kulturelle Bildung

6.1.2010 | Von:
Dieter Smolka

PISA – Konsequenzen für Bildung und Schule

Kompetenzbereich Problemlösen

Die relativ gute Nachricht: Im Kompetenzbereich Problemlösen liegen die deutschen Schülerinnen und Schüler mit 513 Punkten deutlich über dem Durchschnitt (OECD-Mittelwert: 500). Zwölf OECD-Staaten (z.B. Südkorea mit 550 Punkten, Finnland 548, Japan 547) schneiden noch besser ab. Problemlösen betrifft die Frage, wie gut Schüler darauf vorbereitet sind, anwendungsbezogene fächerübergreifende Problemstellungen zu erkennen, zu verstehen und zu lösen. [10] Im Bereich Problemlösen wurden international drei Kompetenzstufen unterschieden. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern, der unterhalb der ersten Kompetenzstufe eingeordnet wird, beträgt in Deutschland 14,1 Prozent, auf der höchsten Kompetenzstufe liegen in Deutschland immerhin 21,8 Prozent der 15-Jährigen. Bemerkenswert ist, dass die Jugendlichen in Deutschland im Problemlösen deutlich bessere Leistungen erreichen als in der Mathematik. Sie zeigen mit einer überdurchschnittlich stark ausgeprägten Problemlösekompetenz ein bemerkenswertes kognitives Potenzial, "das noch unzureichend genutzt wird, um fachliche Kompetenz aufzubauen." [11] Diese geringe Ausschöpfung führen die PISA-Autoren (bei der Schülergruppe im unteren Leistungsbereich) auf die "wenig herausfordernde Gestaltung ihres unmittelbaren Lernkontextes" [12] zurück.

Risikogruppen

In keinem anderen vergleichbaren Industriestaat klaffen die Leistungsunterschiede zwischen guten und schlechten Schülern so auseinander wie in Deutschland. Das heißt, die Leistungsstreuung und die Anteile der Risikogruppen sind in Deutschland nach wie vor groß. Beim Lese- und Textverständnis hat sich die Gruppe der leistungsstarken deutschen Schüler gegenüber dem ersten PISA-Test 2000 leicht verbessert, die schwachen Schüler sind dagegen schwach geblieben. Wenn keine gezielten und nachhaltigen Fördermaßnahmen für Schülerinnen und Schüler einsetzen, die sich in allen untersuchten Kompetenzbereichen auf bzw. sogar unter der ersten Kompetenzstufe befinden ("Risikogruppe"), dann sind die Prognosen für das weitere Lernen bzw. für eine berufliche Ausbildung ungünstig.

Soziale Herkunft und Schulerfolg

Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb ist in Deutschland stark ausgeprägt, "und es besteht die Gefahr, dass die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten noch weiter zunehmen". [13] Die Förderung von Kindern aus Zuwandererfamilien und aus benachteiligten sozialen Schichten gelingt in Deutschland schlechter als in vergleichbaren Ländern. Auch der Zusammenhang zwischen Migrationsgeschichte und Bildungserfolg besteht fort. "Die leichten Leistungszuwächse bei Deutschlands Jugendlichen werden von den traditionellen Schwächen des deutschen Schulsystems begleitet: der problematischen Entwicklung bei den Leistungsschwächeren, deren Konzentration in den Hauptschulen, der engen Bindung von sozialer Herkunft und Bildungschancen sowie den äußerst niedrigen Kompetenzen bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Hauptschulen, dies wird immer deutlicher, entwickeln sich zu Vorschulen für Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit." [14]

Neben der sozialen Herkunft ist der Migrationshintergrund der Jugendlichen mitentscheidend für die Bildungskarriere. In den internationalen Vergleichstests und im nationalen Bundesländervergleich zeigt sich, dass Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft ein geringeres Bildungsniveau erreichen. Die schulischen Bildungsmöglichkeiten werden somit nicht nur durch die soziale Herkunft, sondern auch durch den Migrationshintergrund massiv begrenzt, wobei soziale Herkunft und Migrationshintergrund stark miteinander korrelieren.

Die starke Koppelung der sozialen Herkunft mit Bildungserfolgen in Deutschland verweist darauf, dass in Deutschland Chancengerechtigkeit und Kompetenzerwerb ungünstig kombiniert sind. Der internationale Vergleich zeigt hierbei, dass andere Länder besser in der Lage sind, Jugendliche aus unterschiedlichen Sozialgruppen an ein höheres Kompetenzniveau heranzuführen. Das Leistungspotenzial von Kindern aus den unteren Schichten kann das deutsche Bildungswesen nicht wirklich ausschöpfen. [15]

Bei den nächsten drei PISA-Etappen geht es vorwiegend um Lesekompetenz (2009), um Mathematik (2012) und um Naturwissenschaften (2015). Der Projektleiter Andreas Schleicher will dabei auch die Teamfähigkeit der Teilnehmer testen lassen. Dafür bekommen einzelne Schüler in bestimmten Aufgaben jeweils nur Teilwissen präsentiert, sodass sie ihre Aufgaben nicht ohne die anderen lösen können. Zudem will er herausfinden, inwieweit 15-jährige Schülerinnen und Schüler bereit sind, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. [16]

Fußnoten

10.
Manfred Prenzel (Fußnote 2), S. 147-175.
11.
Ebd., S. 175.
12.
Ebd., S. 350.
13.
Ebd., S. 368.
14.
Klaus Klemm: PISA 2003 – was sind die Befunde?, in: Schulverwaltung. Zeitschrift für Schulleitung, Schulaufsicht und Schulkultur, Heft 1, Januar 2005, S. 8.
15.
Vgl. Jutta Allmendinger: "Bildung und Herkunft", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 44-45, 30.10.2006.
16.
Vgl. Marion Rollin/Derek Hudson: "Mr. PISA oder wie einer auszog, das Wissen zu messen", in: "Die ideale Schule – Was Jungen und Mädchen optimal fördert", Geo Wissen, Nr. 44, 23.10.2009.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen