projekt "Next Generation – die Zukunft der Stadt" im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010. In sogenannten Zukunftshäusern können Jugendliche aus der Ruhr-Metropole Visionen in Form von eigenen Projekten zur Zukunft ihrer Stadt und Region entwerfen. Unterstützt werden sie von Filmemachern, Theaterleuten, Musikern, Künstlern und politischen Bildnern. – Ist so etwas in Ihren Augen noch politische Bildung?

Immer dann, wenn es bei diesen Projekten um politische Aspekte geht, also wenn bei diesem Beispiel die "Zukunftshäuser" Bereiche wie das Gemeinwesen thematisieren, oder die individuellen Vorstellungen von Leben und dem, was das Gemeinwesen mir dazu bietet, angesprochen werden, handelt es sich um eine sehr gute Form politischer Bildung.

Ich wage aber auch zu behaupten, dass diese Frage – "Handelt es sich hierbei noch um politische Bildung?" – häufig nur deswegen als problematisch angesehen wird, weil Akteure der politischen Bildung bestimmte methodische Vorstellungen davon haben, was politische Bildung sein sollte. Viele sehen hier zum Beispiel eine ganz klare Prämisse des Wissens und der Wissensvermittlung. Politische Mündigkeit wird dann identifiziert mit einem bestimmten Wissensstand, den man haben muss. Leider führt das auch dazu, dass kognitive Eingangs-, quasi Berechtigungs-Voraussetzungen für Partizipation formuliert werden. So wird die Schwelle recht hoch gesetzt, die man braucht, um "partizipationsfähig" zu sein.

Natürlich zielt Bildung auf einen bestimmten Kompetenzerwerb, und dazu gehört auch Wissen. Ich aber gehe als außerschulische Bildnerin davon aus, dass jede und jeder als Subjekt Fähigkeiten, Stärken hat, an denen Bildungsangebote ansetzen können. Das sind die Prinzipien der Anerkennung und "Ressourcenorientierung" der außerschulischen Bildung. Das Wissensprimat fußt auf einer langen aufklärerischen Tradition, die auch ihr Recht hat, doch sie befördert auch Vorurteile oder Vorbehalte, wenn die Grenzen und Methoden der politischen Bildung ausgeweitet werden. Es scheint oft so, dass politische Bildung mit kulturellen Mitteln als so etwas wie "Divertissement" – als schöne Einlage – angesehen wird. Da ist politische Bildung dann schön bunt und lustig, aber eigentlich nicht "richtig" und seriös. Es bestehen Ängste, dass Inhalte eher emotional als kognitiv vermittelt werden und dass dies manipulativ wirken könnte.

Sind diese Vorbehalte denn berechtigt?

Ich wäre da nicht so ängstlich, ich könnte stets noch sagen, wo die politische Bildung anfängt und wo sie aufhört, und was ich mit irgendetwas wollte oder nicht. Es gibt hier auch verschiedene Diskurse – der von mir gerade geschilderte entstammt sehr stark der schulisch geprägten politischen Bildung. In der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung, die ich sehr gut kenne, gibt es Massen von supertollen Projekten politischer Bildung, die diese vermeintlichen Grenzübertretungen überhaupt nicht stören und trotzdem ihr fachliches Terrain keinen Deut verlassen.

Ich finde auch, dass es der politischen Bildung gut zu Gesicht stünde, da viel selbstbewusster zu sein. Man sollte auch gar nicht behaupten, dass das, was man tut, etwas mit kultureller Bildung zu tun hat. Es hat etwas mit Kultur, mit kulturellen Medien, meinetwegen auch mit künstlerischen Medien und Ausdrucksformen zu tun. Im Grunde genommen handelt es sich nur um alternative Kommunikationsformen, vom Hip-Hop-Projekt bis zum Theaterfestival. Ich würde sowohl der kulturellen wie der politischen Bildung raten, sich nicht gegenseitig kolonialisieren zu wollen.

Die Fragen stellte Katharina Reinhold. Das Interview fand im Rahmen des Fachkongresses "Kunststück Freiheit" der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und der Bundeszentrale für politische Bildung am 3. Oktober 2009 in Remscheid statt.

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