kulturelle Bildung

3.11.2009 | Von:
Sabine Dengel & Milena Mushak

Neue Wege für die politische Bildung

Projekte der kulturellen politischen Bildung bei der bpb

Diese Gegebenheiten veranlassten die bpb 1988 zur Ausrichtung des ersten Festivals "Politik im freien Theater". Erklärtes Ziel war die Präsentation von professionellen und ästhetisch herausragenden Produktionen des frei produzierten Sprechtheaters, die zur Beschäftigung mit aktuellen politischen und sozialen Themen anregten. Publikumsgespräche und flankierende Diskussionsreihen sollten zusätzlich zur intellektuellen Auseinandersetzung mit den eingeladenen Produktionen animieren. Außerdem sollte durch das Festival die Arbeit derjenigen Theatermacher unterstützt werden, die zu politischen Themen der Gegenwart Stellung bezogen und deren Engagement sich nicht in unverbindlichen modischen Trends erschöpfte.

Die unerwartet hohen Zuschauerzahlen, das außerordentlich breite Interesse an einem Theaterfestival, das sich ausdrücklich als politisch orientiert auswies, und emphatische Reaktionen seitens des Publikums sprachen für den Erfolg dieses Experiments. Unübersehbar trafen sich in diesem Forum die Interessen der politischen Bildungsarbeit mit denen der freien Theaterszene: das Werben um die ernsthafte Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Fragen, die Suche nach einem offenen, pluralen Diskurs, der auch Schüler miteinbezog und sie über eine intensive Diskussion zur Auseinandersetzung mit den politischen Aspekten der jeweiligen Aufführungen zu bewegen vermochte.

Das von der bpb seit dem damaligen Zeitpunkt im Dreijahresturnus in stets wechselnden Städten veranstaltete Festival "Politik im freien Theater" hat sich im Laufe der Jahre zu einem der wichtigsten Theatertreffen in der freien Szene entwickelt. Auch heute noch – 20 Jahre später – ist das Festival eine Plattform für innovative, interdisziplinäre und genreübergreifende Produktionen, die auf künstlerische Weise Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen beziehen. Darüber hinaus knüpft die Ausrichtung des Festivals an einen Gedanken des französischen Film-Regisseurs Jean-Luc Godard an, der davon sprach, nicht politische Filme zu machen, sondern politisch Filme zu machen.

Dies beinhaltet nicht allein eine Handlungsanweisung zur gesellschaftlichen Veränderung vorzustellen, sondern Kunstwerke zu schaffen, die komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht werden, möglicherweise selbst eine politische Handlung darstellen. Darunter fallen insbesondere Formate, die auf einer Partizipation des Publikums beruhen. Das freie Theater hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt Formaten zugewandt, welche die gesellschaftliche Realität nicht nur in Form theatraler Zeichen abbilden, sondern die Realität unmittelbar auf die Bühne stellen oder zur Bühne machen. Zahlreiche Gruppen arbeiten mit nicht professionellen Schauspielern, mit "Komplizen" oder "Spezialisten" und holen so das vermeintlich "echte" Leben ins Theater. Andere verlassen die Bühne und begeben sich in den öffentlichen Raum. Oder sie mischen dokumentarisches Material mit Fiktivem. Dahinter steht die Suche nach neuen ästhetischen Mitteln, um einer veränderten gesellschaftlichen Realität gerecht zu werden.

Die Öffnung theatraler Prozesse in die Wirklichkeit, und damit die Aufhebung der Trennung von Kunst und Realität, hat den traditionellen Theaterbegriff in den vergangenen Jahren mehr und mehr in Frage gestellt. Die Geschichte des Festivals "Politik im freien Theater" ist im Laufe der Jahre zu einer Geschichte des Freien Theaters geworden. (Mehr Informationen unter www.bpb.de/politikimfreientheater)

Next Generation – Die Zukunft der Stadt

Neben dem "Politik im Freien Theater"-Festival, das von der Bundeszentrale alle drei Jahre ausgerichtet wird, kooperiert die bpb im Rahmen theatraler Modellprojekte auch mit renommierten Schauspielhäusern. Das Projekt "Next Generation – Die Zukunft der Stadt", das sie in Zusammenarbeit mit Ruhr.2010, dem Schauspiel Essen und dem Schauspiel Bochum initiiert, knüpft an die erfolgreiche Theaterarbeit "Homestories – Geschichten aus der Heimat" des Schauspiels Essen von 2005 an.

"Next Generation – Die Zukunft der Stadt" soll aber noch einen Schritt weitergehen. In "Zukunftshäusern" können Jugendliche aus der Ruhr-Metropole Visionen in Form von eigenen Projekten zur Zukunft ihrer Stadt und Region entwerfen: "Wie sieht der Ort aus, an dem wir leben? Und wie soll der Ort aussehen, an dem wir auch in Zukunft leben wollen?" Durch Beteiligung von Heranwachsenden sowohl aus dem Nordgürtel (Duisburg und Herne) als auch dem traditionell wohlhabenderen Süden des Ballungsraumes (Essen und Bochum) soll ein exemplarisches Panorama von Jugend in einer Stadt und Region im Wandel entstehen. In den miteinander zu vernetzenden "Zukunftshäusern" können die Jugendlichen – unterstützt von Filmemachern, Theaterleuten, Musikern, Künstlern und politischen Bildnern – eigene Ideen entwickeln und umsetzen. Auszüge und Ergebnisse werden in Zusammenarbeit mit Regisseur Nuran David Calis im Herbst 2010 auf die Bühne gebracht.

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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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