kulturelle Bildung

6.1.2010 | Von:
Dieter Smolka

PISA – Konsequenzen für Bildung und Schule

Fazit: Den ganzen Menschen bilden

Leistung fordern und fördern, Motivation und Methoden zum (lebenslangen) Lernen unterstützen, Erziehung steuern, Persönlichkeit und soziale Verantwortung junger Menschen stärken – das sind Konsequenzen für Schule und Bildung. Bildung ist Anleitung für wertorientiertes Denken und Handeln. Ohne Bildung ist der Mensch überfordert und desorientiert.

Die Förderung besonderer Begabungen ist neben der Breiten- und der Benachteiligtenförderung ein zentrales Ziel der Bildungspolitik. Auch hochbegabte Kinder brauchen günstige Entwicklungsbedingungen, um ihr Begabungspotenzial voll entfalten zu können. Begabtenförderung ist nicht allein auf den intellektuellen Bereich begrenzt. Die Förderung künstlerischer, kreativer, psychomotorischer und vor allem sozialer Begabung ist ebenfalls nötig.

Welche Werte betrachten wir als grundlegend für das Weiterbestehen der freiheitlich-demokratischen Ordnung in Deutschland als Teil der globalisierten Welt? Die Schule muss Möglichkeiten bieten, soziale Kompetenzen einzuüben und Fähigkeiten zur Kommunikation und zur Partizipation in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft zu erwerben. Schule muss Schülerinnen und Schülern diese Werte unserer Verfassung vermitteln. Und sie muss deutlich machen, dass Leistungsbereitschaft zum einen Voraussetzung ist für wirtschaftlichen und sozialen Erfolg aller, aber diese Leistungsbereitschaft bei uns immer auch in einem gesellschaftlichen Zusammenhang von Mitmenschlichkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsethik steht.

Die Schule muss die mathematischen, naturwissenschaftlichen und die Lese-Kompetenzen verbessern. Keine Frage. Aber sie muss auch die anderen wichtigen Kompetenzen und Bildungsziele im Auge behalten, die bisher nicht von PISA erfasst wurden, die aber zum Bildungsbestand einer demokratischen und humanen Leistungsgesellschaft zählen: (fremd-) sprachliches, geografisches, kulturelles, historisches, ökonomisches, ökologisches, rechtliches und pädagogisches Wissen.

Schule muss Schülerinnen und Schülern die freiheitlichen und demokratischen Werte unserer Verfassung vermitteln. Neben solidem Fachwissen sind Leistungsbereitschaft, Selbstständigkeit, Verantwortung, Teamfähigkeit, Urteilsvermögen, Kreativität und Zivilcourage wichtig. Darum ist es notwendig, dass wir nicht nur Detailwissen vermitteln, nicht nur Verstand und Gedächtnis schulen, sondern den ganzen Menschen bilden. [17]

Dass die musisch-künstlerischen Fächer zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen, haben bereits einige Schulen erkannt und zum Beispiel Musikklassen in Kooperation mit örtlichen Jugendmusikschulen eingerichtet. Bei den PISA-Forschungen hat man aber zuweilen den Eindruck, als ob dieser musisch-künstlerische Lernbereich nur von geringerer Bedeutung wäre und deshalb keiner größeren Aufmerksamkeit bedürfe. Die Hinführung zur Musik und Kunst über das eigene Tun und das Sich-Erleben in der Lerngruppe stellt eine besonders intensive und nachhaltige Erfahrung für Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen dar. Die musisch-künstlerischen Fächer tragen zu folgenden Zielen in der Schule bei:
  • Entwicklung kreativer Potenziale und Förderung musikalisch-künstlerischer Leistungsfähigkeit und Kreativität
  • Erhöhung der Teamfähigkeit (zum Beispiel in Musikklassen) und der sozialen Kompetenz sowie Stärkung der Klassengemeinschaft
  • Förderung von Motivation und Erfolgserleben
  • Kompensation von Konzentrationsschwächen, Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit
  • Verbesserung des emotionalen Befindens, Förderung der Ausgeglichenheit und positiver Einfluss auf Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler.
Dadurch werden Leistungsbereitschaft und fachliche Leistungen auch in anderen Fächern positiv beeinflusst.Gute Lernleistungen werden in guten Schulen erreicht. Bildung muss deshalb nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch in den Landeshaushalten Priorität erhalten. Die PISA-Studien bieten dazu die Voraussetzungen. Dann hat die Bundesrepublik als "Bildungsrepublik Deutschland" eine zukunftsweisende Chance.

Fußnoten

17.
Vgl. Johannes Rau: Den ganzen Menschen bilden – wider den Nützlichkeitszwang. Plädoyer für eine neue Bildungsreform, Weinheim 2004, S. 122-132.
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