kulturelle Bildung

18.7.2011 | Von:
Melanie Hinz

Reenactment

"Die zweite Schlacht von Orgreave wird nicht mehr um Weltveränderung geschlagen, sondern um die Veränderung von Bildwelten. Das Reenactment tritt mit der einseitigen und der (Regierungs-)parteiergreifenden Berichterstattung von damals in Konkurrenz. Das Ergebnis ist eine Korrektur des Geschichtsbildes" [7], beschreibt der Theaterwissenschaftler Ulf Otto die politische Wirkmächtigkeit von Dellers Reenactment und Figgis Dokumentation, die nicht unabhängig voneinander zu betrachten sind. Und dies erschöpft sich gerade nicht im Entwurf einer Gegengeschichte, sondern die Bilder von Figgis zeigen auch, wie die Schlacht noch einmal gekämpft – und verloren - wird, wie sich jenes historische Arbeiter-Drama an den heutigen Körpern abspielt, wie die Wut der Arbeiter wieder hochkocht, wie die Polizisten ohne Rücksicht auf Verletzungen in die Menschenmenge reiten, wie jene Geschichte des Bergarbeiterstreiks zu einer ganz physischen Erfahrung von heute wird.

In diesem Sinne ist Jeremy Dellers Reenactment ein Paradebeispiel für den reflektierten, emanzipatorischen und taktilen Umgang mit Geschichte durch ein Reenactment: Es macht Geschichte körperlich erfahrbar, es fordert zu einer unmittelbaren Bezugnahme zu den historischen Fakten heraus, es ist ein theatrales und performatives Experiment, das aber durch den Film rückgebunden wird an Reflexionsprozesse, um die gemachten Erfahrungen wieder in Bezug zu setzen zu gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kontextualisierungen der nachvollzogenen Ereignisse.

Für den Geschichtsunterricht als auch für Geschichtstheaterprojekte ist das Reenactment als Hybrid zwischen Geschichtswissenschaft, Freizeitaktivität und Kunst ein spannendes und bisher noch wenig genutztes Vermittlungsformat gerade für eine junge Generation, die durch ihre Mediensozialisation über trockenes Buchwissen nur schwer einen Zugriff auf die Historie findet. Das Reenactment verbindet Fachwissen mit einer heutigen Ereigniskultur, gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit körperlicher und ästhetischer Erfahrung. "Geschichte machen" wird zu einem gemeinschaftlich erlebten Rekonstruktions-Prozess, zu einem Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit, in den auch Zeitzeugen, sofern sie noch leben, eingebunden werden können, um die Geschehnisse zu beglaubigen und einen Generationenaustausch zu eröffnen. Hierin zeigt sich das bildungspolitische Potenzial der künstlerischen Strategie des Reenactments, die bis jetzt im (theater-)pädagogischen Bereich noch kaum Aufmerksamkeit erfahren hat. [8]

Mögliche Aufgabenstellungen für ein Reenactment-Projekt

  1. Wählen Sie ein historisch konkretes Ereignis aus der Geschichte Deutschlands seit 1949. Lassen Sie verschiedene Kleingruppen recherchieren: nach historischen Original-Aufzeichnungen wie Filmen oder Fotos, Textdokumenten, Ausstattung und Zeitzeugen.
  2. Diskutieren Sie im Plenum die Fakten zum gefundenen Material: Was ist überliefert? Welche Positionen gibt es? Was hat sich ins kollektive und mediale Gedächtnis eingebrannt? Was wussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits darüber? Was haben sie Neues herausgefunden?
  3. Geben Sie verschiedenen Kleingruppen die Aufgabe, eine Nachstellung des Geschehens zu entwickeln, die sie selbst durchführen oder bei der sie die Gesamtgruppe im Nachstellen anleiten:
    - durch eine Choreographie des Ablaufs bestenfalls am Ort des Geschehens
    - durch das Einnehmen von Posen eines ikonographischen Bildes des Ereignisses
    - durch das wiederholte und nicht gekürzte Sprechen einer Rede
  4. Reflektieren Sie abschließend im Plenum, welche Erfahrungen jede und jeder über das geschichtliche Ereignis durch das Wieder-Aufführen gewonnen hat, welche Differenz-Erfahrungen zur Vergangenheit gemacht wurden und wie das geschichtliche Ereignis jetzt eingeordnet wird.

Fußnoten

7.
Ulf Otto (2011): "Die Macht der Toten als Leben der Bilder. Praktiken des Reenactments als Kunst und Alltag", in: Jens Roselt/ Christel Weiler (Hg.): Schauspielen heute. Die Bildung des Menschen in den performativen Künsten. Bielefeld: transcript, S. 194.
8.
Zu diesem Thema findet an der Bundesakademie Wolfenbüttel vom 21.-23.10.2011 ein Workshop "Geschichte machen. Reenactment als theaterpädagogisches Format zwischen kultureller und politischer Bildung" statt. Mehr Informationen unter: http://www.bundesakademie.de/th11.htm (letzter Zugriff: 22.06.2011).
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