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kulturelle Bildung

30.9.2009 | Von:
Yvonne Fietz

Partizipation durch Kultur

Partizipation und Beteiligung

Partizipation bedeutet die Einbindung von Menschen und Organisationen in Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse. Diese Einbindung kann dabei unterschiedlichste Beteiligungsformen annehmen: z.B. als Bürgerbeteiligung, Interessenverband oder politische Partei. Bei einer "Partizipation durch Kultur" gelingt es, durch Kunst und Kultur Menschen und Organisationen in gesellschaftlich relevante Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse einzubinden, die zum Aufbau sozialen und kulturellen Kapitals führen – wie ist das möglich?

Besonders anschaulich ist diese Einbindung am Beispiel von Stadt(teil)entwicklungsprozessen darstellbar. Bei einem Beteiligungsprojekt wie z.B. "myplace!" lernen Kinder und Jugendliche Grundlagen der baukulturellen Bildung, sie lernen, wie man öffentliche Plätze, Straßen und Häuser differenzierter wahrnimmt. Und sie lernen, was diese Räume, Flächen und Gebäude mit ihnen zu tun haben, was sie mit ihnen machen. Vor dem Hintergrund dieses Kompetenzzuwachses und dieser Erfahrungen steigen sie unter Anleitung und mit Unterstützung von Architekten/-innen und Städteplanern/-innen in eine künstlerisch-kreative Auseinandersetzung mit dem Vorgefundenen ein – und entwickeln selbst Visionen und künstlerische Interventionen. Indem die Projektprozesse und -ergebnisse in gesellschaftlich relevante Prozesse eingespeist werden, wie z.B. bei "myplace!" in den Prozess der Internationalen Bauausstellung in Hamburg-Wilhelmsburg, werden die Strategien und Methoden der kulturellen Bildung in diesem Projekt zu einem wirkungsmächtigen Instrument einer "Partizipation durch Kultur".

Beteiligung an Stadtteilentwicklungsprozessen

Die Hamburger Stadtteilkultur zeichnet sich im Vergleich zu den meisten Soziokulturzentren bundesweit dadurch aus, dass sie seit mehr als 30 Jahren eine ausgeprägte Stadtteilorientierung aufweist. Vor diesem Hintergrund ist sie mittlerweile etablierter Bestandteil von Hamburger Stadtteilentwicklungspolitik und integraler Part von entsprechenden Bildungslandschaften insbesondere in Stadtteilen und Regionen mit Entwicklungsbedarf.

Durch die starke Stadtteilorientierung haben Hamburger Stadtteilkulturzentren das Motto "Kultur für alle von allen" und "Jeder ist ein Künstler" eng mit der unmittelbaren Lebenswelt der Stadtteilbewohner/-innen – unabhängig ihrer sozialen und kulturellen Herkunft – verbunden. Im Zuge der Ganztagsschulentwicklung gewann auch die vielfältige Kooperationspraxis mit Schulen im Stadtteil an Bedeutung.

Zentrales Ziel der Hamburger Stadtteilkultur ist das Schaffen von Zugängen zu Kunst und Kultur [1], insbesondere für Menschen, denen diese Zugänge meist verschlossen bleiben. Die Förderung ihrer Kreativität und ihres Selbstwertgefühls, ihre Aktivierung zur Stärkung des Gemeinwesens und ein breites Spektrum an Kunst- und Kulturangeboten beleben die Stadtteile und verbessern die Lebensqualität. Die Einrichtung von offenen Treffpunkten und Möglichkeitsräumen bilden den Humus für Selbstorganisation und Initiativenbildung.

In partizipatorischen Kulturprojekten entdecken und entwickeln Stadtteilbewohner nicht nur ihre Kreativität, sondern erfahren in der kulturellen Bildung spezifische Lernprozesse, die Kompetenzerwerb mit Lebenserfahrung und Steigerung des Selbstwertgefühls (durch gelungene Präsentation) verknüpfen.

Bildung als Selbstbildung

Die PISA-Ergebnisse dokumentieren bis heute ein Versagen des derzeitigen Bildungssystems: Es ist noch nicht ansatzweise gelungen, flächendeckende Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Daher sollte bei der politischen Bildung ein besonderes Augenmerk auf den Bildungskonzepten selbst liegen. Die kulturelle Bildung ist traditionell ein Bereich, der formelle, informelle und non-formelle Bildungskonzepte verbindet und die künstlerisch-kreative Produktion anregt. Die Entdeckung der "Bildung als Selbstbildung" war für die kulturelle Bildung seit jeher nichts Neues, sondern selbstverständlicher Bestandteil des künstlerisch-kreativen Curriculums. Bildung im Sinne einer Selbstbildung ermöglicht Bildungsgerechtigkeit, weil sie jeden Einzelnen dort "abholt", wo er sich gerade befindet, und weist drei zentrale Merkmale [2] auf:
  • Bildung vermittelt sich über individuelle Erfahrungs- und Lernprozesse und folgt damit keinem quantitativen, steuerbaren oder zielsicheren Prinzip.[3]

  • Insofern ist unter Selbstbildung ein selbstreflexiver Prozess der Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt zu verstehen.

  • Kultur und Bildung gehören zusammen: Die Aneignung einer Kultur der Visualisierung und Inszenierung mit ihren ästhetischen Symbolen und Codes erfordert ein differenziertes individuelles Lese- und Ausdrucksvermögen.

Fußnoten

1.
Siehe: Globalrichtlinie Stadtteilkultur, im Internet unter:
2.
Sting, Wolfgang: Spiel – Szene – Bildung. Zum Verhältnis von künstlerischer Praxis und ästhetischer Bildung, in: Eckart Liebau u.a. (Hrsg.): Grundrisse des Schultheaters. Weinheim; München 2005, S. 137-148.
3.
Dieses Dilemma hat Niklas Luhmann als das "Technologiedefizit der Pädagogik" beschrieben.
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