kulturelle Bildung

18.7.2011 | Von:
Antje Klinge

Kulturelle Bildung und Tanz

Im Tanz werden Botschaften vermittelt, die darstellbar und lesbar sind. Auch wenn ich für mich alleine tanze, immer wird etwas im Außen sichtbar, kommt zur Darstellung, ob es eine innere Gestimmtheit ist, ein Gedanke oder Gefühl oder die kulturelle Zugehörigkeit meines Körper- und Bewegungsverhaltens. Dieser präsentative Charakter von Tanz verweist auf die Fähigkeit des Menschen, Empfindungen, Erlebnisse und Widerfahrnisse in Symbolen zu vergegenwärtigen (vgl. Langer, 1984), d. h. Ausdruckformen für Wahrnehmungen zu finden, die nicht in Sprache übersetzt werden können. Das sozusagen Unsagbare wird durch und über den Körper artikulierbar. Diese Form der körperlichen Vergegenwärtigung macht das Wahrgenommene für sich selbst wie für andere sichtbar, so dass noch vor der kognitiven oder sprachlichen Reflexion Tanz interpretierbar und lesbar wird. Somit enthält er immer auch ein dialogisches Moment, das den Rahmen für unterschiedlichste Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten bietet. Diese in der Tanzimprovisation oder Tanzgestaltung zu erproben, stellt eine weitere Bildungsdimension von Tanz dar.

Im Unterschied zu anderen Bewegungsarten wie der Alltagsbewegung oder den für den organisierten Sport typischen Bewegungscodes ist für den Tanz die Überschreitung des Alltäglichen, der "Überschuss leiblichen Bewegens" (Waldenfels, 2007, S. 29) kennzeichnend. Als ein von gesellschaftlichen Zwecken weitestgehend freies und befreites Feld liefert er vielfältige Gelegenheiten für die Entgrenzung bestehender Ordnungen, die Erprobung neuer, individueller Möglichkeitsräume und die Entdeckung verborgener Themen. Tanz enthält insofern auch eine kritische Dimension, als dieser leibliche Überschuss von Bewegungen auf Bestehendes verweist und/oder Zukünftiges hindeutet und neue Erfahrungsräume eröffnet, die praktisch erforscht und erprobt werden können. Im Tanz zeigen sich die kulturellen, geschichtlichen, sozialen und politischen Bedingungen in inkorporierter Weise. Sie aufzuzeigen, d. h. über den praktisch-körperlichen Nach- und Mitvollzug sinnlich nachzuspüren und sichtbar zu machen, hebt die Zeige- und Aufklärungsfunktion von Bildung hervor (vgl. Klinge, 2010).

Bildungsdimensionen, Qualitätskriterien und Kompetenzen

Im Zuge seiner zunehmenden Bildungsbedeutung muss sich auch der Tanz den derzeitigen Kompetenzdebatten und -erwartungen stellen. Eine Übertragung der von der KMK zugrunde gelegten Kompetenzbereiche wie Fach-, Sozial-, Methoden- und Selbstkompetenz scheint dabei beliebig und austauschbar. Um der Spezifität von Tanz gerecht werden zu können, hat in Zusammenarbeit mit Tänzerinnen und Tänzern, Schul- und Tanzpädagogen der BV Tanz in Schulen ein Rahmenkonzept vorgelegt, im dem ausgehend von Bildungsdimensionen Qualitätskriterien formuliert werden, die die Analyse und Überprüfung der Vermittlungspraxen im Tanz zulassen [8]. Damit kann die noch junge Entwicklung von Tanz als Teilbereich kultureller Bildung der bildungspolitisch geforderten und strategisch notwendigen Aufgabe der Qualitätsentwicklung und -sicherung nachkommen. Schließlich können auf dieser Grundlage nicht nur wissenschaftlich fundierte Evaluationen vorgenommen, sondern auch Empfehlungen für curriculare Verankerungen in schulischen wie außerschulischen Bildungseinrichtungen ausgesprochen werden.

Wissenschaftliche Belege

Empirische Belege zur Bildungswirkung von Tanz liegen erst in Ansätzen vor (vgl. Arbeitsgruppe Evaluation und Forschung des Bundesverband Tanz in Schulen, 2009). Neben der prinzipiellen Schwierigkeit einer methodischen Erfassung bildungsrelevanter Prozesse stellt der Gegenstand selbst ein Forschungsfeld dar, das einen besonders sensiblen Zugang benötigt. Neben Beobachtungen werden derzeit Tanztagebücher, Einzel-Interviews oder Gruppendiskussionen anhand ausgewählter Fotos oder Videosequenzen als mögliche Untersuchungsinstrumente auf ihre Brauchbarkeit hin ausprobiert. Auf eine Forschungstradition geschweige denn universitäre Verankerung kann diese junge Disziplin nicht zurückgreifen [9]. So gibt es bislang erst vereinzelt Abschlussarbeiten, Dokumentationen und Dissertationen, die sich dem Phänomen Tanz im Bereich kultureller Bildung empirisch annähern. [10]

Ausblick

Im Zuge des Aufwindes, den der Tanz als Bildungselement in den letzten Jahren erfahren hat, stellt sich immer wieder die Frage nach seiner institutionellen Verankerung und Verstetigung. Ob Tanz als weiteres Schulfach neben Kunst, Musik und Theater eingerichtet werden sollte, ist dabei von zentraler Bedeutung. Eindeutige Positionen sind derzeit nicht in Sicht; die Paradoxie der Verpflichtung eines Lernbereichs, in dessen Mittelpunkt künstlerische Verfahrensweisen und kreative Methoden stehen, scheint dabei einer der Gründe zu sein. Reibungsverluste, die im Zuge einer Etablierung eines neuen Faches entstehen, das sich am System Kunst orientiert und in das System Schule eingefügt werden soll, sind vorprogrammiert.

Insgesamt ist der Tanz allerdings als Bestandteil kultureller Bildung auf einem guten Weg. Erhöhte Aufmerksamkeit ist derzeit angesichts der Vielfalt an nebeneinander existierenden und z. T. konkurrierenden Initiativen geboten. Um die Qualität von Tanz als Bildungsangebot zu entwickeln und zu sichern, sind infrastrukturelle Defizite und institutionelle Lücken zu schließen. Noch verdankt die Tanzszene ihre Bildungswirksamkeit engagierten Personen, Initiativen und Verbünden. Mittel- bis langfristig sind jedoch politische Entscheidungen notwendig, die den Tanz als selbstverständliche Kunstform und unverzichtbaren Teilbereich kultureller Bildung neben Musik, Kunst, Theater, Spiel und Literatur nicht nur anerkennen, sondern auch fördern.

Literatur

Arbeitsgruppe Evaluation und Forschung des Bundesverband Tanz in Schulen (Hrsg.), (2009), Empirische Annäherungen an Tanz in Schulen. Befunde aus Evaluation und Forschung. Oberhausen: Athena.

Kessel, M. u.a. (Hrsg.) (2011). Aufwachsen mit Tanz. Erfahrungen aus Praxis, Schule und Forschung. Weinheim: Beltz.

Klinge, An. (2010). Bildungskonzepte im Tanz. In M. Bischof & C. Rosiny (Hrsg.), Konzepte der Tanzkultur. (S.79-94). Bielefeld: transcript.

Langer, S. K. (1984). Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Frankfurt: Fischer.

Liebau, Eckart/Zirfas, Jörg (Hrsg.) (2008). Die Sinne und die Künste. Perspektiven Ästhetischer. Bildung. Bielefeld: Transcript.

Waldenfels, B. (2007). Sichbewegen. In G. Brandstetter & C. Wulf (Hrsg.), Tanz als Anthropologie. München: Fink.

Fußnoten

8.
www.bv-tanzinschulen.de/qualitaetsrahmen.html
9.
Die erst junge Tanzwissenschaft ist stark von der Theaterwissenschaft geprägt, in der bildungswissenschaftliche Themen und Fragestellungen nur marginal behandelt werden, wohingegen sich die Sportwissenschaft, vornehmlich die Sportpädagogik und Sportdidaktik, tanzpädagogischen Fragestellungen und Forschungen zunehmend widmet.
10.
Z.B. die Abschlussdokumentation zur Begleitforschung des Tanzplan-Projekts "Take-off: junger Tanz" von M. Kessel u.a. (2011) sowie die Dissertationen von C. Behrens (Sporthochschule Köln) und V. Freytag (Universität Paderborn), deren Veröffentlichungen noch ausstehen.
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