kulturelle Bildung

30.9.2009 | Von:
Yvonne Fietz

Partizipation durch Kultur

Eine "Partizipation durch Kultur" verbindet die individuellen Erfahrungs- und Lernprozesse mit kollektiven und gesellschaftlichen Prozessen. Die individuellen selbstreflexiven Prozesse werden im Rahmen von Projekten z.B. auf der Schnittstelle von "Stadtteilentwicklung durch Kultur" zu einer gemeinsamen Auseinandersetzung der Projektbeteiligten mit sich und der Umwelt. Das differenzierte individuelle Lese- und Ausdrucksvermögen nimmt in Projektpräsentationen (Aufführungen, Lesungen, Ausstellungen, Konzerten, Performances) die Gestalt einer gemeinsam geschaffenen Kunst- und Kulturproduktion an, in denen gesellschaftliche Spannungsfelder bzw. der gesellschaftliche Prozess künstlerisch-kreativ inszeniert wird, und damit erneut kulturelle Bildungsanlässe geschaffen werden.

Performative Praxis als offener Produktions- und Lernprozess

Als experimentelle künstlerische Praxis [4] bietet die Performance ein breites Spektrum an offenen Erlebnis- und Lernsituationen, die sich in besonderer Weise zur Gestaltung von Beteiligungsformen eignen, da sie mit ihren vielfältigen formalen und methodisch-didaktischen Variationen einen Fundus an Vermittlungsformen für innovative Kulturarbeit bieten. Die Verknüpfung der Selbstdarstellung mit dem unmittelbaren interaktiven Spiel bringt neue Handlungs- und Vermittlungsformen hervor, die der Komplexität gesellschaftlicher Prozesse angemessen erscheinen.

Die Performance ist eine gruppenorientierte Kunstpraxis und ein offener Lern- und Produktionsprozess. Ihre experimentelle, kollektive Produktionsform hat eine Nähe zu den politischen und kulturellen Suchbewegungen der 1970er-Jahre, basiert auf einem erweiterten Kultur- und Theaterbegriff und integriert populäre und alltagskulturelle Phänomene, Erfahrung, Körper- und Aktionstheaterformen. Ein besonderes Merkmal sind u.a. ihre demokratischen und selbst bestimmten Arbeitsstrukturen, wie sie z.B. auch im Freien Theater praktiziert werden. Für eine Performance werden keine ästhetischen Stil- oder Formprinzipien formuliert, sie ist eine künstlerische Arbeitsweise mit folgenden Kennzeichen [5]:
  • Kollaboration: gruppenorientierte künstlerische Arbeit, die selbstbestimmt Projektkonzeption, Arbeitsteilung und Rahmenbedingungen erstellt.

  • Offene Dramaturgie und Prozessorientierung: Während des Produktionsprozesses werden dramaturgische, ästhetische und arbeitstechnische Fragen verhandelt, sukzessive verdichtet und entschieden.

  • Generative Techniken: Material und Stoffe werden ausgehend von variablen "starting points" wie Themen, Stichworten, Bildern, Musik, Geräuschen, Artefakten, Erfahrungen durch Improvisation, kreatives Schreiben, Formaufgaben, Recherche oder Interview selbst generiert.

  • Komposition und Multiperspektivität: Durch das Zusammenspiel verschiedener künstlerischer Medien und Ausdrucksformen wie Körper, Bild, Film, Musik, Tanz, Performance oder elektronische Medien ergeben sich neue Mischformen und Crossover-Stile.

  • Reflexivität: heißt, reflektierte Kunst- und Kulturpraxis umzusetzen, über den ganzen Produktionsprozess bewusste und begründete Entscheidungen zu treffen, was wie und warum gemacht wird.

  • Produktionsorientierung: Ziel und Abschluss des gemeinschaftlichen Arbeitsprozesses ist immer das künstlerische Produkt und seine Präsentation.[6]

Qualitätskriterien einer "Partizipation durch Kultur"

Vor dem Hintergrund einer experimentellen performativen Kunst- und Kulturpraxis, die der Einbindung von Menschen und Organisationen in gesellschaftlich relevante Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse dient, lassen sich folgende Qualitätskriterien einer "Partizipation durch Kultur" formulieren, die denen der Hamburger Stadtteilkultur entsprechen:
  • zielgruppenspezifische und bedarfsorientierte Anpassung der Ziele und Methoden,

  • Befähigung zur künstlerisch-kreativen (Mit-)Gestaltung der Lebenswelt und des Sozialraums,

  • Herstellen von Rahmenbedingungen, die Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzzuwachs befördern,

  • Bildung von Gemeinschaften, in denen jeder seine individuellen Fähigkeiten erweitern kann,
  • künstlerisches Profil,

  • nützliche Netzwerkbildung mit strategischen Partnern aus Kunst, Kultur, Sozialem, Gesundheit, Politik, Verwaltung und Wirtschaft,

  • frühestmögliche künstlerisch-kulturelle Nachwuchsförderung,

  • offener, zugewandter und gastfreundlicher Umgang miteinander,

  • nachweisbare Verbesserung der Qualität der Lebenswelt bzw. des Sozialraums.

Fußnoten

4.
Wolfgang Sting: Performance in der kulturellen Bildung, aus: Dokumentation des 9. Hamburger Ratschlag Stadtteilkultur "Kultur macht Bildung – Bildungskonzepte in der Stadtteilkultur", Fachkonferenz am 21./22.11.2009, S. 23-27.
5.
Vgl. ebd., S. 26.
6.
Zentrale Arbeitskategorien des "Devising Theatre" nach Alison Oddey, vgl. ders.: Devising Theatre. A practical and theoretical handbook, London 1994.
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